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VERLÄNGERUNG DES LOHNRAUBS IN ENGLAND
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Verlängerung des Lohnraubs in England
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Verlängerung des Lohnraubs in England
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Seit Grossbritannien sein Empire als problemlose Versorgungsquelle verlor, bleibt vom Glanz dieser alten Weltmacht nur mehr der Tanz um die Königin, dieser Drohne der englischen Herrschaft. Die ehrwürdige Demokratie schafft keine stabilen Mehrheiten mehr und die Wirtschaft droht zu versumpfen. Nur eines scheint der britischen Bourgeoisie noch geblieben zu sein: Ein noch vom alten imperialistischen Glanz versautes Proletariat lässt sich von seinen »Arbeiterführern« zum Wohle des englischen Kapitals den berühmten Gürtel immer enger schnallen. Hier wird im Namen der Arbeiterklasse von Labour Party und Gewerkschaften die Dressur der Lohnabhängigen nach dem neuesten Stand kapitalistischer Erkenntnis versucht:
»
Inflationsfreies Wirtschaftswachstum ist möglich, wenn es gelingt, die in den letzten Jahren immer schärfer gewordenen nationalen und internationalen Verteilungskampfe zu vermeiden.« (»Handelsblatt« vom 27.4.1977)
Im Klartext besagt dieses Credo des Kapitals nichts anderes, als dass proletarischer Klassenkampf mit steigenden Löhnen die Profite verringert. Und zur Einlösung dieser Weisheit arbeitet das Kapital ja auch seit Jahrzehnten zielstrebig auf die Verhinderung selbst ökonomischer Kämpfe der Arbeiterklasse hin. Die Ware Arbeitskraft soll sich gemäss dieser Logik allein nach dem Verwertungsbelangen des Kapitals ausrichten. Bekanntlich stehen sich maximale Ausbeutung der Arbeitskraft als vom Kapital gekaufte Ware und das Interesse der Lohnabhängigen an einer möglichst günstigen »Vermarktung« dieser Ware als gleichrangige Rechte konträr gegenüber. Und wie bei allen Machtfragen entscheidet auch hier allein die Stärke der jeweiligen Kampfposition, dessen unbeschadet, dass der ökonomische Kampf ein Kampf innerhalb des kapitalistischen Systems ist.

Ist aber selbst dieser Kampf also eine Machtfrage, so ist klar, dass der Teil, der den anderen soweit bringt, in völliger Verwirrung seiner Interessenlage sich seine Ziele vom Gegner als allgemeingültig aufzwingen zu lassen, es nur noch mit einem Scheinkampf zu tun hat. Und dieses Schattenboxen beherrscht seit Jahrzehnten die Bühne der Klassenauseinandersetzungen und kann heute in der Praxis sicher nicht nur in England mit seinen verheerenden Wirkungen für die Arbeiterklasse studiert werden.

Lauthals erheben die »Organisatoren« der englischen Arbeiterklasse in offener Kumpanei mit dem Kapital ihre Stimmen, um in immer neuen Varianten den Lohnabhängigen ihren Opfergang zugunsten des »Gesamtwohls«, sprich der Kapitalinteressen vertraut zu machen. Diese als »Arbeiterführer« getarnten Vertreter des kapitalistischen Verwertungsprozesses haben nur ein Interesse, nämlich die britische Arbeiterklasse in der masochistischen Botmässigkeit der Ohnmacht zu belassen, um desto leichter mit ihnen »Katz und Maus« spielen zu können, In dieser Farce versuchen diese Dramaturgen des Klassenkampfes von oben gerade die Vorbereitung des dritten Akts.

Nachdem die Konservativen an der Zähmung der Arbeiter scheinbar scheiterten und die britischen Bergleute in ihrem Streik 1975 die britische Wirtschaft erschütterte, übernahm nach einem von unseren »Linken« unisono gefeiertem »Sieg« der Arbeiterklasse die als »Arbeiterführer« getarnte Fraktion der Bourgeoisie dieses Geschäft. Seit 1975 erzwingen TUC und Labour in einem »Sozialpakt« eine rigorose Verschlechterung der Arbeits- und Lebensbedingungen des englischen Proletariats. Nachdem Stufe I und II dieses von bürgerlichen Ideologen beschönigend »Einkommenspolitik« genannten Raubzugs in die Lohntüte dazu führte, dass der »Lebensstandard« kräftig sank - letztes Jahr um real 1% (»Handelsblatt« vom 18./19.3.1977) - soll nach dem Auslaufen der Phase II Ende Juli eine Verlängerung erreicht werden. Jetzt propagiert die Labour-Regierung einen maximalen Lohnzuwachs von 10%, obwohl die Inflationsrate noch bei 20% liegt (»Handelsblatt« vom 26.4.1977). Begleitet wird dieser Lohnraub durch eine spürbare »Beruhigung« an der Streikfront. 1975/76 waren - wie die Bourgeois freudig feststellten - seit 1967 die Jahre, in denen am wenigsten gestreikt wurde. Nur zweimal seien in den letzten 25 Jahren die »Ausfälle« noch niedriger gewesen (»Handelsblatt« vom 4./5.2.1977).

