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CHINA AUF DEM WEG ZUR IMPERIALISTISCHEN GROSSMACHT
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Content:

China auf dem Weg zur imperialistischen Grossmacht
Der Streit um den besten Weg der Wirtschaftsentwicklung
I. Landwirtschaft
II. Industrie
III. Wirtschaft allgemein
1. Ergebnis
2. Wirtschaftszyklen
China - eine Gesellschaft der Gleichen?
Statt »Grosser Ordnung« Wiederaufnahme des proletarischen Klassenkampfes
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China auf dem Weg zur imperialistischen Grossmacht
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Bekanntlich wäre alle Wissenschaft überflüssig, wenn Wesen und Erscheinung der Phänomene zusammenfielen. Und es ist gerade Aufgabe einer marxistischen Wissenschaft, diesen falschen Schein zu entschleiern. Besonders im Falle eines Landes wie China, das hinter einem Nebel offizieller wie offiziöser Propaganda seinen Etikettenschwindel zu verbergen versucht, ist diese Entlarvung um so dringlicher. Wie ihre stalinistischen Brüder in Russland versuchen auch die Vertreter des chinesischen Kapitals ihre Diktatur über die Bauern und das Proletariat als klassenlose Volksdemokratie, ja als Diktatur des Proletariats zu tarnen. Zwar gab sich die siegreiche Bourgeoisie gegenüber dem Proletariat noch stets als die Vertreterin von Freiheit, Vernunft und Allgemeinwohl aus und war schon immer eifrig bestrebt, ihre Ausbeutung unter einem Schwall von Phrasen verschwinden zu lassen, aber es war unserem Jahrhundert vergönnt, dass sich eine scheinbar ganz neue Spezies dieser Menschheitsbeglücker breit machen konnte, nachdem sie die revolutionären Vertreter des internationalen Proletariats massakriert hatten. Terror und Phrase waren und sind zwar immer die Hauptinsignien bürgerlicher Herrschaft, aber noch keiner Bourgeoisie war es früher gelungen, aller Welt das Kunststück zu demonstrieren, dass erst millionenfacher Massenmord am Proletariat gleichsam den Weg zum kommunistischen Paradies bahnt. Konterrevolution ist seit dem stalinistischen Exempel nicht mehr Konterrevolution, sondern etwa »nichtkapitalistische« Entwicklung zum Sozialismus. Zwar sind sich die zahlreichen Deuter russischer wie chinesischer Zustände keineswegs einig. Aber trotz aller Unterschiede und Feinheiten im einzelnen - es stecken ja schliesslich oft kluge Köpfe dahinter -, stimmen sie doch stets in einem überein: Die Welt des Ostens ist sozialistisch, oder zumindestens auf dem Weg dahin. Und da nicht sein kann, was nicht sein darf, müssen immer neue Varianten gewaltsamer Abstraktionen dies beweisen. Und je mehr sich die Produktivkräfte auch im Osten entwickeln, sich also das kapitalistische Wesen immer offensichtlicher in verschiedenen Erscheinungen zeigen muss, desto mehr basteln diese Gedankenakrobaten an ihren ihnen liebgewordenen Entstellungen. Wenn es bei einigen nicht mehr klappt, die brutale Wirklichkeit von Ausbeutung und bürgerlichem Terror als unser aller Zukunft auszugeben - dann ist natürlich die Theorie dran schuld, und man schreibt fleissig Pamphlete gegen den marxistischen Schund und enttarnt die revolutionären Marxisten als die Aktionen des »Volkes« blockierende »Meistermacher« (Glucksmann). Das hat ja inzwischen Routine: Indem die Kapitalisten in Ost wie West ihren Lohnabhängigen das Grauen im gegnerischen »Lager« schön plastisch vor Augen führen, demonstrieren sie ihren Opfern, dass es keine Alternative geben kann. Bestärkt werden sie in diesen Abschreckungsmanövern noch stets von sog. Marxisten, die diesem Zerrbild der Erscheinungen ihre letzte Weihe geben. Der Marxismus, diese einzige revolutionäre Kraft des Proletariats, bleibt dabei natürlich auf der Strecke. Gerade China, als die spätere Neuauflage dieser Mimikry, gab diesen Geschichtsdeutern in dem Moment neue Nahrung, in dem Russland immer offensichtlicher sein kapitalistisches Wesen demonstrierte und die Verherrlichung russischer Zustände als sozialistisch immer schwieriger wurde. Mit der besonderen Vorliebe jeder bürgerlichen Wissenschaft für Persönlichkeiten, diesen »charismatischen« Figuren, dank derer allein die Geschichte bis heute nicht stehengeblieben sei, stürzte man sich auf Mao Zedong. Und er war ja in der Tat ein dankbares Objekt: Schlicht gewandet - so wie man sich eben einen proletarischen Führer vorzustellen hat - vertrat er im Kern nichts anderes als früher Sun Yat-sen, der ängstliche Vater der chinesischen Bourgeoisie. Nur hatte Mao nach der endgültigen Niederlage des chinesischen Proletariats in dem Massaker von Shanghai durch die Kuomingtang 1927 die Hände frei für »seine« Bauernrevolution.

Die Qualen des chinesischen Bauern mussten sich früher oder später sicherlich entladen - das erkannte Mao durchaus richtig -, jetzt konnten die unruhigen Kleinbauern, Pächter und Landarbeiter aber nicht mehr von revolutionären Proletariern beeinflusst werden und von ihnen eine weit radikalere Perspektive erhalten. Dieses revolutionäre Bündnis von Arbeitern und Bauern, geführt von der Kommunistischen Partei, Rückgrad jeder Doppelrevolution in wenig industrialisierten Ländern in Phasen revolutionärer Weltbewegungen, war nicht mehr möglich. Sun hatte angesichts dieser drohenden Perspektive einer Doppelrevolution die Bauernfrage gar nicht erst zu stellen gewagt, weswegen »seine« bürgerliche Revolution von Anfang an ein Desaster blieb und er schon wenige Monate nach dem Sturz der Mandschu-Dynastie 1912 die Macht wieder an den kaiserlichen General Yün Shi-Kai abgeben musste.

Unter Mao war die Lage völlig anders: Das chinesische Proletariat war geschlagen, die internationale Revolution erledigt, die Stalinisten paralysierten die Kampforgane des Proletariats, beanspruchten aber andererseits Weisungsbefugnis als vermeintliche bolschewistische Erben und versuchten so über ehemals proletarische Kanäle ihre nationale Grossmachtpolitik abzusichern.

Im Geiste der stalinistischen Traditionen gross geworden, warf sich Mao von Anfang an in die Positur eines Erneuerers der chinesischen Nation. Sun's »Drei Volksprinzipien« - Nationalismus, Demokratie, Sozialismus - wurden mit den gängigen stalinistischen Phrasen frisiert und dienten so als ideologische Verbrämung der gezielten Anwendung bäuerlicher Energien für eine nationale Erneuerungsbewegung Chinas.

Für alle Welt bewies er damit natürlich nur sein Genie: Er drehte den Marxismus völlig auf den Kopf, erklärte die Bauern zu Hauptträgern jeder sozialistischen Entwicklung, war zugleich stets bestrebt, ihre soziale Energie klein zu halten, damit sie nicht ausser Kontrolle geriet; taktierte mit seinen »Kompradorenbrüdern im Herzen« in übelster Manier; kappte - ganz Nationalist - den russischen Einfluss und träumte schon früh - auch hier in der Tradition Sun's - von der Hilfe der USA, deren Borniertheit ihn eigentlich erst richtig in die russischen Arme trieb. Allein dies liess unsere China-Deuter nur um so mehr ins Schwärmen für diesen »Sinisierer« des Marxismus verfallen.

Nun ist der Meister schon einige Zeit verschieden und wieder scheiden sich die Geister. Die Kapitalisten sind's zufrieden, sie können dank Deng Xiaoping endlich wieder vom Hoffnungsmarkt China träumen. Ihre Ideologen finden die Entwicklung deswegen äusserst vernünftig - wird Ihnen damit wieder so nebenbei bestätigt, dass letztlich doch nur gewohnte Praktiken der Menschheit weiterhelfen können. Natürlich wurde Mao in seinen letzten Jahren auch ein bisschen senil und hatte sein »Volk« als eingefleischter Idealist einfach zu lange überfordert.

Die kleinbürgerliche »Linke« dagegen wird irre, sie hat eine Vaterfigur verloren. Wovon soll man noch träumen, was kann man noch erhoffen, wenn alles den gleichen reaktionären Gang geht. Besonders seit sich China gegen das »Kuba Asiens« als fernöstliche USA zu profilieren versucht, verschwinden wieder Heiligenbilder von den Wänden. Alles ist konfus angesichts der Periode »marxistischer« Kriege: Die einen schwärmen von früher, den glücklichen Zeiten der Kulturrevolution; Chinafreunde durch »dick und dünn« halten der neuen Führung in Peking die Stange, aber sicher finden auch viele andere eher jetzt, in der »freieren« Atmosphäre ihren Traum vom kleinbürgerlichen Glück bestätigt. Paranoiker allerdings suchen ihr Heil in einem Kleinstaat auf dem Balkan.

Nur der Marxismus kann dieses Knäuel von Phrasen, Wunschvorstellungen und Mythen entschleiern und nur wenn man dem Geschwätz der chinesischen Bourgeoisie und ihrer westlichen Papageien nicht auf den Leim geht und für bare Münze nimmt, sondern eben hinter den Erscheinungen nach der inneren Natur der chinesischen Vorgänge fragt, kann man das Rätsel »China« lösen - und einmal verstanden, wird das vorher so komplizierte sonnenklar: China war und ist niemals auf dem Weg zum Sozialismus gewesen, sondern war und ist nichts anderes als ein sich kapitalistisch entwickelndes Land, wobei diese Grundtatsache von der chinesischen Bourgeoisie auch immer schwerer verschleiert werden kann. Alle revolutionären Sprüche, jede Maskerade als Vertreter des Proletariats dienen nur dem Zweck, einerseits die Klassenherrschaft mit illusionistischen Tricks hinwegzuzaubern und andererseits Bauern und Arbeitern »immer mehr, immer besser« ausbeuten zu können.

Geht man dagegen davon aus, in China handele es sich um Sozialismus und das Land würde sich immer mehr dahin entwickeln, so stellt man natürlich alles auf den Kopf und die Untersuchungen müssen dementsprechend aussehen. Es ist ähnlich dem berühmten Fall des Bilds vom Weltall: Solange man glaubte, dass sich alles um die Erde drehte, nahm die Untersuchung der Sternbewegungen immer kompliziertere Figuren an, erst als man von diesem Dogma abging, eröffnete sich einem ihre höchst einfache Beziehung.

In unserer Parteipresse haben wir schon immer die Herausbildung des Kapitalismus in China untersucht und in einer Vielzahl von Beiträgen die Machenschaften der chinesischen Bourgeoisie entlarvt. Dieser Artikel bringt also nichts grundlegend Neues, setzt vielmehr bisher Gesagtes nur fort. Im Vordergrund steht natürlich der Umschwung unter Deng/Hua, dessen Zwangsläufigkeit man nur versteht, wenn man sich die ökonomischen wie sozialen Grundlinien der bisherigen Entwicklung Chinas vergegenwärtigt.

Der Streit um den besten Weg der Wirtschaftsentwicklung
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Will man die permanente Auseinandersetzung auch nach der Kulturrevolution zwischen den sog. Maoisten und den Pragmatikern um die optimalsten Bedingungen der Industrialisierung verstehen, so muss man sich die Entwicklung seit der Machteroberung 1949 kurz vergegenwärtigen. Die Menschen sind sicherlich die Akteure ihrer Geschichte, aber sie handeln allein im Rahmen vorgegebener Möglichkeiten. Deswegen spielen nicht die subjektiven Wünsche und Vorstellungen bei der Betrachtung historischer Abläufe die entscheidende Rolle, sondern vor allem die objektiven materiellen Bedingungen, von denen hier nur die groben Konturen umrissen werden können.

Mit rund 9,6 Mio. qkm gehört China zusammen mit Kanada (9,9 Mio. qkm) und den USA (9,3 Mio. qkm) zu jenen drei Staaten, deren Fläche jeweils etwa halb so gross wie die Russlands ist. Von Peking bis zum äussersten Westen Xinjiangs sind es mehr als 3700 km, und die Süd-Ost-Ausdehnung von Hainan nach Harbin in Heilungjtang beträgt rd. 4000 km. Auf dieser Fläche lebt das grösste Volk dieser Erde. Genaue Zahlen sind allerdings nicht bekannt. Die erste Volkszählung ergab 1953 583 Mio., heute schwanken die Schätzungen zwischen 850 und 950 Mio. Einwohnern. Davon arbeiten immer noch rd. 80% auf dem Lande. Die Han stellen 94% der Gesamtbevölkerung, der Rest von (6% verteilt sich auf 54 nationale Minderheiten, die trotz ihrer geringen Zahl etwa 50 - 60% Chinas besiedeln - vor allem den unwegsamen und hauptsächlich für Viehwirtschaft geeigneten Teil im Westen. Der Hauptteil der gesamten chinesischen Bevölkerung lebt also vor allem in den landwirtschaftlich genutzten Gebieten Nord-, Mittel- und Südchinas.

Dabei ist die landwirtschaftliche Nutzfläche recht beschränkt: Chinas 9,6 Mio. qkm grosses Gebiet wird nämlich nur etwa zu 36% landwirtschaftlich genutzt - 11% der Gesamtfläche dienen als Anbaugebiete, 20,5% stellen Weideland dar und 5,1% sind Wälder. Nach den beiden wichtigsten Erzeugnissen lässt sich China wirtschafts-geographisch in zwei Hauptagrarzonen gliedern, wobei die Trennlinie, grob gesprochen, etwa entlang des 34. Breitengrades verläuft: Nördlich dieser Linie liegen die kalten, trockenen Winterweizenprovinzen, südlich davon die feuchtwarmen Reisprovinzen. Freilich gibt es in jeder dieser Regionen auch Gebiete der jeweils anderen »Getreide«-Art. Vor allem um die Ausbreitung der Reisanbaugebiete hat sich die chinesische Regierung immer wieder bemüht, denn man zieht es vor, statt Getreide Reis und Baumwolle anzupflanzen, beides Produkte, die auf dem Weltmarkt durchschnittlich einen mehrfachen Devisenertrag im Vergleich zu Weizen erbringen. Mit diesem Erlös kann dann wiederum Weizen aufgekauft werden, der von der chinesischen Bevölkerung konsumiert wird.

Über das ganze Territorium verteilt, verfügt China über reiche Bodenschätze: Chinas Erdölreserven werden heute auf 30 - 50 Mrd. t geschätzt, die Kohlereserven sollen sich auf 1500 Mrd. t belaufen und gehören damit zu den grössten der Welt. Eisenerzlager von rd. 11 Mrd. t sind über das ganze Land verstreut, die grössten davon befinden sich in der Mandschurei und der Inneren Mongolei. Mit grossem Abstand ist China weltgrösster Produzent von Antimon und Wolfram, und besitzt ferner reiche Vorkommen an Molybdän, ein Ersatzprodukt für Wolfram, das aber bedeutend billiger ist. Im Südwesten des Landes befinden sich grosse Zinnlager und bereits heute liegt China in der Weltproduktion an sechster Stelle. Auch für die wichtigsten anderen Rohstoffe sind zum Teil beträchtliche Reserven nachgewiesen. Von dieser Seite sind also die formalen Voraussetzungen für eine Industrialisierung gegeben.

Die erste Entwicklung in diese Richtung setzte der seit Mitte des letzten Jahrhunderts immer massiver nach China eindringende Imperialismus. Da aber das Land von Anfang an gierige Beute aller aktiven Imperialisten wurde, hielten sie sich gegenseitig in Schach, und keiner konnte ohne Kontrolle der anderen sein Unwesen treiben. Aber die Wirtschaftsstruktur wurde dadurch doch bis heute geprägt: An der Ostküste setzten sich die ausländischen Kapitalisten fest und errichteten in verschiedenen Zentren - vor allem in Shanghai - eine Leichtindustrie, die die billige chinesische Arbeitskraft ausbeutete. Allein das rohstoffarme Japan errichtete seit Anfang der 30er Jahre in der annektierten Mandschurei einen schwerindustriellen Komplex.

I. Landwirtschaft
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Die Maoisten übernahmen 1949 ein von zwölfjährigen Kriegswirren zerstörtes Land. Die Verhältnisse in Landwirtschaft und Industrie waren zum Teil katastrophal. Somit war die Aufgabe klar vorgegeben: Es galt so schnell wie möglich die Lage zu stabilisieren, den Agrarbereich zu reorganisieren und den landwirtschaftlichen Überschuss für den Aufbau der Industrie nutzbar zu machen. Auch ohne Krieg hätte die landwirtschaftliche Struktur unbedingt aufgebrochen werden müssen, denn hier lag gleichsam der Schlüssel für das wirtschaftliche Desaster Chinas, das durch die politischen und sozialen Wirren nur noch verstärkt wurde: Aufgrund verschiedener Entwicklungen hatte sich ein System von kleinstparzellierten Familienhöfen herausgebildet, die vor allem auf Pachtbasis betrieben wurden. Diese Lage produzierte den für viele Länder charakteristischen Teufelskreis: Die kleine Parzelle brachte schon der Familie kaum genug zum Leben, dennoch musste ein wachsender Teil dem Landbesitzer übereignet werden. Wachsende Verschuldung und schliesslich völliger Verlust jeder eigenen Wirtschaftsbasis verschlimmerten so oder so die Lebensbedingungen der Bauern, die allein durch Überarbeit und Unterkonsum ihr Schicksal hinauszögern konnten. Der Effekt war eindeutig: Die Agrarproduktivitat blieb niedrig, fehlten doch ausser Arbeitskraft alle zusätzlichen Mittel, denn der Überschuss musste den Grundherrn in Form der Pacht abgeliefert werden. Von diesen wurde er durchweg verprasst, denn die chinesische Landaristokratie verachtete nicht nur die Landarbeit. Was dennoch für Geschäfte übrig blieb, diente höchstens kurzfristiger Spekulation. Eine Verbesserung der landwirtschaftlichen Erträge oder der Aufbau einer Industrie waren damit praktisch wegen der antiquierten kleinparzellierten Pachtstruktur der Landwirtschaft unmöglich. Sun traute sich - wie schon erwähnt - an das Problem aufgrund der damit zusammenhängenden sozialen Risiken nicht heran - und blieb notwendigerweise bis zu seinem Tode 1925 ein »Möchtegernrevolutionär«. Die Kuomintang unter Chiang Kai-Shek repräsentierte je länger, desto offener nichts anderes als die spekulative Kompradorenbourgeoisie, deren Rückrat ganz natürlich die Landbesitzer waren. Sie berief sich zwar noch auf Sun, aber was bei ihm wenigstens ernsthafte Einsicht, wenn auch ohne Taten war, verkam jetzt zur reinen Farce. Das bürgerliche Programm Sun's mit den Grundforderungen einer nationalen und sozialen Revolution fand allein bei den Maoisten seine Fürsprecher, die es wegen der blutigen Erledigung der proletarischen Frage weniger ängstlich als Sun in Angriff nehmen konnten und aufgrund einer Reihe von Umständen auch tatsächlich ihre »neue Demokratie« des Blocks der vier Klassen (Bauern, Arbeiter, Kleinbourgeoisie und nationale Bourgeoisie) durchsetzten. Der Kern bürgerlicher Revolutionen liegt in ihren nationalen und sozialen Aufgaben als Voraussetzung der Schaffung optimaler Bedingungen für eine zukünftige Produktivkraftentwicklung: national gilt es, das Land politisch zu einen, was im Falle Chinas als altes, schon immer einheitlich regiertes Kulturland leichter zu bewerkstelligen war, denn die zeitweilige Zersplitterung des Landes unter den Warlords in der Zeit nach dem Sturz der Mandschus war schon von der Kuomintang erledigt worden.

Wichtiger war die Lösung der sozialen Probleme, was vor allem hiess: Lösung der Agrarfrage. Der gordische Knoten jeder früheren Wirtschaftsmisere musste zerschlagen werden, um endlich der Entwicklung der Produktivkräfte eine freie Bahn zu schaffen. Es galt, die Bedingungen für die Steigerung von Agrarüberschüssen zu setzen, die für die Industrialisierung nutzbar gemacht werden könnten, und zwar so, dass möglichst wenig im Agrarsektor hängenblieb.

Die Grundbesitzer wurden eliminiert, womit man schon ihren Anteil am Agrarüberschuss in die Hände bekam. Die Landverteilung an die bisherigen kleinen bzw. landlosen Bauern ergab zwar unmittelbar kaum einen Produktionseffekt, hier bestand eher die Gefahr, dass sie sich nach all den Hungerjahren allzu lange den Bauch vollschlagen wollten. Aber jetzt stieg wenigstens im Durchschnitt die Parzellengrösse und damit doch die Möglichkeit, Mittel für die Verbesserung der Landwirtschaft abzuzweigen. Aber die Initiative blieb natürlich immer stärker bei diesen sich entwickelnden »Mittelbauern«. Dazu hatte der Staat den Bauern zu wenig für ihre Produkte zu bieten. Wie sollte er also ohne offenen Zwang an deren Erzeugnisse herankommen? Man kennt die Lösung: Der Staat enteignet jetzt seinerseits die Bauern und nimmt sie immer stärker in seine Regie. Westliche Freunde der chinesischen Landwirtschaft nennen das heute »Sozialisierung«. Mao liess sich später bei Proklamierung seiner Volkskommunen so aus:
»
Die sogenannte Überführung des Kollektiveigentums in sozialistisches Volkseigentum bedeutet, die landwirtschaftlichen Produktionsmittel gänzlich in Staatseigentum zu überführen, die Bauern sämtlich zu Arbeitern zu machen, die der Staat insgesamt übernimmt und deren Lohn er zahlt.« [Mao, »Notizen nach der Lektüre des Lehrbuchs »Politische Ökonomie«« (Abschnitt »Sozialismus«), in: Helmut Martin, »Mao Tse-tungs Notizen zum sowjetischen Lehrbuch Politische Ökonomie« (1960), Hamburg 1975, S. 137/ 8]
Das war auch schon das Programm Sun Yat-sen's, und dieses charakterisierte Lenin treffend so:
»
In der Tat, worauf läuft die »ökonomische Revolution« hinaus, von der Sun Yat-sen am Anfang seines Artikels so prunkvoll und dunkel spricht? Auf die Übergabe der Rente an den Staat, das heisst auf die Nationalisierung des Bodens mittels einer Art Einheitssteuer... Der Unterschied zwischen dem Wert des Bodens in einem bäuerlichen Krähwinkel und in Shanghai besteht in dem Unterschied der Grösse der Rente. Der Preis des Bodens ist kapitalisierte Rente. Dafür zu sorgen, dass der »Wertzuwachs« des Bodens »Eigentum des Volkes« werde, bedeutet, die Rente, d.h. das Eigentum an Grund und Boden, dem Staat zu übergeben, oder anders gesagt, den Boden zu nationalisieren«.
Und Lenin stellt die entscheidende Frage:
»
Ist eine solche Reform im Rahmen des Kapitalismus möglich? Sie ist nicht nur möglich, sondern sie stellt sogar den reinsten, maximal konsequenten, ideal vollkommenen Kapitalismus dar. Das hat Marx im »Elend der Philosophie« gezeigt und eingehend im III. Band des »Kapitals« bewiesen; besonders anschaulich hat er das in der Polemik gegen Rodbertus in den »Theorien über den Mehrwert« entwickelt.«
Die Konsequenz dieser kapitalistischen Politik ist schlagend:
»
Die Nationalisierung des Bodens gibt die Möglichkeit, die absolute Rente zu beseitigen und nur die Differentialrente übrigzulassen. Die grösstmögliche Ausmerzung der mittelalterlichen Monopole und der mittelalterlichen Verhältnisse in der Landwirtschaft, die grösstmögliche Freiheit des Handels mit Grund und Boden, die leichteste Anpassung der Bodenbewirtschaftung an den Markt - das bedeutet die Nationalisierung des Bodens nach der Lehre von Marx. Die Ironie der Geschichte besteht darin, dass die Volkstümlerrichtung im Namen des »Kampfes gegen den Kapitalismus« in der Landwirtschaft ein Agrarprogramm vertritt, dessen volle Verwirklichung die schnellste Entwicklung des Kapitalismus in der Landwirtschaft bedeuten würde.« [Lenin Bd. 18/S.156/7, »Demokratie u. Volkstümler Ideologie in China«].
Was von Sun noch schüchtern anvisiert wurde, wird von Anfang an von Maoisten, diesen Erben Sun's praktiziert. Und das nicht zu verstehen, ist der Springpunkt aller Idiotien, die vor allem auch heutige »Lenin-Überwinder« über die Agrarverhältnisse nicht nur Chinas vertreten.

