Marxismus und Klassenkampf
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DER GEGENWÄRTIGE STAND DER WIRTSCHAFTLICHEN ENTWICKLUNG DES KAPITALISMUS UND DIE KÜNFTIGE GLOBALE KRISE


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Der gegenwärtige Stand der wirtschaftlichen Entwicklung des Kapitalismus und die künftige globale Krise
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Der gegenwärtige Stand der wirtschaftlichen Entwicklung des Kapitalismus und die künftige globale Krise

Warum ist der Kapitalismus trotz der allgemeinen Krise des Kapitalismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und entgegen den Voraussagen der Marxisten nicht gestorben? Und warum hat er sich im Laufe der Jahrzehnte in einem stetigen und turbulenten Tempo entwickelt und es geschafft, die Arbeiterbewegung zu unterdrücken und fast zu ersticken, selbst wenn sie weit davon entfernt war, revolutionär zu sein? Ist es überhaupt möglich, die gegenwärtige Phase der Entwicklung des Kapitalismus auf der Grundlage der marxistischen Methodik zu verstehen? Kann diese Methodik eine Antwort auf die Frage geben, wann und warum es zu einer neuen allgemeinen Krise des Kapitalismus kommen sollte, die seine Existenz erneut in Frage stellen wird?

Natürlich muss man zuallererst die Tatsache anerkennen, dass es sich um eine neue, aufsteigende Phase in der Entwicklung des Kapitalismus handelt. Zumindest jetzt, gegen Ende dieser Etappe. Man kann keine wissenschaftliche Analyse der Gesellschaft erstellen, die nicht auf realen Fakten beruht, sondern darauf, dass man seine revolutionäre (oder pseudorevolutionäre) Ungeduld als reale Tatsache ausgibt.

Die wahren Fakten sind jedoch folgende… Das kapitalistische Weltsystem erlebte nach dem Zweiten Weltkrieg die schnellste Wachstumsphase seiner Geschichte. Nehmen wir die Zahlen, die Angus Maddison (ein berühmter Wirtschaftswissenschaftler englischer Herkunft, der heute hauptsächlich am Groningen-Institut in Holland arbeitet) in seiner Studie »Phases of Capitalist Development«[1] (»Phasen der kapitalistischen Entwicklung«) nennt, die in der italienischen Zeitschrift «Moneta e credito» (»Geld und Kredit«) im dritten Quartal 1977 veröffentlicht wurde.[2] Der untersuchte Zeitraum liegt zwischen 1871 und 1976. Gegenstand der Studie ist eine Gruppe der wichtigsten kapitalistischen Länder mit Ausnahme Russlands. Die Zusammensetzung der Ländergruppe variiert leicht von Periode zu Periode, aber sie umfasst immer die wichtigsten Industriemächte der Welt: die USA, Deutschland, England, Frankreich, Italien und Japan. Maddison führt sowohl jährliche Daten als auch Durchschnittswerte für einen bestimmten Zeitraum an. Wenden wir uns dem Letzteren zu. Während des gesamten Zeitraums betrug die durchschnittliche Wachstumsrate des BSP der betreffenden Gruppen 2,91 %. Die Aufteilung nach Jahrzehnten ist wie folgt: 1871–1880. – 2,38 %, 1881–1890 – 2,76 %, 1891–1900. – 2,83 %, 1901–1910–2,71 %, 1911–1920 – 1,34 %, 1921–1930 – 2,86 %, 1931–1940 – 2,41 %, 1941–1950 – 2,34 %, 1951–1960 – 4,31 %, 1961–1960 – 4,31 %, 1961–1970 – 5,01 %, 1976–1976 – 3,28 %. Obwohl das Bild, das sich aus diesen Daten ergibt, unvollständig ist, ist es doch sehr symptomatisch. Drei Perioden in der Entwicklung des kapitalistischen Systems treten sehr deutlich hervor: eine Periode stabiler, konstanter Entwicklung vor dem Ersten Weltkrieg, eine Verlangsamung des Wachstums während der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen und schliesslich ein starker Anstieg des Wachstums nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Selbst der letzte Sechsjahreszeitraum, der die Krisenjahre 1974 und 1975 einschliesst, sieht besser aus als jeder der Zeiträume von 1871 bis 1950. Aber fahren wir fort.

Jüngste Untersuchungen von Maddison zeigen interessante Entwicklungen. In seinem Bericht (für dieses Jahr unter der Schirmherrschaft der OECD – Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung – veröffentlicht) finden wir folgende Daten: Zwischen 1973 und 1998 betrug das BSP-Wachstum der gleichen Ländergruppe 2,62 %, einschliesslich 2,76 % für den Zeitraum 1973–1990. Berücksichtigt man allerdings, dass in diesem Zeitraum die Krisenjahre 1974–1975 enthalten sind, würden die Zahlen für die Zeit nach 1976 etwas besser ausfallen. Dennoch ist der allgemeine Trend zu einem langsameren Wachstum der kapitalistischen Wirtschaft erkennbar. Die Zahlen für 1990–1998 bestätigen dies: 2,33 %. Mit anderen Worten: Auf die Periode des extrem schnellen Wachstums folgte eine Rückkehr zur durchschnittlichen Rate vor dem Ersten Weltkrieg, die nun etwas niedriger ist.

