Nationale Revolution und Untergang Kambodschas
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NATIONALE REVOLUTION UND UNTERGANG KAMBODSCHAS
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Content:

Nationale Revolution und Untergang Kambodschas
Das vorkapitalistische Kambodscha bis zur Reformregierung Sihanouk
Die US-Intervention und die Front des Nationalen Befreiungskampfes
Die Ereignisse nach dem Sturz von Phnom Penh und das Programm von Khieu Samphan, die Bauernschaft und die Wegbereiter des Kapitals
Notes
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Nationale Revolution und Untergang Kambodschas
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Dieser Artikel ist der dritte Teil der dreigliedrigen Arbeit »Zur Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft in Indochina«. Der zweite Teil trägt den Titel »Die Bildung des vietnamesischen Nationalstaates«.

Das vorkapitalistische Kambodscha bis zur Reformregierung Sihanouk
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Alles was zur Vorgeschichte der bürgerlichen Umwälzung für Vietnam festgehalten wurde, trifft mit noch grösserer Berechtigung für Kambodscha zu. Dieses alte Kulturvolk hatte seine Blüte in der Angkor-Periode von 802-1442, in der es den überwiegenden Teil Südostasiens beherrschte. Saigon war damals ein kleines Fischerdorf der Khmer. Seitdem schrumpfte Kambodscha aufgrund der Eroberungen der erstarkenden Nachbarn Vietnam und Thailand auf die heutige Restgrösse. Die endgültige Auflösung Kambodschas scheint im 19. Jahrhundert nur durch die Aufteilungsprobleme zwischen diesen beiden hinausgezögert zu werden, und vieles spricht dafür, dass es ohne die koloniale Intervention Frankreichs 1863 keinen selbständigen kambodschanischen Staat mehr gäbe. Zwar wurde damit Kambodscha französisches Protektorat, seine sozialen und ökonomischen Verhältnisse wurden davon vorerst aber nur am Rande betroffen. In diesem Land installierte z.B. der Imperialismus nie eine zentrale Hafenstadt, um die Reichtümer abtransportieren zu können, denn im Agrarland der Khmer gab es offensichtlich kaum Lohnendes zu holen. Deshalb konnte die wirtschaftliche Lage im Vergleich mit der Problematik anderer Kolonien bis in die Mitte der 60er-Jahre als verhältnismässig entspannt bezeichnet werden. Epidemische Hungersnöte und eine allgemeine Verelendung der ländlichen Bevölkerung, die über 85% der Gesamtbevölkerung stellte, waren nicht zu registrieren. Rund zwei Mio. ha Land wurden bebaut, davon rund 1, 5 Mio. ha als Reisland. Die Landwirtschaft zerfiel in einen vorkapitalistischen Sektor, in dem rund 1,5 Mio. ha Reisland - drei Viertel des kultivierten Bodens - nach traditionellem Muster bebaut wurden, und in einen kapitalistischen Kautschukplantagensektor, der grösstenteils unter der Kontrolle ausländischer, vor allem französischer Firmen stand. Im Rahmen des traditionellen Sektors befanden sich rund 40% des Reislandes in der Hand von nur 10% der grundbesitzenden Bevölkerung, zumeist Grundbesitzer, die in den Städten residierten und auf Pachtbasis arbeiten liessen. Die wirtschaftliche und politische Ordnung in diesem Bereich war durch eine selbstgenügsame Naturalwirtschaft geprägt, d.h. die landwirtschaftlichen Produkte wurden von den Bauern hauptsächlich für den persönlichen Konsum und nur in zweiter Linie für den Austausch verwendet. Angesichts der ungleichen Bodenverteilung waren rund 30% der Bauern gezwungen, Land zu pachten und dafür manchmal bis zur Hälfte ihrer Ernte abzuliefern. Daneben waren noch zusätzliche Steuern zu zahlen und unentgeltliche Frondienste zu verrichten. Die Bauern waren angesichts dieser Verhältnisse nur formal frei. Insofern bestand einer der grossen sozialen Widersprüche in der kambodschanischen Gesellschaft in der - nur oberflächlich verdeckten - Spannung zwischen Grundbesitzern und Pachtbauern. Gerade die Provinz Battambang, auf die sich die Grundbesitz- und Pachtstruktur wesentlich konzentrierte, kann nicht zuletzt deswegen als das historische Unruhezentrum Kambodschas bezeichnet werden. Im Plantagensektor, dessen Produktion auf den Weltmarkt ausgerichtet war, gestaltete sich die Arbeitsorganisation nach kapitalistischen Kriterien, und diese ländlichen Lohnarbeiter lebten unter erhöhter sozialer Unsicherheit.