Ist dies dagegen einmal verstanden, so kommt sofort Klarheit in die sonst so verwirrende maoistische Agrarpolitik: Sie hatte also von Anfang an klare Schwerpunkte: Zuerst galt es, den Grundbesitzern den bislang parasitär verschwendeten Agrarüberschuss zu nehmen, indem man sie in ihrer Funktion ausschaltete; dadurch »befreite« man gleichzeitig die Bauern von ihren bisherigen Blutsaugern und legte durch diese grundlegende Strukturveränderung die Basis für die immer dringender notwendige Ertragssteigerung im Laufe der verschiedenen Etappen der »Kollektivierung«; dadurch gewann der Staat die entscheidende Kontrolle über die absolute Grundrente, die im Kapitalismus jedem Landbesitzer qua Bodeneigentum zufliesst. Differentialrente entspricht dagegen dem Extraertrag aufgrund vor allem besserer Ertragslage (Boden, Klima) und besserer Marktlage. Es gilt also den Agrarüberschuss zu steigern und möglichst weitgehend für die Industrialisierung nutzbar zu machen. Letzteres ist um so schwieriger, als der Staat aufgrund der erst zu entwickelnden Grundlage kaum Waren dem Bauern zum Tausch anzubieten hat. Überliesse man also dem Bauern die Regie über das im Überschwang der bürgerlichen Revolution verteilte Land, so verlöre man nicht nur weitgehend die Kontrolle über ihn und müsste ihm neben der Differential- auch die absolute Rente überlassen, sondern man käme an diesen Überschuss nur gegen realen Tausch heran. Da man allerdings praktisch mit leeren Händen vor den Bauern stand, hatte man kaum die Möglichkeit, diese daran zu hindern, alles zur Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse zu verwenden, also im Sinne der bürgerlichen Aufgaben der Akkumulation zu verschwenden. Insgesamt wäre auf einer solchen labilen Basis, die vor allem von Lust und Laune der Bauern abhinge, keine langfristige und beschleunigte Industrialisierung möglich.

Es gab also überhaupt keine Alternative: Das anfänglich verteilte Land musste wieder kassiert werden. Dadurch gewann man allein die Kontrolle über das agrarische Mehrprodukt, dass das Gesamtprodukt abzüglich des notwendigen Produkts ausmacht. Daneben hatte man dann auch erst eigentlich die Möglichkeit, durch verbesserte Nutzung von Arbeitseinsatz und gegebenen Ressourcen den Ertrag zu steigern. Auch hier gab es nur ein Mittel: Wegen des weitgehenden Mangels an Kapitaleinsatz blieb als Hauptproduktivkraft nur die menschliche Arbeitskraft. Und diese musste jetzt maximal ausgebeutet werden. Das Motto hiess: Durch Ausdehnung der absoluten Arbeitszeit den absoluten Mehrwert maximieren. Allein deshalb stand bei Mao der Mensch im Mittelpunkt seiner Phrasen. Den Bauern musste zwar das Land wieder genommen werden, das war für alle Vertreter des jungen chinesischen Kapitals klar. Aber das Opfer durfte natürlich nach Möglichkeit nichts davon merken, bzw. sollte dies möglichst »freiwillig« selber als drängendes Bedürfnis seiner Selbstverwirklichung verlangen; denn man wusste: die Lektion sitzt nur dann, wenn die Opfer selbst von der Notwendigkeit überzeugt sind. Die Sache war ja auch nicht ganz ungefährlich. Jahrzehntelang hatte man gepredigt »Jedem Pflüger sein Land« - auch dies ursprünglich von Sun -, und jetzt sollte alles schon wieder vorbei sein. Merkte der Bauer andererseits den Betrug, so ergäben sich schlimme Perspektiven für die gerade angegangene kapitalistische Entwicklung. Dieses Malheur passierte bekanntlich den russischen Kapitalisten, und seitdem ist vor allem die Landwirtschaft das Dauerproblem der russischen Wirtschaft. Die russischen Bauern hatten aufgrund der staatlich betriebenen Politik der Stalinisten auch kaum Schwierigkeiten, zu erkennen, dass sie nichts anderes als Zwangslieferanten geworden waren.

In China waren nicht nur andere Zeiten, sondern das Problem war wegen der noch grösseren zahlenmässigen Überlegenheit der Bauern auch von ganz anderem Gewicht. Deshalb musste die chinesische Bourgeoisie sich mehr Zeit lassen und die Sache besser vorbereiten. Der Landraub durfte nicht als solcher erkennbar werden, es galt also, die Bauern zu hypnotisieren. Und Mao fungierte hier als Chefhypnotiseur - nichts anderes war seine Aufgabe. Und wie entledigte er sich dieser Aufgabe? Anfangs hielt er sich zurück, fungierte vor allem als Symbol. Aber 1955 verlor er die Geduld. In seiner bekannten Rede »Zur Frage der Kollektivierung der Landwirtschaft« am 31. Juli 1955 forderte er eine forcierte Kollektivierung, die auch sofort verwirklicht wurde, so dass im Juni 1956 bereits 63% und im März 1957 sogar 93% der Bauern in »sozialistischen Produktionsgenossenschaften« organisiert waren. Schon das ging nicht ohne Reibereien, und auch die Bauern machten in dem schnell wieder abgeblasenen Manöver der »Hundert Blumen« vom 2. Mai bis 8. Juni 1957 ihrem Unmut Luft. Das »Genie« Mao reagierte bekanntlich auf diese Entwicklung in zweierlei Weise: Zum einen veröffentlichte er seine Exegese über die »Widersprüche im Volke«, zum anderen forcierte er das Tempo zum »Grossen Sprung« mit seinen Volkskommunen. Jetzt ging Mao als Praktiker der absoluten Mehrwert-Produktion aufs Ganze: Die Bauern sollten als Lohnarbeiter in grossen Verbänden zusammengefasst werden. Die »Idylle« der bäuerlichen Familienbasis und die Jahrtausende alte Dorfstruktur sollten endgültig aufgebrochen werden. Der Arbeitseinsatz wurde gleichsam militarisiert und durch Gemeinschaftsverpflegung sollte das notwendige Agrarprodukt, also der Selbstverbrauch der Bauern verringert werden. Maximale Ausdehnung der Arbeitszeit und der Arbeiterzahl sollten in Kombination von Landwirtschaft und Manufaktur phantastische Ertragssteigerungen erbringen. Das Ergebnis ist bekannt: Das Ganze war eine katastrophale Bauchlandung. Die chinesischen Traditionen des Dorfes und das verbissene Festklammern des Bauern an »seinen« Boden konnten so nicht zerschlagen werden. Zu früheren Zeiten wäre bei dieser Entwicklung der »Dynastie« sicher der »Himmelsauftrag« entzogen worden, aber selbst Mao musste nach diesem Meisterstück ins zweite Glied zurücktreten. Zu sehr hatte ihn diese Katastrophe blossgestellt.

Es war sicher nicht das ungünstige Wetter, sondern eben der wachsende offene oder versteckte Widerstand der chinesischen Bauern, durch den Mao seine entscheidende Lektion erhielt. Um diesen Eklat zu verstehen, darf man eben nicht auf chinesische wie westliche Reklame für das im Ansatz Grossartige dieser genialen Idee verfallen. Hier sollte der Bauer zu nichts anderem als zu einem schlechtbezahlten, langarbeitenden Landarbeiterdasein gezwungen werden. Dies ist sicher das langfristige Schicksal des chinesischen Bauern, denn was anderes hat das Kapital auch in China nicht zu bieten, aber die schon im Ansatz bald gestoppte Schocktherapie muss man sich doch vor Augen führen, will man den Widerstand der Bauern richtig einschätzen. Die Landwirtschaft sollte quasi wie eine Fabrik - allerdings ohne Maschinen - verwaltet werden: Der Bauer arbeitete nicht mehr in einem seit unvordenklicher Zeit festgelegten traditionellen Rahmen, sondern wurde, wie beim Militär, mit Leidensgenossen zusammengewürfelt, die er kaum kannte. Er sollte nicht mehr auf seiner eigenen Scholle arbeiten, sondern hatte innerhalb des umfangreichen Gebiets der Volkskommunen (VK) von Feld zu Feld zu marschieren, um dort auf einem ihm übertragenen engen Spezialgebiet seinen Aufgaben nachzukommen. So gab es z.B. in der Anfangszeit Spezialgruppen für das Pflügen, für die Bewässerung sowie für den Bau von Gräben und Wasseranlagen. Feldarbeit sollte also praktisch von Heute auf Morgen nach dem Prinzip kapitalistischer Arbeitsteilung erzwungen werden - wenn auch erst auf »Manufakturniveau«. Nicht zu Unrecht sah Mao hier wieder eine Voraussetzung zur Steigerung der absoluten Mehrwertrate. So betrug die Arbeitszeit in den meisten Kommunen im Sommer und Herbst 1958 mindestens 12 Stunden am Tag, zur Erntezeit bis zu 16, in Einzelfällen gar 18 Stunden.

Von besonderer Bedeutung für die Struktur der Kommunen war das System der »Produktionsgarantie«, durch das die Beziehungen der ländlichen Grosskollektive zur staatlichen Erfassungsorganisation für Nahrungsmittel geregelt wurden. Vor jeder Ernte garantierte die VK die erwartete Ablieferungsmenge. Blieb der Ernteertrag hinter den Erwartungen zurück, dann musste die Kommune die Versorgung ihrer eigenen Mitglieder einschränken, um die garantierte Ablieferungsmenge doch noch zu erreichen. Das erinnert natürlich stark an die Praktiken der russischen Stalinisten in den ersten »Planjahren«.

Der militärische Charakter des ganzen Unternehmens schliesslich kam dadurch zum Ausdruck, dass die einzelnen Arbeitskräfte zunächst nach einem Erfassungssystem ausgehoben, in militärische Einheiten eingegliedert und von Kadern kommandiert wurden. Diese Konzeption einer permanenten Mobilisierung der Bauernmassen, die die traditionellen, ethnischen und territorialen Grenzen durchbrechen sollte, verlor mit dem baldigen Aufkommen der Produktionsmannschaft (PM) an Schubkraft. Da die PM nämlich mit kleineren Dörfern oder mit Sektionen grösserer Ortschaften identisch ist, hatte der Bauer nunmehr wieder wie eh und je Gelegenheit, auf seinem eigenen Feld zusammen mit seinen Verwandten oder Bekannten den »alten Trott« fortzusetzen.

Diese Konzessionen hatte man sehr bald nach Beginn der VK-Bewegung den Bauern zugestehen müssen, und sukzessive verschwand das rigorose Konzept der VK: Die grossen Träger der Kollektivierungswelle, die VK, standen zwar in ihrer Fassade noch unversehrt da; im Inneren aber zerfiel die Wirtschaft in zahlreiche wieder vor sich hin wirtschaftende Minieinheiten. Die eigentliche Entscheidung über Produktionspläne, Verteilung von Produktionsmitteln und Gewinnverteilung hingen letztlich von der autonomen Entscheidung der PM ab: Die Landwirtschaft war eben wieder in den Schoss der Familien - und zum Teil der alten Clans - zurückgekehrt. Jedes Mitglied konnte den Wirtschaftsprozess überschauen und hatte wieder Gelegenheit, in seine eigenen Taschen zu wirtschaften. Alle Konzeptionen, nach denen die Landwirtschaft wie ein Industriebetrieb verwaltet werden sollte, waren so zunichte gemacht. Ende 1961 entsprachen damit Besitzstand und Produktions- sowie Verteilungsweise wieder der Situation am Vorabend der VK-Bewegung.

Und der Verfall der VK-Bewegung begann praktisch in dem Augenblick, in dem sie gestartet wurde, denn mit naturwüchsiger Gewalt machte sich der Widerstand der Bauern breit und führte - zusammen mit einem organisatorischen Chaos - schon 1959 zu dem entscheidenden Kollaps: Mit rd. 170 Mio. t sank die Getreideernte entgegen der Rekordernte von 1958 mit ca. 205 Mio. t wieder unter das Niveau von 1955 - und das bei wachsender Bevölkerung, wobei Mao noch in seiner manischen Fixierung auf den Menschen als Arbeitskraft jegliche Geburtenkontrolle aufgehoben hatte. Bei dem zentralen Gewicht der Landwirtschaft in China ergaben sich bald die notwendigen Konsequenzen für Leicht- und Schwerindustrie. In einer Kettenreaktion fielen mit jeweils einjähriger Verspätung deren Produktionszahlen - und zwar in der Leichtindustrie, die vor allem agrarische Primärprodukte verarbeitet, ab 1960 und in der Schwerindustrie ab 1961. Dort hatten sich gewaltige Überkapazitäten gebildet, was konkret eine Vergeudung von Rohstoffen und Arbeitskräften bedeutete. Das »neue« China hatte damit seine erste Wirtschaftskrise aufgrund extremer Disproportionalitäten zwischen den einzelnen Wirtschaftszweigen.

Eines hatte sich damit für alle Beteiligten gezeigt: Durch alleiniges Abstellen auf die Arbeitskraft gewann man weder die notwendige Kontrolle über den Agrarbereich noch die entscheidende langfristige Steigerung der Agrarproduktion. Die Verbesserung der Erträge hauptsächlich durch Forcierung der absoluten Mehrwertproduktion, d.h. der maximalen Ausschöpfung des Arbeitspotentials bei verbesserter Arbeitsorganisation und Arbeitsteilung war an eine entscheidende Grenze gestossen. Eine Fortsetzung der Mobilisierung hatte nur einen katastrophalen »Grossen Sprung zurück« gebracht.

Hier sind wir beim zentralen Punkt der Kontroverse innerhalb der chinesischen Bourgeoisie, die sich populär als »Kampf zweier Linien« manifestiert. Dabei handelt es sich nie um grundsätzliche Fehden zwischen den beiden Fraktionen, die nach aussen ihre Hauptrepräsentanten in Mao und Liu Schao-ch'i fanden. Beiden ging es vielmehr allein um den jeweils optimalen Weg der Industrialisierung. In der strategischen Zielsetzung war man sich also immer einig, umstritten war nur die Taktik. Wenn beide sich gegenseitig des Abgehens vom Pfad sozialistischer Tugend bezichtigen, üben sie sich nur in dem ihnen eigenen inhaltslosen Wortgeklingel - was allerdings für die staunende Aussenwelt keineswegs ohne Belang ist. Denn während die »Götter« sich darüber streiten, wie man am besten das »Volk« ausbeutet, liegt es im Interesse beider Fraktionen, dass Bauern und Arbeiter vom Wortschwall berauscht, nicht die schwachen Grundlagen des chinesischen Kapitalismus in Frage stellen.

Zunächst noch einmal zurück zu Mao. Er machte seine entscheidenden Erfahrungen in Yenan, dieser abgelegenen chinesischen Ecke, wo er seine Mannen auf dem legendären »Langen Marsch« vom Oktober 1932 bis Oktober 1935 über rd. 12 500 km geleitet hatte - diesmal in ein keineswegs gelobtes Land. Aber den rd. 30 000 Maoisten, die sich allmählich in dieser ärmlichen Ecke mit rd. 3 Mio. Bauern einfanden, blieb nichts anderes übrig, als sich hier ihre Subsistenzbasis zu schaffen. Bald durch eine Blockade der Japaner weitgehend vom übrigen China abgeschlossen, ergab sich einfach automatisch eine Konzentration auf die im eigenen Machtbereich vorhandenen Ressourcen und ihre optimale Nutzung, um einen grösstmöglichen Betrag zur Finanzierung des Krieges abzuzweigen. Die Ausgangslage war überaus kläglich. Diese Region war bis dahin fast völlig von jeder modernen, sei es national oder imperialistisch initiierten Entwicklung unbeeinflusst. Arme Bauern fristeten ihr dürftiges Leben auf kargen Böden. Der Einfluss der lokalen Grundbesitzer und die Pacht- und Zinsbelastungen bestanden ungebrochen, allerdings war in dieser gottverlassenen Gegend der Anteil der Eigentümer-Bauern eben wegen der ärmlichen Verhältnisse sehr hoch.

Dies bildete also Maos entscheidendes Experimentierfeld für soziale Umwälzungen. Da man den Bauern nicht mehr einfach durch vermehrten Druck Überschüsse abpressen konnte, wie dies unter den weitaus besseren Bedingungen Südchinas während der vor dem langen Marsch liegenden Kiang-si-Periode z.T. der Fall gewesen war, musste man jetzt vor allem erst einmal Massnahmen zur Produktionssteigerung ergreifen, um dann kassieren zu können. Die erste Methode wurde allerdings auch wieder in der ersten Hälfte der 50er Jahre angewandt, als die Finanzierung der Schwerindustrie über den Staatshaushalt durch starke und wachsende Belastungen des Agrarsektors aufgebracht wurde, ohne gleichzeitig eine Entwicklung der Landwirtschaft einzuleiten.

In Yenan praktizierte man unter den Bedingungen der erzwungenen Autarkie eine keineswegs radikale Durchorganisierung der Landwirtschaft. Ohne auf Einzelheiten eingehen zu können [vgl. dazu Peter Schran, »Guerilla Economy. The Development of the Shensi-Kansu-Ninghsia Border Region, 1937-1945«, Albany 1976], sollen hier nur die Grundzüge festgehalten werden: Hauptmittel zur Steigerung der ländlichen Produktion waren verbesserte Arbeitsorganisation und Massenmobilisierung, Bildung von Genossenschaften und Arbeitsaustauschbrigaden. Auf der Basis der Hausindustrie wurde eine Klein Industrie entwickelt, die gleichzeitig den sozialen und technischen Wandel auf dem Dorf provozieren sollte. Dezentralisierung der Wirtschaftsentscheidungen bei gleichzeitigem Versuch einer einheitlichen Koordinierung war das Mittel, den lokalen Bedürfnissen Rechnung zu tragen und Transportkosten zu sparen. Insgesamt stehen also Methoden im Vordergrund, die aus eigener Kraft der Bauern zu bewältigen sind und die immer den politischen Mobilisierungseffekt miteinbeziehen. Betont wird das Primat der Arbeitskraft bei weitgehender Vernachlässigung des technischen Einsatzes. Zentraler Glaubenssatz ist deshalb für Mao:
»
Unter allen Dingen In der Welt sind die Menschen das Wertvollste. Unter der Führung der Kommunistischen Partei kann - solange es Menschen gibt - jedes Wunder auf Erden vollbracht werden.« (Mao, Werke, Bd.IV/484)
Deswegen auch sein ewiger Appell an sein »Volk« und die Propagierung von immer neuen Modellhelden mit den üblichen Standards von Bescheidenheit, Selbstdisziplin, Furchtlosigkeit, Opferbereitschaft. Als vorbildlich wird also eine Haltung dargestellt, die eine Leugnung eigener Bedürfnisse, Interessen und Wünsche verlangt. Ganz nach dem bekannten Motto »Gemeinnutz geht vor Eigennutz« geht diese Dressur bis zum Märtyrertod für's Kapital.

Im Grossen Sprung sollte diese Taktik des Kapitals ihre vertiefte Anwendung finden. Aber auch in späteren Jahren ging Mao trotz des offensichtlichen Scheiterns nie von dieser einseitigen Fixierung ab. Vielmehr fand sie ihre erneute Bekräftigung in der Musterbrigade Daz-hai, die Mao ab 1962 als Modell für die Landwirtschaft pries. Interessant ist aber, dass auch er nicht mehr eine Volkskommune in den Mittelpunkt stellt, sondern sich auf die mittlere Einheit der Produktionsbrigade stützt (die untere ist die Produktionsmannschaft). Diese Brigade von rd. 400 Bauern im nördlichen Lössgebiet entspricht seinen Wünschen, deren Massstäbe jetzt allerdings deutlich bescheidener geworden sind, denn eine Brigade entspricht als grösseres Dorf in etwa einer früheren »vollkollektivierten« landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG). In Dazhai verzichten die Bauern auf ihr Privatland, orientieren sich vor allem auf ihre eigene Kraft und praktizieren ein einheitliches Entlohnungssystem. Jeder bekommt pro Arbeitstag die gleichen Arbeitspunkte. Die Höhe dieser Arbeitspunkte wird einmal im Jahr auf einer Versammlung für jeden festgelegt, wobei die eigene Einschätzung von den Anwesenden diskutiert und festgesetzt wird. Da natürlich gemäss dieser Logik nur derjenige ein guter Mensch ist, der vor allem am Allgemeinwohl orientiert ist, ist ein Bauer um so fortschrittlicher, je geringer er seine eigene Entlohnung ansetzt. Wahrlich eine Perfektionierung der freiwilligen Unterwerfung der Bauern unter die langfristigen Interessen des Kapitals. Von solch einer freiwilligen Kasteiung ihrer Arbeiterklasse träumen natürlich alle Kapitalisten. Nur fragt sich, ob es wirklich funktioniert. Für den Brigadechef Ch'en Yung-kuei hat sich der Einsatz jedenfalls gelohnt. Er machte eine steile Karriere: der 9. Parteitag wählte ihn 1969 ins ZK, auf dem 10. Parteitag 1973 kam er ins Politbüro und 1975 wurde er noch Vize-Premierminister.

Nun war die Betonung der Arbeitskraft durch Mao sicher gar nicht so falsch. Zumindestens weiss er um die einzige Quelle, die Mehrwert schaffen kann, Bescheid, was ältere Bourgeoisien angesichts ihres riesigen Maschinenparks durchweg aus den Augen zu verlieren scheinen. Und für das weitgehend industrielose China lag in der Forcierung des absoluten Arbeitseinsatzes auch sicher eine zwingende Notwendigkeit. Aber diese Methode zeigte eben schon bald ihre klaren Grenzen. Sicher konnten infolge der Kollektivierung ab 1956 erhebliche Mengen saisonal oder ganzjährig brachliegender Arbeitskräfte mobilisiert werden. Aber insgesamt erwies sich, dass die Arbeitsproduktivität nur insofern gesteigert werden konnte, als die jährliche Arbeitszeit pro Arbeitskraft erheblich ausgedehnt wurde. Die getroffenen Massnahmen waren nicht in der Lage, die Produktivität pro Arbeitstag zu steigern. Hier musste im Gegenteil vor allem in der VK-Bewegung eine sinkende Produktivität in Kauf genommen werden. Besonders der fast totale Mangel an moderner Agrartechnik erwies sich immer stärker als Schranke, d.h. die lange hinausgezögerte »Grüne Revolution« musste endlich in Angriff genommen werden.

Zwar gab auch Mao Ende 1959, als das Scheitern seines Sprungs schon offensichtlich war, die Parole aus: »Der grundsätzliche Ausweg für die Landwirtschaft liegt in der Mechanisierung«, aber jetzt brach die Stunde der Liuisten an. Liu hatte schon vorher stets betont, dass der Kollektivierung die Mechanisierung vorausgehen müsse. Den Tenor der wachsenden Kritik gegen den Aktivismus Maos formulierte der Verteidigungsminister Peng Dehuai auf der Lushan-Konferenz im Sommer 1959 in einem Brief an Mao so:
»
Das »Politik-an-die-erste-Stelle-setzen« ist keineswegs ein Ersatz für wirtschaftliche Grundsätze und noch weniger für die konkreten Massnahmen bei der Wirtschaftstätigkeit.« [Schreiben P'eng Te-huais an Mao Tse-tung v. 14. Juli 1959, in: J. Glaubitz, »Opposition gegen Mao«, Ölten 1969, S. 194]
Trotz der im ganzen zahmen Kritik sah Mao darin eine Majestätsbeleidigung. Doch erst nachdem er die Vertrauensfrage gestellt und mit der Wiederaufnahme der Guerillatätigkeit gedroht hatte, gelang ihm die Verdammung von P'eng - der im übrigen von Lin Blao ersetzt wurde.

Die Entwicklung war jedoch nicht mehr aufzuhalten. In den Hungerjahren 1960-62 ergab sich vielmehr eine spontane Dekollektivierungs- und Reprivatisierungsbewegung, die man erst ab 1963 sukzessive eindämmen konnte. Die reorganisierten VK, wie sie etwa seit 1963 Gestalt annahmen, schlossen sich in ihrer Struktur sehr organisch an die Kollektivierung 1956/57 an. Der Boden ging wieder aus dem Besitz des Haushalts in das der PM über. Die Zahl der VK wurde verdreifacht, und es ergab sich jetzt folgendes Verhältnis: rd. 70 000 VK, 500 000 PB u. rd. 3 Mio. PM. Sicher nicht zufällig entsprach damit die vertikale Gliederung in PM, PB u. VK den traditionellen Einheiten des vorrevolutionären Chinas von Marktgemeinde, Dorf und Nachbarschaft. (Ab 1970 wurde im übrigen die Zahl der VK wieder auf etwa 50 000 gesenkt.) Erst nachdem man den Zerfallsprozess in der Landwirtschaft gestoppt hatte, konnten die Vertreter des chinesischen Kapitals ab September 1962 wieder eine längerfristige Orientierung setzen. Und jetzt waren die Liuisten eindeutig am Ruder. Neben dem Slogan »Die Landwirtschaft ist die Grundlage und die Industrie der führende Faktor« wurden die sog. »Vier Transformationen« für die Landwirtschaft verkündet. Damit waren die Mechanisierung, die Elektrifizierung, die Ausweitung der mechanischen Bewässerungsanlagen und der Einsatz von chemischem Dünger gemeint.