Ein noch deutlicheres Bild, das den Zeitraum zwischen den beiden Weltkriegen beleuchtet, ergibt sich, wenn man den Grad der Einheitlichkeit der wirtschaftlichen Entwicklung in den verschiedenen Zeiträumen vergleicht. So gab es zwischen 1871 und 1913 nur zwei Jahre, in denen das gesamte BSP der betreffenden Ländergruppe zurückging – 1893 und 1908. Zwischen 1914 und 1946 gab es zehn solcher Jahre! Diese waren 1914, 1917, 1919–1921, 1930–1932 und 1945–1946. Danach war nur noch in den Jahren 1975 und 1982 ein allgemeiner Rückgang des BSP zu verzeichnen. Gleichzeitig gab es vor dem Ersten Weltkrieg in 43 Jahren nur zwei Jahre (1906 und 1909), in denen das BSP um mehr als 6 % stieg. Von 1914 bis 1946, also über einen Zeitraum von 32 Jahren, gab es sieben solcher Jahre. Dies geschah trotz eines allgemeinen Rückgangs der Entwicklung. Nach 1946 gab es in einem Zeitraum von 30 Jahren sechs solcher rasanten Wachstumsraten, was angesichts des hohen Entwicklungstempos nur logisch ist.

Die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen diesen Epochen sind wohlbekannt. Zwischen 1871 und 1914 gibt es nur den heroischen Versuch der Pariser Kommune im ersten Jahr dieses Zeitraums. Ausserdem wurde die russische bürgerlich-demokratische Revolution von 1905–1907 tatsächlich vom Proletariat angeführt. In der Zeit von 1914 bis 1945 erlebte der Kapitalismus den schärfsten Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital in seiner Geschichte, ein offenes Aufeinandertreffen seiner Akteure. Die proletarische Diktatur in Russland nach dem Oktober 1917; die Arbeiterrevolution in Deutschland 1918–1919, als das ganze Land von den Räten erfasst wurde und an einigen Orten sogar für kurze Zeit ihre Macht proklamierte; die Arbeiterrevolution in Finnland 1918; die ungarische Sowjetrepublik 1919; zahlreiche Klassenkämpfe in den folgenden Jahren und schliesslich das strahlendste Aufleuchten der Arbeiterrevolution in Spanien im Juli 1936.[3] All dies in Verbindung mit den enormen Umwälzungen der Menschheit, wie den beiden Weltkriegen, lässt auf eine globale Systemkrise in dieser Zeit schliessen.

Wir können also folgende Etappen der kapitalistischen Entwicklung erkennen: 1) eine Periode der fortschreitenden kapitalistischen Entwicklung vor dem Ersten Weltkrieg und, wie aus der nächsten Etappe hervorgeht, eine Periode der Anhäufung von Widersprüchen, die zur allgemeinen Systemkrise des Kapitalismus führte; 2) die Periode dieser Systemkrise, die Periode der Kriege und Revolutionen, in deren Verlauf, dem Wesen der nachfolgenden Epoche nach zu urteilen, die 1914 entstandenen Widersprüche gelöst wurden (wie lange, ist eine andere Frage); 3) die Periode nach dem Zweiten Weltkrieg, in der der Kapitalismus einen äusserst starken Impuls für seine fortschreitende Entwicklung erhielt. Die Periode nach dem Zweiten Weltkrieg, in der der Kapitalismus – und das rasante Tempo seiner Entwicklung zeugt davon – einen äusserst starken Impuls für seine fortschreitende Entwicklung erhielt und den unabhängigen Klassenkampf seines wichtigsten gesellschaftlichen Gegners, des Proletariats, faktisch auf fast Null reduzierte; 4) die Periode nach der Krise von 1974–1975, die durch eine gemässigtere, ungleichmässige Entwicklung und vielleicht (das muss festgestellt werden) durch die Anhäufung von Widersprüchen für eine neue Krise gekennzeichnet ist.

Wenn man von der neuen Periode der fortschreitenden Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg spricht, muss man neben der höheren Wachstumsrate des BSP auch die entsprechenden gesellschaftspolitischen Konsequenzen beachten: Der Kapitalismus konnte seinen Anspruch auf eine neue Stufe der fortschreitenden Entwicklung auch dadurch unter Beweis stellen, dass er seinen politischen und ideologischen Sieg über die Arbeiterklasse erringen konnte. Die unabhängige Klassenbewegung des Proletariats wurde zerstört. Wo organisierte Kämpfe der Arbeiterklasse stattfanden, wurden sie von der einen oder anderen Gruppe des Kapitals im Namen von »Zwischenaufgaben« der kapitalistischen Entwicklung geführt: nationale Befreiung, Eroberung demokratischer Freiheiten usw. Dieses Ergebnis wurde zum grossen Teil durch den Mythos vom sozialistischen Charakter der UdSSR und ihrer Verbündeten ermöglicht. Dank dieses Mythos konnten die stalinistischen Organisationen die radikalsten Schichten der Arbeiterklasse unterwerfen, die glaubten, dass ihre ideologischen Lehrer die Erben der Oktoberrevolution seien und deshalb gemäss ihren Anweisungen einer versöhnlichen Politik gegenüber dem Kapital zustimmten, die die traditionellen opportunistischen Organisationen ihnen nicht abringen konnten.