In bezug auf die trotz imperialistischer Intervention noch lange betriebene Subsistenzwirtschaft ergaben sich allerdings ähnliche Besonderheiten wie in Vietnam. Man sollte eigentlich sogar »zwei Kambodschas« unterscheiden, nämlich das »Herzland«, in dem etwa 90% der vor der Dezimierung 7 - 8 Mio. Kambodschaner auf einer Fläche von nur rund einem Drittel des Landes lebten, und die »Aussenländer« im Norden, Nordosten und Süden, die von Bergen, Wäldern und unfruchtbaren Gebietsstreifen durchzogen und nur wenig besiedelt waren. Das »Herzland« liegt in der Umgebung des Tonle-Sap-Sees und der Hauptstadt Phnom Penh und besteht aus einer grossen Ebene. Die »Aussenländer« in den gebirgigen Dschungelregionen sind hauptsächlich von Minoritäten bewohnt, die kollektiv unter dem Namen »Khmer Loeu« zusammengefasst werden und deren Zahl zwischen 40 000 und über 100 000 geschätzt wird. Trotz ihrer geringen Zahl besiedeln diese Minoritäten rund zwei Drittel des Territoriums. Neben diesen »bodenständigen« Minderheiten weist Kambodscha eine zweite Minoritätenkategorie auf. Es handelt sich um Chinesen und Vietnamesen, die überwiegend während der französischen Kolonialzeit »importiert« wurden. Die Gesamtzahl der Chinesen betrug rund 400 000, die der Vietnamesen mindestens 350 000. Beide Gruppen stellen zusammen also nur rund 10% der Gesamtbevölkerung. Dennoch haben sie in der Vergangenheit aus verschiedenen Gründen ein grösseres Problem dargestellt als die Khmer Loeu.

Erstens waren die Vietnamesen und Chinesen weitgehend auf die städtische Bevölkerung konzentriert. Zum Beispiel stellten beide Gruppen mit jeweils knapp 30% zusammen mehr als die Hälfte der Einwohner der Hauptstadt - allerdings vor der Zeit der wachsenden Flüchtlingsströme. Zweitens sind beide Minderheiten aufgrund ihrer wirtschaftlich-kolonialen Hilfstätigkeit bei den Khmer allgemein unbeliebt. Während die Chinesen den Grossteil des ländlich-städtischen Zwischenhandel monopolisiert hatten und damit das starke Stadt-Land-Gefälle ethnisch in das Bewusstsein der Khmer rückten, waren die Vietnamesen vor allem zu kolonialpolitischen Verwaltungsaufgaben ins Land geholt worden. Mit anderen Worten: Wann auch immer ein Khmer mit der Regierungsmacht zu tun hatte, war es normalerweise ein vietnamesisches Gesicht, das er sah. Die Tausende von unteren vietnamesischen Beamten waren der deutliche Beweis für Kambodschas Unterwerfung unter eine Fremdherrschaft. Diese Tatsache, verbunden mit dem Wissen der Kambodschaner um die Expansionstendenzen Vietnams in der Vergangenheit - die im Erwerb Cochinchinas ihr Ergebnis fand - hat zur weitverbreiteten Feindseligkeit gegenüber Vietnam und den Vietnamesen beigetragen.

Trotz der imperialistischen Intervention blieb die Industrie äusserst schwach. Dieser Sektor repräsentierte 1955 einschliesslich Bau und Versorgungsbetriebe (Energie und Wasser) erst 9% des Bruttosozialprodukts, also der Summe aller produzierten und vermarkteten Güter und Dienstleistungen gemäss bürgerlicher Volkswirtschaftsrechnung. Durch Sihanouks Massnahmen erlebte die Industrie in den 60er Jahren allerdings eine Beschleunigung: 1969 dem letzten »Friedensjahr« - hatte sich der Anteil mit 19% gut verdoppelt. Um diese Zeit verfügte Kambodscha über 18 grössere und etwa 3300 mittlere bzw. kleinere Betriebe. Von den 18 grösseren befanden sich 13 in den Händen des Staates und die übrigen 5 hatten eine staatliche Beteiligung.

