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DIE AKTION DER SANDINISTEN
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Die Aktion der Sandinisten
Der Kampf in Managua
Eine »Revolution durch Verhandlungen«
Somozas Sturz
Notes
Source


Die Aktion der Sandinisten
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Wir haben die programmatische Unterwerfung des Sandinismus unter die »oppositionelle« Bourgeoisie dokumentiert (1). Die Ereignisse, die inzwischen mit dem Rücktritt Somozas und der Bildung einer neuen Regierung in Nicaragua gipfelten, bestätigen diese Unterwerfung auf der Ebene der praktischen Aktion. Sie zeigen, dass man von einer »sandinistischen Revolution« überhaupt nicht reden kann, obwohl alle »rechten« und »linken« Strömungen diesen Begriff ausgiebig verwenden.

In einem noch früheren Artikel hatten wir gezeigt, dass der Aufstand vom August - September 1978 entgegen einer verbreiteten Legende keineswegs von der FSLN organisiert und geführt worden war. Es hatte sich im Gegenteil um eine spontane Erhebung gehandelt, in die sich die FSLN mit ihrer militärischen Aktion einschaltete (2).

Jetzt war es freilich anders. Die Sandinisten wurden durch den Volksausbruch nicht überrascht, und ihre militärische Aktion hat ohne Zweifel ein grösseres spezifisches Gewicht als der spontane Massenaufruhr gehabt. Sie waren effektiv in der Lage, die Massen in ihre Bahn zu lenken und ihrer allgemeinen politischen Strategie zu unterwerfen. Dies wurde möglich, weil die FSLN in den rund acht Monaten, die nach dem ersten Aufstand verstrichen sind, einerseits ihre »innere« Organisationsstruktur zahlenmässig und geographisch ausbauen und wirksamer gestalten, andererseits - und zwar vor allem durch ein Netz von Einwohnerkomitees - ihre Bindung zu den Massen stärken konnte.

Allerdings wurden die militärische Stärkung und die organisatorische Festigung nicht in den Dienst eines wirklich revolutionären Kampfes gestellt. Ihre objektive Rolle war vielmehr die »nationale Einheit« (unter Ausschluss des »Somoza-Clans«) sicherzustellen und, was damit dialektisch zusammenhängt, einen Angriff der Massen gegen eine Herrschaftsordnung, die für sie nur Unterdrückung und Ausbeutung bedeutet, zu verhindern. Diese Ordnung - man muss es mit Nachdruck betonen - ist nach wie vor die kapitalistische und halbkoloniale Ordnung, für die der »Somozismus« nur eine der möglichen politischen Strukturen bildete.

Die Erstickung der revolutionären Energie der Massen war ein Ergebnis der katastrophalen Strategie und der Prinzipien des Sandinismus. Im Gegensatz zu dem Eindruck, zu dem eine oberflächliche Betrachtung der Ereignisse verleiten könnte, bestand diese Strategie keineswegs darin, den Gegner durch die bewaffnete Gewalt der aufständischen Massen niederzuwerfen, sondern in der Anwendung der bewaffneten Aktion und des Einflusses auf die Massen als ein Druckmittel am Verhandlungstisch, um beim US-Imperialismus eine Beteiligung der FSLN an der »ausgehandelten Lösung« der »nicaraguanischen Krise« durchzusetzen. Mit anderen Worten, der bewaffnete Kampf, dieser Angelpunkt der Guerillaauffassung und auch der FSLN in ihren ersten Jahren, wird zu einem einfachen Zubehör des politischen Geschäftes, das man mit dem Gegner betreibt, anstatt ihn konsequent zu bekämpfen.

Das Interview von Tomás Borge, dem enfant terrible der jetzigen bürgerlich-sandinistischen Regierung, mit »El País« (siehe »Cahiers Sandinistes«, Nr. 2, Paris, Januar 1979), das wir im letzten Artikel zitiert haben (3), liess diesen heissen Wunsch nach »Anerkennung durch die USA« bereits durchblicken. In diesem Interview meinte Borge zunächst, dass der Versuch der amerikanischen Diplomatie, nach den Ereignissen vom September 1978 durch die Einschaltung des »Vermittlungsausschusses« Somoza und die bürgerliche Opposition (4) zu einer »Verhandlungslösung« zu bewegen, gescheitert sei:
»
Die USA haben keine Formel finden können, um den nicaraguanischen Konflikt nach ihren Interessen zu lösen«.
Als hätte die Regierung Somoza nicht mehr den Interessen der USA entsprochen! Gerade zu jenem Zeitpunkt, als eine politische und soziale Unruhewelle den Status quo in ganz Mittelamerika zu bedrohen schien, liessen sich die Interessen der USA in einem einzigen Wort zusammenfassen: Ordnung! Und gerade das Blutbad, das die Nationalgarde nach der verheerenden »sandinistischen Offensive« vom September 1978 stiftete, stand in vollkommener Übereinstimmung mit diesem grundlegenden Interesse.