Aber letztlich beruht all dies auf der Tatsache, dass es dem Kapitalismus gelungen ist, nicht nur ein quantitatives, sondern auch ein qualitatives Wachstum der Produktivkräfte zu gewährleisten, wodurch sich die Lebensqualität und der Lebensstandard in den imperialistischen Metropolen unübersehbar verändert haben, und zwar genau dort, wo der Sieg der Arbeiterklasse für die Überwindung des Kapitalismus entscheidend ist. Dieses Wachstum wird durch ein Phänomen gewährleistet, das nach dem Zweiten Weltkrieg als wissenschaftlich-technische Revolution bezeichnet wird und zu einer Verdoppelung der wissenschaftlichen Erkenntnisse etwa alle 15 Jahre führt. Die Menschheit hat mit der massiven Nutzung der Atomenergie begonnen, einer neuen Art von Energie, die es in der Natur nicht gibt und deren Erzeugung nur durch die enorme Entwicklung der Wissenschaft möglich ist. Sie hat Verkehrsmittel entwickelt, die den Austausch von Waren und Dienstleistungen erheblich gesteigert haben und die Transportbedingungen für die engste wirtschaftliche Interaktion zwischen den Wirtschaftssubjekten in allen Teilen der Welt geschaffen haben, ganz zu schweigen von der freien und extrem schnellen Verlagerung von Arbeitskräften. Die Kommunikationsmedien, insbesondere das Fernsehen, haben den Austausch von Informationen, Dokumentationen, Technologien usw. ermöglicht und damit die engste Verbindung zwischen Unternehmen in der ganzen Welt hergestellt, was zu einer weltweiten Konzentration der Produktion in einem qualitativ neuen Ausmass geführt hat. Die Raumfahrttechnologien schaffen die materiellen Voraussetzungen für diese Kommunikationsmittel, ihre Verbilligung, Mobilität usw. Es werden bereits Programme entwickelt, die die Produktionsprozesse direkt auf die der Erde am nächsten gelegenen Gebiete des Sonnensystems ausdehnen werden. Dies betrifft vor allem den Mond und nahe gelegene Asteroiden. Die Entwicklung der Computertechnologie schliesslich vervielfachte nicht nur den oben erwähnten Informationsaustausch, sondern ermöglichte auch die direkte und unmittelbare Steuerung der gesamten Weltwirtschaft. Darüber hinaus ebnen diese Technologien zusammen mit anderen wirtschaftlichen Fortschritten den Weg für die Umwandlung dieser Wirtschaft in eine einzige Fabrik, d. h. sie schaffen die unmittelbare materielle Grundlage für den Kommunismus.

Die Schlagkraft des Marxismus als Wissenschaft hängt unmittelbar von seiner Fähigkeit ab, diesen Prozess in Form von objektiven Gesetzen der gesellschaftlichen Entwicklung zu beschreiben, die Ursachen und die Regelmässigkeit des Übergangs des Kapitalismus von einem Stadium zum anderen zu erklären. Wie und warum kam es zum Übergang des Kapitalismus in den Zustand seiner globalen Krise zwischen 1914 und 1945? Warum endete die Krise und führte zu einer neuen Phase der kapitalistischen Entwicklung? Wann und warum wird es eine neue Krise geben?

Um diese Fragen zu beantworten und gleichzeitig die Frage nach der Anwendbarkeit des Marxismus auf die Moderne zu beantworten, müssen wir uns dem Prozess zuwenden, der dem Übergang der Gesellschaft vom Kapitalismus zum Kommunismus zugrunde liegt: »Aus dem Vorhergehenden ist ersichtlich, dass Marx die Unvermeidlichkeit der Umwandlung der kapitalistischen Gesellschaft in die sozialistische einzig und allein aus dem ökonomischen Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft ableitet. Die Vergesellschaftung der Arbeit, die in tausendfältiger Form mit ständig zunehmender Geschwindigkeit vorwärtsschreitet und in dem halben Jahrhundert seit dem Tode von Marx besonders sinnfällig in Erscheinung tritt im Wachstum des Grossbetriebs, der kapitalistischen Kartelle, Syndikate und Trusts, ebenso aber im gigantischen Anwachsen des Umfangs und der Macht des Finanzkapitals – das ist die hauptsächliche materielle Grundlage für das unvermeidliche Kommen des Sozialismus.«[4].

Die Unvermeidbarkeit des Kommunismus (und Marx und Lenin machten, zumindest vor der Oktoberrevolution, keinen Unterschied in der Verwendung der Worte »Sozialismus« und »Kommunismus« in Bezug auf die zukünftige Gesellschaft) ergab sich für Marx aus der zunehmenden Vergesellschaftung der Arbeit, die durch die Entwicklung des Kapitalismus verursacht wurde. Sie hat sich in verschiedenen Formen manifestiert: 1) in der Einbeziehung von immer mehr Ländern in verschiedenen Teilen der Welt in einen Weltmarkt und in ihrer zunehmenden wirtschaftlichen gegenseitigen Abhängigkeit; 2) in der Bildung von mehr und mehr integrierten freien Märkten, ohne Zölle und andere Beschränkungen im Produktions- und Austauschprozess – zunächst nationale Märkte, die die Märkte von Ländern, Fürstentümern usw. ersetzten, jetzt internationale Märkte wie der, der sich derzeit in der Eurozone bildet; 3) in der kontinuierlichen Zunahme der Konzentration von Produktionskapazitäten, Arbeit und Kapital; 4) in der allmählichen Einbeziehung des Staates in die Regulierung der kapitalistischen Wirtschaft usw., in der Entwicklung der Zusammenarbeit sowohl auf der Ebene der verschiedenen Unternehmen als auch der Staaten; 5) in der Herausbildung verschiedener Formen der gemeinschaftlichen Arbeit, die unmittelbar durch die Entwicklung des Kapitalismus selbst bedingt sind, sowohl in rein kapitalistischen Unternehmen als auch in Unternehmen des gemeinschaftlichen Sektors.

Kurz gesagt, das Wachstum der Vergesellschaftung wird durch drei Dinge bestimmt: eine Zunahme der Zahl der am Prozess beteiligten Personen, eine Zunahme ihrer gegenseitigen Abhängigkeit im Prozess, eine Zunahme der Zahl der Personen (und ihrer gegenseitigen Abhängigkeit), die als aktive Mitwirkende, Eigentümer, Manager usw. beteiligt sind.