Über 2/3 der kambodschanischen Industrie konzentrierte sich in und um Phnom Penh. Insgesamt wurden fast ausschliesslich agrarische und andere Rohstoffe (z.B. Gummi) zu Konsumgütern für den Eigenbedarf verarbeitet. Die Schwäche der Industrialisierung spiegelt sich natürlich auch in der geringen Zahl der Lohnabhängigen wider: Laut letzter Volkszählung vor der US-Invasion betrug 1962 die aktive Bevölkerung 2,5 Mio., wovon rund 80% in der Landwirtschaft arbeiteten. Die Zahlen für die Lohnabhängigen beruhen zum grössten Teil auf Schätzungen, wobei die Abgrenzungen zwischen Industrie und Handwerk sicher kaum exakt sind, sicher auch, weil sich diese beiden Bereiche noch in vielem ähnlich und deshalb die Übergänge eher fliessend waren. 1970 waren danach in der »modernen« Industrie rund 10 000 beschäftigt, davon allein in den 18 grösseren Betrieben rund 6500 (1968). In Handwerk und Manufakturen arbeiteten darüber hinaus rund 100 000. Industrie, Handwerk plus Handel zusammen umfassten rund 235 000 Menschen oder ungefähr 10% der aktiven Bevölkerung von 1962. (1)

Selbst in der Hauptstadt, die vor dem Flüchtlingsstrom 600.000 Einwohner zählte, lag der Anteil der industriellen Arbeitskräfte nur bei deutlich weniger als 10% aller Beschäftigten und beachtlich unter 5% der gesamten Einwohnerschaft. Die gewaltige Menge der Stadt lebte also von »nichtproduktiven« Tätigkeiten, die gemeinhin unter dem Begriff Tertiärsektor zusammengefasst werden.

Angesichts der Immobilität und der Selbstgenügsamkeit der ländlichen Wirtschaft sowie der geringen Industrieproduktion, mit anderen Worten, angesichts des kleinen nationalen Marktes liess sich die Existenz eines derart aufgeblähten tertiären Bereiches nicht mit binnenwirtschaftlichen Notwendigkeiten erklären.

Die Zahlenangaben sind wie gesagt Schätzungen aus der Zeit vor dem Kriegsausbruch. Wie schwach die Industrie nach der Bombardierung wirklich war, illustriert ein Bericht von Radio Phnom Penh vom August 1975 - also nach der »Befreiung«: Danach belief sich die Zahl der industriellen Einheiten im ganzen Land auf nur »70 kleine und mittlere Anlagen, von denen 50 in Phnom Penh zusammengezogen waren«. (2)

Diese vorkapitalistische Gesellschaft wurde wie die gesamte Region infolge des 2. Weltkrieges und den sich daran anschliessenden Kriegen völlig aus ihrer beschaulichen Ruhe gerissen. Wie in Vietnam hatten die Japaner noch kurz vor ihrer Niederlage den von den Franzosen 1941 eingesetzten Prinzen Norodom Sihanouk dazu gebracht, Kambodscha am 9. März 1945 für unabhängig zu erklären. Als die Japaner im August 1945 kapitulierten, entstand zwischen verschiedenen politischen Gruppierungen in Kambodscha ein Streit über die weitere Führung der Staatsgeschäfte. König Sihanouk setzte sich für lockere Beziehungen zu Frankreich ein, die allerdings schrittweise in eine politische Unabhängigkeit ausgebaut werden sollten. Demgegenüber plädierte eine andere Gruppe, die von dem später einflussreichen San Ngoc Thanh geführt wurde, für sofortige Unabhängigkeit und Einführung einer Republik oder zumindest einer konstitutionellen Monarchie.

Die Streitigkeiten zwischen beiden Gruppen eskalierten schliesslich so weit, dass es zu Strassengefechten in der Hauptstadt - vor allem im Sommer 1945 - kam. Als im Oktober 1945 britische Truppen in Kambodscha einrückten und in ihrem Gefolge auch wieder die ersten Franzosen erschienen, fiel Son Ngoc Thanh in die Hände der Franzosen - nicht ohne Mithilfe Sihanouks. Thanh wurde zunächst zum Tode verurteilt, später aber freigelassen. Er begann dann von Thailand aus den Widerstand der Khmer Serai gegen Sihanouk. Bereits am 7.1.1946 war die französische Autorität in Kambodscha wiederhergestellt. Aufgrund eines Vertrages vom 8.11.1949 wurde das Königreich Kambodscha ein »unabhängiger« Staat innerhalb der französischen Union. Frankreich behielt natürlich trotzdem die Kontrolle über nahezu sämtliche Machtinstanzen, weshalb Sihanouk bald bei seinen innenpolitischen Gegnern in den Ruf eines Kollaborateurs geriet.