Dies war der Beginn der »Grünen Revolution« in China, deren Prinzipien bis heute, von keiner Fraktion bestritten wurden. Unter dem Begriff »grüne Revolution« versteht man im biologischen Sinn die Züchtung und Verbreitung neuer Saaten, sog. Hochleistungssorten. Dieses neue Saatgut bringt aber nur dann höhere Erträge, wenn gleichzeitig bestimmte Mengen Wasser, Dünger und Pflanzenschutzmittel verabreicht werden. Neben die biologische tritt also eine technische Revolution, da die überkommenen Anbaumethoden geändert werden müssen. Die »vier Transformationen« sind also nichts anderes als die chinesische Formulierung der technischen Voraussetzungen zur intensiven Landwirtschaft auf wissenschaftlicher Basis. Der technische Wandel setzt wiederum bestimmte ökonomische und soziale Mechanismen in Gang, da die Herstellung der neuen Rohstoffe für die Landwirtschaft finanziert, das Produzentenverhalten von Subsistenzsicherung auf Überschuss- und damit Marktproduktion umgestellt werden muss und die Herstellung und Anwendung der neuen Agrartechnik infolge von Spezialisierung und Arbeitsteilung erhebliche Einflüsse auf das traditionelle ländliche Sozialgefüge ausüben. Diese Auswirkungen sind natürlich langfristig, aber vom Effekt ermöglichen sie genau das, was Mao im Grossen Sprung auch erreichen wollte - die Aufbrechung der traditionellen Agrarstruktur und damit eine Verbesserung der Erträge. Was aber bei Mao weitgehend in der Luft hing, wird jetzt substantiell ausgeführt. Erst die sukzessive reale Unterwerfung des Agrarbereichs unter die Bedingungen der kapitalistischen Produktion garantiert eine nachhaltige Zerstörung überkommender Produktionsverhältnisse - natürlich letztlich auch mit dem Ziel, die gesamte Landwirtschaft in Staatsregie zu nehmen und den Bauern in einen Landarbeiter zu verwandeln.

Aber das ist noch Zukunftsmusik, denn mit der Stellung der Aufgabe fangen die eigentlichen Probleme erst an. Nur ein Beispiel: Um von den rd. 100 000 im Jahre 1964 vorhandenen Traktoren auf die zur Vollmechanisierung (Kriterium: auf 670 ha. Ackerland fallen 7 Traktoren à 15 PS) benötigte Zahl von 1,1 Mio. zu kommen, brauchte China, wenn die Produktion nicht erheblich gesteigert würde, fast 100 Jahre! [Anm. Zwischen 1958 und 1964 erhöhte sich die Traktorenzahl von 45 330 auf 100 000 Stück, vgl. »China aktuell«, Nov. 1972, S. 28].

Auf dezentraler Ebene wurde die Kleinindustrie auf dem Lande intensiviert und vor- wie nachgeschaltete Fabriken und Werkstätten wurden mit der Landwirtschaft zu agroindustriellen Komplexen ausgebaut. Dabei lieferten erstere die agrarischen Grundstoffe wie Dünger, Zement und Steine für die Bauvorhaben, Elektrizität usw., während letztere die landwirtschaftlichen Produkte weiterverarbeiteten. Hier entstand mit der Zeit ein durchaus beachtlicher Bereich: Die Gesamtzahl der ländlichen Kleinbetriebe betrug Mitte der 70er Jahre ohne die städtische Kleinindustrie ca. 500 000. Sie beschäftigte ca. 10-17 Mio. Lohnarbeiter. 1973 waren das 36,2% der gesamten Industriearbeiterschaft. Gemessen an den ländlichen Arbeitskräften ergab das allerdings nur eine Quote von 5%, die seit 1973 offenbar nicht mehr ausgedehnt wurde. Die Betriebe waren insgesamt technisch wenig entwickelt und entsprachen eher Handwerksbetrieben. In ihrer Leitung unterstanden sie allein der örtlichen Verwaltung.

Ohne auf Einzelheiten eingehen zu können, ergaben sich durch diese Agrarpolitik zusammenfassend folgende Effekte: Durch die Bereitstellung von für die Landwirtschaft wichtigen Grundstoffen konnte die Flächenproduktivität im Durchschnitt erheblich gesteigert werden. Diese Steigerung reichte aus, mit dem Bevölkerungswachstum Schritt zu halten und eine weitgehend stabile und ausreichende agrarische Pro-Kopf-Produktion zu erzielen. Da die zum Einsatz kommende Technik zur Herstellung agrarischer Grundstoffe wie der technische Grad der Arbeitsmittel und Rohstoffe selber - einfache Maschinen, geringe Energieleistung, geringer Nährgehalt des Düngers - vergleichsweise niedrig waren, konnte die Arbeitsproduktivität allerdings kaum gesteigert werden. Der Ersatz von Kapital durch Arbeitskraft spielte also immer noch eine tragende Rolle. Die stagnierende Arbeitsproduktivität und, was noch wichtiger war, die stagnierende Pro-Kopf-Produktion seit Anfang der 70er Jahre, deuteten klar auf Grenzen dieser Strategie hin.

Die ehrgeizigen Pläne der chinesischen Kapitalisten in puncto Agrarerträge konnten deshalb trotz aller Anstrengungen nie erreicht werden. Bedenkt man das zentrale Gewicht der Landwirtschaft für die gesamte chinesische Wirtschaft, so musste das deutliche Konsequenzen für das Tempo der Industrialisierung haben.

1960 verabschiedete man nach längerer kontroverser Beratung z.B. das sog. »Nationale Entwicklungsprogramm der Landwirtschaft 1956-67« - kurz Zwölfjahresprogramm genannt. Ziel des ursprünglichen Plans war es, bis 1967 eine Gesamtgetreideernte von rd. 360 Mio. t. jährlich zu erreichen [vgl. Leslie T.C. Kuo, »The Technical Transformation of Agriculture in Communist China«, New York 1972, S. 9-10, 241-262].
Bei einer Bevölkerung von 1967 ca. 780 Mio. wäre eine Pro-Kopf-Produktion von rd. 460 kg erzielt worden, was natürlich nicht klappte. Dieses Programm sollte dann in einer Neuauflage im Zeitraum 1968-80 erneut anvisiert werden, was bis zum Umschwung unter Deng/Hua auch wieder voll danebenging. Der tatsächliche Leistungsstand lag z.B. 1975 bei rd. 265 Mio. t (ohne Soja). Bei einer geschätzten Bevölkerung von ca. 880 Mio. ergab sich eine Pro-Kopf-Produktion von rd. 300 kg. Da 1975-77 die Grundnahrungsmittelproduktion im wesentlichen stagnierte, hat sich an diesem Problem also praktisch bis heute wenig geändert.

Dies ist deshalb besonders gravierend, weil von der landwirtschaftlichen Produktionssteigerung zu einem guten Teil die Zukunft des gesamten Industrialisierungsprogramms abhängt. Durch die 1963 nachdem Desaster des »Grossen Sprungs« eingeleitete Politik der »Vier Transformationen« sollte deshalb nicht nur eine Getreideerzeugung von rd. 360 Mio. t bzw. 460 kg pro Kopf erzielt werden, sondern darüber hinaus war eine beträchtliche Steigerung der sog. Industrieernte (vor allem Baumwolle, Ölfrüchte, Zucker, Tee, Tabak usw.) vorgesehen. Entsprechend den Hektarertragssteigerungen der Getreideerzeugung sollte die Gesamtgetreidefläche zugunsten der Industrieernten Schritt für Schritt verringert werden. Unter dem Schlagwort »Drei-Drittel-Politik« wurde diese Zielvorstellung Teil des Zwölfjahresplans. Dies sollte bedeuten, dass jeweils rd. ein Drittel der gesamten Agrarfläche für Getreide, Industrieernten sowie Gemüse und Obstanbau zur Verfügung stehe. Man sieht, welche gewaltigen Aufgaben im aktuellen Programm der jetzigen Modernisierungsanstrengungen zu bewältigen sind: Dass sie sich bis jetzt als undurchführbar erwiesen hatten, war ja schon für die Getreideproduktion demonstriert worden. Zusammen aber mit der »Drei-Drittel-Politik« wird das Auseinanderklaffen von Plan und Wirklichkeit noch deutlicher: Statt der erwarteten 360 Mio. t Getreide auf einem Drittel der jährlich bebauten Fläche wurde 1975 nur 265 Mio. t auf rd. drei Viertel der jährlich bebauten Fläche erzielt.

Trotz aller Anstrengungen, die die Vertreter des chinesischen Kapitals nach ihrer Machteroberung unternommen hatten, konnte China also keinen entscheidenden Durchbruch seiner Agrarproduktion erreichen. Die landwirtschaftliche Produktion - insbesondere die Getreideproduktion - stieg nur unwesentlich schneller als die Bevölkerung. Die deutlich feststellbaren Verbesserungen des ländlichen Lebensstandards wurden nicht durch ein gesteigertes Produktionswachstum erzielt, sondern in erster Linie durch eine spürbare Verbesserung der Austauschrelationen zwischen Industrie und Landwirtschaft zugunsten der Landwirtschaft - gingen also letztlich auf Kosten einer forcierten Industrialisierungspolitik.

Der bisherige Aufwand an agrarkapitalistischen Investitionen brachte immerhin in absoluten Zahlen eine Mehrerzeugung von 1975 rd. 80 Mio. t gegenüber 1957 (185 Mio. t). Wesentliche für diese Steigerung waren vor allem die Bereiche Wasserbau und Düngemittel. Gewaltige Be- und Entwässerungssysteme vor allem in Mittel- und Südchina ermöglichten dort eine bedeutende Ausdehnung der Zwei- und Drei-Ernten-Flächen. Es erscheint aber, dass auch diese Entwicklung vorläufig an ihre Grenzen gestossen ist. Auch eine vermehrte Düngung ohne zusätzlichen Einsatz der anderen agrartechnischen Bereiche wie Saatgutforschung, Be- und Entwässerung sowie Mechanisierung erweist sich ab einem gewissen Punkt als ziemlich wirkungslos. Wegen der besonderen Anstrengungen in Südchina hat die chinesische Reisproduktion nahezu Weltstandard erreicht. Hier dürften in Zukunft nur relativ geringe Wachstumsraten zu erzielen sein.

Im Gegensatz dazu scheint ein grundsätzlich grösserer Spielraum für die Trockengetreideerzeugung in den nördlichen Gebieten Chinas, insbesondere in der Nordchinesischen Tiefebene, gegeben zu sein. Hier liegen die Hektarerträge erheblich unter dem Weltstandard. Grundvoraussetzung für entsprechende Ertragssteigerungen ist jedoch ein gross angelegter Ausbau der regionalen Wassersysteme in den traditionellen Weizenprovinzen nördlich und südlich des Gelben Flusses. Im Gegensatz zu den südchinesischen Anbaugebieten und zur Agrarregion entlang des Yantsekiang ist dieser Ausbau bisher nur in bescheidenem Masse erfolgt. Die Ursachen hierfür liegen vor allem in der gänzlich anders gearteten Problematik der Nordchinesischen Tiefebene, und während im südlichen China der Entwässerung eine mindestens ebenso grosse Bedeutung zukommt wie der Bewässerung, machen die häufigen und langanhaltenden Sommerdürrezeiten Nordchinas Fragen der Bewässerung zum Hauptproblem. Von den grundsätzlich gegebenen drei Möglichkeiten - Grundwasser - schon weitgehend ausgenutzt, Wasser vom Gelben Fluss - zu verschlammt -, bleibt im Grunde nur die Ableitung eines Teils der Wassermassen des Yangtsekiang in die Tiefebene. Pläne dazu bestanden schon seit langem, aber zu ihrer Realisierung sind so gewaltige Mittel erforderlich, dass sie bislang die Kräfte Chinas überstiegen. Im Rahmen der »Vier Modernisierungen« wurde auch auf dem 5. Nationalen Volkskongress im März 1978 dieses Projekt wieder ernsthaft in Angriff genommen. Der Plan sieht die Umleitung von Wasser des Yangtse über tausend Kilometer nördlich nach Tientsin vor und soll etwa der Route des alten Grossen Kanals folgen, der zur Hauptwasserstrasse zwischen dem Norden und dem Süden ausgebaggert, für 4 Mio. ha von Dürre betroffenen landwirtschaftliche Flächen Bewässerung bringen soll. [»New China News Agency« (NCNA), 25.8.78] Solange dieses gewaltige Vorhaben nicht realisiert ist, wird die chinesische Getreideerzeugung auch weiterhin in einem Wettlauf mit dem Bevölkerungswachstum stehen.

Zum besseren Verständnis der chinesischen Agrarprobleme müssen wir aber noch einmal auf die Konsequenzen der »Grünen Revolution« eingehen. Aufgrund der Grösse des Landes und der mangelhaften Infrastruktur betrieb der chinesische Staat bekanntlich von Anfang an eine Politik der regionalen Autarkie. Das bedeutete für die Landwirtschaft eine Tendenz zu unterschiedlichen Entwicklungsstufen je nach vorliegenden natürlichen Bedingungen. Zwei Schlüsselbegriffe - sichere Ertragsgebiete und sichere Hochertragsgebiete - beinhalten sowohl die vorrangigen Zielvorstellungen der chinesischen Mechanisierungspolitik als auch die Unterscheidungsmerkmale für die ärmeren und reicheren Agrarregionen. Die gesamte landwirtschaftliche Nutzfläche Chinas beträgt ca. 140 Mio. ha; 33 Mio. ha oder rd. ein Viertel sind sog. »sichere Ertragsflächen«, und wiederum ein Teil davon - 1971 geschätzte 13 Mio. ha bzw. ein knappes Zehntel der gesamten Nutzfläche wird als sog. »sichere Hochertragsfläche« deklariert [vgl. A.L. Erisman, »China: Agricultural Development 1949-71«, in: »People's Republic of China: An Economic Assessment, A Compendium of Papers Submitted to the Joint Economic Committee«, Congress of the United States, S.134]. Ein Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche kann also als relativ reicheres Gebiet eingestuft werden. Die Hauptziele der landwirtschaftlichen Mechanisierungspolitik liegen darin, die »sicheren Ertragsflächen« zu festigen und mehr noch den Anteil der »sicheren Hochertragsflächen« zu steigern. Nur in zweiter Linie erstrecken sie sich auf die Agrarregionen mit nichtklassifizierten Anbauflächen. Diese Prioritäten lassen sich in einigen wenigen Vergleichszahlen deutlich ablesen. Seit 1963 ist die Gesamthektarzahl der »sicheren Anbauflächen« nicht mehr gestiegen. In jenem Jahr betrug sie offiziell 33,5 Mio. ha [NCNA, 30. 11.1963]. Das heisst, die konkrete Agrarpolitik war weder vor noch nach der Kulturrevolution darauf ausgerichtet, die ungünstigen Agrarregionen mühsam mit »sicheren Anbauflächen« zu versorgen, sondern sie konzentrierte sich darauf, innerhalb der bereits bestehenden »sicheren Anbaugebiete« den Anteil der »sicheren Hochertragsgebiete« zu steigern. Die »sichere« Gesamtanbaufläche wurde seit der Zeit des Ersten Fünfjahresplans 1953-57 - abgesehen von einer kurzen Episode 1958/59 - nicht mehr vergrössert. Im Gegensatz dazu stieg die Gesamtzahl für die »sicheren Hochertragsgebiete« mit energiebetriebenen Be- und Entwässerungsnetzen sowie einem relativ hohen Grad an maschineller Ausstattung von 1963 7,6 Mio. ha auf die bereits erwähnten 13 Mio. ha 1971. [vgl. Erisman, S. 134] und ist seither ständig weiter ausgedehnt worden. Hauptziel der Mechanisierungspolitik ist also nicht die quantitative Neugewinnung rentabler Ertragsflächen in den wirtschaftsgeographisch benachteiligten Regionen Chinas, sondern die Steigerung der Produktion in denjenigen Gebieten des Landes, die bereits seit den frühen 50er Jahren als die agrarischen Zentralregionen gelten. Die Politik des »Auf-zwei-Beinen-Gehens« hat diese Entwicklung eher verfestigt als revidiert.

Das bedeutet natürlich keine absolute Vernachlässigung der ärmeren Regionen. Spätestens seit 1972 dient Dazhai als praktisches Demonstrationsmodell dafür, was alle diejenigen Gebiete zu tun haben, denen staatliche Unterstützung kaum zufliesst.

Neben den Massnahmen zur Beruhigung der Bauern und zur Förderung ihrer materiellen Leistungsmotivierung wie Gewährung von Privatland, Nebentätigkeit, freie Märkte, neue Entlohnung etc. konzentrierte sich also die Agrarpolitik auf einen zunehmenden Ausbau der landwirtschaftlichen Produktivkräfte. Dabei nahm man wachsende Unterschiede zwischen den einzelnen Landesteilen ganz im Gegensatz zur geläufigen Phrase vom Abbau der Unterschiede zwischen Stadt und Land bewusst in Kauf. Da man der »Privatinitiative« der Bauern insgesamt mehr Raum gab, entwickelte sich eine soziale Differenzierung innerhalb der einzelnen Regionen. Und überhaupt mussten die agrarkapitalistischen Bemühungen eine gleichsam naturwüchsige Tendenz zur Arbeitsteilung, Spezialisierung und allgemeinen Klassenbildung begünstigen. Waren aber Auszehrung der VK und Anschwellen des Bürokratismus noch angegangen, so mussten die Maoisten vor allem über den damit einhergehenden Gesinnungsschwund bestürzt sein, der diesem als krämerhaft empfundenen System auf dem Fusse folgte. Dahin war es also mit der Revolution gekommen. Die Bauern - und natürlich auch die Arbeiter - lebten und arbeiteten wieder sichtbar ohne Rücksicht auf den »Gemeinnutz«. Aber diesmal zog der neue Sturm weitgehend ungefährlich über den Bereich der Landwirtschaft, dies sicher auch, weil Mao von seiner Sprunglektion kuriert, in weiten Teilen die neue Agrarpolitik der dezentralen Mechanisierung mit verantwortet hatte. Alle Versuche, die Bauern zu Lohnarbeiter mit Kadavergehorsam zu trimmen, blieben nicht zuletzt aus Angst vor einem neuen Produktionseinbruch im Vorfeld stecken. Insoweit brachte die Kulturrevolution keine grundlegende Änderung. Das Einschneidenste waren die Zwangsdeportationen revoltierender Rotgardisten ab 1968, und die Stationierung von Truppen der »Volksbefreiungsarmee«, die darauf aufpassten, dass die Bauern bei ihrem Protest gegen die Regierung nicht das Geschäft von Aussaat und Ernte vergassen. Und auch wenn die Maoisten eine Stärkung des »Kollektivs« gegenüber den Einzelbauern im Sinne hatten, so war doch meistens der Partei- bzw. Staatsapparat eben gerade durch die maoistischen Attacken so weit paralysiert, dass die staatlichen Ankaufstellen nicht funktionierten, weswegen die Bauern gezwungen waren, zum freien Verkauf ihrer Erträge überzugehen. Auf diese Weise setzten sich ironischerweise in vielen Dörfern jene Produktionsverhältnisse durch, die die Maoisten bekämpfen wollten. Die Bemühungen des »engsten Waffengefährten« Lin Biaos, unter dem bezeichnenden Schlagwort »700 Mill. Menschen werden 700 Mill. Soldaten« ein Zurück zu den »Drei Roten Bannern« früherer Jahre zu probieren, scheiterten schnell am Widerstand der Bauern und der mit der Stimmung vertrauten Provinzchefs. Mit folgenden epischen Versen versuchte er sich als zweiter Mao:
»
Wir gehen in fliegenden Sprüngen voran, mit einer Geschwindigkeit, die einen Tag zu 20 Jahren werden lässt.«
Mit einer maoistischen Militärdiktatur wollte er endlich wieder Zucht in den »Sauhaufen« der chinesischen Bauern und Arbeiter bringen. Dabei ruhte das Auge des Meisters wohlgefällig auf seinem Jünger, denn auch ihm lag die Mobilisierung der Landbevölkerung zu ideologisch korrektem politischen Verhalten besonders am Herzen. Es ist eben immer das gleiche alte Lied:
»
Alle Untertanen werden aufgefordert, die Gefühle Ihrer Majestät zu teilen.« (Büchner, »Leonce und Lena«, III/3)

Aber die Bauern hatten jetzt gründlich die Schnauze voll. Sie antworteten auf diese maoistische Renaissance in einer Reihe von Dörfern mit Bummelstreiks während der Ernte. Im Spätsommer 1971 berichteten die Publikationsmedien der Provinzen Hunan und Fukien sogar von offenen Widerstandshandlungen der Bauern gegen Versuche der lokalen Parteiorgane, die Grundsätze der maoistischen Dazhai-Bewegung in den Dörfern durchzusetzen. Mag der Unmut auch nicht immer offene militante Formen erreicht haben, so drohte doch der ganzen, sowieso immer auf dünnem Eis sich bewegenden Agrarpolitik eine schwere Gefahr, falls man die Bauern weiter provozierte. Seit Anfang Juli 1971 begannen die Anhänger eines pragmatischen Kurses in der Landwirtschaft in ihrer Kritik über die von Lin Biao vertretenen Vorstellungen hinauszugreifen und den maoistischen Ansatz von 1958 selbst wieder in Frage zu stellen. Hierzu bot die Kampagne gegen den Chefideologen Maos, Chen Boda, der an der Formulierung von Maos Vorstellungen 1958 massgeblich Anteil gehabt hatte, einen willkommenen Anlass. Das liest sich dann so:
»
Im Sommer 1958 täuschte der pseudomarxistische politische Schwindler vom Typ Liu Shao-ch'is den Vorsitzenden und peitschte in wahnwitziger Weise eine pseudokommunistische Hochflut in den Dörfern auf... Daraus entstand Tyrannei, die den Massen grosse Leiden brachte.« [RMRB, 15.8.1971].
Und dies wurde damals von der Mehrheit der Regionalkommandanten und des zivilen Verwaltungsapparats geteilt. Die Entscheidung über die Richtung der Landwirtschaftspolitik nahm so jene über das persönliche Schicksal Lin Biaos vorweg. Der Sturz des designierten Nachfolgers Maos war damit unvermeidbar geworden. Von nun an war von den Maoisten kaum noch mehr als ein permanentes Mäkeln zu vernehmen, in der Praxis bewirkten sie aber nichts. Höchstens störten sie mit ihren ewigen Attacken.

Die Versuche der Maoisten, die Erträge der Landwirtschaft vor allem über die extensive Ausbeutung der Arbeitskraft zu erzwingen, hatten in der kurzen Episode Lin Biaos einen neuerlichen Bankrott im Widerstand der Bauern erfahren. Ein Durchbruch zur höheren Agrarproduktion war so allein nicht mehr zu erzielen. Die in früheren Jahren betriebene dezentrale und hauptsächlich auf die Verantwortung der Kollektive abgestellte Agroindustrialisierung hatte nämlich in zweierlei Hinsicht zu Anfang der 70er Jahre immer deutlicher ihre Grenzen aufgezeigt. Die zur Anwendung gelangte einfache Agrartechnik hatte die Arbeitsproduktivität im Agrarbereich höchstens minimal gesteigert. Zweitens bewirkte die autarke, regionale Praxis eine zunehmende Differenzierung des Entwicklungsniveaus innerhalb des Agrarsektors. Anders als Lin suchten die Pragmatiker in einer Forcierung der »Grünen Revolution« den Ausweg: Seit 1973 wurden Massnahmen eingeleitet, die das Schwergewicht der Agroindustrialisierung zu Ungunsten der Kleinbetriebe verlagern sollten.

Diese gleichsam dritte Phase chinesischer Agrarpolitik lässt sich gut am Beispiel der Chemiedüngerproduktion illustrieren. Nachdem man zunächst die in Kleinbetrieben erzeugte Düngerproduktion durch wachsende Importe ergänzte, wurden seit 1972/73 komplette Chemieanlagen geordert. Bis Januar 1976 - im Jahr 1976 erfolgten keine weiteren Bestellungen mehr - waren es 37 Anlagen im Auftragswert von mehr als 700 Mio. US $ mit einer Gesamtkapazität von mehr als 15,17 Mio. jato, was in etwa der der gesamten ursprünglichen Produktion der Kleinbetriebe entsprach. Bei diesen Betrieben handelte es sich in Dimension und Technik um die modernsten und grössten Produktionsstätten, die z.Zt. auf der Welt gebaut werden können. Interessant sind auch die Standorte: Soweit bekannt, liegen sie überwiegend in Regionen, die als »sichere Hochertragsflächen« zu charakterisieren sind.

Auch wenn die Entwicklung in anderen Branchen nicht so massiv erfolgte, ist die Konsequenz dieser Massnahmen doch deutlich: Auch wenn die Kleinindustrie in der zukünftigen Agrarpolitik sicher noch eine Rolle spielt, so haben sich aber die Gewichte klar zugunsten der Grossproduktion verschoben. Die noch vorhandenen Kleinbetriebe werden darüber hinaus von autarken regionalen Einheiten immer mehr zu Zulieferern der Grossen und so in ein überregionales Produktionsnetz eingespannt. Das ist allerdings noch Perspektive, aber die Richtung wurde klar nach dem Sturz Lins gelegt und im Programm der »Vier Modernisierungen« Chous vom Januar 1975 (V. Volkskongress) fixiert und soll jetzt bekanntlich in der Ära des »Neuen langen Marsches« vollendet werden. Mit wachsender Umsetzung dieser agrarkapitalistischen Massnahmen wäre damit in der Tat ganz im Sinne der maoistischen Visionen die traditionelle chinesische Landwirtschaft verändert worden.