Borges weitere Ausführungen hören sich wie ein Versuch an, die USA davon zu überzeugen, nichts liege mehr »in ihrem Interesse« als eine Machtbeteiligung der Sandinisten:
»
Diese Tatsache ist zu einem guten Teil darauf zurückzuführen, dass man versucht hat, sich künstlich über eine objektive Wirklichkeit wie die Existenz des Sandinismus als zusammenhaltende Kraft der öffentlichen Meinung (! Herv. IKP) hinwegzusetzen. Es ist tatsächlich absurd, dass man sich eingebildet hat, das Problem ohne die Mitwirkung der FSLN zu lösen« usw. usf.
Es handelt sich, wie man sieht, nicht um eine Revolution, sondern um ein »Problem«. Es ist dieselbe Sprache, welche die Bourgeoisie in der ganzen Welt benutzt. Was das extrem diplomatische und von uns hervorgehobene »man« betrifft - wer ist darunter gemeint, wenn nicht gerade der US-Imperialismus? Wenn der Leser den Satz noch einmal mit dem Substantiv anstelle des Pronoms liest, wird er feststellen, dass unser Urteil über die FSLN keineswegs ungerecht ist.

Eine solche Sorge um die amerikanischen Interessen musste die FSLN logischerweise dazu führen, sich als Garant der Grundbedingung dieser Interessen darzustellen: der Ordnung. Sie tat es, diesmal durch den Mund von Humberto Ortega, inzwischen Oberbefehlshaber der sandinistischen Volksstreitkräfte:
»
Es wird sehr schwierig sein, das Volk, das sich schon weit radikalisiert hat, zu bremsen (!) (...) Die FSLN ist die einzige sichere Kraft, um das Chaos in Nicaragua und die Instabilität in der Region zu vermeiden« (Interview mit »El País«, 28.4.79).
Ein Kommentar erübrigt sich.

Der Kampf in Managua
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Die Aktion der Sandinisten in Managua lässt diese »Strategie der Verhandlungen« und ihre für die Massen verheerenden Folgen deutlich hervortreten.

Die »sandinistische Offensive« wurde am 29. Mai ca. einen Monat nach dem Interview von Don Humberto, entfesselt. Managua, das bis dahin nur eine zweitrangige Rolle gespielt hatte, verwandelte sich diesmal in den wichtigsten Schauplatz des Kampfes. Der Grund hierfür ist einfach. Auch unter normalen Bedingungen ist die landwirtschaftliche Arbeit, die vom November bis April läuft, im Monat Mai zu Ende. Grosse Massen von Saisonarbeitern (sie werden auf eine halbe Million, d.h. rd. 20% der Gesamtbevölkerung des Landes geschätzt!) fliessen dann alljährlich in die Städte.

Da die Mehrzahl der Provinzstädte durch die Zusammenstösse vom August - September 1978 und die nachfolgenden episodischen Kämpfe verwüstet waren, begab sich ein grosser Teil dieser Menschenmasse in die Hauptstadt. Sie hoffte, dort eine Überlebensmöglichkeit zu finden. Diese Hoffnung schwand sehr bald und verwandelte sich in Aufruhr.

Die ersten Zusammenstösse in Managua fanden am 8. Juni statt. Am 10. Juni befanden sich praktisch alle Wohnviertel (die eleganten Bezirke natürlich ausgenommen) im Aufstand. Man kann die Gewalt des Ausbruches am Fortschreiten der Kampffront messen: Am 13. Juni kämpfte man schon in weniger als tausend Meter Entfernung vom Somoza-Bunker; am 14. hatte die Regierung die Kontrolle über die Hälfte von Managua verloren. Und gerade an diesem Punkt zeigte die sandinistische Strategie ihr schändliches Gesicht.