Zu diesem innenpolitischen Problem gesellte sich sehr bald das aussenpolitische hinzu. Es bestand die immer stärkere Gefahr, dass Kambodscha in den 1. vietnamesischen Krieg einbezogen werden könnte.

In dieser heiklen Lage ging Sihanouk in die Offensive und ergriff Massnahmen, die den Grundstein für die spätere »Ära Sihanouk« legen sollten. Er löste den Ministerrat, der von innerfraktionellen Streitigkeiten paralysiert war, auf, entliess auch die Nationalversammlung (1952) und verhängte im Januar 1953 das Kriegsrecht über das ganze Land, ernannte eine Notstandsregierung und brach zu seinem berühmt gewordenen »Königlichen Kreuzzug für die Unabhängigkeit« auf, der ihn durch zahlreiche Länder Europas, Amerikas und Asiens führte und den doppelten Zweck verfolgte, einerseits den Zugriff des Vietminh aller Welt vor Augen zu stellen und andererseits Kambodscha von Frankreich zu »befreien«. Nach dieser zehnmonatigen Rundtour verkündete er am 9.11.1953 triumphal die völlige Unabhängigkeit Kambodschas.

Auf der Genfer Konferenz im nächsten Jahr gelang es ihm dann tatsächlich mit Hilfe des massiven Drucks der Amerikaner und der Chinesen, die formale Unabhängigkeit zu erreichen, ohne die damaligen Verbündeten der Vietminh -die Khmer Issarak - anerkennen zu müssen. Während der Pathet Laos in seinen »befreiten« Gebieten Laos bleiben konnte, musste der Khmer Issarak zusammen mit dem Vietminh aus Kambodscha abziehen. Nachdem Sihanouk so sein Land an der aussenpolitischen Front vorerst gesichert glaubte, leitete er eine Radikalkur nach innen ein, die sich hauptsächlich dreier Techniken bediente: Abdankung als König, Gründung des »Sangkum« und Verwirklichung des »Khmer-Sozialismus«. Am 2. März 1955 dankte Sihanouk zugunsten seines Vaters ab, Damit war er mit einem Male von seinem hohen Podest als gottähnlicher König herabgestiegen, nicht zuletzt um sich aktiver in die konkrete Tagespolitik einmischen zu können.

Sein Instrument der Massenmobilisierung wurde die »Sangkum Reastr Niyum« (Sozialistische Volksgemeinschaft). Ohne grosse Mühe setzte sich von da an das Sangkum bei sämtlichen späteren Wahlen - 1955, 1958 und 1962 - durch. So überragend wurde Sihanouks Einfluss auf »sein« Volk, dass den bisherigen innenpolitischen Gegnern praktisch nur zwei Wege offenstanden, nämlich sich entweder dem Sangkum anzuschliessen oder aber in die Illegalität unterzutauchen. Es gelang Sihanouk, durch seinen Einfluss, aber vor allem durch das trotz Abdankung immer noch verbliebene Charisma seines Gott-Königtums die stärkste integrierende Kraft nach dem gut konservativen Motto zu werden: So wenig verändern wie nötig, um soviel zu erhalten wie möglich.

Um sein Konzept einer Wiederbelebung alter Angkor-Traditionen (Bau von Krankenhäusern, Kanälen, Strassen und anderen Wohlfahrtseinrichtungen »durch den König für das Volk«) in den Griff zu bekommen, experimentierte Sihanouk mit einer Reihe populistischer Institutionen. Bei der Verwirklichung dieser Vorhaben betätigte sich der Ex-König natürlich auch im Namen des Sozialismus. Die Ideologie, die der Politik des Sangkum zugrundelag, war der »Khmer-Sozialismus«. Er beruhte vor allem auf der folgenden »Dreifaltigkeit«: Monarchie, Religion - natürlich der Buddhismus - und die bäuerlichen Traditionen der gegenseitigen Hilfe und Zusammenarbeit. Wäre er nicht König gewesen, so hätte er sicher mit seiner Ideologie viel Anklang bei den Kleinbürgern im Westen gefunden, denn er verkündigte folgende frohe Botschaft: Schon jetzt lebe das kambodschanische Volk in einem Zustand des Sozialismus. Man arbeitete gewohnheitsmässig in der Gemeinschaft, leiste sich gegenseitig Hilfe und Beistand und lebe auf den Dörfern in einer Atmosphäre der Gleichheit. Der Sangkum gebe dem einzelnen Bürger dazu die Möglichkeit, an wichtigen Entscheidungen unmittelbar teilzunehmen. Unter diesen Umständen bedürfe es keiner Revolution, wie ja überhaupt Gewalt als Mittel der Politik in Kambodscha abzulehnen sei.