Je mehr der Kapitalismus die Arbeit vergesellschaftet (und er kann sich nicht entwickeln, ohne dies zu tun), desto mehr spaltet sich die Gesellschaft in zwei unversöhnliche Klassen, das Proletariat und die Bourgeoisie, und desto mehr stehen sich ihre Interessen gegenüber. Dieser Prozess kann nicht endlos sein; früher oder später erschöpft der Kapitalismus seine Möglichkeiten zur Vergesellschaftung der Arbeit, schon allein wegen der begrenzten Bevölkerung: der Erde. Ein weiteres Wachstum der Produktivkräfte wird unmöglich. Ein weiteres Wachstum der Vergesellschaftung der Produktion (die die notwendige Voraussetzung für die Entwicklung der Produktivkräfte ist) kann nur durch die Vergesellschaftung des Eigentums erreicht werden. »Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert.« [5]. Kann der Marxismus also den Entwicklungsprozess des kapitalistischen Weltsystems im Hinblick auf den Wachstumsprozess der Vergesellschaftung der Produktion nicht nur in der Zeit vor (was die Klassiker des Marxismus bereits taten), sondern auch nach 1917 beschreiben? Zweifelsohne, antworten wir. Auf dem Weg dahin müssen wir nur zwei Missverständnisse ausräumen, die uns daran hindern, diesen Prozess zu verstehen.

Erstens sind alle oben genannten Komponenten des Prozesses der Vergesellschaftung der Produktion miteinander verknüpft und voneinander abhängig. Dies führt zu einem ungleichmässigen Wachstum in jedem von ihnen. Darüber hinaus ist es in bestimmten Phasen notwendig, den Vergesellschaftungsgrad der Produktion insgesamt zu erhöhen, indem man ihn in einigen Komponenten reduziert, um anderen die Möglichkeit zu geben, ihr volles Potenzial zu entfalten. Einige Beispiele hierfür werden im Folgenden genannt.

Der zweite Punkt betrifft das Wesen der so genannten »sozialistischen Staaten«. Ein detaillierter Nachweis ihres bürgerlichen Charakters ist nicht das Ziel dieses Artikels. Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass der Marxismus die Staatlichkeit nie als Beweis für den sozialistischen oder zumindest den Arbeitercharakter des Staates angesehen hat. Um Engels’ Worte aus dem »Anti-Dühring« zu zitieren: »Aber weder die Verwandlung in Aktiengesellschaften noch die in Staatseigentum, hebt die Kapitaleigenschaft der Produktivkräfte auf. Bei den Aktiengesellschaften liegt dies auf der Hand. Und der moderne Staat ist wieder nur die Organisation, welche sich die bürgerliche Gesellschaft gibt, um die allgemeinen äussern Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise aufrechtzuerhalten gegen Übergriffe, sowohl der Arbeiter wie der einzelnen Kapitalisten. Der moderne Staat, was auch seine Form, ist eine wesentlich kapitalistische Maschine, Staat der Kapitalisten, der ideelle Gesamtkapitalist. Je mehr Produktivkräfte er in sein Eigentum übernimmt, desto mehr wird er wirklicher Gesamtkapitalist, desto mehr Staatsbürger beutet er aus. Die Arbeiter bleiben Lohnarbeiter, Proletarier. Das Kapitalverhältnis wird nicht aufgehoben, es wird vielmehr auf die Spitze getrieben.»[6].

Die Klassiker betrachteten das Staatseigentum als einen Kipppunkt, nur im Prozess seines Absterbens, zusammen mit dem Absterben des Staates, findet der Aufbau des Kommunismus statt. Die Erhaltung und Stärkung des Staates in der UdSSR ist der Beweis dafür, dass in der UdSSR »die kapitalistischen Verhältnisse nicht zerstört, sondern im Gegenteil auf die Spitze getrieben wurden«. Das heisst, die UdSSR ist ein typisches Beispiel für einen revolutionären Sprung im Prozess der Vergesellschaftung der Produktion. Sie war das Ergebnis einer gigantischen Konzentration der Produktionsmittel in den Händen des Staates. Dies war umso notwendiger, als die UdSSR verschiedenen Blockaden, vor allem wirtschaftlicher Art, unterworfen war. Dies ist das erste Beispiel dafür, wie Einschränkungen in einer Richtung der Vergesellschaftung (Beteiligung an der weltweiten Arbeitsteilung) der Produktion durch ein beschleunigtes Wachstum der Vergesellschaftung in der anderen Richtung kompensiert werden (in diesem Stadium mehr als kompensiert). Damit war die kapitalistische Entwicklung der UdSSR für mehrere Jahrzehnte gesichert. Diese Entwicklung verlief jedoch relativ unabhängig vom kapitalistischen Weltsystem.

Wie sieht es mit dem kapitalistischen System insgesamt aus? Die Lösung liegt in der Beantwortung der Frage: Welchen Widerspruch hat der Kapitalismus durch die beiden Weltkriege aufgelöst? Wir sprechen hier natürlich von der Vollendung der kolonialen Aufteilung der Welt durch die Grossmächte. Die Kolonialreiche wurden effektiv in die nationalen Märkte der Metropolen integriert. Die Möglichkeiten für die Entwicklung des Kapitalismus (d. h. für die zunehmende Vergesellschaftung der Produktion) waren äusserst begrenzt, und jede Macht wollte sie auf ihre Weise erweitern, d. h. indem sie den Konkurrenten Kolonien wegnahm. Gleichzeitig führte die Einschränkung dieser Möglichkeit zu einem beschleunigten Wachstum einer anderen Art der Vergesellschaftung – einer starken Zunahme der Produktionskonzentration, des Wachstums der Monopole, der staatlichen Intervention usw.