Der Knotenpunkt von Somozas Staatsapparat war in Schussnähe, die Aufständischen schritten unwiderstehlich voran, Somozas Truppen waren »anscheinend erschöpft« (»Le Monde« vom 13.6.1979) und - was bezeichnend ist - die FSLN hatte noch nicht ihre gesamten Kräfte in den Kampf gezogen (5). Wäre die Absicht der Sandinisten tatsächlich die Niederwerfung von Somoza gewesen, wären sie wirklich revolutionär, dann hätten sie gerade diesen Augenblick ausgenutzt. Sie hätten ihre Kräfte auf die Hauptstadt zusammengezogen und den Angriff auf das Gelände entfesselt, wo sich der Regierungsbunker, die Kaserne der besten Truppe der Nationalgarde, die Infanterieschule (EEBI) und der Landeplatz für die Hubschrauber der Nationalgarde in einem einzigen architektonischen Komplex befinden, ganz zu schweigen von den Verwaltungszentren und vom kaum geschützten Hotel Intercontinental, das voll belegt war mit somozistischen Würdenträgern und so »interessanten Persönlichkeiten« wie der Innen- und der Verteidigungsminister. Doch selbst der Korrespondent von »Le Monde« musste sich wundern, dass die Sandinisten nicht hingegangen seien, um »sich anzuschauen, was los war«.

Denn so ist es. Die FSLN griff den Komplex nicht an. Im Gegenteil, sie brach die von den Massen spontan gegen das Zentrum der Macht ausgelöste Offensive ab und beschloss, den Rückzug in die Wohnviertel. Don Humberto hätte sich nicht treffender ausdrücken können, als er davon sprach, das Volk zu bremsen! Nachdem der Druck auf das Bunkergelände unterbrochen worden war, konnten sich die Somozatruppen wieder fangen und einen Gegenangriff starten. So konnte Somoza die Operationen vom Bunker aus weiterhin führen und die Elitetruppen der EEBI einsetzen, die eine Säuberungsaktion begannen. Dabei wurden sie durch die Bombenangriffe der Hubschrauber, die vom unbeschädigten Flugplatz starten konnten, gestützt. Währenddessen hielten die Sandinisten die Massen in einer selbstmörderischen Defensive in den Wohnvierteln zurück.

Über das von der FSLN eingeführte Abwehrsystem müssen wir noch ein Wort sagen. Die Volksviertel wurden in zwei Gruppen unterteilt: »aufständische Gebiete« und »befreite Gebiete«. Selbst ein führender Sandinist wie Moisés Hassan war in seinem Interview mit »Libération« jedoch nicht in der Lage, den Unterschied zwischen beiden darzulegen. Aus verständlichen Gründen, d.h. um die wahre Natur des Sandinismus nicht zu entlarven. Als »aufständisch« wurden jene Gebiete bezeichnet, die in geringerer Entfernung vom Feind waren, die Gebiete an der Front. Ihre von den Einwohnern errichteten Barrikaden wurden lediglich durch vor Ort rekrutierte Volksmilizen verteidigt (Hassan selbst brachte diese Klarstellung in seinem Interview mit den Korrespondenten von »Le Monde«, der »New York Times« und »The Guardian« vom 18.6.1979). Kaum bewaffnet - »eine Pistole, eine leichte Waffe auf je zehn Männer, jeder bewaffnet sich wie er kann« (»El País«, 23.6.1979) - und bar jeder militärischen Ausbildung mussten gerade diese Milizen dem Angriff der Nationalgarde direkt entgegentreten. Hinter dieser ersten Barrikadenlinie und durch sie wie durch weitere Barrikaden geschützt, deren Festigkeit mit dem Abstand von der Kampffront zunahm, befanden sich die »befreiten Gebiete«, in denen lt. Hassan die »am besten ausgebildeten und bewaffneten Elemente der Front« - endlich mal! - anzutreffen waren. Mit anderen Worten schickte die FSLN die Einwohner direkt ins Massaker und zog ihre eigenen Kräfte in einem sicheren Gebiet zusammen.