II. Industrie
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Von der Industrie war 1949 nicht mehr viel übrig, die Schwerindustrie in der Mandschurei demontierten zum Schluss noch die Russen. Später sollten sie ihren »Brüdern« als Ersatz ältere Maschinen verkaufen. Enteignet wurde nur das »bürokratische Kapital«, das im wesentlichen den vier Familien Chiang, Sung, Kung und Chen gehörte. Das »nationale« Kapital war ja Bundesgenosse und konnte zunächst wie gewohnt weitermachen. Bis 1956 wurde aber dieser Bereich auch verstaatlicht, wobei die Eigentümer durch regelmässige Zinsen von 5% und meistens auch entsprechenden Gehältern abgefunden wurden. Diese Regelung wurde erst in der Kulturrevolution aufgehoben, soll aber jetzt unter der neuen Ordnung der Herren Hua/Deng wieder aufgenommen werden. Auch das ausländische Kapital behandelten die Maoisten sehr rücksichtsvoll. Japanischer, deutscher und italienischer Besitz war 1945 bereits von der KW-Regierung kassiert worden.

Die zweite Welle der Enteignungen seit Ende 1950 betraf zunächst nur das US-Kapital und wurde den Maoisten quasi auf gezwungen. Als Reaktion auf den chinesischen Eintritt in den Korea-Krieg verhängte die Truman-Regierung unter Berufung auf den »Trading with the Enemy Act« von 1917 am 17.12.1950 ein Handelsembargo gegen China und beschlagnahmte sämtlichen chinesischen Besitz in den USA. Jetzt zogen die Chinesen am 29.12.1950 gleich. Auch diese Massnahme war keineswegs entschädigungslos. Deswegen spielt dieser gegenseitige Ausgleich bei den Verhandlungen über einen Handelsvertrag 1979 noch eine Rolle.

Durch das Embargo waren die anderen ausländischen Betriebe praktisch von ihrer Zentrale abgeschnitten, weswegen nicht selten die jetzt erfolgenden Enteignungen auf ausländisches Ersuchen vorgenommen wurden. Die letzte englische Wollfabrik wurde aber erst 1959 nationalisiert. Nach der Konsolidierung der ersten Jahre wurde bekanntlich die erste Investitionsphase vor allem mit russischen Lieferungen durchgeführt. In der ersten Planperiode (1953-57) beliefen sich die Bestellungen der Chinesen auf 156 Projekte mit Gesamtkosten von ca. 1,4 Mrd. US $. Dabei sind diese Angaben, wie auch die Exporte Russlands und anderer »Ostblockländer« nach China in den folgenden Jahren bis 1963 keineswegs immer exakt. Wichtig ist hier nur der Einblick in die ungefähre Grössenordnung: Insgesamt lieferte der Ostblock um die 200 Betriebe und schuf damit das Rückgrat der chinesischen Industrialisierung. Da sich die Russen, anders als während des Koreakrieges bei Rüstungskrediten, jetzt weit weniger spendabel erwiesen, und China vor allem mit agrarischen und mineralischen Rohstoffen die Rechnungen begleichen musste, überstieg dieser Handel sehr bald die Potenzen der chinesischen Wirtschaft. Zusammen mit der Stagnation in der Landwirtschaft wurde bald klar, dass dieser Weg wirtschaftlich in die Sackgasse und politisch in wachsende Abhängigkeit von Russland führen würde.

Maos Radikalkur des »Grossen Sprungs« sollte ja nicht nur in der Landwirtschaft den Durchbruch schaffen. Die massenhafte Mobilisierung von Arbeitskraft sollte vor allem die industriellen Investitionen steigern. Der chinesische Arbeiter sollte bekanntlich Maos Wunderwaffe sein. Diesen Schöpfer des Mehrwerts galt es zu wahren Höchstleistungen anzuspornen und bei geringstem Eigenverbrauch für die Industrialisierung auszubeuten. Und dieser Grundgedanke war sicher völlig richtig - nur die Umsetzung führte bekanntlich zur Katastrophe. Unter dem Schlachtruf »Auf eigenen Füssen stehen« setzte eine Industrialisierung des Landes ein, die in einer Unzahl von weitgehend wenig aufeinander bezogenen Kleinbetrieben die Produktion maximieren sollte. Diese »Sprungbetriebe« in den bäuerlichen Hinterhöfen produzierten wie wild Eisen und Stahl, ohne dass die Weiterverarbeitung überhaupt gesichert war. Diese Missverhältnisse zwischen den einzelnen Wirtschaftsbereichen führten zwangsläufig zur Krise. In der Schwerindustrie kommt der grosse Einbruch 1961 und damit wurde die »Sprungpolitik« auch endgültig gestoppt. Die bis zu 100 Mio. Bauern, die in der Eisen- und Stahlkampagne mobilisiert wurden, mussten wieder schwerpunktmässig in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Die Überkapazitäten in der Schwerindustrie wurden schlagartig stillgelegt und der zwischen 1958 und 1960 produzierte riesige Eisen- und Stahlberg verrottete zum grössten Teil.

Wie im Agrarbereich, setzten die Liuisten in der Industrie ihre Prinzipien durch. Der Vorrang der Schwerindustrie bleibt zwar unbestritten, doch plädiert man für eher mässige Investitionsraten und ein gleichmässigeres Wachstum. Man wendet sich gegen den Aufbau von Kleinbetrieben und umfangreiche Investitionen im Hinterland. Im grossen und ganzen knüpft man an die Erfahrungen der Jahre vor dem »Grossen Sprung« an. In den sog. »70 Artikeln zur Industriepolitik« schreibt man folgende Grundsätze fest: materielle statt politische Anreize, Manager statt Parteikomitees in der Betriebsführung, anstelle der Massenlinie feste Regeln in der Betriebsführung, Verantwortlichkeit des Chefingenieurs, gleichgewichtiges und stetiges Wachstum statt Sprünge, Verwendung von ausländischer Technik. Insgesamt betonen die Liuisten das Einzelinteresse mit der klassischen These, dass die Summe der Einzelinteressen das Gesamtinteresse ausmache.

Durchgängig kritisiert diese Fraktion den »Grossen Sprung« als irrational, als insgesamt verfrüht. Statt auf Quantität müsse vor allem auf Qualität der Produktion geachtet werden. Insgesamt müsse die Rentabilität bei allen Investitionen im Vordergrund stehen. Liu fordert dazu auf, das kapitalistische Management des Westens zu studieren und auch in der chinesischen Industrie das wirtschaftliche Rechnungswesen einzuführen. Die einzelnen Branchen sollen nach Art kapitalistischer Trusts unter zentraler Leitung der Ministerien und das Fabrikmanagement wie in kapitalistischen Betrieben organisiert sein. Dabei sollen die Ministerien nur die globalen Rahmenbedingungen vorgeben, während die einzelnen Betriebe weitgehend autonom nach wirtschaftlichen Kennziffern produzieren können. Die Profitmaximierung steht dabei ganz im Vordergrund. Wissenschaft und Technik sollen zur Produktivkraftentwicklung gezielt eingesetzt werden, wobei auch wieder die Notwendigkeit betont wird, vom entwickelten Kapital des Westens zu lernen. Stand bei Mao ganz die absolute Mehrwertproduktion im Vordergrund, so wird jetzt immer stärker die Notwendigkeit ihrer Ergänzung durch relative Mehrwertproduktion mit Hilfe einer verbesserten Produktivität und Intensität der Arbeit betont. Und das war auch nur konsequent, denn im Laufe der ersten Investitionsphase bis zum »Grossen Sprung« war die Grundlage der Industrialisierung Chinas gelegt, und die Mittel der überwiegend extensiven Ausbeutung zeigten immer offener ihre Grenzen. Steht am Anfang jeder Industrialisierung vor allem die erste Installierung der Produktivkräfte unter einer eher langfristigen Perspektive, die nicht bei jeder Massnahme allein nach den unmittelbaren Profiten fragen kann, so muss sich andererseits je nach dem Grad der Produktivkraftentwicklung gerade dieses Rentabilitätskriterium immer deutlicher als zentrale Aufgabe stellen. Ziel jeder kapitalistischen Akkumulation ist der Mehrwert, um ihn wieder investieren zu können. Was und wie produziert wird, bestimmen klare Gesetze, die zu missachten letztlich nichts anderes als Vergeudung bedeutet. Diese Lektion war den chinesischen Kapitalisten während des »Grossen Sprungs« überdeutlich demonstriert worden. Nicht der menschliche Wille bestimmt den Gang der Produktion, sondern das Wertgesetz diktiert Produktion und Verteilung nach Massgabe der spezifischen kapitalistischen Logik. Als sich hinter dem Rücken der Produzenten herstellender gesellschaftlicher Zusammenhang und blindwirkender Regulator der kapitalistischen Produktionsweise bewirkt das Wertgesetz zweierlei: Es sichert die Durchsetzung der den jeweiligen Entwicklungsstand der Produktivkräfte gemässen Produktionsbedingungen und es verteilt die gesellschaftliche Arbeit den Erfordernissen des Akkumulationsprozesses entsprechend auf die verschiedenen Produktionssphären. Deshalb ist nicht erstaunlich, dass auch das chinesische Kapital, das von Anfang an weniger den Mythos des Plans betonte, sondern vielmehr eine dezentral-einzelbetriebliche Industrialisierung betreiben musste, ziemlich bald mit diesen Gesetzmässigkeiten Bekanntschaft machen musste. Im Laufe der Wirtschaftsentwicklung konnte man sich jedenfalls die, Unschuld Maos nicht mehr leisten. Ganz im Sinne der stalinistischen Propaganda sollte auch jetzt das »Wertgesetz« für die »Planung« furchtbar gemacht werden. Der Haupttheoretiker dieser Diskussion war Sun Ye-fang. Er gab der liuistischen Politik ihren theoretischen Anstrich. Sun, von dem der Ausspruch überliefert ist
»
Ich gehe weiter als Liberman« [wichtigster Reform-Ökonom der Ära Chruschtschow],
war ein massiver Kritiker der maoistischen Praxis des »Grossen Sprungs«. Nach seiner Ansicht musste die Generallinie lauten:
»
Einheit von Kosten und Nutzen oder die Erzielung eines Maximums an Nutzen bei einem Minimum an Kosten«.
Um unzureichende Nutzung von Ressourcen, ineffektive Betriebsführung und Verschwendung zu vermeiden, sollte das Nettoprodukt, also die jeweilige Verwertung des Kapitals, gegenüber dem Bruttoprodukt im Vordergrund stehen. Die Planung sollte sich weniger am Gebrauchswert als an der zu ihrer Herstellung gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit orientieren. Ob dieses Kriterium erfüllt wird, misst sich am Profit, den ein Unternehmen macht. Nettoprodukt und Profit sind somit die zentralen Planziele, wobei das Nettoprodukt als Produktionswert abzüglich der Produktionskosten und der Profit als Nettoprodukt abzüglich der Löhne definiert wird. Das Planziel der Profitmaximierung soll also ganz richtig in erster Linie durch Kostenminimierung erreicht werden. Statt Mengen- sollen den Betrieben deshalb Profitkennziffern vorgegeben werden. Danach sind die Betriebe angehalten, die produktivste Technik und Arbeitsorganisation anzuwenden, Rohstoffe zu sparen und die Produktionsmittel effektiv zu nutzen.

Auch wenn hier nicht detailliert auf die Diskussion um Wertgesetz und Planung in China eingegangen werden kann, so wird aus dem hier kurz Skizzierten doch klar, dass Sun mit erfreulicher Offenheit die objektiven Gesetze der kapitalistischen Akkumulation als auch für die chinesische Produktion allein gültig aufzeigt. Natürlich wird das alles durch Schwüre auf den Sozialismus garniert, aber insgesamt konnten sich die Vertreter des chinesischen Kapitals keine Selbsttäuschung mehr leisten. In Theorie und Praxis setzte so die Mannschaft um Liu Daten, hinter die man in den folgenden Jahren nicht mehr zurückfallen konnte. Das war auch um so weniger möglich, als diese Politik nichts anderes tat, als der sog. »normativen Kraft des Faktischen«, also den immanenten Gesetzen des Kapitals ihren Tribut zu zollen.

Verbunden mit der Entwicklung des Kapitalismus war natürlich auch in China eine zunehmende Veränderung der Industriestruktur, wie in der Landwirtschaft eine Umwälzung in den Beziehungen zwischen Boden, Arbeit und Kapital, zwischen Landwirtschaft, Handel und Industrie und zwischen Stadt und Land im allgemeinen. Die alten Mythen mit ihrer Betonung auf Überwindung der verschiedenen Gegensätze wurden von der Wirklichkeit immer offener konterkariert. Die kapitalistische Klassengesellschaft bekam mit wachsender Industrialisierung erst ihre eigentliche Façon. Die Parole der Volksgemeinschaft verkam zur schlichten Propaganda.

Den Maoisten passte natürlich diese ganze Richtung nicht. Mao grollte beständig im Hintergrund, versuchte mit seiner 1962 gestarteten »Sozialistischen Erziehungsbewegung« den chinesischen Volksgenossen wieder auf den rechten Pfad der Selbstlosigkeit und des freudigen Arbeitseinsatzes zu trimmen, sein Einfluss auf die Entwicklung blieb aber insgesamt bescheiden. In seiner bekannten Manier ging er dann wieder auf's Ganze. In einem beispiellosen Terror wurden innerhalb kurzer Zeit von einer aus dem Boden gestampften Jugendbewegung Parteiapparat und Verwaltung auf den verschiedenen Ebenen zerschlagen. Bis zu jeweils 2/3 der Führungskader verschwanden in der Versenkung. Die maoistische Fraktion sprach mit der liuistischen Fraktur, um ihre vermeintlich bessere Taktik der Industrialisierung im Kapitalismus zu retten. Das Ganze blieb aber auf der Oberfläche. Eingriffe in Industrie und Landwirtschaft waren insgesamt vorsichtig, zu tief steckte noch der Schock des »Grossen Sprungs«. Und letztlich erlebte Mao, dass für engbegrenzte taktische Massnahmen eingesetzte Massen sehr leicht ausser Kontrolle geraten und man dieser Eruption nur durch Eindämmung und massive Repression Herr werden kann. Seit Anfang 1967 hatte er jedenfalls alle Hände voll zu tun, um sich der sich zunehmend radikaler gebärdenden Rebellenhaufen zu erwehren. In einer blutigen Militäraktion mit um die 400 000 Toten gelang es schliesslich, diese soziale Revolte der Zukurzgekommenen im Blut zu ersäufen. Das Militär war jetzt die alleinige Kraft, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt erzwang. Die maoistische Propaganda der »Konmune von Shanghai« verkam in der Realität zum »Revolutionskomitee«, in denen unter Militäraufsicht erfahrene Kader, die man oft gerade erst zum Teufel geschickt hatte, und Arbeiter den politischen Bestand zu retten hatten. China hatte zwar dank Mao seine zivilen Kader zum grossen Teil gefeuert, dafür hatte man jetzt eine Militärdiktatur. Auch in Fabriken und Kommunen quartierten sich Soldaten ein, die während mehrerer Jahre durch ihre Anwesenheit für die nötige Arbeitsfreude zu sorgen hatten. Die Neuauflage der »Grossen-Sprung«-Praxis unter Lin Biao blieb auch in der Industrie Episode. Die materiellen Veränderungen in China hatten eben Bedingungen gesetzt, die man nicht mehr einfach beiseitefegen konnte.

Wie in der Landwirtschaft kam auch in der Industrie nach dieser zweiten Lektion für Mao die kapitalistische Entwicklung sehr bald wieder mit den gleichen Grundsätzen, aber mit stärkerem Schwung in Gang. Zhou Enlai reaktivierte nach Lin's Sturz all die »bürgerlichen Machthaber«, die Militärs wurden spätestens zur Jahreswende 1973/74 von den wichtigsten politischen Posten entfernt. Sie hatten ihre Schuldigkeit getan. Die Dauerkampagnen der Maoisten konnten diese Entwicklung in den folgenden Jahren nie umkippen, sondern höchstens verzögern. Solange Mao lebte, bildeten sie eine permanente Schleifspur in der kapitalistischen Entwicklung. Man kann sich die Erleichterung vorstellen, die alle Verantwortlichen ergriff, als der »Alte« endlich das Zeitliche segnete. Man pfiff auf Pietät und Trauerzeit. Den Rest der maoistischen Clique erledigte man so bald wie möglich. Pointiert könnte man sagen, dass damit zum zweiten Mal in der jüngsten Geschichte Schranken der Produktivkraftentwicklung zu Fall kamen.

Trotz aller Eigentümlichkeiten der chinesischen Politik ist die Entwicklung aber keineswegs originell. Sie widerspiegelt vielmehr die typischen politischen und sozialen Brüche, die die ökonomische Dynamik des Kapitalismus noch stets begleitet haben. Vor allem in heute sich kapitalistisch entwickelten Ländern trifft man trotz verschiedener Ausformungen und mancher Überlagerungen diese Prozesse an. Am Anfang steht der Sturm »populistischer« Mobilisierung, häufig von »Volkstribunen« entfacht. Je nach revolutionärer Ausstrahlung setzen sie die Grundlagen für den sozialen Umbruch, fixieren die Massen auf ihre Person und erzeugen so die soziale Mobilisierung, die nötig ist, um das Volk hauptsächlich für das »Gemeinwohl« arbeiten zu lassen. Ist die Euphorie verflogen, hat die kapitalistische Entwicklung die sozialen Spannungen verschärft, dann folgt die Periode des offenen Zwangs und nicht zufällig ist dies meist die Stunde der Militärs. Hier ist die Ausbeutung nur noch qualvolle Pflicht und die soziale Atmosphäre durchzogen von wachsender Spannung.

Hat sich der Kapitalismus gemästet und so durch die wachsende Zahl von Fabriken wie Maschinen eine halbwegs kräftige Statur gewonnen, so übernehmen durchweg zivile »Rechte« das Geschäft. Es sind eher nüchterne, farblose Technokraten, die allein in den strengen Kategorien von Gewinn und Verlust zu denken pflegen. Die Ausbeutung hat sich jetzt soweit eingespielt, dass sie auf den immanenten Zwang der Produktion und die wachsende Kontrolle der Maschinerie vertrauen können, was eine Änderung der staatlichen Fassade ermöglicht. Wenn auch diese Etappen sich nicht immer so klar voneinander trennen lassen, in China bestimmen sie jedenfalls den Ablauf: Zuerst die bürgerliche Revolution Maos mit seiner allgemeinen Volksstimulans, dann die Entwicklung zur wachsenden Militarisierung aller Lebensbereiche und zum Schluss seit der Kulturrevolution die allmähliche Herrschaft der Pragmatiker, die seit dem Tode Maos allein die Regie übernommen haben.

III. Wirtschaft allgemein

1. Ergebnis
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Um die Entwicklung Chinas einschätzen zu können, wurden bisher einige Grundlagen in Landwirtschaft und Industrie skizziert, die noch einer Zusammenfassung und teilweisen Vertiefung bedürfen. Viele Bereiche mussten natürlich ausgeblendet werden. So gab es einen zunehmenden Ausbau der Zirkulationssphäre. Für eine handelsmässige Verbindung der einzelnen Wirtschaftsräume wurden gewaltige Anstrengungen unternommen, um über Ausbau der verschiedenen Transportwege und Aufbau einer weitmaschigen Handelsorganisation die Voraussetzungen für einen wachsenden Warenaustausch zu legen. Die Ergebnisse gerade auf dem Transportsektor sind aber immer noch eine der zentralen Schwierigkeiten des kapitalistischen Chinas und gerade in der jetzigen Phase des »Neuen Grossen Sprungs« werden viele Mittel in Eisenbahn, Strassen, Flüssen usw. investiert werden müssen, um die allgemeinen äusseren Voraussetzungen der kapitalistischen Produktion zu garantieren.

Gerade die Expansion der Leichtindustrie - also der Konsum- und Verbrauchsgüterindustrie - wurde nicht zuletzt auch deswegen behindert, weil die Infrastruktur der Hinterlandprovinzen dem Transport von Masseninvestitionsgütern für den Bau grösserer Anlagen nicht gewachsen war. So konzentrierte sich der kontinuierliche Ausbau auch dieses Sektors im wesentlichen auf die vorrevolutionäre Arbeitsteilung von Küstenregionen und Hinterland. Auch wenn eine grössere Standortentflechtung teilweise erreicht wurde, so bleiben die traditionellen Zentren wie Peking, Shanghai und Tientsin immer noch führend.

Aber trotz der Schwierigkeiten in der Infrastruktur hat sich der Handel bisher immens ausgedehnt, was nichts anderes bedeutet, als dass die Agrarproduktion zunehmend kommerzialisiert wurde und der Warenverkehr zwischen Stadt und Land sich stetig intensivierte.

Von zentraler Planung, diesem beliebten Indiz für Sozialismus, ist bislang nicht zufällig kaum die Rede gewesen, denn sie fand in China praktisch nie statt. Der erste Plan startete 1955 um zwei Jahre verspätet, denn erst nach Stalins Tod kam der Warenaustausch zwischen Russland und China richtig in Gang. Auch kamen jetzt die russischen Experten, die den völligen Mangel an qualifizierten Kapitalagenten anfangs wettmachten. Der zweite Plan geriet unter die Räder der »Drei-Banner-Politik«. Der dritte sollte nach Zhou En-Lai bereits Anfang 1963 starten, fing aber tatsächlich erst 1966 an. Kaum begann man wieder »planmässig« zu wirtschaften, setzte bereits die Kulturrevolution ein, die den für die Überwachung der Planerfüllung nötigen Partei- und Verwaltungsapparat in der Zentrale, aber auch in den Regionen, weitgehend zertrümmerte. Und auch während der Lin-Episode konnte von Planung keine Rede sein. Der vierte (1971-76) stand unter einem unglücklichen Stern. Der fünfte schliesslich, mit einem Jahr Verzögerung 1978 angelaufen, soll von Anfang an nicht mehr als den Rahmen fixieren.

Die Wirtschaftsentwicklung verläuft demnach von Anfang an weitgehend dezentral, denn die zentrale Ebene beschränkt sich auf wenige globale Grössen, wie z.B. die Gesamtproduktionsmengen einiger besonders wichtiger Produkte, die Gesamthöhe der staatlichen Investitionen sowie einzelne »Schlüsselaufbauprojekte«, die Verteilung besonders wichtiger Güter etc. Die Einzelbetriebe, bekanntlich auf Profitmaximierung verwiesen, müssen auch in China den Grossteil von Beschaffung und Absatz unter sich ausmachen. Die einzelnen Betriebe warten nicht auf Zuteilung von Rohstoffen und dergleichen »über den Dienstweg«, sondern verhandeln untereinander. Dass man dabei jeweils seine eigenen Belange im Auge hat, ist selbstverständlich. Im grösseren Rahmen bilden sich örtliche Wirtschaftseinheiten, die ihre Wirtschaftsaufgaben selbst »planen«. Insgesamt verstärkt sich in China mit wachsender Wirtschaftsentwicklung dieser Trend zu einer Unzahl von unabhängigen Produzenten, was im Klartext nichts anderes heisst, als dass sich in zunehmendem Masse die kapitalistische Privatproduktion auch an der Oberfläche zeigt. Es sind bekanntlich zwei Charakterzüge, welche die kapitalistische Produktionsweise von vornherein kennzeichnen: Sie produziert ihre Produkte als Waren - eine Bestimmung, worin das Verhältnis von Lohnarbeit, und Kapital enthalten ist - und sie produziert diese Waren
»
als Produkte des Kapitals, worin Zirkulation, Konkurrenz und Verwertung eingeschlossen ist. Mithin ergibt sich aus den beiden obigen Charakteren der Produktion als Ware, oder Ware als kapitalistisch produzierte Ware, die ganze Wertbestimmung und die Regelung der Gesamtproduktion durch den Wert«. (Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. 3, S. 887)

Diese prinzipielle Aussage gilt eben auch für China, was natürlich nicht ausschliesst, dass sich auf der konkreten Ebene der Erscheinungen, dort wo sich dieser kapitalistische Prozess in seiner alltäglichen Vielschichtigkeit umsetzt, alle »Bilderbuchvorstellungen« des Kapitalismus, die die Apologeten des östlichen Kapitals durchweg aus spezifischen Erscheinungen des westlichen Kapitals gewonnen haben, wiederfinden lassen. Zudem muss im Falle des kapitalistisch sich entwickelnden Chinas noch festgehalten werden:
»
Wird also in der Theorie... vorausgesetzt, dass die Gesetze der kapitalistischen Produktionsweise sich rein entwickeln«, so besteht in der Wirklichkeit »immer nur Annäherung; aber diese Annäherung ist um so grösser, je mehr die kapitalistische Produktionsweise sich entwickelt und je mehr ihre Verunreinigung und Verquickung mit Resten früherer Zustände beseitigt ist«. (Karl Marx, »Das Kapital«, Bd. 3, S. 184)

Kein Wunder also, dass sich in China eine einzelbetriebliche Konkurrenz zunehmend Bahn bricht. Und das hat Konsequenzen, die man gut an den ständig wiederkehrenden Klagen über die Schwierigkeiten gesamtwirtschaftlicher Koordinierung ablesen kann. Auch die Kapitalisten im Westen wären bekanntlich froh, wenn sie den Schlüssel für diese Harmonie besässen.