Überhaupt klärt sich bei näherer Untersuchung das in unseren pazifizierten Breiten von der Bourgeoisie stets abschreckend in grellen Farben gemalte Streikchaos der Briten. Selbst in den heftigen Streikjahren 1971- 73 blieben im Durchschnitt 98% aller Betriebe in der Industrieproduktion streikfrei, lautet das beruhigende Fazit einer vom »Department of Employment« vorgelegten Untersuchung (NZZ v. 5./6.12.1976). Interessant ist aber die Tatsache, dass ein Viertel aller Streiks und zwei Drittel aller durch Streiks »verlorenen« Arbeitstage sich auf 150 Werke konzentrieren. Und es sind gerade die Grossbetriebe, in denen die Arbeiter kämpferischer eingestellt sind. Aber insgesamt ist es doch bezeichnend, dass selbst im vermeintlich streikwütigen England die Ausfälle durch Krankheit mindestens vier- bis fünfmal höher sind, als die Ausfälle durch Streiks.

Der dritte Akt dieses »Sozialpakts« scheint aber trotz dieser weitgehenden Ohnmacht des Proletariats nicht mehr so ganz problemlos über die Bühne zu gehen. Es mehren sich Zeichen einer Verbreiterung des Widerstandes gegen diese Machenschaften von »Arbeiterpartei« und »Gewerkschaft«. In den Augen dieser Verwalter von Arbeitskraft zum grössten Nutzen des Kapitals macht sich die »Scheissbasis« immer stärker bemerkbar. Diese »Arbeiterführer« sind »in Gefahr, sich vom Fussvolk zu isolieren.« (»Tagesspiegel« v. 10.4.1977), weswegen auch die Bourgeoisie beginnt, vorsichtiger zu taktieren.

Konnten im letzten Jahr drohende Streiks der Seeleute und Bergarbeiter nur mit Mühe verhindert werden, so legten dieses Jahr gegen den offenen Widerstand der Gewerkschaft 3000 Maschinenschlosser in einem vierwöchigen Streik den Autokonzern Leyland lahm und schockierten damit die bürgerlichen Krisenmanager. Nachdem bei Leyland wieder gearbeitet wurde, ergriffen 520 Elektriker im Stahlwerk Port Talbot in Südwales Kampfmassnahmen. Wie die Maschinenschlosser von Leyland wollten sie ihren in den letzten Jahren geschwundenen Lohnabstand vor anderen Gruppen von Arbeitern wiederhergestellt wissen. Danach streikten 4000 Monteure des Bodenpersonals von British Airways auf dem Londoner Flughafen Heathrow. In allen Fällen kämpften die Arbeiter gegen den Willen ihrer Gewerkschaften. Druckarbeiter verloren nach einem Streik sogar die Mitgliedschaft in ihrer Gewerkschaft, was gleichzeitig den Verlust des Arbeitsplatzes bedeutete, denn der Verlag beschäftigte als »closed shop« nur Gewerkschaftsmitglieder. Erst als die Drucker zu Kreuze krochen, gewährte man ihnen wieder gnädig die Arbeit.

Wie sehr die Zeit für revolutionäre Kommunisten zur Intervention in diese Kämpfe reif ist, zeigt nicht nur die Tatsache des vermehrten Widerstandes gegen die vereinte Lohndrückerei der bürgerlichen »Dreifaltigkeit« von Kapital, Staatsgewerkschaft und Regierung, sondern vor allem, wie diese Streiks geführt wurden. Es handelt sich um Streiks von Berufszweigen, die zur Arbeiteraristokratie zählten und jetzt ihre schwindenden Privilegien bzw. ihren Lohnvorsprung gegenüber der »Arbeitermasse« verteidigen. Aber gerade diese »standesmässige« Borniertheit erlaubte es den Gewerkschaften, diese Kämpfe gegen den »Sozialpakt« zu isolieren und gegen die Masse der übrigen Arbeiter auszuspielen. Denn mit Recht hat kein nichtbetroffener Lohnarbeiter ein Interesse daran, den Lohnvorsprung der privilegierten Berufe zu zementieren. Nur wenn man auf dem Boden des gemeinsamen Schicksals als Ausgebeutete solidarisch gegen das Kapital gekämpft hätte, wäre die breite Front entstanden, die nötig ist, um einem Kampf zum Sieg zu verhelfen. Dass die Gewerkschaften alles andere als dieses Interesse haben, entlarvt ihren Charakter zur Genüge. Ohne kollektive Solidarität bleiben die Lohnabhängigen in der Sackgasse der Illusion einer Qualifikation und bieten der Bourgeoisie die günstigste Möglichkeit, die so aufgesplitterte Front der Arbeiterklasse nach Belieben gegeneinander auszuspielen.

Der Verfall des englischen Imperialismus musste unter den Schlägen der Wirtschaftskrisen zum Abstieg der Arbeiteraristokratie führen, und dieser Abstieg wird sich weiter vollziehen. Nur aber wenn sich diese Arbeiter auf den Standpunkt der ganzen Klasse stellen, kann die Zerschlagung dieser wahren Bleikugel, die so lange auf der englischen Arbeiterbewegung lastete, jene Funken auslösen, die auf die Masse der Arbeiter zurückwirken und den Brand entfachen.

Source: »Kommunistisches Programm«, Nr. 14, Mai 1977

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