Eine »Revolution durch Verhandlungen«
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Kommen wir jedoch auf die sandinistische Strategie zurück. Der Aufstand von Managua gehörte nicht zu den ursprünglichen Plänen, wie es später die sandinistischen Führer selbst zugeben sollten: »Managua erhob sich zum Teil spontan und zu früh« (»Le Monde«, 3.7.1979). Schauen wir uns an, warum. Die FSLN wollte zunächst Positionen in der Provinz erobern. Durch die Kontrolle der wichtigsten Provinzstädte würde sie den amerikanischen Imperialismus dazu zwingen, sie anzuerkennen, und schliesslich, wenn sie mehr »Positionen« als die Somoza-Regierung selbst unter Kontrolle hätte, ihrer Beteiligung an der Macht zuzustimmen. (Wie wir gesehen haben, beanspruchte die FSLN keine Alleinmacht und sie war übrigens bereit, Washington die notwendigen Zugeständnisse zu machen).

Dieser Strategie folgend, begann die FSLN ihre »Offensive« in León, Chicigalpa, Masaya, Granada und bald darauf in Matagalpa, Estelí und Chinandega. Die Frage der Hauptstadt sollte erst am Ende kommen, nachdem die Verhandlungen mit Washington zur... Entlassung Somozas und zur Machtübergabe an eine provisorische bürgerlich-sandinistische Regierung geführt hätten. Deshalb wurde der Aufstand von Managua zu Beginn der Offensive als »zu früh«, als ein Spielverderber betrachtet. Diese Strategie, die auch nur des Hauches eines revolutionären Charakters entbehrt, ist zwar in keinem veröffentlichten Dokument schriftlich fixiert. Aber sie steht in der Entwicklung der Ereignisse selbst unauslöschlich eingraviert: Volksausbruch in Managua, Kontrolle dieses Ausbruches und Rückzug in die Wohnviertel, Verlassen der Hauptstadt und, wie wir sehen werden, Wiederbeginn der Offensive auf Managua, nachdem die Kontrolle über die wichtigsten Provinzstädte gesichert war.

Es handelte sich also darum, die Machteroberung auszuhandeln. Da sich aber der US-Imperialismus mit programmatischen Erklärungen nicht zufrieden gibt, musste die FSLN durch Taten beweisen, dass sie
1. keinerlei Absicht hegte, »die Revolution zu machen« (was sie ja unaufhörlich schwor, indem sie zusicherte, Nicaragua würde kein zweites Kuba sein),
2. imstande war, die Massen zu kontrollieren,
3. regierungsfähig war.

Was die zwei ersten Punkte betrifft, lieferten die Ereignisse von Managua einen überzeugenden Beweis. Und um den Nachweis zu erbringen, dass sie die dritte Bedingung erfüllen konnte, konzentrierte die FSLN, kaum hatte sie eine Stadt befreit, ihre Anstrengungen auf den Aufbau eines lokalen Verwaltungsapparates (was sie selbst in den Wohnvierteln von Managua getan hat) und stellte die militärische Aktion auf den zweiten Plan.

Der US-Imperialismus akzeptierte diese Beweise, die durch das »Bündnis« mit immer breiteren Schichten der nicaraguanischen Bourgeoisie gestärkt wurden. Und am 16. Juni 1979, zwei Tage nach der Bildung der provisorischen Junta in Costa Rica, d.h. auch zwei Tage nach der Unterbrechung der Offensive der Massen in Managua, erkannte er die FSLN als »einen legitimen Bestandteil der Opposition«, der sich als solcher an der »Suche einer Lösung für die Krise in Nicaragua« beteiligen könne (»Le Monde«, 20. 6.1979). Zur erwähnten Junta gehörten zwei mit Washington verbundenen Persönlichkeiten (Robelo und die Witwe Chamorro), ein »Gemässigter«, der über Bindungen zur internationalen Sozialdemokratie verfügt (Sergio Ramirez) und nur zwei Sandinisten (der gemässigte Hassan und Daniel Ortega, der Führer der »Terceiristas«, d.h. der Strömung, die eng mit der Sozialistischen Internationale liiert ist).

Damit begann ein schmutziges diplomatisches Spiel, an dem die FSLN bereitwillig teilnahm, und das in Somozas Abreise gipfelte. Schauen wir uns einige Etappen dieser ausgehandelten »Revolution« an.