Aus der Fülle von Beispielen sollen hier nur einige Grundprobleme verdeutlicht werden. Immer wieder heisst es:
Die Pläne und die zentralen Entwicklungsprioritäten werden nicht eingehalten; einige Gebiete und Einheiten nahmen, unter Verwendung mehr oder weniger illegal beschaffter Produkte und Mittel »wild« Investbauprojekte in Angriff; die Industrie unterhalb der Kreisebene, die nicht unter der Kontrolle des Zentralstaates steht, entwickelte starke Eigenbestrebungen und konkurrierte häufig mit den staatlichen Mittel- und Grossbetrieben um Rohstoffe, Brennstoffe und Energie.

Mehr noch: In einem Artikel der Volkszeitung vom Oktober 1969 wird die Tatsache beklagt, dass sich dezentrale Wirtschaftseinheiten weigerten, mehr landwirtschaftliche Maschinen und Geräte herzustellen, mit der ausdrücklichen Begründung, dass infolge der relativ niedrigen Verkaufspreise dieser Waren die betrieblichen Profite sinken würden. [RMRB, 14.10.1969, S.2]

Auch das Bankensystem hat Schwierigkeiten, seine Kontrollfunktionen im Zuge der Kreditpolitik zu erzwingen. So wird z.B. im August 1965 in einem Artikel der Zeitschrift »Jingji Yanjiu« (»Wirtschaftsforschung«) gefordert, die Unternehmen müssten daran gehindert werden, eigentlich an den Staat abzuführende Profite oder kurzfristige Umlaufmittel für Investitionen einzusetzen oder sogar Bankkredite in Anspruch zu nehmen, um ihrer Profitabführungspflicht an den Staat nachkommen zu können. Die Verpflichtung, alle finanziellen Transaktionen über das Banksystem abzuwickeln, was natürlich auch die Grundlage für die Kontrolle der Banken bilden soll, kann z.B. von den Betrieben durch Naturaltauschgeschäfte oder illegale Bargeldzahlungen bzw. gegenseitiger Gewährung von Zahlungszielen umgangen werden [FEER: »Far Eastern Economic Review« v. 2. 1. 1976, S. 31-35].
Die Tendenz der Unternehmen, Umlaufmittel entgegen den Vorschriften für Anlageinvestitionen zu verwenden, wird durch die hohe Kapitalrendite gefördert. Da sich investiertes Kapital oft schon innerhalb eines Jahres amortisiert, verliert die Trennung in kurz- und langfristige Mittel und damit die Kontrollmöglichkeit der Banken an Wirksamkeit.

Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass sich im Laufe der kapitalistischen Entwicklung Chinas eine immer stärker werdende einzelbetriebliche Konkurrenz durchgesetzt hat, die eine offizielle zentrale Planung zunehmend verunmöglicht. Das wird jetzt sogar von den Chinesen ganz offiziell bestätigt. In einer längeren Reportage über dieses Problem in der RMRB gipfelte die Enttäuschung über die Planwirtschaft in der bemerkenswerten Feststellung:
Die Erfahrung lehre »
die Unmöglichkeit der Erstellung allumfassender Pläne« (nach NZZ vom 4. 4. 1979).
Wachsende Produktivkräfte durchbrechen in ihrer Gier nach Profit noch stets all die illusionären Vorstellungen von Plan, Planifikation oder Investitionskontrolle.

Die Wirtschaftsentwicklung war deswegen in China auch stets unregelmässig. Sind auch die folgenden Angaben nicht immer sicher, so geben sie doch einen Einblick in den Trend. Überblickt man den Verlauf bis zum Umbruch 1976, so lässt sich feststellen: 28 Jahre Wirtschaftsentwicklung haben eine Grunderkenntnis heranreifen lassen, die sich auf die Formel bringen lässt, dass das ökonomische Wachstum immer dann überproportional emporschnellte, wenn das Land nicht von Mao in Aufruhr gesetzt wurde, und dass Zuwächse umgekehrt stets dann wieder aufgezehrt wurden, wenn der grosse Steuermann sich austobte. Vier repräsentative statistische Daten machen dies deutlich. Während des »ruhigen« ersten Fünfjahresplans (1953-57) stieg das Bruttosozialprodukt jährlich durchschnittlich um 7%, das Pro-Kopf-Einkommen um 5%, die Industrie(brutto-)Produktion um 16% und die landwirtschaftliche Brutto-Produktion um 4%.

Diese Werte veränderten sich dramatisch während der Jahre des »Grossen Sprungs« (1958-61). Sie lauten jetzt: -3%, -5%, +2% und -6%. Als die Führung, durch die »drei schlimmen Jahre« (1959-61) geschockt, das Steuer herumriss und auf der Basis materieller Anreize eine Konsolidierungsphase einleitete (1962-65), kam augenblicklich wieder ein kräftiger Aufwind in die Wirtschaft, wie die Werte +13%, +11%, +16,5% und +10% zeigen.

In der Kulturrevolution (1966-1969) kam die Wirtschaft aber gleich wieder aus dem Tritt. Die Zahlen fielen zwar nicht absolut, aber insgesamt trat eine Stockung ein: +4%, +2%, +7% und +1%.

Die von Zhou En-lai und später von Deng betriebene nachkulturrevolutionäre Wiederaufnahme der Wirtschaftspolitik von 1961 ff. liess dann auch das Wachstum mit +7%, +5%, +10% und +4% wieder ansteigen. Wäre die »Viererbande« nicht gewesen, so hätte man, wie es heute heisst, noch weit mehr erreichen können.

Dass der zyklische Wirtschaftsverlauf aber keineswegs auf die Störmanöver Maos zurückzuführen ist, beweist die nähere Untersuchung dieser Schwankungen im nächsten Kapitel. Die wirtschaftlichen Einbrüche waren durchweg aus der inneren Logik der kapitalistischen Akkumulation entstanden und durch den Voluntarismus Maos höchstens verschärft worden.

Wie weit China immer noch hinter entwickelten Industrieländern hinterherhinkt, sollen folgende Angaben aus den Jahren 1973/74 verdeutlichen. Sie sind nicht überholt, weil gerade dies Jahr einen vorläufigen Höhepunkt vor dem Wechsel in Peking brachte. Bekanntlich wollen die chinesischen Kapitalisten dermaleinst die USA überrunden, oder zumindest in den Club der Supermächte aufgenommen werden. Was das heisst, zeigt folgender Vergleich: Das Bruttosozialprodukt pro Einwohner lag z.B. 1974 in den USA bei 6,510 US $, in China bei 380 US $. An elektrischem Strom fielen auf den einzelnen US-Bürger 1973 8890 Kw/h, auf den einzelnen Chinesen dagegen 104 Kw/h, bei Stahl waren es 1973 in den USA 711 kg je Einwohner, in China 36, an Ausfuhren (laufende Preise 1974) fielen auf den einzelnen Yankee 457 US $, auf den einzelnen Chinesen 7,5. Selbst in der Landwirtschaft, dem ureigensten chinesischen Gebiet, liegen die USA weit vorn: Dort wurden z.B. 1973 auf einen Hektar Ackerland 92 kg Düngemittel verbraucht, in China dagegen nur 48 kg.

2. Wirtschaftszyklen
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Zum oben schon erwähnten zyklischen Wirtschaftsverlauf in China müssen nicht zuletzt wegen des weit verbreiteten Aberglaubens, »sozialistische« Wirtschaften hatten so was nicht, noch einige grundlegende Anmerkungen gemacht werden.

Da China seit dem Desaster des »Grossen Sprungs« kaum Wirtschaftszahlen veröffentlicht, ist die Beobachtung der Entwicklung nicht einfach. Fleissige Fachleute im Westen unterziehen sich aber regelmässig der mühevollen Aufgabe, aus den zeitweise gemachten Angaben der Verantwortlichen in China Produktionszahlen zu rekonstruieren. Eine Zusammenfassung der wichtigsten Produktionsergebnisse bringt Tabelle 1. Hier sind voneinander unabhängige Indexreihen erfasst, die durch ihre in der Tendenz weitgehende Übereinstimmung trotz der teilweise schmalen Datenbasis eine gewisse Aussagekraft besitzen.

TABELLE 1:
Wirtschaftswachstum 1949-1976
(Indexwerte 1957=100)

Jahr

BSP

Bruttoanlage-investitionen

Bau-investitionen

Getreide

Industrie I

Industrie II

Industrie III

Produktions-güter

Konsumions-güter

Maschinen-bau

Import Maschinen u. Produktions-anlagen

1949

43

 

7

58,1

20

 

18

14

28

8

 

1950

52

 

11

67,7

27

 

24

21

36

14

12,2

1951

60

 

22

73,7

38

 

34

30

48

24

32,5

1952

71

39

37

84,1

48

 

44

39

60

33

49,8

1953

76

55

53

85,5

61

 

57

51

73

50

53,9

1954

8o

67

70

87,0

70

 

66

62

82

60

63,2

1955

87

74

77

94,3

73

 

70

66

81

62

72,5

1956

94

109

112

98,8

88

 

90

84

94

90

102,7

1957

100

100

100

100,0

100

100

100

100

100

100

100,0

1958

120

172

176

110,5

145

 

167

166

117

175

115,0

1959

114

208

195

93,1

177

 

232

212

131

242

195,1

1960

113

199

175

81,2

184

   

237

114

274

164,0

1961

87

83

121

87,6

108

   

129

80

116

39,7

1962

99

45

112

94,2

114

   

138

83

140

12,6

1963

110

56

140

99,9

137

   

158

109

178

19,6

1964

124

80

162

108,2

163

167

163

183

135

213

35,4

1965

143

107

200

108,2

199

204

195

212

183

263

64,8

1966

154

 

221

112,8

231

249

235

250

205

326

89,4

1967

150

 

181

117,9

202

   

207

195

273

74,7

1968

151

 

214

120,0

222

217

203

228

214

292

54,0

1969

167

 

237

121,5

265

283

267

289

233

455

47,2

1970

190

 

245

124,6

313

344

328

345

271

573

77,6

1971

202

 

273

128,2

341

381

376

395

270

645

99,2

1972

210

 

313

123,1

371

416

408

428

294

677

102,2

1973

231

 

333

134,6

416

463

449

478

332

754

168,0

1974

237

 

349

141,0

432

491

471

 

341

 

358,5

1975

     

146,2

 

538

       

410,6

1976

     

156,9

             

Quelle: Ulrich Menzel, »Theorie und Praxis des chinesischen Entwicklungsmodells«, S. 574

Plastisch kommt der zyklische Verlauf im Schaubild 1 zur Geltung, in dem die Indexwerte für BSP, Industrie, Getreide und Maschinen Importe in eine Grafik umgesetzt wurden.

Das Schaubild zeigt für den zentralen Indikator BSP deutliche Fluktuationen Ende der 50er Jahre, Mitte der 60er Jahre und weniger deutlich Anfang der 70er Jahre. Ausgeprägter sind diese Schwankungen beim Wachstum der Industrieproduktion und beim Import, während die Kurve der Getreideproduktion nur bis zu Beginn der 60er Jahre eine starke Parallelität mit der BSP-Kurve aufweist. Dies deutet darauf hin, dass im Zuge der kapitalistischen Entwicklung die gesamtwirtschaftlichen Schwankungen in Abhängigkeit von der Agrarproduktion geringer werden und bereits 1967 und noch deutlicher 1972 Rückgang und Wachstum der Industrie die Entwicklung der Produktion (BSP) stärker beeinflusst als die Landwirtschaft. Immer offener wird also in China der Wirtschaftsverlauf von der industriellen Produktion und nicht mehr von der Ernte bestimmt.

Aus dem bisher Gezeigten kann schon auf folgendes geschlossen werden: Das gesamtwirtschaftliche und insbesondere das industrielle Tempo der Akkumulation ist erheblichen Schwankungen unterworfen, die sich zeitweise nicht nur in sinkenden Wachstumsraten, sondern sogar in Kapitalvernichtung - im euphemistischen bourgeoisen Slang »Negativwachstum« - äussern. Der Umfang des Imports von Maschinen und Ausrüstungen scheint sehr empfindlich auf diese Schwankungen zu reagieren. Insgesamt scheinen diese Importe überhaupt der Hauptindikator für die noch zu betrachtenden Investitionszyklen zu sein.

Dieses Auf und Ab der Akkumulation wird deutlicher anhand der jährlichen Wachstumsraten, die in Tabelle 2 zusammengestellt sind:

TABELLE 2:
Jährliche Raten des Wirtschaftswachstums 1950-1976
(auf der Basis von Indexwerten)

Jahr

BSP

Bruttoanlage-investitionen

Bau-investitionen

Getreide

Industrie I

Industrie II

Industrie III

Produktions-güter

Konsum-güter

Maschinen-bau

Import Maschinen u. Produktions-anlagen

1950

20,9

 

57,1

16,5

35,0

 

33,3

50,0

28,6

75,0

 

1951

15,3

 

100,0

8,9

40,7

 

41,7

42,9

33,3

71,4

166,4

1952

18,3

 

68,2

14,1

26,3

 

29,4

30,0

25,0

37,5

53,2

1953

7,0

41,0

43,2

1,7

27,1

 

29,5

30,8

21,7

51,5

8,2

1954

5,3

21,8

32,1

1,8

14,8

 

10,5

21,6

12,3

20,0

17,3

1955

8,8

10,4

10,0

8,4

4,3

 

6,1

6,5

- 1,2

3,3

14,7

1956

8,0

47,3

31,3

4,8

20,5

 

28,6

33,3

16,0

45,2

41,7

1957

6,4

- 8,3

-12,0

1,2

13,6

 

11,1

19,0

6,4

11,1

- 2,6

1958

20,0

72,0

76,0

10,5

45,0

 

67,0

66,0

17,0

75,0

15,0

1959

- 5,0

20,9

10,8

-15,7

15,2

 

38,9

27,7

12,0

38,3

69,7

1960

- 0,9

- 4,3

-10,3

-12,8

4,0

   

11,8

-13,0

13,2

-15,9

1961

-23,0

-58,3

-30,9

7,9

-41,3

   

-45,6

-29,8

-57,7

-75,8

1962

13,8

-45,8

- 7,4

7,5

5,6

   

7,0

3,8

20,7

-68,3

1963

11,1

24,4

25,0

5,1

20,2

   

14,5

31,3

27,1

55,6

1964

12,7

42,9

15,7

9,3

19,0

   

15,8

23,9

19,7

81,0

1965

15,3

33,8

23,5

0,0

22,1

22,1

19,6

15,8

35,6

23,5

83,1

1966

7,8

 

10,5

4,3

16,1

22,1

20,5

17,9

12,0

24,0

38,0

1967

- 2,6

 

-18,1

4,5

-12,6

   

-17,2

- 4,9

-16,3

-16,4

1968

0,7

 

18,2

1,8

9,9

   

10,1

9,7

7,0

-27,7

1969

10,6

 

10,7

1,3

19,4

30,4

31,5

26,8

8,9

55,8

-12,6

1970

13,8

 

3,4

2,6

18,1

21,6

22,8

19,4

16,3

25,9

64,4

1971

6,3

 

7,3

2,9

9,0

10,8

14,6

14,5

- 0,4

12,6

27,8

1972

4,0

 

14,7

- 4,0

8,8

9,2

8,5

8,4

8,9

5,0

3,0

1973

10,0

 

6,4

9,3

12,1

11,3

10,0

11,7

12,9

11,4

64,4

1974

2,6

 

3,8

4,8

3,8

6,0

4,9

 

2,7

 

113,4

1975

     

3,6

 

9,6

     

12-14

14,4

1976

     

7,3

             

Quelle: Ulrich Menzel, »Theorie und Praxis des chinesischen Entwicklungsmodells«, S. 579

Überträgt man diese Angaben für die Bereiche »gesamte, Industrie«, »Produktionsgüterindustrie« und »Maschinenbau« in eine Grafik, so erhält man Schaubild 2. Jetzt springt der zyklische Verlauf der industriellen Akkumulation richtig ins Auge.

Bis 1955 sinken die Wachstumsraten der gesamten Industrie, unterbrochen von einem kürzeren Aufschwung, von 35 auf 4,3% jährlich, steigen 1958 bis auf 45%, um dann 1961 bis auf -41,3% zu fallen. Danach folgt bis 1965 ein neuer Aufschwung bis auf 22,1%, der bis 1967 von einem enormen Abschwung abgelöst wird. Der nächste Aufschwung erreicht 1969 seinen Gipfel. Der folgende Abschwung fällt geringer aus und erreicht erst 1974 seinen Tiefpunkt. Die Jahre 1975/76 bringen Stagnation und erst 1977/78 bringen Konsolidierung und neuerlichen Aufschwung.

Die Kurven für die Produktionsgüterindustrie und den Maschinenbau bestätigen diese Tendenzen, reagieren bei den Boom- und Krisenpunkten aber viel ausgeprägter als die gesamte Industrie, was klar zeigt, dass eben auch in China das Akkumulationstempo des konstanten Kapitals den typisch kapitalistischen Wirtschaftsverlauf bestimmt.

Vergleicht man die Kurven von Produktions- und Konsumgüterindustrie, wird diese Aussage bestätigt (vgl. Schaubild 3).

Die Schwankungen der Konsumgüterindustrie sind zwar auch erheblich, aber weniger ausgeprägt als bei der Produktionsgüterindustrie. Wichtig für den zyklischen Wirtschaftsverlauf sind die Industrialisierungsschübe, die durchweg Phasen von Maschinen- und Anlagenimporten entsprechen. Die erste Welle der Industrialisierung setzte etwa mit Beginn des 1. Fünfjahresplans ein und ist geprägt durch den forcierten Aufbau der Montanindustrie und bestimmter Zweige des Maschinenbaus. Diese Investitionsphase, die sich ursprünglich über den Zeitraum von drei Fünfjahresplänen, also bis 1967, erstrecken sollte, sollte das Fundament zu einer allgemeinen Industrialisierung legen. Ganz im Vordergrund stand die produktive Konsumtion, also die Produktion von Produktionsmitteln zur Erzeugung weiterer Produktionsmittel. Diese rigorose Akkumulation wurde vor allem getragen durch entsprechende Lieferungen der »Bruderländer«, brach aber in dem Augenblick zusammen, als die Chinesen mit eigenen Exporten nicht mehr mithalten konnten. Die daraus sich ergebenden Akkumulationsschwierigkeiten gipfelten bekanntlich in dem Versuch, durch den »Grossen Sprung« den Durchbruch »aus eigener Kraft« zu schaffen, was in der schon geschilderten Zuspitzung der Disproportionalitäten und der daraus folgenden Krise endete.

Die zweite Welle der chinesischen Industrialisierung beginnt etwa 1965 und dauert, von Kulturrevolution und Lin-Episode allerdings zeitweise unterbrochen, bis etwa 1975. Geprägt wird dieses Stadium jetzt durch ein forciertes Wachstum der Erdölindustrie, der Chemie und der Petrochemie, wobei insbesondere die Herstellung von chemischen Düngern und Fasern im Vordergrund steht, sowie anderer Zweige des Maschinenbaus. Neben vermehrter Eigenleistung setzt aber auch hier schon früh (vgl. Schaubild 1) der Import von Produktivkräften ein - jetzt allerdings aus dem Westen. Seit August 1963 werden entsprechende Verträge abgeschlossen, die ab 1965 zu einem Anstieg der Importe führen. Sicher sind für den Zeitraum 1963-65 31 komplette Produktionsanlagen nachgewiesen, von denen bei 29 der Kaufpreis mit einer Gesamthöhe von ca. 200 Mio. US $ festgestellt werden kann. Davon entfallen allein 20 bzw. 65% auf den Bereich der Chemie, wobei die Schwerpunkte Dünger, Erdölverarbeitung und Faserherstellung bilden. Gemessen am gesamten Auftragswert handelt es sich für diese Branchen sogar um rd. 75%. Die in den 50er Jahren beim Import dominierenden Bereiche Eisen/ Stahl und Maschinenbau sind auf 17 bzw. 3% zurückgegangen.

Während die Kulturrevolution diese Importpolitik wieder weitgehend stoppte, setzten neue Käufe 1972 zögernd und 1973/74 mit solcher Vehemenz ein, dass sie alle bis dahin getätigten Importe in den Schatten stellen. Die betonte Selbstbeschränkung der maoistischen Fraktion war zunehmend an ihre Grenzen gestossen.

In den Jahren 1973/74 werden allein Aufträge im Wert von über 2,4 Mrd. US $ vergeben, darunter zwei komplette Walzwerke zum Preis von 198 bzw. 228 Mio. US $. Anhand von Presseberichten lassen sich für den Zeitraum 1972-76 Hinweise zu Verträgen über 156 Fabriken nachweisen; von 137 Anlagen ist dabei der Kaufpreis bekannt, der sich auf insgesamt mindestens 3,44 Mrd. US $ beläuft. Davon entfallen über zwei Drittel auf die Jahre 1973/74, was bedeutet, dass etwa ab 1976 mit der Betriebsaufnahme zu rechnen ist. Von diesen 156 Projekten entfallen 124 auf den Bereich Chemie und Petrochemie und nur 5 auf den Maschinenbau. Innerhalb des Chemiesektors dominiert immer noch der Düngerbereich. Weniger durch die Zahl als durch sein Volumen bildet der Stahlsektor den zweiten Schwerpunkt. Ein Konsortium unter der Führung von Demag (BRD) liefert ein Kaltwalzwerk von 500 Mio. DM, Nippon Steel ein Warmwalzwerk und ein Stahlwerk von 227,7 Mio. US $ und ebenfalls Demag eine Stranggussanlage von 150 Mio. DM. Alle drei Anlagen sollen den vorhandenen Eisen- und Stahlkomplex Wuhan ergänzen. Der Bereich der Elektroindustrie ist jetzt auch erstmals mit 4 Fabriken vertreten.

Vergleicht man diesen Import aus dem Westen mit dem Export des Ostens, so fällt auf, dass sich nicht nur die Branchenschwerpunkte verlagert haben, sondern dass auch ein klarer Trend zu grösseren Betrieben besteht. Während die vermutlich gelieferten 198 Betriebe aus Russland einen Durchschnittspreis von 9,2 Mio. US $ aufweisen, beträgt dieser bei den westlichen Betrieben ca. 25 Mio. US $. Selbst unter Abzug der inflationsbedingten Preissteigerung, die etwa die Hälfte ausmacht, läge der Durchschnittspreis noch etwa 50 % höher.

Ein weiterer Bereich, auf dem Importe nach 1972 von Bedeutung waren, soll noch erwähnt werden, nämlich die Beschaffung von Schiffsraum. Importe und eigene Bautätigkeit zusammen haben die Handelsmarine Chinas seit 1972 um ca. 60% vergrössert, so dass heute ca. ein Drittel des Aussenhandels auf chinesischen Schiffen erfolgt, ein weiteres Drittel auf Reedereien (teils unter somalischer Flagge) und ein letztes Drittel auf Charterschiffen.

Auch damals schon nahm man es mit der Kreditablehnung keineswegs mehr so genau. Die Chinesen erfanden zwar andere Bezeichnungen, aber neben einem Handelsbilanzdefizit von insgesamt ca. 1,7 Mrd. US $ für 1973-75 werden die ausländischen mittelfristigen Kredite von damals auf 1,2 - 1,5 Mrd. US $ geschätzt. Zusätzlich standen geschätzte 500 - 600 Mio. US $ zur Verfügung, die die 13 von China kontrollierten »Schwesternbanken« in Hongkong durch Bank-zu-Bank-Depositen und Kundeneinlagen zur Verfügung stellten. Insgesamt ergibt sich also eine Verbindlichkeit von 1,7-2 Mrd. US $ für 1972-74: Sie erforderten jährliche Rückzahlungen in Höhe von ca. 250 Mio. US $ 1975 bis 370 Mio. US $ 1978, um dann wieder abzusinken - sollten nicht neue Kredite aufgenommen werden. Kein Wunder also, dass Mao und seine Mannen ihre heiligsten Tabus verraten sahen und in der Zeit 1975/76 verstärkt zum Sturm bliesen.