Zwei Weltkriege, denen 60 Millionen Menschen zum Opfer fielen, lösten diesen Widerspruch auf. Der grösste Teil der Menschheit, vor allem die imperialistischen Metropolen Europas und Japans, waren unter der Schirmherrschaft der Vereinigten Staaten vereint. Dies war besonders wichtig für Europa, wo sich die wichtigsten Kolonialreiche befanden: die Engländer, Franzosen und Portugiesen. Die Vereinigten Staaten haben das Welthandelssystem, für das die WTO gegründet wurde, wiederbelebt. Die Einigung Europas innerhalb der EU und der Prozess der schrittweisen Schaffung eines europäischen Binnenmarktes verlangten zunehmend nach Vereinheitlichung und nach Gelegenheiten zur kolonialen Ausplünderung. Das koloniale System brach zusammen und machte die befreiten Länder zum Objekt der gemeinsamen Ausbeutung durch die Metropolen. Die Vormachtstellung der USA, die aufgrund ihrer wirtschaftlichen Macht ein Interesse an der freien Tätigkeit ihrer Unternehmen in der ganzen Welt hatten, trug dazu wenig bei. D. h. die Arrondierung der Kolonien ist der erste Schritt zur Vergesellschaftung der Produktion (Vereinheitlichung des Raubes), die als Katalysator für die Entwicklung des Kapitalismus diente. Dies ist die Auflösung des Widerspruchs, der sich aus den Weltkriegen ergibt. Die Periode der Ausbreitung des Kapitalismus in der ganzen Welt begann. Das Kapital drang in jeden Winkel der Welt vor, zerbrach die vorkapitalistischen Verhältnisse in Dutzenden von rückständigen Ländern und trieb die Menschen in diesen Ländern zu bürgerlichen Revolutionen, die von unseren «Sowjet»-Ideologen als Beweis für die Entwicklung des revolutionären Prozesses, der im Oktober begonnen hatte, dargestellt wurden. In dieser Zeit entwickelte sich der Kapitalismus so schnell wie nie zuvor in der Geschichte.

Die Krise von 1974–1975 fiel symbolisch mit dem Zusammenbruch des letzten Kolonialreichs – der Portugiesen – zusammen. Die Möglichkeiten für eine umfassende Entwicklung des Kapitalismus begannen zu schwinden. Doch die Jahrzehnte sind nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Die Integrationsprozesse, unter denen die EU einen besonderen Platz einnimmt, haben zu qualitativen Veränderungen geführt. Der Stand der wirtschaftlichen Entwicklung und der Grad der wirtschaftlichen Verflechtung sind inzwischen so hoch, dass eine weitere Entwicklung ohne die wirtschaftliche Vereinigung von Ländern und Regionen nicht mehr möglich ist. Die Weltwirtschaft begann, zunehmend als eine einzige staatliche Wirtschaft zu funktionieren. Das Phänomen wurde als Globalisierung bekannt. Die Situation ähnelte der Entwicklung lokaler Märkte in der Anfangsphase des Kapitalismus, als es darum ging, diese Märkte in einem nationalen Rahmen zu vereinheitlichen. Die Situation erfordert nun die Vereinigung der nationalen Märkte, die »lokal« geworden sind, zu einem einzigen globalen oder zumindest regionalen Markt. Nationale Interessen und sogar die Interessen regionaler internationaler Gruppierungen werden zu einer Bremse.

Wie schon zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts will jede Fraktion die Frage zu ihren eigenen Bedingungen regeln. Mit anderen Worten: Es besteht wieder die Gefahr, dass die eine oder andere Fraktion einen Krieg anzettelt, nur jetzt nicht, um die Kolonien zu vereinen, sondern um die Welt zu vereinen, und zwar zu ihren eigenen Bedingungen. Viele Menschen sehen dem Friedensprozess hoffnungsvoll entgegen, aber der Beginn einer neuen Phase erhöhter Rüstungsausgaben dürfte ihnen wenig Hoffnung machen. Nach Angaben des Schwedischen Forschungsinstituts stiegen die weltweiten Militärausgaben im Jahr 2000 um 3,1 % auf 798 Milliarden Dollar, wovon die USA 295 Milliarden Dollar ausgaben. In diesem Jahr setzt sich das Wachstum in fast allen Ländern fort, und es besteht kein Zweifel daran, dass die jüngsten Terroranschläge in den USA einen willkommenen Anlass bieten, diesen Prozess zu verstärken.[7]

Die Bildung regionaler wirtschaftlicher Zusammenschlüsse beschleunigt sich. Europa, insbesondere die Euro-Länder, gehen mit gutem Beispiel voran. Durch die Vereinheitlichung der Währung, des Zollraums und der Staatsbürgerschaft diskutieren sie offen über die Schaffung einer europäischen Macht, erweitern die Befugnisse ihrer Regierungsorgane und beginnen, ihre »nationale« Verteidigung zunehmend getrennt von den USA zu bilden. Das Beispiel ist ansteckend für Wettbewerber und Nachahmer.