Unmittelbar nach der Anerkennung der FSLN hat Washington eine Versammlung der Organisation Amerikanischer Staaten (OEA) einberufen. Mit derselben Strategie der Sandinisten, d.h. mit der Strategie der Verhandlungen, startete Somoza am 19.6.1979 den Gegenangriff auf Managua, um gegenüber der OEA »Trümpfe« vorweisen zu können. Das Gemetzel war bestialisch, und die FSLN nutzte ihrerseits die Toten aus, um die internationale öffentliche Meinung, diese Göttin des kleinbürgerlichen Schwachsinns, zur Verurteilung des Somozismus im Namen der Menschenrechte aufzurufen. Einen Tag nach dem Beginn der Gegenoffensive wollte jedoch die geschichtliche Vorsehung (oder war es der US-Geheimdienst?), dass ein Nationalgardist einen amerikanischen Zeitungsmann ermordete, womit ein offizielles Motiv für die Verurteilung Somozas geliefert war. Diese erfolgte öffentlich am nächsten Tag, dem 21.6., auf der OEA- Konferenz. US-Aussenminister Cyrus Vance befürwortete höchstpersönlich die Ablösung Somozas durch eine Regierung der nationalen Versöhnung, die nach seinen Worten »einen deutlichen Bruch mit der Vergangenheit« darstellen sollte. Vances Rede enthielt einen weiteren Punkt, der für grosses Aufsehen sorgte, nämlich die Intervention einer interamerikanischen Friedenstruppe unter der Ägide der OEA, um die Ordnung während des Regierungswechsels zu sichern.

Da dieser Vorschlag von den anderen Ländern abgelehnt wurde, war wieder oberflächlicherweise von einer Niederlage der USA die Rede. Doch wussten alle - und an erster Stelle Vance selbst - von vornherein, dass dieser Punkt nicht angenommen werden würde. Nebenbei gesagt, lehnte selbst der US-Imperialismus ihn ab, wie der begeisterte Applaus zeigte, den die »New York Times« der ablehnenden OEA- Haltung entgegenbrachte. Warum dann dennoch den Vorschlag unterbreiten? Nicht so sehr, um die FSLN unter Druck zu setzen, oder aus innenpolitischen Gründen (Rücksicht auf die »Falken« in den USA usw.), sondern im wesentlichen, um die Grundbedingung der USA für eine »Wachablösung« in Nicaragua verklausuliert zu bekräftigen. Die neue Regierung musste, wie Vance gefordert hat, aus »Persönlichkeiten« gebildet werden, »welche die Unterstützung und das Vertrauen des breitesten Spektrums der Bevölkerung geniessen«, sprich die Unterstützung und das Vertrauen des Weissen Hauses. Das Manöver ist ihm vollkommen gelungen. Während die ganze Aufmerksamkeit auf die Drohung mit der Interventionstruppe gerichtet war, unterbreitete die Andengruppe - bekanntlich eine Fürsprecherin der sandinistischen »Revolution durch Verhandlungen« innerhalb der OEA - ein »Vierpunkteprogramm«, das optisch ein Gegenvorschlag war, in Wirklichkeit aber alle wesentlichen Forderungen der USA beinhaltete:
»
1. Sofortiger und endgültiger Ausschluss des Somoza-Regimes (= Vance);
2. Errichtung einer demokratischen Regierung, in deren Zusammensetzung der Beitrag der verschiedenen Gruppen des Landes zur Ablösung des Somoza-Regimes Anerkennung findet (= US-Forderung mit anderen Worten ausgedrückt);
3. Garantie für die Achtung der Menschenrechte aller Nicaraguaner;
4. kurzfristige Durchführung freier Wahlen
« usw. (»El País«, 24, 6.79).
Es erübrigt sich zu sagen, dass auch die zwei letzten Punkte, selbst wenn sie in Vances Rede nicht enthalten waren, zum Forderungskatalog der USA gehörten. Die FSLN ihrerseits predigte eine Mässigung der ohnehin gemässigten »Revolution«, um die US-Intervention zu vermeiden, und Washington, nachdem es das gewünschte Ergebnis erzielt hatte, täuschte einen Rückzug vor und liess den Antrag zur Entsendung einer interamerikanischen Friedenstruppe fallen. Als die OEA am 23.6. eine harmlose Resolution annahm, in der der 1. Punkt der Andenländer fast wörtlich wiederzufinden ist, konnte sich das state department sogar den Luxus leisten, »die Festigkeit« zu begrüssen, »mit der die OEA die Abreise vom Präsidenten Somoza verlangt« (»Le Monde«, 26.6.1979).

Zu diesem Zeitpunkt begannen die USA, einen starken Druck auf Somoza auszuüben, um seinen Rücktritt zu erreichen. Sie liessen ihm aber so viel Zeit wie nötig, um vor allem in der Hauptstadt ein solches Blutbad an den Massen zu veranstalten, dass die Ordnung danach für eine Weile gesichert wäre. Das Massaker soll über 40.000 Tote hinterlassen haben!