China - eine Gesellschaft der Gleichen?
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Wie generell für den Wirtschaftsbereich, gilt vor allem auch für alle Fragen der Entlohnung seitens Chinas strenge Geheimnistuerei. Deshalb stammen Angaben fast ausschliesslich von Chinesen, die nach Hongkong geflüchtet sind. Dazu kommt die systematische Analyse der Spezialisten, [vgl. A.D. Barnett, »Cadres, Bureaucracy and Political Power in Communist China«, New York 1967; R.A. Scalapino (ed.), »Elites in the People's Republic of China«, Seattle/London 1972] Zu dieser ungünstigen Ausgangslage in puncto materieller Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit wie insbesondere der Quantifizierung der Ausbeutung kommt noch hinzu, dass die Einkommensbedingungen im ganzen Land keineswegs gleichmässig sind: Auf ganz China übertragen, belaufen sich die maximalen Unterschiede in der Entlohnung zwischen den verschiedenen Regionen, vor allem aber zwischen Stadt und Land auf 1:4, manchmal sogar auf 1:5 - und dies bei etwa gleicher Leistung.

Ist schon die Bestimmung der Lohndifferenzen nicht einfach, so verwirrt auch ein grundsätzliches Problem die Untersuchung der sozialen Beziehungen. Dies betrifft die allgemeine Tendenz des modernen Kapitalismus zur Anonymität. Nicht mehr der Eigentümerunternehmer repräsentiert jetzt das Kapital, sondern eine Unzahl von formal besoldeten Managern oder Bürokraten. Dabei ist völlig gleichgültig, wie man diese Figuren benennt, wichtig ist allein ihre Funktion: Sie verwalten die Produktionsmittel quasi treuhänderisch ohne eigentliche Eigentumstitel und ihre Qualifikation für diese Funktion wird daran gemessen, wie erfolgreich sie die Profitmaximierung organisieren. Zeigen sie sich unfähig, können auch sie gefeuert werden. Meistens werden sie nach dem Erreichen eines gewissen Alters entlassen, denn durchgängig sind sie spätestens dann nicht voll funktionstüchtig im Sinne der Aufgaben einer optimalen Kapitalverwertung.

Das ist überhaupt eine der zentralen Erscheinungen des heutigen Kapitalismus, die für alle diejenigen ein scheinbar unlösbares Rätsel bedeutet, die an der Oberfläche der Erscheinungen kleben und so zu den sattsam bekannten Schlüssen kommen: Der Kapitalismus ist im eigentlichen privates Kapital, und da dies im »Osten« nicht vorliegt, gibt es dort keinen Kapitalismus. Spezifische Symptome, die zudem nur in einer besonderen Entwicklungsphase des Kapitals gegeben waren, werden so zur allgemeinen Theorie erhoben. Und das alte Bild stimmt selbst für den westlichen Kapitalismus je länger, desto weniger. Denn wem gehören z.B. die Multis, die Grossbanken, die Versicherungskonzerne etc.? Es wird diesen Ideologen des privaten Kapitals sehr schwer fallen, für sie befriedigende Eigentumsverhältnisse aufzudecken. Also wird wohl gemäss dieser Logik der Kapitalismus immer »sozialistischer«? Dagegen wird er eben nur anonymer. Denn es ist überhaupt nicht einzusehen, weswegen die Aufgaben der Mehrwertproduktion nur deswegen ihren immanenten Charakter ändern sollen, weil das Kommando über das Kapital jetzt bei Männern ohne formalen Eigentumstitel liegt. Im Westen hat sich im Laufe eines langen Konzentrations- und Zentralisationsprozesses dieser Trend zum anonymen Kapital durchgesetzt und setzt sich immer noch durch. Auch wenn aufgrund der spezifischen geschichtlichen Bedingungen immer noch Privatkapitalisten als quasi Fossilien des Manchesterkapitalismus existieren, so vertritt jedenfalls das anonyme Kapital der heute viel zitierten multinationalen Konzerne die Höhe und generell die Dynamik der Entwicklung. Ein kapitalistischer Spätentwickler beginnt nun nicht seine Entstehung, indem er alle früheren Erscheinungsformen des älteren Kapitalismus schön der Reihe nach wiederholt, sondern er organisiert seine Produktivkraftentfaltung auf dem zeitgemässen Niveau, ja er forciert manche Momente, die beim älteren Kapital in der Tendenz erst angelegt sind. So organisierte sich das deutsche und US-amerikanische Kapital ziemlich bald in Trusts, Kartellen etc., legte in Deutschland die Grundlage der sog. wissenschaftlich-technischen Revolution, schuf in den USA mit dem Propagandisten Taylor und dem Praktiker Ford die Basis der »wissenschaftlichen« Betriebsführung und damit der rigorosen Organisation des Arbeitsprozesses. Und in Japan stampfte der Staat die Industrie aus dem Boden und sorgte so von Anfang an für die innige Verbindung von Staat und Kapital, die dem japanischen Kapitalismus seine ihm eigene Dynamik und Durchschlagskraft gab. Höchstens in den USA könnte man aufgrund spezifischer Strukturmerkmale von kapitalistischen Momenten à la Manchester sprechen, bei den beiden anderen Spätentwicklern des letzten Jahrhunderts zeigt der Kapitalismus gegenüber dem Musterfall England völlig entstellte Züge, die vom »Erfinder« des Industriekapitalismus, wenn überhaupt, erst in seiner Niedergangsphase übernommen wurden. Die Tendenz zum Monopolkapitalismus war sicher auch in England angelaufen und hatte auch hier die »Idylle« des Manchesterkapitalismus der »Freien« und »Gleichen« verdrängt, aber forciert wurde diese Entwicklung zur Durchorganisation der Branchen, ja der gesamten Volkswirtschaft und zu einem wachsenden Staatsinterventionismus vor allem in Japan und Deutschland unter dem Diktat von Kaisern und Führern.

Und ähnliches in der Tendenz gilt für die beiden Spätentwickler des 20. Jahrhunderts - Russland nach der stalinistischen Konterrevolution und China. Faschistoide Momente, die selbst in Deutschland und Japan erst in der Tendenz durchgesetzt wurden, werden hier jetzt forciert: neben der Anonymität des Kapitals z.B. Erscheinungen wie: Staatsgewerkschaften, Staatsintervention, offene Farce in der Pflege demokratischer Spielregeln, Lohndiktat, Arbeitslager etc. Für durchweg alle Interpreten dieser Erscheinungen der ungeschminkten Diktatur des Kapitals, quasi des Kapitalismus sans phrase ergibt sich dann das bekannte Verwirrspiel: Dies muss Sozialismus oder eine Übergangsgesellschaft sein, denn schliesslich schwenken die Machthaber dort die rote Fahne und die liebgewordenen Oberflächenphänomene des Kapitalismus im Westen liegen auch nicht vor.

Dieser knappe Exkurs war notwendig, will man das Wesen der sozialen Struktur von Kapital und Arbeit verstehen. Denn die Anonymität des modernen Kapitals führt oberflächlich betrachtet zu einer Entwicklung, die sich in einem »Lohnarbeiterfetischismus« niederschlägt. Da die Profitmaximierung von besoldeten Agenten betrieben wird, sind jetzt scheinbar Alle Lohnarbeiter und es herrscht die klassenlose Idylle, eben die Volksgemeinschaft, wie die Bourgeoisie seit ihrem ersten geschichtlichen Auftreten »ihrem« Volk weismachen will. Wichtig ist in diesem Fall aber nicht die Lohntüte, sondern allein das Kommando über Maschinen und Arbeit zum Zwecke der Profitmaximierung. Die Form der gekauften Arbeitskraft verleiht nämlich zwei völlig verschiedenen Wirklichkeiten Ausdruck: Im einen Fall kauft das Kapital eine Arbeitskraft, deren Pflicht es ist, unter fremder Anleitung für die Vermehrung des Kapitals zu arbeiten; im anderen wählt das Kapital durch einen Selektionsprozess innerhalb der kapitalistischen Klasse oder aus entsprechend trainierten »Aufsteigern« Managementpersonal aus, um den Ausbeutungsprozess zu organisieren und zu überwachen. Dies muss bei den folgenden Ausführungen über Löhne und Einkommen berücksichtigt werden, zumal hier keine detaillierte Darstellung der Klassen geleistet werden kann.

Das allgemeine Einkommensgefüge Chinas setzt sich aus drei grossen Einkommensformen und -bereichen zusammen:
1. Gehaltsbereich der Staatsbediensteten
2. Lohnsystem der Wirtschaftssektoren
3. Einkommen der ländlichen Kollektivwirtschaft.

Einkommensbereich eins, d.h. das Vergütungswesen der Staatsverwaltung (Zentrale, Provinzen usw.), des Erziehungswesens, der Wissenschaft, Technik und anderer entsprechender Sektoren sowie des Militärs, kurz der gesamte Bereich, deren Verteilung über den zentralen Staatshaushalt und die Haushalte der Provinzen erfolgt, war bis zur Kulturrevolution nach einem Gefüge von 34 Vergütungsgruppen gestaffelt. Während der Kulturrevolution wurde dieses System ausser Kraft gesetzt und durch das 8-Stufensystem der Industrielöhne abgelöst. Im Zuge der Lohnreform 1971/72 wurde gegen Ende 1972 wiederum ein ausgefeiltes Ranggefälle eingeführt, diesmal mit 30 Stufen.

Ganz an der Spitze (Ränge 1-3) stehen das Staatsoberhaupt, der Ministerpräsident und seine Stellvertreter. Minister und Kommissionsvorsteher teilen sich die Ränge 4-8. Die Vorsteher und ihre Stellvertreter in den Provinzen nehmen die Ränge 5-9 ein, die der Kreis und Städte die Ränge 13-17. Bürochefs und ihre Stellvertreter in der Zentralregierung besetzten die Rangstufen 6-10, während ihre Kollegen in entsprechenden Positionen bei den Provinzregierungen die Stufen 8-12 einnehmen. Abteilungschefs und Stellvertretende Minister teilen sich die Grade 10-14; ihre Counterparts in den Provinzen: 15-19. Sektionschefs besetzen in der Zentralregierung die Ränge 14-18, in den Provinzen die Ränge 15-19, in den Kreise 17-21. Gewöhnliche Angestellte erhalten Grad 17-26 und »Diensttuende« 25-30.

Techniker und Ingenieure werden nach etwas anderen Kriterien eingestuft. Wie viele Sprossen es auf der Industrieleiter gibt, ist freilich nicht genau bekannt: Manchmal ist von vier, bisweilen auch von fünf Stufen die Rede. Generell ist die Einstufung unterschiedlich, je nachdem, ob man in Betrieben unter direkter Kontrolle der Zentrale, der Provinzen, des Kreises bzw. in kleinen Lokalindustrien arbeitet. Innerhalb jeder dieser Ebenen sind Ingenieure und Techniker wiederum nach Laufbahnrängen gegliedert, deren Zahl bei 6-8 liegt.

Im Erziehungssektor schliesslich sind Verwaltungsposten in 25 Stufen und Lehrerpositionen in 12 Stufen aufgefächert. Nicht ganz einfach ist es, den einzelnen Rängen bestimmte Gehälter zuzuordnen, denn - wie gesagt - das Gefüge ist für das ganze Land nicht einheitlich. In Hongkong gibt es die besten Informationen zu dieser Frage erklärlicherweise aus der benachbarten Stadt Kanton: Angestellte in Kanton, die auf der untersten Ebene stehen, also den Grad 26 in der Regierungsorganisation bekleiden, verdienten 1974 35 Yuan im Monat. Ein Sektionschef der Stadt erhielt bei Stufe 18 120 Yuan und auf Stufe 17 128-130 Yuan im Monat. Der Chef, einer Abteilung konnte 160 - 174 Yuan, der Chef eines Büros 200 - 210 Yuan verdienen. Der Vorsitzende des Provinzrevolutionskomitees (Grad 8) erhielt monatlich 310 Yuan.

Nach Angaben aus Taiwan erhalten Regierungsan-gestellte im Gesamtbereich Chinas auf Stufe 26 monatlich 26 Yuan, auf Stufe 20: 56 Yuan. auf Grad 15: 96 Yuan, auf Grad 10: 170 Yuan. Ein Kabinettsminister verdient zwischen 230 und 380 Yuan; der Mann an der Spitze des Staates nach diesen Angaben 540 Yuan. Deng Xiaoping sprach | gegenüber japanischen Reportern davon, dass er selbst'und weitere rd. 100 führende Funktionäre ein Monatsgehalt von 400 Yuan erhielten [IHT v. 22.4.1975]. Aber es sind sicher nicht diese Gehälter allein, die der chinesischen Bourgeoisie einen gegenüber dem Durchschnitt so ganz anderen Lebensstandard auch in diesem Land der scheinbar betonten Schlichtheit seiner Grosskopfeten sichert. In Kanton, über das eben am leichtesten Informationen zu beschaffen sind, leben führende Armeeoffiziere und Regierungsangestellte z.B. in jenen modernen Villen, die einst von hohen Kollegen der Kuomintang bewohnt waren. Das Führungspersonal hat auch eigene Dienstwagen. Innerhalb der verschiedenen Ränge werden zum Teil scharfe Linien gezogen:
a) Der Chef einer »Sektion« erhält kraft seines Amtes eine Dreizimmerwohnung. Ein eigener Wagen steht ihm zwar nicht zur Verfügung, doch kann er einen der Pkws der »Sektion« in Anspruch nehmen, wenn dienstliche Belange zu erfüllen sind. Auf Bahnreisen ist die »harte« Klasse zu benutzen.
b) Der Chef einer Abteilung bekommt eine Vierzimmerwohnung, hat einen Wagen zur persönlichen Verfügung, allerdings nur für offizielle Zwecke, und kann sich bei Zugreisen in der »weichen« Klasse niederlassen. Bei wichtigen Anlässen ist er auch berechtigt, ein Flugzeug zu benutzen. Wenn eines seiner Familienmitglieder krank ist, erhält er vom zuständigen Krankenhaus bevorzugte Behandlung.
c) Der Chef eines Büros hat einen eigenen Wagen, der nicht nur bei offiziellen, sondern auch. bei privaten Anlässen benutzt werden kann. Bei Reisen mit der Eisenbahn kann er für sich und seine Mitarbeiter eine eigene Abteilung reservieren lassen. Er ist auch stets berechtigt, die Reise mit dem Flugzeug zu unternehmen. Er wohnt in einem Haus mit Garten und verfügt über eine Fünfzimmerwohnung. Ausserdem steht ihm eine besondere Leibwache sowie ein Chauffeur zur Verfügung. Seine Familie erhält daneben einen Dienstboten.
d) Ein Provinzchef hat unter Umständen mehrere Leibwachen und Diener und erhält manchmal sogar ein eigenes Flugzeug.

Natürlich sind alle diese Einrichtungen kostenlos. Hinzu kommen besondere Urlaubsorte für höhere Funktionäre, die sich meist in gebirgigen Gegenden oder in der Nähe von heissen Quellen befinden. Die besten Plätze dieser Art sind Funktionären vom 8. Grad ab zugedacht. Das gemeine Volk hat natürlich keinen Zutritt. Immer wenn im Clinch der beiden Fraktionen bürgerlicher Dreck nach oben gespült wurde, erfuhr das zum einfachen Leben verdonnerte Volk alle nur erdenklichen Zoten aus dem Leben der grossen Tiere. Jetzt wird sich zwar einiges im Westen davon herumgesprochen haben, aber es ist immer noch notwendig, das Geschwätz vom einfachen Leben der chinesischen Bourgeoisie als Ideologie zu entlarven. Nie ging es in China anders als in Russland zu, für Maoisten bekanntlich wegen einer neuen privilegierten Klasse jetzt auch wieder kapitalistisch. Falsch ist daran vor allem, dass man dies erst für die Nach-Stalin-Periode feststellen zu können glaubt. Wie noch zu allen Zeiten decken sich auch die »Treuhänder« des chinesischen Kapitals mit den nötigen Privilegien ein, um im Kapitalismus praktisch nach ihren Bedürfnissen leben zu können, während sie »ihrem« Volk die verheissungsvolle Versprechung machen, dass sie dermaleinst ebenso dran sein werden, vorausgesetzt natürlich, sie arbeiten immer stramm und fordern nichts. Damit das Volk über die Privilegien seiner Bourgeoisie nicht irre wird, mimt man derweil Entsagung. Die ekelhafte Posse dieser Bourgeois in Fantasiekostümen aus bestem Tuch soll ihre Klassenposition kaschieren. Dabei verraten diese Tarnanzüge jedem, der es wissen will, genug. Schnell findet man z.B. heraus, dass die unansehliche Armeekluft ohne jede Rangabzeichen die wichtigsten Unterschiede erkennen lässt: zwei Brusttaschen für Soldaten und Unteroffiziere, ebensolche plus zwei Rocktaschen für Offiziere. Bessere Offizierswintermäntel mit Kunstpelzkragen sind nirgendwo zu erstehen - die Armee ist eben ein privilegierter Staat im Staat, in dem dienen zu dürfen Ehre und Vorteile schafft. Der beste wattierte, blaue und graue Zivilmantel kostet etwas mehr als ein gutes monatliches Durchschnittsgehalt. Lederschuhe, für teilweise ein Drittel bis zur Hälfte eines Monatsgehalts, sind auch diskrete Rangabzeichen in Militär und Bürokratie. Feinere Unterschiede lassen sich ferner daran erkennen, wie die Taschen aufgenäht und abgesteppt sind. Dieses Spiel lässt sich sehr weit treiben. Es bestätigt Bekanntes aus Osteuropa und Russland: nichts ist klassenbewusster und mehr auf Zurschaustellung von Unterschieden und Rangabstufungen aus als eine sog. »klassenlose« Gesellschaft - und in China muss angesichts grösserer Uniformität bloss auf noch subtilere Weise der Unterschied markiert werden.

Man kann auf dieses Schmierentheater der chinesischen Bourgeoisie bekanntlich verschieden reagieren: Der Bourgeois des Westens findet den endgültigen Beweis für die ewige Wahrheit des Oben und Unten; der nach Gerechtigkeit dürstende Kleinbürger leugnet tapfer diese Momente oder erklärt sie zynisch zu Übergangsschwierigkeiten; der Marxist sieht in diesem Affentheater nichts anderes als die schlechten Tarnmanöver der kapitalistischen Klasse.

Kommt man von der Ebene der Ausbeuter zur Ebene der Ausgebeuteten, so gelangt man zunächst in die Landwirtschaft, wo ja immer noch mehr als 2/3 der Chinesen ihr Leben fristen. Aber gerade hier sind generelle Angaben aufgrund der regionalen Unterschiede schwer zu treffen. Es werden auch keineswegs überall dieselben Kriterien angewandt.

Das Faktum der Differentialrente und hohe Einkommensunterschiede regionaler wie familiärer Art werden als leistungssteigerndes Moment ja seit 1949 von der Regierung bewusst gefördert.

Allgemein lässt sich nur sagen, dass die Löhne der Kommunemitglieder nach einem System von Leistungspunkten berechnet werden, während die Verwaltungsangestellten ein festes Gehalt beziehen. Alle in der Landwirtschaft Beschäftigten erhalten dazu noch eine Getreideration als Deputat. Die Höhe der Lebensmittelrationen wird - wie die Anzahl der Lohnpunkte - von jeder Familie bei der Produktionsgruppe vorgeschlagen, gemeinsam diskutiert und schliesslich von der Verwaltung entschieden. Es gibt aber bei der Abrechnung eine Unter- und eine Obergrenze. Auch wenn der Abstand der Einkommen zur Stadtbevölkerung noch immer beträchtlich ist, so hat sich die Entwicklung für die Landarbeiter nicht unwesentlich verbessert. Bezüglich der Wohnsituation gibt es gegenüber den beengten Verhältnissen in der Stadt durchweg sogar klare Vorteile.

Vor allem die staatlichen Massnahmen der Steuer- und Preispolitik brachten der Landwirtschaft eine sukzessive Erleichterung. Die Steuersätze für die Landwirtschaft wurden stetig gesenkt. Die Tatsache, dass der chinesische Staat diesen Abbau bis zum heutigen faktischen Verschwinden verhältnismässig mühelos akzeptierte, lasst sich aus zwei Gründen erklären. Zum einen nimmt die Bedeutung der Agrarsteuer für den staatlichen Haushalt fortschreitend ab. Zum anderen wird das traditionell feindselige Verhalten zwischen der staatlichen Herrschaft und der Dorfbevölkerung abgebaut und die Gefahr einer gleichsam antistaatlichen »Kollektivsolidarität« der bäuerlichen Produktionseinheiten gebannt. Ansätze solcher Widerstandsbewegung hatte es vor allem während der Rasereien Maos durchaus gegeben.

Ähnliches war mit der Preispolitik beabsichtigt. Die in den 50er Jahren extreme Preisschere zwischen Agrarprodukten und landwirtschaftlich benötigten Waren der Industrie reduzierte nicht nur die objektiven Möglichkeiten zur Mechanisierung und Modernisierung der Landwirtschaft. Sie musste ferner auch die subjektiven Motivationen der ländlichen Bevölkerung und deshalb ihre Leistung begrenzen.

Die Lohnsituation des chinesischen Proletariats lässt sich wieder besser darstellen. Nach der Machteroberung stellte sich den Vertretern des chinesischen Kapitals zunächst das Problem, welche Möglichkeiten einer Entlohnung es gab, die vom realen, damals noch instabilen Geld unabhängig war. Man fand die Antwort in der Entlohnung nach Lohnpunkten. Diese beinhalteten eine bestimmte Anzahl von Konsumgütern, die existenznotwendig waren, also die Reproduktion der Ware Arbeitskraft gewährleisteten.

Das erste Lohnpunktsystem wurde 1950 im Industriezentrum der Mandschurei eingeführt und danach auf ganz China ausgedehnt. Ein Lohnpunkt umfasste z.B. 1 Pfund Getreide, 1 Fuss Baumwolle, 0,04 Pfund Sojaöl, 0,04 Pfund Salz und 5 Pfund Kohle [vgl. Chien-jen Chen, »Die Lohnstruktur in der Volksrepublik China«, Bern 1972, S. 21]. Die Strukturierung nach qualifizierter bzw. weniger qualifizierter, schwerer oder leichter Arbeit wurde durch Lohnstufen (Grade) geregelt, die zentral vom Planungsamt festgelegt wurden. Für die Schwerindustrie galt das Lohnsystem der 8, für die Leichtindustrie gab es 7 Klassen. Gegen dieses achtklassige Lohnsystem richtete die Mao-Fraktion zwar mehrmals ihre Attacken, aber es besteht heute immer noch. Der Unterschiede waren damit aber noch nicht genug, denn es gab ferner Differenzierungen innerhalb einer Industriebranche, Unterschiede zu anderen Branchen und interregionale Lohnhierarchien.

Die Lohnberechnung nach dem Lohnpunktesystem wurde 1956 durch den Geldlohn abgelöst. Voraussetzung war die zur weiteren wirtschaftlichen Stabilisierung vorgenommene Währungsreform vom 1.3.1955. Der Geldlohn, am 16. Juni 1956 rückwirkend zum 1. April beschlossen, hatte folgende Charakteristika:
- Lohndifferenzierung nach Lebenshaltungskosten
- Lohndifferenzierung nach strukturpolitischen Aspekten
- Lohndifferenzierung nach Industriebranchen
- Entlohnung nach Arbeitsfunktion
- interne Differenzierung zwischen verschiedenen Lohnklassen, um Arbeiter anzureizen, durch Schulung einen höheren Qualifikationsgrad zu erreichen
- Differenzierung nach Arbeitsintensität und Arbeitsplatzbedingung
- Prämiendifferenzierung bis 15%.

Das Prämiensystem hat auch in der Folgezeit immer wieder eine grosse Rolle gespielt. Nach 1956 gab es deshalb noch vier weitere Lohnapassungen, in deren Mittelpunkt immer wieder das Prämiensystem stand.

Die Lohnpolitik folgte so dem Auf und Ab der Fraktionskämpfe innerhalb der Bourgeoisie. Der wirtschaftlichen Entspannung von 1956 - damals wurden die Löhne um 14,5% erhöht - folgte der Grosse Sprung: Mao liess die Löhne wieder kappen. Die »liberale« Politik der Liuisten in den frühen 60er Jahren bevorzugte wieder den materiellen Anreiz, der in der Kulturrevolution erneut als »Ökonomismus« verdammt wurde. Nach dem Sturz Lin Biaos begann wieder die Phase der materiellen Anreize, die allerdings ständig vom »Alten« mit Meckern begleitet wurde. Erst in der 5. Lohnreform vom Oktober 1977 fand dieser Streit sein Ende. Mit dem neuen Gespann Deng/Hua wurde sogar eine grundsätzliche Neuorientierung des Lohnsystems eingeleitet. Vor dem Hintergrund dieser Massnahmen soll deshalb die aktuelle Lohnstruktur Chinas untersucht werden.

Diese Lohnreform vom Oktober 1977 schloss ausdrücklich die in der Landwirtschaft Beschäftigten aus. Trotz dieser Beschränkung bedeutete sie eine klare Direktive für die Zukunft. Mit dem Ende Maos und seiner Jünger trat diejenige Fraktion von der Bühne ab, die die Lohnabhängigen vor allem mit weisen Sprüchen abspeisen wollte. So beeindruckt sich westliche Bourgeois von den »tiefen« Einsichten des Meisters zeigten, um so unbefriedigter blieb der berühmte kleine Mann von dieser dürftigen Kost des Gurus. Und die Zeit war inzwischen über die einfachen Einsichten des alten Yenan-Haudegens hinweggeeilt. Durch die wachsenden Produktivkräfte wurden auch in China die sozialen Verhältnisse komplexer. Das heisst natürlich nicht, dass unter Deng/Hua das Paradies ausbricht. Auch jetzt gilt: Die ohnehin Betuchten kommen auf ihre Rechnung, vom Galopp in die Zukunft bleiben jedoch den meisten Chinesen nur die Tritte.