Doch die Integrationserfolge der europäischen Konkurrenten zwingen die USA, nach einer angemessenen Antwort zu suchen. Die Nordamerikanische Freihandelszone besteht bereits seit einigen Jahren. Anfang April dieses Jahres einigten sich 34 Länder des amerikanischen Kontinents (ohne Kuba) auf die Schaffung der riesigen Amerikanischen Freihandelszone (FTAA – Free Trade Area of the Americas), die einen Markt von 800 Millionen Menschen umfasst. Panama, Ecuador und El Salvador haben bereits zum US-Dollar als Landeswährung gewechselt. Auch Europa wird nicht unschuldig bleiben. Es ist kein Zufall, dass während des Besuchs von Putin in Deutschland im September aus den Worten von Bundeskanzler Schröder deutlich wurde, dass Europa bereits beginnt, die Option eines Beitritts Russlands zur EWG und zur NATO in Betracht zu ziehen. Und am 3. Oktober vereinbarte Putin mit der EU die Einsetzung einer Arbeitsgruppe, die bis 2003 einen Plan für einen »gemeinsamen Wirtschaftsraum« für die EU und Russland ausarbeiten soll.[8]

In der Zwischenzeit haben die Bemühungen um die Integration der ehemaligen Sowjetrepubliken im Mai dieses Jahres zur Gründung der EurAsEC geführt – der Euroasiatischen Wirtschaftsgemeinschaft, die Russland, Belarus, Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan umfasst. Mit seiner Ausweitung kann gerechnet werden.

In Südostasien ist die ASEAN, der asiatische Cousin der EWG, seit langem aktiv, wenn auch nicht ganz zeitgemäss. Doch die Globalisierungsprozesse zwingen ihre Nachbarn, einen Platz zum »Anlehnen« zu finden. Auf ihrem Treffen im Oktober 2000 erzielten Vertreter Australiens, Neuseelands und der ASEAN-Länder eine vorläufige Einigung über die Errichtung einer Freihandelszone. Das ist nicht vergeblich. Experten zufolge wird die Union das gesamte Bruttosozialprodukt dieser Länder verdoppeln und auf 1 Billion Dollar steigern.

Im Mai dieses Jahres unterzeichnen schliesslich auch die Aussenminister von zehn Mittelmeerstaaten ein ähnliches Abkommen. Ägypten, Marokko, Tunesien und Jordanien ergriffen die Initiative. Hinzu kommen Algerien, Libyen, Mauretanien, Libanon, Syrien und die Palästinensische Autonomiebehörde.

Der äusserst straffe »Zeitplan« dieser Veranstaltungen deutet darauf hin, dass der Prozess allmählich erheblich an Fahrt gewinnt. Und das Scheitern der Industrieländer, die ganze Welt zu einer solchen Zone zu machen, deutet darauf hin, dass der Prozess ein Hindernis im kapitalistischen System selbst hat.

Die Umstrukturierung der Wirtschaft durch die Bildung regionaler Märkte ist in Europa, wo der Prozess am stärksten ist, besonders deutlich. In einem einheitlichen Wirtschaftsraum gibt es keine Notwendigkeit für eine doppelte Produktion und keine Notwendigkeit für die gleiche Art von Unternehmen in jedem Land. Die Folge war die Schliessung überflüssiger Unternehmen, wodurch sich die Zahl der Beschäftigten in vielen von ihnen verringerte. Dies führt zuweilen zu einer Verringerung der Konzentration der Produktion. Allerdings kann hier nicht von einer Verringerung der Vergesellschaftung der Produktion gesprochen werden. Dies wird durch die Schaffung eines echten gemeinsamen Marktes kompensiert. In den Jahrzehnten nach dem Weltkrieg, während der umfassenden Entwicklung des Kapitalismus, gab es einen gewissen Rückgang der Monopolisierung und eine Zunahme der Zahl der Unternehmen, die in dem einen oder anderen Bereich tätig waren. Dies ist jedoch verständlich: Die Existenz eines freien Marktes ermöglicht es neuen Unternehmen, Märkte zu erobern, und verringert die Möglichkeit einer Monopolisierung. Aber gerade diese Ausdehnung des Marktes, die Einbeziehung von immer neuen Hunderten von Millionen Menschen, bedeutet auch eine zunehmende Vergesellschaftung, die den Abbau der Konzentration der Produktion in einzelnen Unternehmen und die Verringerung der Monopolisierung des Weltmarktes kompensiert. Der Kapitalismus kann nicht leben, ohne den Grad der Vergesellschaftung täglich zu erhöhen, er ändert sich nur in der Form dieser Erhöhung. Sobald die Möglichkeiten zur Markterweiterung eingeschränkt werden, nimmt die Konzentration der Produktion wieder zu und der Wettbewerb führt unweigerlich zu einer erneuten Monopolisierung des Weltmarktes.

Die letzten Jahre haben dies sehr deutlich gezeigt. Fusionen im Bankensektor führen zur Bildung von Gruppen mit bisher undenkbarem Kapital. So wurde im Dezember 2000 bekannt gegeben, dass eine Bankengruppe (der Fusionsprozess soll im April 2002 abgeschlossen werden), die Mizuho Holdings, zum ersten Mal in der Geschichte eine Bilanzsumme von mehr als 1 Billion Dollar – oder besser gesagt 1,39 Billionen Dollar – aufweisen wird.[9] In der Branche hört man regelmässig von Fusionen zwischen den grössten und bekanntesten Unternehmen. Ein Beispiel dafür ist die Bildung des US-amerikanisch-deutschen Daimler-Chrysler-Konzerns.[10] Und noch eine Neuigkeit: Anfang September kündigte Hewlett Packard den Kauf der Compaq Computer Corp. für 25 Milliarden Dollar an. Damit wird es nach IBM das zweitgrösste Computerunternehmen der Welt mit einem Gesamtumsatz von rund 90 Milliarden Dollar sein. Es wird mehr als 145.000 Menschen in 160 Ländern beschäftigen.