Am 27.6. traf der neue amerikanische Botschafter in Managua ein. Sein Akkreditierungsschreiben hat er Somoza nicht einmal abgegeben. Wie in Washington offiziös erklärt wurde, bestand seine Mission darin, Somoza »zum Rücktritt zu zwingen« (»Le Monde«, 29.6.1979). Zum selben Zeitpunkt zog die FSLN ihre Streitkräfte überraschend aus den Wohnvierteln der Hauptstadt zurück - verwirrt und desorganisiert sahen sich die Einwohner der verschärften Repression seitens der Nationalgarde gegenüber. Am selben verhängnisvollen 27.6. erklärten die Sandinisten ausserdem ihre Absicht, einen Staatsrat aus dreissig Mitgliedern zu bilden, an dem »alle repräsentativen Strömungen des Kampfes gegen Somoza« beteiligt sein würden. Vances Grundforderung stand einer Erfüllung immer näher.

Das Verhandlungsballett wurde immer reger, und es gab spektakuläre Schritte. So wurde Edmundo Jarquiín, der nach Absicht der USA eine provisorische Regierung mit sandinistischer Minderheit führen sollte, vom amerikanischen Botschafter persönlich aus dem Gefängnis geholt. Anfang Juli fanden die ersten geheimen Gespräche zwischen dem amerikanischen Unterhändler Bowdler und der Junta statt, die erst am 11.7. durch Bowdler bekanntgegeben werden sollten. Seitdem sammelten die Sandinisten ihre Erfahrungen im Intrigenspiel der Geheimdiplomatie.

Somozas Sturz
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Am 9.7. begann die FSLN, die die wichtigsten Städte des Landes bereits unter Kontrolle hatte, ihren Vormarsch auf Managua. Am 10.7. standen ihre Streitkräfte einen Marschtag von der Hauptstadt entfernt. Und sie blieben dort, unbeweglich, abwartend, dass Bowdler Somoza zurücktreten liesse.

Am folgenden Tag, dem 11.7. machte der Rundfunksender der FSLN, der sich in Costa Rica befand, einen Friedensvorschlag an Somoza. Für seine Abreise boten die Sandinisten an, die Mitglieder der Nationalgarde, soweit sie es möchten, in die zukünftigen nationalen Streitkräfte zu übernehmen, oder ihnen ganz einfach zu gestatten, das Land in Freiheit zu verlassen. Obwohl er formal an Somoza, der ihn am Tage darauf ablehnte, gerichtet war, bildete der Vorschlag in Wirklichkeit ein x-maliges Zugeständnis an Washington, hatten ja die USA immer auf der Eingliederung der Nationalgarde in die zukünftigen Streitkräfte bestanden.

Am 12.7. traf die, Junta wieder mit Bowdler zusammen und erklärte sich danach bereit,
»
eine flexiblere Haltung« (!?) einzunehmen, »ohne jedoch unsere Prinzipien (welche, bitte sehr?) zu verletzen«.
Sie begründete es mit der... günstigen Militärlage! Zudem hat die Junta Bowdler einen Plan für die Ablösung von Somoza vorgeschlagen. Dieser sollte zurücktreten und die Macht in den Hände des Parlaments legen, das seinerseits die bürgerlich-sandinistische Provisorische Regierung bestätigen würde, Bowdler lehnte den Plan ab, ohne Zweifel um Somoza Zeit für die Vollendung des Massakers zu geben, eines Massakers, das die FSLN, deren Truppen weiterhin friedlich einen Marschtag vor der Hauptstadt lagerten, durch ihre ganze Haltung mitvollzogen hat.

Bowdler hatte um einen neuen Gesprächstermin gebeten, der am 14.7. stattfinden sollte. Wie ein Sandinist dem »El País« erzählte, ist er spätabends »mit einer Flasche alten Weins« gekommen - ob es Rotwein war, rot wie das Blut, das in den Slums von Managua floss? Man trank in einer Atmosphäre grosser Herzlichkeit. Euphorisiert, stellten die Sandinisten das Treffen als »einen Fortschritt« dar. Wenn man bedenkt, dass Somoza zwei Tage später, in der Nacht vom 16. auf den 17. Juli, zurücktrat und die Macht dem Kongressvorsitzenden, einer grotesken Figur namens Francisco Urcuyo, ganz wie es im sandinistischen Plan vorgesehen war, übergab, so muss man folgern, dass der »Fortschritt« in der Annahme dieses Plans durch Bowdler und in dessen Entschlossenheit, Somoza zu verjagen, bestanden hatte. Es liegt auf der Hand, dass der erfahrene Bowdler nichts gegeben hat, ohne dafür etwas genommen zu haben. Als Gegenleistung wurden zweifellos einige Schlüsselpositionen der Provisorischen Regierung mit »Vertrauensleuten« belegt, ganz abgesehen von anderen Sicherheiten.

