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MARX ÜBER DIE UNPERSÖNLICHKEIT DES KAPITALS


Content:

Marx über die Unpersönlichkeit des Kapitals
Über das Verschwinden des Kapitalisten als Persönlichkeit[1]
Über das gesellschaftliche und nicht persönliche Eigentum des Kapitals
Über das Schwinden des privaten Charakters des Kapitals
Notes
Source


Marx über die Unpersönlichkeit des Kapitals

Wir geben hier drei Zitate aus dem dritten Band des »Kapitals« wieder, um die Unpersönlichkeit des Kapitals, das Kapital als nicht-menschlicher Faktor[2], das nicht-private Wesen des Kapitals zu veranschaulichen, ebenso um die »Theorien« niederzureissen, die in dem Verschwinden des Einzelkapitalisten, in Staatskapitalismus, in Verstaatlichungen, etc., eine Überwindung des kapitalistischen Systems sehen.

Über das Verschwinden des Kapitalisten als Persönlichkeit

»Die Aktienunternehmungen überhaupt – entwickelt mit dem Kreditwesen – haben die Tendenz, diese Verwaltungsarbeit als Funktion mehr und mehr zu trennen von dem Besitz des Kapitals, sei es eignes oder geborgtes; ganz wie mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft die richterlichen und Verwaltungsfunktionen sich trennen von dem Grundeigentum, dessen Attribute sie in der Feudalzeit waren. Indem aber einerseits dem blossen Eigentümer des Kapitals, dem Geldkapitalisten der fungierende Kapitalist gegenübertritt und mit der Entwicklung des Kredits dies Geldkapital selbst einen gesellschaftlichen Charakter annimmt, in Banken konzentriert und von diesen, nicht mehr von seinen unmittelbaren Eigentümern ausgeliehen wird; indem andrerseits aber der blosse Dirigent, der das Kapital unter keinerlei Titel besitzt, weder leihweise noch sonstwie, alle realen Funktionen versieht, die dem fungierenden Kapitalisten als solchem zukommen, bleibt nur der Funktionär und verschwindet der Kapitalist als überflüssige Person aus dem Produktionsprozess«.[3]

Über das gesellschaftliche und nicht persönliche Eigentum des Kapitals

»Abgesehn von dem Aktienwesen – das eine Aufhebung der kapitalistischen Privatindustrie auf Grundlage des kapitalistischen Systems selbst ist, und in demselben Umfang, worin es sich ausdehnt und neue Produktionssphären ergreift, die Privatindustrie vernichtet –, bietet der Kredit dem einzelnen Kapitalisten oder dem, der für einen Kapitalisten gilt, eine innerhalb gewisser Schranken absolute Verfügung über fremdes Kapital und fremdes Eigentum und dadurch über fremde Arbeit. Verfügung über gesellschaftliches nicht eignes Kapital, gibt ihm Verfügung über gesellschaftliche Arbeit. Das Kapital selbst, das man wirklich oder in der Meinung des Publikums besitzt, wird nur noch die Basis zum Kreditüberbau. Es gilt dies besonders im Grosshandel, durch dessen Hände der grösste Teil des gesellschaftlichen Produkts passiert. Alle Massstäbe, alle mehr oder minder innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise noch berechtigten Explikationsgründe verschwinden hier. Was der spekulierende Grosshändler riskiert, ist gesellschaftliches nicht sein Eigentum. Ebenso abgeschmackt wird die Phrase vom Ursprung des Kapitals aus der Ersparung, da jener gerade verlangt, dass andre für ihn sparen sollen. […] Der andren Phrase von der Entsagung schlägt sein Luxus, der nun auch selbst Kreditmittel wird, direkt ins Gesicht. Vorstellungen, die auf einer minder entwickelten Stufe der kapitalistischen Produktion noch einen Sinn haben, werden hier völlig sinnlos. Das Gelingen und Misslingen führen hier gleichzeitig zur Zentralisation der Kapitale und daher zur Expropriation auf der enormsten Stufenleiter. Die Expropriation erstreckt sich hier von den unmittelbaren Produzenten auf die kleineren und mittleren Kapitalisten selbst. Diese Expropriation ist der Ausgangspunkt der kapitalistischen Produktionsweise; ihre Durchführung ist ihr Ziel, und zwar in letzter Instanz die Expropriation aller einzelnen von den Produktionsmitteln, die mit der Entwicklung der gesellschaftlichen Produktion aufhören, Mittel der Privatproduktion und Produkte der Privatproduktion zu sein, und die nur noch Produktionsmittel in der Hand der assoziierten Produzenten, daher ihr gesellschaftliches Eigentum, sein können, wie sie ihr gesellschaftliches Produkt sind. Diese Expropriation stellt sich aber innerhalb des kapitalistischen Systems selbst in gegensätzlicher Gestalt dar, als Aneignung des gesellschaftlichen Eigentums durch wenige; und der Kredit gibt diesen wenigen immer mehr den Charakter reiner Glücksritter. Da das Eigentum hier in der Form der Aktie existiert, wird seine Bewegung und Übertragung reines Resultat des Börsenspiels, wo die kleinen Fische von den Haifischen und die Schafe von den Börsenwölfen verschlungen werden. In dem Aktienwesen existiert schon Gegensatz gegen die alte Form, worin gesellschaftliches Produktionsmittel als individuelles Eigentum erscheint; aber die Verwandlung in die Form der Aktie bleibt selbst noch befangen in den kapitalistischen Schranken; statt daher den Gegensatz zwischen dem Charakter des Reichtums als gesellschaftlicher und als Privatreichtum zu überwinden, bildet sie ihn nur in neuer Gestalt aus«.[4]