Damit ist die Expansionsfähigkeit des modernen Kapitalismus wieder einmal zu Ende, ein Prozess der beschleunigten Monopolisierung und ein Kampf um die Weltherrschaft dieser Monopole wird in Gang gesetzt. In gewisser Weise kehrt die Situation zu der von vor hundert Jahren zurück. Es ist zu erwarten, dass sich eine ähnliche Geschichte mit dem Grad der staatlichen Intervention in die Wirtschaft wiederholen wird. In dem Masse, wie sich regionale Märkte entwickeln, werden die Regulierungsfunktionen von neuen supranationalen Strukturen übernommen und dann verstärkt, die zum Staat für Gruppen von nun unabhängigen Ländern werden.

Gehen wir kurz auf das Schicksal der UdSSR ein. Sein Zusammenbruch hatte denselben Grund. Nachdem die Möglichkeiten der kapitalistischen Vergesellschaftung innerhalb der Volkswirtschaft ausgeschöpft waren, geriet das Land in eine Krise. Der einzige Ausweg aus der Krise im Rahmen des Kapitalismus bestand darin, sich der Welt, die bereits zu einer vereinigten und globalisierten Wirtschaft geworden war, unter den Bedingungen des Kapitalismus anzuschliessen. Die Privatisierung musste auf dem Territorium der UdSSR stattfinden, um sicherzustellen, dass die ehemaligen »sowjetischen« Unternehmen, die Teil der Weltwirtschaft geworden waren, am globalen Sozialisierungsprozess teilnehmen konnten. Der Zusammenbruch der UdSSR ist kein Rückschritt für den russischen Kapitalismus, er ist der Beweis für seine endgültige historische Erschöpfung auf nationaler Ebene. Sie kann sich jetzt nur als Teil eines grösseren Marktes entwickeln, langfristig eines globalen Marktes. Daher ist der Beitritt Russlands und seiner engsten Verbündeten zu einem breiteren Wirtschaftsblock (mit Europa oder China – die Zeit wird es zeigen) unvermeidlich. Der Zusammenbruch der UdSSR ist ein Übergang von der höchsten Form des nationalen Kapitalismus zum internationalen Kapitalismus, der im Sinne einer vereinigten Wirtschaft eines einzigen Staates vereint ist. Natürlich braucht jeder historische Übergang seine Zeit. Aber »der Prozess hat begonnen«.

Die Tatsache, dass der Hauptwiderspruch des modernen Kapitalismus (abgesehen von seinem grundlegenden Widerspruch als Gesamtsystem – zwischen Arbeit und Kapital) der Widerspruch zwischen der nationalen Struktur der Gesellschaft und dem globalen Charakter der modernen Wirtschaft ist, wird auch von den visionärsten Vertretern der bürgerlichen Welt verstanden. So weist George Soros in seinem Buch »Die Krise des globalen Kapitalismus«[11] wiederholt auf diesen Punkt hin:
»Im Gegensatz zum 19. Jahrhundert […] ist die heutige Version des globalen kapitalistischen Systems fast vollständig nicht-territorial oder sogar extraterritorial. Territorien werden von Staaten regiert, und Staaten legen der Expansion des kapitalistischen Systems nicht selten Steine in den Weg.«

Soros ist sich der drohenden Gefahr bewusst, wenn der Kapitalismus seinen gegenwärtigen Prozess fortsetzt: »Wenn den Marktkräften auch im Wirtschafts- und Finanzbereich freier Lauf gelassen wird, werden sie Chaos verursachen und schliesslich zum Zusammenbruch des globalen kapitalistischen Systems führen.«

Das ängstliche Herz des Milliardärs beharrt darauf, dass das System des globalen Kapitalismus Rezepte hat, die vernünftig genug sind, aber leider die reale Natur des Kapitalismus nicht berücksichtigen und daher wenig Chancen haben, gehört, geschweige denn umgesetzt zu werden:
»Um eine wirklich globale Wirtschaft zu stabilisieren und zu regulieren, bedarf es eines globalen Systems der politischen Entscheidungsfindung, kurz gesagt, es bedarf einer globalen Gesellschaft, die eine globale Wirtschaft unterstützt.«

Ja, Herr Soros, das ist notwendig. Aber kann der Kapitalismus auf friedliche Weise eine solche Gemeinschaft bilden? Wir haben bereits oben unsere Zweifel geäussert. Und wenn er es kann, wird er dann den Prozess der weiteren Vergesellschaftung der Produktion aufhalten? Gibt es nach der angeblichen Vereinheitlichung des Kapitalismus im Weltmassstab noch viele weitere Ebenen der Vergesellschaftung im Kapitalismus, wenn die proletarische Revolution diese Vereinheitlichung nicht unterbrechen kann? Die einzige verbleibende Option ist der Weltstaatskapitalismus. Die Zeit wird zeigen, ob dies möglich ist, aber auf jeden Fall hat der Kapitalismus nicht mehr viele Phasen, auch nicht theoretisch, und der Übergangsprozess wird eine derartige soziale Explosion verursachen, dass seine Existenz erneut in Frage gestellt wird. Das ist es, was Herrn Soros Sorgen bereitet.