Was die Regierung, deren Zusammensetzung am Tage nach diesem Treffen bekanntgegeben wurde, betrifft, so genügt es zu sagen, dass der Vorsitzende der Zentralbank, Arturo Cruz, bis vor kurzem für die Weltbank in Washington gearbeitet hatte; dass der Aussenminister, der berühmte Pfarrer Miguel d'Escotto, Mitglied einer amerikanischen Priesterordens ist; dass der Verteidigungsminister, Oberst Bernardino Larrios, ein ehemaliger Offizier der Nationalgarde ist, der im September 1978, wie es heisst, auf Washingtons Rechnung, einen Staatsstreich gegen Somoza versucht hatte. Es nimmt daher nicht wunder, wenn der Korrespondent von »Le Monde« geschrieben hat, dass »dieses Kabinett hier selbst unter den Anhängern Somozas als gemässigt betrachtet wird« (6).

Erst zwei Tage nach dem Rücktritt Somozas, d.h. am Nachmittag des 19. Juli, traten die sandinistischen Streitkräfte in die Hauptstadt ein. Die Nationalgarde ergab sich ihnen ohne jeglichen Zusammenstoss, und erst nachdem sie sich ergeben hatte, besetzten die Operettenrevoluzzer den Bunker, die Kaserne und die Infanterieschule. Das Ganze nannten sie... siegreiche Revolution!

Die wirkliche Revolution, in Nicaragua wie in ganz Lateinamerika - sie steht noch aus. Sie wird nicht die Machteroberung im Gipfel des Staates aushandeln, sondern den Staat mit Waffengewalt in einem Bürgerkrieg zerschlagen. Die proletarischen und halbproletarischen Massen, die in diesem Bürgerkrieg die Hauptrolle spielen werden, haben von der kleinbürgerlichen Demokratie, deren radikalster Ausdruck gerade die Guerilla war, für die die FSLN uns ein Beispiel liefert, nur noch Verrat zu erwarten. Allein die proletarische Partei, die kommunistische Weltpartei, wird sie auf dem Weg der Revolution führen können, einer Revolution, deren Ziel nicht die Demokratie, sondern der Kommunismus ist.

Notes:
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  1. Siehe den Artikel »Die traurige Laufbahn der FSLN« (»El Proletario«, Mai 1979) [back]
  2. Siehe den Artikel »Der Kampf der nicaraguanischen Massen« (»El Proletario«, Dezember 1978) [back]
  3. Siehe den Artikel »Die traurige Laufbahn der FSLN« (»El Proletario«, Mai 1979) [back]
  4. Erinnern wir daran, das die FSLN noch nicht offiziell zu den Verhandlungen zugelassen wurde. Sie beteiligte sich jedoch indirekt durch die »Gruppe der 12«. [back]
  5. In einem Interview mit der französischen Tageszeitung »Libération« (26.6.1979) erklärte Moisés Hassan, dass keine Guerillakolonne auf Managua eingesetzt wurde. Die einzige operierende militärische Formation waren die »Volksmilizen«. [back]
  6. Nach dem bereits Geschilderten brauchen wir wohl nicht darauf hinzuweisen, dass jeder seitdem erfolgte Ministerwechsel die Interessen der USA weiterhin strikt berücksichtigt. Für die Trotzkisten, deren IV. Internationale wegen Nicaragua wieder in eine Krise stürzte (Motto: Soll man sich den Sandinisten restlos anbiedern, oder sie nur... kritisch unterstützen?), ist allerdings selbst ein Ministerrücktritt ein Zeichen der »permanenten Revolution«, die ihrer Ansicht nach mit dem Rücktritt Somozas eingeleitet wurde. [back]

Source: »El Proletario«, November 1979, deutsch in: »Kommunistisches Programm«, Nr. 25/26, Juli 1980

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