Über das Schwinden des privaten Charakters des Kapitals

»(…) Wir haben gesehn, dass der Durchschnittsprofit des einzelnen Kapitalisten, oder jedes besondren Kapitals, bestimmt ist nicht durch die Mehrarbeit, die dies Kapital in erster Hand aneignet, sondern durch das Quantum von Gesamtmehrarbeit, die das Gesamtkapital aneignet und wovon jedes besondre Kapital nur als proportioneller Teil des Gesamtkapitals seine Dividende zieht. Dieser gesellschaftliche Charakter des Kapitals wird erst vermittelt und vollauf verwirklicht durch volle Entwicklung des Kredit- und Banksystems. Andrerseits geht dies weiter. Es stellt den industriellen und kommerziellen Kapitalisten alles disponible und selbst potentielle, nicht bereits aktiv engagierte Kapital der Gesellschaft zur Verfügung, so dass weder der Verleiher noch der Anwender dieses Kapitals dessen Eigentümer oder Produzenten sind. Es hebt damit den Privatcharakter des Kapitals auf und enthält so an sich, aber auch nur an sich, die Aufhebung des Kapitals selbst. Durch das Bankwesen ist die Verteilung des Kapitals den Händen der Privatkapitalisten und Wucherer als ein besondres Geschäft, als gesellschaftliche Funktion entzogen. Bank und Kredit werden aber dadurch zugleich das kräftigste Mittel, die kapitalistische Produktion über ihre eignen Schranken hinauszutreiben, und eins der wirksamsten Vehikel der Krisen und des Schwindels.
Das Banksystem zeigt ferner durch die Substitution verschiedner Formen von zirkulierendem Kredit an Stelle des Geldes, dass das Geld in der Tat nichts andres ist als ein besondrer Ausdruck des gesellschaftlichen Charakters der Arbeit und ihrer Produkte, der aber als im Gegensatz zu der Basis der Privatproduktion stets in letzter Instanz als ein Ding, als besondre Ware neben andren Waren sich darstellen muss.
Endlich unterliegt es keinem Zweifel, dass das Kreditsystem als ein mächtiger Hebel dienen wird während des Übergangs aus der kapitalistischen Produktionsweise in die Produktionsweise der assoziierten Arbeit; jedoch nur als ein Element im Zusammenhang mit andren grossen organischen Umwälzungen der Produktionsweise selbst«.[5]

Notes:
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  1. Diese von »Kommunistisches Programm« gesetzte Überschrift ist sachlich falsch. Der Kapitalist verschwindet nicht »als Persönlichkeit«, seine Persönlichkeit nimmt lediglich einen anderen Charakter an. Wenn er, wie Marx richtig feststellt, im Laufe der kapitalistischen Entwicklung aus dem Produktionsprozess als Person verschwindet ist damit ja seine Persönlichkeit (wie auch er selbst als Person) nicht aufgehoben. Er wandelt sich, ist nicht mehr der klassische Patron, der täglich oder nur sporadisch durch die Werkshallen geistert und alle Arbeiter und Angestellten in Schrecken versetzt, sondern tritt gesellschaftlich nur noch als Geldkapitalist in Erscheinung, hat lediglich seine ursprüngliche Funktion im unmittelbaren Produktionsprozess an ein Management abgetreten. Diese faktisch »arbeitslosen«, eben funktionslosen Kapitalisten suchen sich von daher andere Beschäftigungen – sofern ihnen die reine Verschwendung und Völlerei keine Befriedigung verschafft: sie betätigen sich politisch oder als Förderer und Mäzene von Kunst und Sonstigem, spekulieren als Sport, präsentieren sich als Philanthropen oder Weltretter, investieren in Risikokapital, gründen Stiftungen, halten die Luxusgüterindustrie am Laufen, korrumpieren oder stürzen Regierungen usw. usf.. Was auch immer sie tun – sie protegieren und lobpreisen die Ausbeuterordnung von der sie weiterhin so reichlich zehren. (sinistra.net)

  2. Das hier formulierte Theorem des »Kapitals als nicht-menschlicher Faktor« ist begrifflich doch etwas wackelig. Das Kapital – ein gesellschaftliches Verhältnis – ist natürlich ein Verhältnis innerhalb der menschlichen Gesellschaft, ein menschengemachtes, ein allerdings in gewisser Weise gegen die Gesellschaft verselbständigtes Verhältnis, das dem modernen Menschen erstmal so unumstösslich erscheint wie dem Bauern im frühen Mittelalter die »gottgegebene« Feudalordnung. Hier sollte wohl versucht werden die einfache Aussage zu treffen, dass die physische Beseitigung der Kapitalisten nicht der Weg ist das Kapital als gesellschaftliches Verhältnis abzuschaffen, da dieses Verhältnis nicht von einzelnen Personen abhängig ist sondern von der allgemeinen gesellschaftlichen ökonomischen Praxis bestimmt wird. Es ist genau diese durchaus von Menschen vollzogene gesellschaftliche Praxis die die kommunistische Revolution ändern kann und muss – und damit auch die Menschen selbst ändern wird. Dass sich die Kapitalisten als Klasse – als ganz menschliche und grösste Nutzniessergruppe der kapitalistischen Produktionsweise – dem entgegenstellen, auch auf sehr unmenschliche Art und Weise, ist jedoch ganz und gar unzweifelhaft und längst bewiesen. (sinistra.net)

  3. »Das Kapital«, Band III, in MEW, Bd. 25, S. 401. Siehe dazu auch Anmerkung 1.

  4. »Das Kapital«, Band III, in MEW, Bd. 25, S. 454f

  5. »Das Kapital«, Band III, in MEW, Bd. 25, S. 620f


Source: »Kommunistisches Programm«, Nr. 2, Juli 1974

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