Die oben beschriebene Analyse zeigt, dass der fortlaufende Prozess der weltweiten Entwicklung des Kapitalismus den historischen Prozess in unserer Zeit ebenso gut beschreiben kann wie vor der Oktoberrevolution. Und die Schlussfolgerung aus der durchgeführten marxistischen Analyse bleibt dieselbe: Der Prozess, der nach den Klassikern des Marxismus zum Kommunismus führen sollte, geht weiter, und daher gibt es auch keinen Grund zu sagen, dass die praktischen Schlussfolgerungen von Marx über die Notwendigkeit und Unvermeidbarkeit einer weltweiten kommunistischen Revolution falsch sind. Die gleiche Analyse zeigt auch den historischen Punkt, an dem der Kapitalismus erneut in seine globale Krise geraten muss. Dies ist der Punkt, an dem sich der Prozess der Bildung regionaler Wirtschaftsblöcke erschöpfen wird, so wie sich die Grenze der nicht eroberten Kolonien vor einem Jahrhundert erschöpfte. Diese Blöcke werden in einer neuen Weltschlacht aufeinanderprallen, die nur eine sozialistische Revolution verhindern kann.

Auch die Vertreter des Kapitals müssen manchmal zugeben, dass der Marxismus Recht hat. Ein bezeichnendes Eingeständnis ist bei demselben Soros zu lesen: »Es ist natürlich nicht das erste Mal, dass wir mit einem globalen kapitalistischen System konfrontiert werden. Ihre Grundzüge wurden erstmals von Karl Marx und Friedrich Engels in dem 1848 veröffentlichten »Manifest der Kommunistischen Partei« gewissermassen prophetisch umrissen. Über die seiner Meinung nach beste der bürgerlichen Theorien, die den heutigen Kapitalismus beschreiben, die Gleichgewichtstheorie (der Soros selbst seine »Theorie der Reflexivität« entgegensetzt), fährt er einige Seiten später fort: »Vor einhundertfünfzig Jahren legten Karl Marx und Friedrich Engels eine hervorragende Analyse des kapitalistischen Systems vor, die in mancher Hinsicht – das muss gesagt werden – besser war als die Gleichgewichtstheorie der klassischen Wirtschaftswissenschaften.« Sollen die Totengräber des Marxismus doch eine andere Gesellschaftstheorie vorlegen, die selbst 150 Jahre später das Gesellschaftssystem besser beschreiben würde als die beste der heutigen Theorien! Und lasst Soros dem von den Gründern vorgeschlagenen »Heilmittel« für die Gesellschaft – dem Kommunismus – widersprechen. Deshalb ist er auch ein Vertreter des Kapitals. Die Arbeiterklasse wird anhand der besten Theorie die beste Medizin finden, um die Gesellschaft vom Kapitalismus zu kurieren.

Jurij Nazarenko

Anmerkungen (der Übersetzer):
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  1. Angus Maddison (1926–2010), »Phases of Capitalist Development«, Oxford University Press, 1982[⤒]

  2. »Moneta e credito«, »Fasi di sviluppo capitalistico«, Vol. 30, N. 119, 1977[⤒]

  3. Hier ist die initiale Erhebung der Arbeiter gemeint, nicht die darauffolgende spätere Unterordnung der Bewegung zur Verteidigung der bürgerlichen spanischen Republik.[⤒]

  4. Lenin, Werke, Bd. 21, S. 60[⤒]

  5. K. Marx, »Das Kapital«, MEW, Bd. 23, S. 791[⤒]

  6. F. Engels, MEW, Bd. 20, S. 260[⤒]

  7. In der Tat dürften die Rüstungsausgaben allein der USA 2021 bereits die hier für 2001 angeführten weltweiten Ausgaben für Rüstung übersteigen. Für 2020 werden die Ausgaben der USA mit 778 Milliarden US-Dollar angegeben.[⤒]

  8. Damals aktuell, besteht diese Option seit nunmehr geraumer Zeit nicht mehr. Sie wurde vor allem von den transatlantischen Interessensgruppen in Europa und der USA torpediert und die Russische Föderation in eine Allianz mit der Volksrepublik China gedrängt.[⤒]

  9. Die Mizuho Financial Group, eines der grössten Finanzdienstleistungsunternehmen der Welt, entstand im Jahr 2000 unter dem Namen Mizuho Holdings, Inc. durch Zusammenschluss der Dai-Ichi Kangyo Bank, der Fuji Bank und der Industrial Bank of Japan. Sie gehört zu den sogenannten »systemrelevanten Banken«. Die Europa-Zentrale wurde 2017 Brexit-bedingt nach Frankfurt am Main verlegt.[⤒]

  10. Die 1998 geschlossene »Ehe« zwischen Daimler und Chrysler hielt nur 9 Jahre. Es war die bis dahin grösste Fusion der Industriegeschichte. Schon 2007 übernimmt der US-Finanzinvestor Cerberus 80,1 Prozent von Chrysler und zahlte dafür 5,5 Milliarden Euro. 20,1 Prozent verblieben bei Daimler. 2009 übernimmt Cerberus auch den Rest der Chrysler-Anteile. 2009 fast insolvent, wurde Chrysler später von der FIAT-Gruppe übernommen. Seit Anfang 2021 gehört FIAT-Chrysler zur Automobilholding Stellantis, zu der auch der französische Konzern PSA gehört. Stellantis gilt zur Zeit mit seinen 14 Marken als der viertgrößte Automobilhersteller der Welt.[⤒]

  11. George Soros, »Die Krise des globalen Kapitalismus: : Offene Gesellschaft in Gefahr«, Alexander Fest Verlag, 1998.
    Die Zitate hier im Text wurden unter Ermangelung der deutschen Ausgabe aus der italienischen Ausgabe ins Deutsche übersetzt (»La crisi del capitalismo mondiale – La società aperta in pericolo«, Ponte alle Grazie srl, Milano 1999).[⤒]


Source: Юрий Назаренко, »Современный этап экономического развития капитализма и будущий глобальный кризис«, in: »Мировая революция« (»Mirovaja revoljucija«), Nr. 1 (Oktober 2001). Übersetzung aus dem Russischen: M&K, August 2021.

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