Kerngedanke der jetzigen Lohnpolitik sind Abbau sozial-egalitärer Versuche und materielle Leistungsvergütung zwecks Erreichung einer erhöhten Produktivität. Unausweichliche Folge wird die weitere Verschärfung der »drei grossen Gefälle« (Stadt-Land, Arbeiter-Bauer, geistige und körperliche Arbeit) sein.

Um diese erste allgemeine Revision des gesamten Lohngefüges seit 1956 richtig beurteilen zu können, müssen noch einige Angaben zu früheren Lohnanpassungen gemacht werden. Die wichtigsten Eckdaten waren 1960, 1963 und 1971/72. Insbesondere die letzte Lohnrevision hatte verhältnismässig grosse Verbesserungen im Lohnniveau vorgenommen, um »Egalisierungstendenzen« der Kulturrevolution wieder auszugleichen. Zwei Aspekte waren dabei von Bedeutung:
1. Ende 1971 wurden alle Lohnarbeiter der drei niedrigsten Lohnstufen um zwei Stufen befördert.
2. 1972 wurden alle Löhne, ausgenommen die beiden höchsten Lohnstufen - um 10% erhöht, [vgl. »Food and Agriculture Organization of the United States«, »Report on China's Agriculture«, Rom 1974, S. 32 (FAO Report)]
Wichtig an dieser Lohnerhöhungspolitik 1971/72 ist im Zusammenhang mit der Lohnreform von 1977 vor allem die Massnahme eins. Sie beinhaltet, dass Lohnarbeiter der beiden untersten Lohnstufen nur unter denjenigen Arbeitskräften zu finden sind, die nach 1971 in den Ausbeutungsprozess gelangten. Die Lohnerhöhungen für diese beiden untersten Lohngruppen machen auf der anderen Seite 1977 den Grossteil der Erhöhung mit Steigerungsraten von rd. 15% aus. Ausgehend von geschätzten 40 Lohnarbeiterjahrgängen (20-60 Lebensjahre) und einer Gesamtzahl von rd. 70 - 80 Mio. Lohnarbeitern des Staatsbereiches, des Handelswesens und der Industrie ergibt sich eine ungefähre Gesamtzahl an Proletariern der beiden unteren Lohngruppen von rd. 9-11 Mio., d.h. also von höchstens 2-3% aller Chinesen im arbeitsfähigen Alter, für die die Lohnerhöhung von 1977 wirklich wesentliche Verbesserungen erbracht hat.

Betrachtet man das Lohngefälle und die Steigerung der Minimal- und Maximallöhne einzelner Industriebranchen für die Jahre 1957-1978, so ergibt sich folgendes Bild:

Industriesektor

1957

1978

Differenz Min.

1957-78 Max.

Bergbau

33-110

39-113

+6

+3

Hüttenwesen

34-110

39-117

+5

+7

Elektrizitätswirtschaft

34-107

37-112

+3

+5

Bauindustrie

34-94

35-105

+1

+11

Arzneimittelindustrie

31- 90

32-95

+1

+5

Textilindustrie

31- 85

30-102

-1

+17

Quelle: China aktuell 1978, 5.21

Beim Vergleich dieser Übersicht ergeben sich u.a. zwei interessante Hinweise. Zum einen ist das Lohnniveau in den kapitalintensiven Schlüsselindustrien mit relativ hohem Produktivitätsniveau pro Arbeitskraft sowie staatlichem Investitionsvorrang höher als in arbeitsintensiven Konsumgüterindustrien. Da die untersten Lohngruppen in allen Branchen nur geringfügig über dem gesetzlich fixierten monatlichen Mindestlohn von 28 Yuan liegen, wird offensichtlich nicht die körperliche Härte der Arbeit in den Schwer- und Grundstoffindustrien höher entlohnt, sondern die aufgrund der staatlichen Investitionen höhere Produktivität und die fachliche Qualifikation der Arbeitskraft. Das heisst, die staatliche Lohnpolitik entlohnt nicht nur die individuelle Leistung, sondern mehr noch die Tatsache, dass eine Arbeitskraft in einem Industriesektor tätig ist, den die Kapitalvertreter für wichtiger als andere Branchen halten.

Ein zweiter Punkt von Bedeutung ist die Tatsache, dass sowohl Minimal - als auch Maixmallohnstufen zwischen 1957 und 1978 nur unwesentlich erhöht wurden, über einen Zeitraum von gut 20 Jahren ergibt sich ein durchschnittlicher Jahresanstieg von weniger als 0,5%. Im Gegensatz dazu zeigt die Entwicklung des absoluten Durchschnittsindustrielohns (Mittel aller Lohnstufen und Industriesektorenlöhne) einen erheblich deutlicheren Anstieg. So betrug der absolute Durchschnittsindustrielohn 1957, von der damaligen Jahresbasis auf die jetzige Monatsbasis umgerechnet, rd. 54 Yuan. Nach der Lohnreform 1971/72 hatte er sich auf rd. 60 Yuan erhöht, und gegenwärtig dürfte er bei rd. 63 Yuan (ohne Prämienzulage usw.) liegen. Es ergibt sich ein durchschnittliches Jahreswachstum von 1,5-2% beim absoluten Durchschnittslohn. Der Schluss liegt deshalb nahe, dass die Verbesserungen in den mittleren Lohnstufen deutlicher waren als in den untersten und höchsten Lohnstufen, was sich aus der massenhaften Anhebung der unteren Lohngruppen 1971 ergibt.

Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass die direkten Lohnverbesserungen der Lohnarbeiter bis 1977 nur verhältnismässig gering waren und im Durchschnitt weniger als 2% jährlich betrugen. Die Steigerungen für qualifiziertes Personal und für Hilfsarbeiter waren im Gegensatz dazu annähernd null. Diese Situation soll sich durch die Lohnreform von 1977 gerade ändern.

Statt des während der letzten Jahres üblichen Monatslohns (unabhängig von den tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden und der individuellen Produktion) wird wieder die Kategorie des Stunden- und Akkordlohns propagiert. Das liest sich in einem Artikel der Volkszeitung z.B. so:
»
Das Zeitlohnsystem ist eine weit verwendbare Form der Vergütung. Das Akkordarbeitssystem ist zwar nur in einem engeren Bereich verwendbar, aber es ist trotzdem unter bestimmten Bedingungen für bestimmte Bereiche angemessen. Der Einsatz notwendiger materieller Vergütungen kann unter bestimmten Umständen und in gewissen Grenzen die Schwächen der Grundentlohnungsformen ausgleichen und dazu beitragen das Prinzip der Verteilung nach Leistung zu verwirklichen.«
Und zum Zusammenhang zwischen Profit und Lohn heisst es:
»
Das neugeborene bourgeoise Element Wang Hungwen machte die absurde Aussage: 'Das System der Akkordarbeit, der Stundenlöhne und der Prämien spiegelt nicht die Sorge für das Leben des Volkes wieder. Es ist eine ungeheure Verletzung für die Arbeiterklasse'. Chinas Arbeiterklasse war 'einer ungeheuren Verletzung' ausgesetzt, nicht durch das 'System der Akkordarbeit, der Stundenlöhne und Prämien', sondern durch die Viererbande, die die Massen unterdrückte, sich über sie lustig machte und ihr Wohlergehen missachtete... Ein System, das beide Formen vereint und in der Hauptsache auf dem Stundenlohnsystem beruht, während das Akkordsystem als Zusatz dient, ist der gegenwärtigen Situation unseres Landes angemessen... Insbesondere unter solchen Bedingungen, da das Stundenlohnsystem praktiziert wird und in denen eine verhältnismässig lange Zeit nötig ist, um Lohnanpassungen vorzunehmen, kann der richtige Einsatz von Vergütungen die Produktion bemerkenswert vorantreiben (!). Wenn die Löhne verhältnismässig niedrig sind, kann der richtige Einsatz von Vergütungen eine wichtige Rolle in der Hebung des sozialistischen Enthusiasmus unter den Massen und in der Verbesserung ihres Lebensstandards spielen.« [RMRB v. 22.11.77 »Die Falschheiten der 'Viererbande' hinsichtlich der Entlohnungsformen für die Arbeit widerlegen«].
Und zu den Profiten heisst es in derselben Zeitung:
»
Sozialistische Unternehmen sind darauf angewiesen, ihre Profit- und Steuerabgaben an den Staat zu erhöhen, um Kapital für eine ausgedehnte sozialistische Produktion zur Verfügung zu stellen, die verschiedenen administrativen Ausgaben des Staates zu decken und Kapital für Unternehmungen in Wissenschaft, Erziehung, Gesundheitswesen, Kultur, Künsten und für Wohlfahrtsfonds wie Altersrenten und Nothilfe bereitzustellen. Die Viererbande nahm bösartige Verleumdungen vor, indem sie Gewinne in sozialistischen Unternehmen in China mit der Praxis des 'Kommandos der Profite' gleichsetzte, um Verwirrung zu schaffen und die Produktion zu stören.« [ebd. »Gewinne im Sozialismus"].
Man sieht, der Wettstreit der Menschheitsbeglücker ist in China in vollem Gange. Alle reden von Verbesserung der Lebensbedingungen - und meinen Erhöhung der Ausbeutung. Jede Epoche hat dabei ihre Parolen und Schlagworte. Was bleibt, sind die Lügen der Bourgeoisie.

Der Tenor der Aussagen und eine Flut ähnlicher Berichte besagt nichts anderes, als dass über Leistungslöhne die Ausbeutung forciert werden soll. Der Trend zur relativen Mehrwertproduktion, also der Erhöhung der Arbeitsleistung innerhalb der gegebenen Arbeitszeit ist eine immanente Gesetzmässigkeit der kapitalistischen Produktionsweise. Und erhöhte Ausbeutung bedeutet natürlich auch erhöhten Verschleiss der Arbeitskraft, also die Möglichkeit steigender Löhne entsprechend der höheren Reproduktionskosten der Arbeitskraft. Gegenwärtig ist aufgrund der bisherigen Politik der Niedriglöhne der Lohnkostenanteil an der Produktion vor allem in der kapitalintensiven Produktionsgüterindustrie im internationalen Vergleich ausgesprochen gering. Zumindest in den modernen staatlichen Betrieben machen die Lohnkosten in der Regel weniger als 10% aller Kosten aus. Einige wenige Hochleistungsbetriebe lagen sogar unter der 5%-Marke. [FAO-Report, S. 29]. In dieser Hinsicht soll die 77er Reform neben der anvisierten Leistungssteigerung auch eine weitverbreitete Unzufriedenheit der Arbeiter dämpfen. Deshalb auch im wesentlichen ihre Beschränkung auf die zwei unteren Lohngruppen. Daneben wurde die Gehaltsbegrenzung nach oben abgebaut, um so das Loyalitätsbewusstsein der »Staatsdiener« zu stärken.

Bei der Lage des Proletariats darf aber nicht übersehen werden, dass es in China in einer Reihe von Industriebranchen praktisch zwei Klassen von Industriearbeitern gibt. Arbeiter erster Klasse (in der Regel fachlich qualifiziert) sind auf Lebenszeit Angestellte ihres jeweiligen Industriebetriebes mit allen entsprechenden sozialen Vergünstigungen (Wohnung, Krankenbehandlung, Lohnfortzahlung, Altersrente usw.). Im Gegensatz dazu sind die Arbeiter zweiter Klasse in der Regel nur zeitweilig auf Kontraktbasis angestellt. Sie geniessen die Vergünstigungen der permanenten Betriebsarbeiter nur für die Zeit ihres Arbeitsverhältnisses, d.h. sie unterliegen der andauernden Unsicherheit, in Zeiten des verminderten Arbeitskräftebedarfs den verbesserten Lebensstatus zu verlieren und in die jeweiligen ländlichen Volkskommunen zurückkehren zu müssen, die den Bereitstellungskontrakt mit den verschiedenen Industriebetrieben geschlossen haben und eine entsprechende »Leihkommission« erhalten. Diese Politik der Kontraktarbeiter, d.h. einer möglichst kleinen permanenten Belegschaft und einer konjunkturgebundenen Arbeitskraftreserve bildete sich vor allem in der Konsolidierungsphase unter Liu Shao-ch'i und Deng Xiaoping 1962-65 heraus, als die Betriebe nach dem Desaster des »Grossen Sprungs« unter überhöhten Lohnfonds zu leiden hatten. Damals entstanden sogar sog. städtische oder regionale »Arbeiterpools«, die Arbeiterkontingente auf Zeit an Betriebe ausliehen. Diese Spaltungsbemühungen der Bourgeoisie innerhalb der Lohnarbeiterschaft machen dann auch die permanent wiederkehrenden Berichte über Zusammenstösse von verschiedenen Arbeitsgruppen in einzelnen Betrieben verständlich. Der Interessenbruch zwischen beiden Arbeiterkategorien war vorgegeben und wurde in den taktischen Auseinandersetzungen von beiden Fraktionen des chinesischen Kapitals genutzt. Dass das Problem eines Arbeiterabbaus sicher auch wegen anstehender Rationalisierungen der heutigen Führung zu schaffen macht, geht aus Presseberichten indirekt hervor. So heisst es u.a.:
»
Staatsorgane und Unternehmen, die landwirtschaftliche Arbeitskräfte für sich selbst abziehen wollen, müssen sich strikt an den Staatsplan halten. Wenn es nicht im Plan vorgesehen ist, dürfen Einheiten keine Arbeitskräfte illegal von den Produktionsgruppen abziehen. Das gesamte Personal, das durch illegale Abmachungen rekrutiert, angeheuert und beschäftigt worden ist, muss entlassen und in die jeweiligen Produktionsbrigaden zurückgeschickt werden.« [»Summary of World Broadcasts«, Part III »The Far East«, Reading (hg. v. d. BBC) (SWB), 25.11.77].
Die gegenwärtige Führung ist also offensichtlich dabei, überzählige Arbeiter auf Kontraktbasis abzubauen und in die landwirtschaftliche Produktion zurückzukanalisieren. Dort ist sie ein Kostenfaktor der kollektiven Grundeinheiten und nicht mehr der staatlich-betrieblichen Lohnfonds. Da die grossen Mehrheit der Kontraktarbeiter in die beiden unteren Lohnstufen eingeordnet ist, wird mit der Lohnreform vom Oktober 1977 noch zweierlei erreicht: Zum einen die erzwungene Ab- und Rückwanderung, so dass die Belastung des Lohnfonds durch die Lohnerhöhungen zu einem Teil durch die verminderte Zahl der Arbeiter wieder aufgefangen wird, und zum anderen wird die mögliche Unzufriedenheitswelle unter den restlichen Kontraktarbeitern durch das Lohngeschenk gedämpft.

Dass auch die Mannschaft Deng/Hua gegenüber den Arbeitern keine Spendierhosen anhat, zeigt sich, wenn man die Kosten dieser grossartig hinausposaunten Reform abschätzt. Ausgehend von rd. 30 - 40 Yuan Monatslohn in den beiden unteren Lohngruppen der Industrie Chinas ergibt sich bei rd. 15% Lohnerhöhung ein annähernder Durchschnitt von 5 Yuan monatlich. Für 9-11 Mio. Arbeiter lässt sich eine jährliche Mehrbelastung an Lohnkosten von rd. 550 - 650 Mio. Yuan ausrechnen. Selbst unter der Annahme, dass noch einmal die gleiche Zahl von Industriearbeitern höherer Lohnstufen teilbegünstigt worden wäre, kann die Steigerung der Gesamtlöhne für den Industriebereich kaum wesentlich über 1 Mrd. Yuan liegen; denn nach Aussagen eines NCNA-Berichtes vom 1. Januar 1978 betrugen die Lohnsteigerungen durchschnittlich nur 10%. [SWB v. 5.1.78] Da sie in den unteren Stufen eine höhere Steigerungsrate erreichte, müssen sie in den mittleren beachtlich unterhalb der 10%-Marke gelegen haben.

Im Verhältnis dazu wurde der Bruttoproduktionswert der Industrieproduktion 1975 auf rd. 330 Mrd. Yuan geschätzt [G. Hidasi, »China's Economy in the Mid-1970s and its Development Perspectives«, Acta Oeconomica, Vo1. 14 (4), 1975, S. 366/67]. Bei einer Steigerung der Industrieproduktion 1976/77 um 14% und einer weit geringeren Steigerung 1975/76 ergibt sich für 1977 eine Grössenordnung von 380 Mrd. Yuan. Selbst die hieraus ableitbare Nettoindustrieproduktion (Verhältnis ca. 100:32) liegt immer noch bei mehr als 120 Mrd. Yuan. Allein der Zuwachs für 1977 dürfte bei rd. 14 Mrd. Yuan gelegen haben. Unter diesen Umständen bedeutet eine Lohnerhöhung von rd. 1 Mrd. Yuan 1978 eine Belastung, die kaum zu Buche schlagen durfte, andererseits aber Unzufriedenheitsabbau, Loyalitätsfestigung und Leistungsanreiz bewirken kann. Ein weiterer Vergleich bezöge sich auf die Gesamtlohnkostengrösse der industriellen Produktion Chinas. Ausgehend von einem absoluten Industriedurchschnittslohn von jährlich rd. 760 Yuan und einer Gesamtindustriearbeiterzahl von rd. 50 Mio. ergeben sich Lohnkosten von rd. 38 Mrd. Yuan. Das heisst, die Lohnreform bedeutet für den industriellen Bereich eine Erhöhung der Lohnkosten um weniger als 3%. Da es sich um die erste Reform seit 1971/72 handelt und da die Bruttoindustrieproduktion seit 1972 ein geschätztes Wachstum von 265 Mrd. Yuan auf 380 Mrd. Yuan aufweist (Hidasi), stehen 3% Lohnerhöhung rd. 30% industriellern Wirtschaftswachstum gegenüber. In diesen Zahlen drückt sich entgegen allem Geschwafel schön plastisch die Ausbeutung in China aus, die auch durch die lächerliche Lohnerhöhung von 1977 nur noch verschärft werden soll.

Und diese Ausbeutung dokumentiert sinnfällig entgegen allen anderslautenden Schwüren den kapitalistischen Charakter Chinas. Das Kapital kauft die Arbeitskraft, um sie maximal auszubeuten, der Arbeiter will sich maximal verkaufen. Zwei gleichrangige Interessen finden ihren Ausgleich im ökonomischen Kampf. Zum Kampf braucht das Proletariat allerdings die Macht der Vereinigung und die Waffe des Streiks. Das Mirakel obiger Zahlen über die Ausbeutung und das Lohndiktat des Kapitals löst sich rasch, betrachtet man die Waffen des Proletariats - es hat keine bzw. es wurde durch das Kapital mit seinen eigenen Waffen entwaffnet. Streik ist zwar laut Verfassung erlaubt, aber das heisst noch weniger als im Westen. Gewerkschaften, geschweige eine revolutionäre Partei gibt es auch nur formal als Disziplinierungsorgane der Bourgeoisie über das Proletariat als Ware Arbeitskraft. Alle formalen Voraussetzungen für den Übergang der Klasse an sich zur Klasse für sich sind durch den »revolutionären« Mummenschanz der chinesischen Bourgeoisie verbaut. Der revolutionären Perspektive ist vorerst durch seine institutionelle Verarbeitung für eine bessere Kapitalverwertung die Spitze abgebrochen; der immanent ökonomische Kampf des Proletariats um bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen steht ganz unter dem Diktat der Bourgeoisie. Hier hat der kapitalistische Lehrling den faschistischen Meister bis zur Vollendung kopiert. Die Gewerkschaften bilden in diesem Rahmen als Staatsorgane einen Teil der umfassenden Organisation der Bevölkerung - zur weitgehenden Integrierung in den kapitalistischen Produktionsprozess. Einst Kampfinstrument des Proletariats zur Verteidigung seiner ökonomischen Interessen innerhalb des kapitalistischen Systems wird sie jetzt unter die Regie des Kapitals genommen und dient dazu, die absolute Unterordnung dieser unmittelbaren Arbeiterinteressen unter die langfristigen Interessen des Kapitals zu unterstützen. Die Marschkolonne wird für lange Zeit der bevorzugte Bewegungsrahmen und unter dem Kommando verkleideter Bourgeois geht's ab in die Produktionsschlacht. Ausser den Namen hat die »Gewerkschaft« genannte Organisation des Kapitals also überhaupt nichts mit dem proletarischen Kampfverband gemein. Es ist das immer wieder bewährte Schema: man benutzt traditionelle Symbole, Organisationsformen - ja, sogar die revolutionäre Ideologie, um die kapitalistische Ausbeutung besser tarnen zu können, indem man dem Proletariat jede tagespolitisch-ökonomische wie langfristig-revolutionäre Perspektive zu verbauen versucht.

Aber auch offene Staatsgewerkschaften - das zeigte schon der Faschismus - tendieren aufgrund ihrer Basisnähe zu teilweise gefährlichem Eigenleben. Es lässt sich kaum verhindern, dass diese primär auf Optimierung der Ausbeutung abgestellte Organisation im Ansatz Interessen der Ausgebeuteten zu artikulieren beginnt - und sei dies nur, um desto wirksamer die Disziplinierungsaufgabe langfristig wahrnehmen zu können. Kurzfristig führt diese widersprüchliche Ausgangslage aber häufig zu Spannungen mit den Vertretern der unmittelbaren Kapitalinteressen, die sich gewöhnlich einen Dreck um die Interessen der Lohnabhängigen scheren, für die sie vielmehr störende Faktoren im Kapitalverwertungsprozess darstellen. Das »Volk« hat zu gehorchen und zu malochen - sonst hat es die Schnauze zu halten, oder es bekommt eine Lektion, damit es merkt, wie der Hase läuft.

Und so war es auch in China. Dreimal musste die Gewerkschaftsspitze wegen sentimentaler Anfälle gesäubert werden; beim letzten Mal wurde diese Staatsorganisation sogar unter dem Gegröle der Rotgardisten, diesen Helden aller »aufgeklärten« Menschen, aufgelöst und die Chefs an den Pranger gestellt. Natürlich haben wir Kommunisten nichts dagegen, wenn sich die Bourgeoisie gegenseitig fertigmacht, aber es ist doch bezeichnend, dass die Mao-Fraktion zur Erreichung ihres Programms einer Steigerung der Ausbeutung gleich zu Anfang diese Streikverhinderungsorganisation zerschlagen musste, weil sie tendenziell ihre Aufgabe nicht mehr wahrnehmen konnte.

Die Daten dieser Konflikte waren 1951/52, 1957 und eben 1966. In allen Fällen warfen die Kapitalvertreter ihren Kollegen von der unmittelbaren Front der Arbeiterdisziplinierung vor, in ihren Selbständigkeitsversuchen zu weit gegangen zu sein. Regelmässig wurde die Aktivität der »Gewerkschaft« wieder auf einflusslose Bereiche beschränkt, wie soziale Hilfeleistungen, Produktionsentwicklung, Wettkampfkampagnen, kulturelle Tätigkeit, Freizeitgestaltung usw.

Im Dezember 1966 war's dann mit diesen »Gelben Gewerkschaften« auf Staatsebene vorbei. Spätere Wiederbelebungsversuche durch die Pragmatiker wurden 1975 abgestoppt, als sich abzeichnete, dass dieser Transmissionsriemen von den Maoisten erobert zu werden drohte. Bis zur »Neuen Ära« mussten die Arbeiter auf »ihre« Organisation verzichten, was nicht weiter auffiel. Erst im Oktober 1978 auf dem »9. Nationalen Gewerkschaftskongress« wurde diese Leiche wieder aufgemöbelt. Und damit den Arbeitern die Lust nur ja nicht verging, griff der grosse Trickkünstler Deng sehr tief in seine Schminkkiste: Er versprach der staunenden Versammlung die Mitbestimmung - natürlich nach jugoslawischem Vorbild, denn Westdeutschland ist immer noch kapitalistisch.

Und dass die Gewerkschaftsbosse wissen, worum es geht, zeigt der Tenor einer »erweiterten Tagung des Ständigen Ausschusses des Allchinesischen Gewerkschaftsbundes«:
»
Die Gewerkschaften müssen sich in ihrer Arbeit auf die Produktion konzentrieren. Das heisst, sie müssen die Arbeiter mobilisieren und organisieren, am sozialistischen Wettbewerb teilzunehmen, mit allen Kräften die Produktion zu erhöhen und für Sparsamkeit bei der Produktion zu sorgen, - sie müssen grossen Wert auf die ideologische und politische Erziehungsarbeit legen und die Arbeiter und Angestellten ermutigen, sich für die sozialistische Modernisierung einzusetzen.« [»Beijing Rundschau« 11/79, S. h].

Statt »Grosser Ordnung« Wiederaufnahme des proletarischen Klassenkampfes
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Vor dem Hintergrund der bisher skizzierten ökonomischen und sozialen Bedingungen gewinnt die Politik der alten und neuen Vertreter des Kapitals in China erst an Kontur. Es geht eben nicht hauptsächlich um »Ideen« der Menschen, sondern um die Umsetzung der Industrialisierung bei sich verändernder Ausgangslage. In Zeiten allgemeiner sozialer Umwälzung bedarf es sicher des inneren Stützkorsetts einer Morallehre. Auch war es schon immer sehr heikel, die Grundlagen der kapitalistischen Akkumulation zu setzen - ohne Maschinen, ohne Tradition in bezug auf die Absurditäten der neuen Ökonomie der Zeit usw. Hier gab die Ideologie Maos mit ihrer Betonung von Leistung, Disziplin und Puritanismus die notwendige Orientierung. Ganz im Vordergrund stand anfangs die Abrichtung für die Fabrikarbeit und die soziale Zerstörung des traditionellen Dorfes, um Arbeitsfreude kombiniert mit einem minimalen Lohnniveau zu garantieren. Der Maoismus war das staatlich verordnete Aufputschmittel, um die Arbeitskraft maximal zu aktivieren. Ein pausenloses ideologisches Trommelfeuer sollte das »Volk« präparieren. Und um die Ausbeutung möglichst zu kaschieren, sollte der einzelne im massenhaften Getriebe untertauchen. Polizei, Arbeitslager, Zwangspsychiatrie etc. sorgten - wenn nötig - für die rigorose Einordnung in das »Volksganze«.

Die Kapitalvertreter waren zum anfeuernden Vorbild aufgerufen, hatten also vor allem als Agenten für das Kapital und weniger für sich zu handeln. Die Maximierung des produktiven und die Minimierung des individuellen Konsums war die logische Devise. Wir wissen aus späteren Kampagnen, dass auch der chinesischen Bourgeoisie dieser »faustische Konflikt« keineswegs problemlos glückte.

Als Agenten des Kapitals damit betraut, soviel Mehrwert wie möglich aus dem »Volk« zu pressen und der Akkumulation zuzuführen, wirtschafteten sie allzuleicht in ihre Taschen. Sie schmälerten damit nicht nur die Mittel für die Industrialisierung, sondern drohten soziale Fronten aufzureissen, die mühevoll durch allerlei illusionistische Tricks gekittet waren. Kritik am »Bürokratismus« artikuliert im Kern die Angst vor der Verfestigung von antagonistischen Klassen. Oder in der Art der Spruchweisheiten Maos galt es folgende Konsequenz so lange wie möglich zu bannen: Wenn die Tendenzen zu Bürokratismus und Restauration bürgerlicher Ideologie sich verstärken, können sich die Widersprüche im Volke zu Widersprüchen zwischen dem Staat und dem Volke entwickeln. Da trifft sich Mao mit den frommen Wünschen aller Demokraten.

Auch wenn Mao sicher die Aufgaben eines Bourgeois - zumal wenn er am Anfang der Akkumulation steht - durchaus richtig sah, so entsprach doch seine aktuelle Politik je länger, desto weniger den Erfordernissen der Zeit. Man konnte eben nicht einfach durch immer neue Kampagnen die Bauern und Arbeiter für eine nicht endende Arbeitsschlacht mobilisieren und diese durch allerlei Hoffnungen abspeisen. »Revolution« am Morgen, am Mittag, am Abend - das geht nur eine Zeitlang gut. Allmählich verflüchtigen sich eben durch die bekannte Reibung mit der Wirklichkeit letztlich auch die grössten Illusionen. Und ausserdem erzwingt eine wachsende Entwicklung der Produktivkräfte mit urtümlicher Naturgewalt eine soziale Aufspaltung der Gesellschaft. Der Kapitalismus ist eine Klassengesellschaft, die Arbeit in ihm ist Ausbeutung; das lässt sich höchstens vorübergehend kaschieren. Aber es fällt um so schwerer, je mehr der Kapitalismus entwickelt ist. Deshalb ist es auch nicht erstaunlich, dass der Höhepunkt des persönlichen Einflusses Maos praktisch im Frühsommer 1957 überschritten war. Der Fehlschlag der »Hundert-Blumen-Kampagne«, der Politik der »Drei Roten Banner« und schliesslich auch der Kulturrevolution brachten Schritt für Schritt den Abbau seines Prestiges und damit seines Einflusses mit sich. Die hartnäckige Betonung von Autarkie, Egalismus, Massenmobilisierung etc. entsprach immer weniger den materiellen Erfordernissen. Mehr noch als die Industrie stiess die Landwirtschaft auf die Grenzen des maoistischen Modells. Da Neulandgewinnung immens kostspielig war, blieb hier nur Mechanisierung und Chemie. Beide Massnahmen sprengen die maoistische Devise, wesentliche Entwicklung aus eigener Kraft durchzuführen, denn hierzu brauchte man den Import moderner Technik.

Schon vor dem Grossen Sprung und dann verstärkt nach diesem Desaster hatten die »Liuisten« diese Notwendigkeit erkannt. Der maoistische Starrsinn wirkte nur hemmend auf die Akkumulation, da Mao gegen die materiellen Bedingungen seine Ideologie vom »tausendjährigen Reich der Volksgemeinschaft« erzwingen wollte, aber im Endeffekt nichts anderes als wachsenden Widerstand von unten provozierte und damit die Grundlage für die Akkumulation unterminierte.

Bis zum Tode Maos bestimmten die »Realisten« die Politik, Mao und seine Mannschaft funkten nur über den Propagandaapparat dazwischen. Sie konnte so die Richtung zwar nie entscheidend ändern, die Entwicklung aber insgesamt stark verzögern. Insgesamt bedeuten die Jahre seit der Kulturrevolution nichts anderes, als Schritt für Schritt diesen Störfaktor zu eliminieren. Es war auch nicht zufällig, dass Lins Versuch, den »echten« Maoismus zu erzwingen, zur Farce der Militärdiktatur verkam. Der 10. Parteitag 1973 brachte ein Patt zwischen den Fraktionen, das sich aber schon beim V. Volkskongress 1975 weitgehend zugunsten der Pragmatiker im Staatsapparat auflöste. Sicher nicht zufällig blieb Mao dieser Versammlung fern und plauderte lieber mit Franz-Josef Strauss. Er wollte offensichtlich Chous Programm der »71er Modernisierungen« nicht zur Kenntnis nehmen. Die Maoisten verschärften vielmehr ihre Kampagnen: Die gegen ihn gerichtete Konfuzius-Kampagne hatte Chou geschickt auf Lin abgewendet. Die Antwort Maos auf den Volkskongress war eine »Kampagne zum Studium der Theorie der Diktatur des Proletariats«, und im Laufe des Jahres kam die Shui-hu-chuan-Kampagne hinzu, die sich mit dem Roman »Die Räuber vom Liangshan-Moor« - einer Art chinesischer Robin-Hood-Erzählung gegen das »Kapitulantentum« Dengs richtete. Denn dieser Deng, in der Kulturrevolution als »Kapitalist Nr. 2« gleich hinter Liu von den Maoisten erledigt, war jetzt der entscheidende Mann, da Chou schon seit 1972 im Krankenhaus lag. Und Deng ging aufs Ganze. Im Verlauf des Jahres 1975 liess er drei Grundsatzdokumente erstellen, in denen mit Phrasen kaum getarnt, das alte Programm der Liuisten programmatisch unterstrichen wurde. Die endgültige Konfrontation steuerte auf den entscheidenden Punkt. Die äusseren Daten sind weitgehend bekannt: Januar 1976 Tod Chous, am 7. Februar wird Hua und nicht Deng Ministerpräsident, parallel verschärftes »Schattenschiessen« auf Deng, 5. April Massenauflauf auf dem Tiananmem-Platz, der als »konterrevolutionär« von der Polizei zerschlagen wird. Sturz Dengs. Juli schwere Erdbeben und Tod Chu Des. Tod Maos am 9. September. Damit war der Yenaner »Uradel« verschieden. Verhaftung der »Viererbande« am 6. Oktober. Dem Meister setzte man sein gigantisches »Mausoleum«, um sich jeweils zum Todestag in rituellen Verbeugungen zu versammeln. Der Kampf, der nach Maos Tod so schnell und heftig entbrannte, war keine Erscheinung engstirniger Machtpolitik. Vielmehr ging es um die längst überfällige Entscheidung, die Weichen der langfristigen Kapitalakkumulation für das Land zu stellen. Es war daher nur natürlich, wenn die neue Führung gleich nach der Palastrevolte die Reaktivierung Dengs betrieb.

Auf die Nachricht vom Sturz der »Vier« kam es in vielen Provinzen zu schweren Unruhen. Den ganzen Monat hatten lokale Milizen und Militär mit ihrer Niederschlagung zu tun. Erst Anfang Dezember konnte die »Ruhe« in fast allen Teilen des Landes wiederhergestellt werden. Auch wenn die jahrelange Indoktrinierung und Propaganda bei Teilen der Bevölkerung sicher nicht spurlos geblieben war, so gilt dennoch: Die Nachricht vom Sturz löste bei der überwiegenden Mehrheit nicht nur Erleichterung, sondern eine Art Festtagsstimmung aus. Und es ist diese Aufbruchsstimmung, die in den nächsten Jahren die Mächtigen wohl eher nervös macht, droht sie doch ihr neues Konzept der »Grossen Ordnung« zumindest durcheinanderzubringen. Am Anfang steht freilich die Erleichterung dank der spontanen Beseitigung des gröbsten maoistischen Plunders. Die bürgerliche Zwangsjacke musste einfach ein bisschen gelockert werden: Man darf sich wieder schüchtern lieben, selbst Geschriebenes darüber soll's jetzt geben, in den grösseren Städten steht eine »Mauer der Demokratie«, wo jetzt nicht mehr alle »subversiven« Meinungsäusserungen von der Polizei entfernt werden. Es gibt Werbung, sogar mit Bildern nackter Frauen, also gibt es jetzt auch Sittenverfall, auf der Strasse erzählt man sich wieder Witze, wer will, hört wieder Mozart, Betthoven etc., vor allem lernt man aber Englisch, trinkt die erste Cola und isst bald auch Hamburger. Die Frauen tragen wieder Dauerwellen, die Mode bekommt insgesamt Farbe. Der französische Modeschöpfer Pierre Cardin war auch schon da. Es gibt jetzt auch »Schwierigkeiten bei der Inflationsbekämpfung«, »Kampf gegen Korruption« und Kriminalität. Dass das Ganze nicht ausartet, dafür sorgt schon Deng, der immer ernster vor Übertreibungen warnt. Und dass die Chinesen nicht zu übermütig werden, darüber wacht immer noch die massenhafte Polizei. Schliesslich war Hua vorher nicht umsonst Chef der Geheimpolizei. Aber jetzt soll es streng nach den Normen des Rechtsstaats zugehen. Ordentliche Verhaftungen, ordentliche Gerichtsverfahren und zur Not ordentliche Hinrichtungen. Unter Mao herrschte die reine Willkür, wie erst jüngst Amnesty International feststellen konnte. [»Political imprisonment in the People's Repu-blic of China«, London 1978J. Aber das heisst sicher nicht, dass man jetzt zimperlicher mit dem »subversiven Gesindel« umspringen wird. Die ehemaligen Helden der Kulturrevolution haben das schon gespürt: z.B. die Aktivistin Nieh Yuan-tzu, die die erste Wandzeitung am 25.5.1966 auf dem Pekinger Campus anbrachte. Unter Mao macht sie Karriere, im November 1978 wird sie dagegen verhaftet und soll wegen »krimineller konterrevolutionärer Angriffe auf die Partei« vor Gericht kommen. Denn inzwischen hat sich bekanntlich der Wind völlig gedreht. »Grosser Sprung« und Kulturrevolution werden von den jetzigen alten Herren, den Überlebenden des Revolutionsadels, natürlich ganz anders eingeschätzt. Nicht umsonst hatte man ihnen in der Kulturrevolution übel mitgespielt. Nach dem Tod des »Alten« kommt jetzt die Abrechnung.

Auf der anderen Seite werden alle rehabilitiert, die bislang noch nicht drangekommen waren. Von den Oberen alle bis auf Liu. Der ist inzwischen verstorben, aber bedacht wird auch er, seine Frau wurde nämlich schon »empfangen«. Von den »Kleinen« alle Opfer des maoistischen Zornes. Eine Unzahl von Individuen vegetierte praktisch seit Jahren als Parias, weil sie der Bannstrahl Maos getroffen hatte. Alle »konterrevolutionären« Elemente seit dem »Hundert-Blumen«-Betrug können aufatmen. Dass die Geschichte jetzt wieder völlig gegen den Strich gebürstet wird, zeigt auch der »konterrevolutionäre« Zwischenfall vom Tiananmen. Der 5. April 1976 wird heute mit dem 4. Mai 1919 in einem Zusammenhang genannt, beides jetzt also Daten für einen stürmischen Durchbruch in die Zukunft.

Man lässt also Dampf ab und ordnet die Verhältnisse. Denkt man an die wirtschaftlichen Fragen, so sieht man erst, welche Probleme es zu lösen gilt. Und das soll nun nach der »2. Befreiung« im Riesentempo erledigt werden. Gleich nach dem Umsturz begann eine Welle von sog. Fachkonferenzen die neue alte Politik einzuleiten. August 1977 auf dem 11. Parteitag und Februar 1978 auf dem V. Volkskongress fixierten die Richtung, die dann auf der 3. Plenartagung des 11. ZK im Dezember 1978 ihre endgültige Bestätigung fand. Inzwischen ist Deng der unbestrittene Star und für das US-Magazine Time der »Mann des Jahres«. Die allgemeinen Prinzipien unterscheiden sich natürlich nicht grundsätzlich von dem, was wir schon aus früheren Phasen kennen. Es sind ja nicht umsonst zum grossen Teil dieselben Akteure: Im Bildungswesen gelten wieder Aufnahmeprüfungen, Zensuren, Zeugnisse und Fachwissen. Die Universitäten sind nicht länger nur Fachschulen zur Verbesserung der einfachen Arbeitskraft, sondern die Brutstätten der Elite der Nation. Die Intellektuellen sind natürlich auch nicht mehr hinter Renegaten, Agenten, »Machthabern, die den kapitalistischen Weg gehen«, Grundherren, Grossbauern, Konterrevolutionären, üblen Elementen und Rechten die »Stinkenden Nr. 9«. Die betroffenen rd. 20 Mio. gehören wieder zu den Aufsteigern mit der Hoffnung auf Offiziers- und Unteroffiziersposten im kapitalistischen Produktions- und Verwertungsprozess. In der Landwirtschaft liegt das Schwergewicht natürlich auf Privatland, freie Märkte, Nebenerwerb und neue Entlohnung. In der Industrie betont man Führungsqualität, Arbeitsproduktivität, Disziplin, Leistung etc. Im Aussenhandel volle Hinwendung zum Westen, wobei die dortigen Kapitalisten wegen der anvisierten Grössenordnung ganz nervös werden. Bis 1985 sollen insgesamt 14 schwerindustrielle Zentren gebaut werden. Im einzelnen sind 120 Grossprojekte geplant, darunter 10 Stahlwerke, 19 NE-Metall- und 8 grosse Kohlebergwerke, 30 Kraftwerke (darunter auch Kernkraftwerke), 6 Eisenbahnfernstrecken und 5 grosse Häfen sowie die Erschliessung 10 neuer Öl- und Erdgasfelder. Insgesamt soll in acht Jahren soviel wie im ganzen Zeitraum seit 1949 in die Gesamtwirtschaft investiert werden. Da wird klar, dass dies nur - wenn überhaupt - bei enger Zusammenarbeit mit dem Westen möglich wäre. Drei Tabus der Maoisten gingen dabei voll über Bord: keine Auslandskredite, möglichst kein Rohstoffexport, keine Joint-ventures. Während, die ersten beiden Punkte heute ganz selbstverständlich sind, gibt es immer noch ungläubiges Staunen beim dritten. Aber es herrschen keine grundsätzlichen Skrupel mehr, mit der billigen chinesischen Arbeitskraft Kapitalisten ins Land zu locken. Nur ein Beispiel: Ein BRD-Konzern der Unterhaltungselektronik vereinbart über seine Tochter in Hongkong eine Investition in China. In einem Werk in der Nähe Kantons sollen Radio- und Stereogeräte sowie Kassettenrecorder ab März 1979 montiert werden, und zwar unter folgenden Konditionen: für ein bestimmtes Produkt wird der Arbeitswert in Hongkong ermittelt. China fordert dann einen um 30% geringeren Preis, dies unabhängig von der tatsächlich eingesetzten Anzahl der Arbeitskräfte. Wenn z.B. 300 gut ausgebildete Lohnarbeiter in Hongkong durch 1000 schlecht ausgebildete Arbeiter in China ersetzt werden, so zahlt der westliche Kapitalist seinem chinesischen Bruder nur den Betrag, der für die 300 abzüglich 30% in Hongkong angesetzt ist. Massstab der Produktivität ist also die »gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit« Hongkongs.

Darüber hinaus stellt China das Betriebsgebäude, das benötigte Land und eben die Arbeitskräfte. Gleichzeitig wird zugesichert, dass Bauelemente aller Art aus Drittländern absolut unbeschränkt eingeführt werden dürfen. Der westliche Kapitalist muss nur alle sonstigen Investitionen wie Fabrikationseinrichtungen, Messgeräte usw. zunächst selbst tragen, die chinesische Regierung übernimmt diese Investitionsgüter nach zwölf Monaten zum Anschaffungspreis, so dass nach dieser Zeit das Werk China gehört. Dabei wird monatlich eine Abschlagszahlung geleistet, vorzugsweise in Kompensation mit dem anfallenden Arbeitslohn. Der Gesamtvertrag läuft über fünf Jahre. Weil der Lohn an die Regierung gezahlt wird, muss diese die Arbeiter selbst entlohnen. Der Profit aus der Fabrik fliesst während der Vertragsdauer gänzlich dem Hongkonger Unternehmen zu. [»Handelsblatt« v. 27.3.79] Hier haben wir also eine Variante der neuerdings in der »Dritten Welt« so beliebten Exportproduktionsfabriken. Die ganze Sache ist deshalb keineswegs ungewöhnlich, und im »Ostblock« ist sog. »Lohnveredelung« auch gang und gäbe, aber an China kleben noch soviel Illusionen, dass man solche Banalitäten extra hervorheben muss. Der Clou ist wie immer die Lohndifferenz: In chinesischen Fabriken beträgt der Monatslohn umgerechnet 187 HK-$, in Hongkong müsste für die gleiche Arbeit 700 - 800 HK-$ gezahlt werden. Man kann sich gut vorstellen, was auf das Proletariat zukommt. Im Vordergrund steht die Forcierung der Akkumulation mit einer anvisierten Wachstumsrate von 10%. Alle Bereiche sollen beschleunigt industrialisiert werden, die Infrastruktur soll ausgebaut, die Landwirtschaft schwerpunktmässig mechanisiert und die Rüstung wieder angekurbelt werden. Zwar steckt man seit der imperialistischen Übung in Vietnam offensichtlich die Zielmarken wieder ein bisschen zurück, aber das ändert nichts an der Ausgangslage. Jede Lohnsteigerung und Verteuerung der Agrarprodukte würden zwar die »Massenkaufkraft« erhöhen, aber zugleich den Akkumulationsfonds für die Produktionsgüterindustrie verringern. Deswegen ist nicht erstaunlich, dass sich der Grundtenor für die Lohnpolitik nicht geändert hat. Er lautet immer noch:
»
Ja zu einem einfachen Leben, und harter Arbeit und nein zur Überbetonung der persönlichen materiellen Interessen!« [BR 11/79,S.12].
Das hätte auch Mao unterschrieben. Gegenüber dem »Volk« waren sich diese Kapitalisten noch immer einig. Und wenn das »Volk« jetzt vielleicht auch denkt, es wäre aus dem Gröbsten raus, so wird es sich noch wundern. Denn das ABC jeder Kapitalakkumulation lautet: Langfristig kann ein hohes Akkumulationstempo nur über ein hohes Investitionsvolumen erreicht werden. Das erfordert Einschränkungen in der Entwicklung der Konsumgüterindustrie. Forcierte Industrialisierung setzt immer die wirksame Unterdrückung der Gegenwartsbedürfnisse voraus, so wie natürlich generell auch im entwickelten Kapitalismus der Profit immer vor Konsum geht. Und da wird sich die Mannschaft Deng/Hua noch was einfallen lassen müssen. Ein probates Mittel im Kapitalismus, den Leuten die Notwendigkeit einer permanenten Selbstbeschränkung klar zu machen, ist natürlich die Propagierung einer Kriegsgefahr.

Die Zeiten der Vergeudung von Kapital und Arbeit sollen jedenfalls vorbei sein. Mit allen Mitteln soll jetzt die absolute durch eine relative Mehrwertproduktion ergänzt werden. Die Ausbeutung soll durch permanente Produktivitäts- und Intensitätssteigerung maximiert werden. Und damit in der Praxis nichts daneben geht, formuliert die rehabilitierte Wissenschaft ihre theoretischen Vorgaben. Einer der Hauptsprecher ist wieder Sun Yeh-fang, schon der Kopf unter den Liuisten. Er sass 7 Jahre und 5 Tage im Gefängnis und hat eine gehörige Portion Wut im Bauch:
»
Ich will Feinden wie Chen Boda, Lin Biao und der Viererbande nicht für einen einzigen dieser Tage vergeben«.
Sonst ist er sich treu geblieben. Die Kernsätze dieses chinesischen »Liberman« sind wieder:

»Meine Meinung ist, dass es zwar 1 Million Gesetze geben mag, dass aber das Wertgesetz das wichtigste ist«. »In der Regel soll wirtschaftliches Handeln die grösstmöglichen wirtschaftlichen Ergebnisse erzielen.«

Und in einem programmatischen Artikel, der am 23. Oktober 1978 in der »Volkszeitung« nachgedruckt wurde, definiert er den »Gewinn« als Teil des materiellen Wohlstands, der durch die Arbeiter und Angestellten erzeugt wird und sich in drei Aspekte aufteilt: Kompensation für verbrauchte Materialien, Konsumgüterverteilung unter den Arbeitern, Angestellten und Angehörigen. Diese beiden Aspekte werden als Produktionskosten beschrieben. Der dritte Teil des »materiellen Wohlstands« ist der »Gewinn«. Er wird als Ergebnis gesellschaftlicher Arbeit gewertet. Gewinn ist ein monetärer Begriff für den Wert der Produkte, die für die Gesellschaft hergestellt werden. [»Mit Fug und Recht den sozialistischen Gewinn anpacken«. In: »Jingji Yanjiu«, 9/78].
Man sieht, abgesehen von den üblichen bürgerlichen Floskeln unterscheidet er sich wohltuend vom mit Marx-Zitaten durchtränkten Maoismus. Mit Bekennermiene wird postuliert: Alles Wirtschaften beherrscht das Wertgesetzt und der Profit steht absolut im Vordergrund. Konstantes und variables Kapital sind Kosten, der Überschuss ist Profit. Natürlich wird auch Sun hier wie üblich völlig verschwommen. Der Profit ist ihm als Bourgeois das Mirakel, dessen Ursache man lieber nicht tiefer erforscht, bzw. durch dunkle Andeutungen verschwinden lässt. Denn er müsste einen auf den Kern der eigenen Gesellschaft verweisen, die ihren einzigen Zweck in der stetigen Auspressung der Ware Arbeitskraft hat.

Nur falsche Ideologen und Propagandisten können behaupten, China sei im Wesen vom eigenen bekannten Kapitalismus verschieden. Es ist höchstens unterentwickelter, sicher nicht weniger gierig in seinem unstillbaren Heisshunger nach Mehrwert.

Der offenen Diktatur der chinesischen Bourgeoisie wird es immer weniger gelingen, diese Tatsachen der Ausbeutung mit billigen Tricks und schlechten Sprüchen zu verschleiern. So wie schon in der Vergangenheit, so wird in Zukunft verstärkt jener Antagonismus zwischen den Klassen, zwischen Kapital und Arbeit ausbrechen und die Volksgemeinschaft sprengen. Der Tag wird kommen, an dem das chinesische Proletariat wieder seine Klassenforderungen stellt und die von Stalinisten wie Maoisten zerschlagenen Kampforgane wieder aufbaut. Die revolutionäre Theorie des Marxismus wird dann mit den ekelhaften Lügen aufräumen. Die revolutionäre Partei wird als proletarische Kraft den Klassenkampf führen und die »Grosse Ordnung« der Bourgeoisie zerschlagen. Das chinesische Proletariat wird sicher das ABC des Marxismus neu lernen, und dass es kämpfen kann, hat es schon oft bewiesen. Es wurde von den Stalinisten und Maoisten besiegt, weil es schwach war. Das Blatt wird sich wenden, weil es in Zukunft immer stärker werden wird.

Source: »Kommunistisches Programm«, Nr. 22, Juni 1979

About the romanisation of chinese names etc. consult our page «A Non-Exhaustive Euro-Hannic Transcription Engine»

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