Der »Khmer-Sozialismus« manifestiere sich laut Sihanouk aber auch in der Zusammenarbeit von Staats- und Privatunternehmen, durch freiwillige Mitarbeit an Infrastrukturmassnahmen, durch Verteilung von Boden an die Bauern, durch Erweiterung der Bildungseinrichtungen, durch Sozialgesetze und nicht zuletzt durch die Entwicklung einer Planwirtschaft (Zweijahresplan von 1956 - 58, Fünfjahresplan von 1960 - 64).

Aufgrund von Anfang der 60er-Jahre auftretenden Wirtschaftsschwierigkeiten wurde diese »Sozialisierung« im Geiste der Khmer am 10. November 1963 durch eine grosse Wirtschaftsreform erweitert: von nun an war der Staat für den gesamten Aussenhandel zuständig. Seit dem 1. Juli 1964 schliesslich waren auch die Banken und Versicherungsgesellschaften verstaatlicht.. Mit dieser Politik wollte Sihanouk den Wirtschaftsproblemen wehren. Vor allem versuchte er so, den von Chinesen beherrschten Zwischenhandel mit den Bauern zu sprengen. Wäre diese parasitäre Abschöpfung erst einmal beseitigt, so könnte ein Teil dieser ersparten Summen den Bauern über höhere Preise zurückfliessen, um damit die agrarischen Investitionen zu erhöhen. Dies ergäbe höhere Agrarerträge, also einen grösseren Spielraum für den Export, was wieder eine bessere Staatskasse zur Folge hätte. Der entscheidende Schönheitsfehler an dieser Vorstellungskette war die Annahme, dass staatliche Bürokratie und staatlich gelenkte Genossenschaften ohne Schwierigkeiten die Erfahrungen und die Verbindungen des bisherigen privaten Zwischenhandels ersetzen könnten. Sihanouk hatte nicht einkalkuliert, dass seine Bürokratie, wie es dann vor allem in der wichtigen Reisprovinz Battambang deutlich wurde, alle bisherigen Handelskanäle durch einen Strudel von Korruption verstopfen würde. Die Vorstellungen waren sicherlich im Prinzip nicht falsch, nur für eine radikale Ingangsetzung der ursprünglichen Akkumulation waren die Massnahmen Sihanouks einfach zu wenig durchgreifend.

Das Scheitern der im Kern konservativen Linie Sihanouks, wie auch das Erstarken einer wachsenden Widerstandsfront markiert die grosse Bauernrevolte in Battambang 1967. Spätestens im Zusammenhang mit diesem Aufstand hatte eine systematische Verfolgung der »Roten Khmer« durch die Zentralregierung begonnen. Tausende von ihnen wurden ohne voriges Urteil liquidiert. Und Shihanouk machte im Juni 1968 deutlich, dass er diese Praxis auch in Zukunft anwenden würde.

Vor allem drei Widerstandsorganisationen sind in diesem Zusammenhang wichtig: Khmer Serai, Khmer Loeu und Khmer Rouge.

Die Ursprünge der Khmer Serai (Freie Khmer) im Kampf um die Politische Zukunft des Landes nach 1945 wurden schon erwähnt. Sie trat dann seit 1959 geschlossen zu Sihanouk in Opposition, hatte gute Beziehungen zu Thailand, Südvietnam und zuletzt auch zum CIA der USA. Ihren Höhepunkt erlebte diese Bewegung bei den Aufständen von Battambang. Nachdem Sihanouk 1970 gestürzt worden war, arbeitete ihr Führer Thanh mit Lon Nol zusammen und übernahm im März 1972 sogar den Vorsitz des Kabinetts. Als er sich nicht durchsetzen konnte, setzte er sich Ende 1972 wieder nach Bangkok ab, um seitdem von dort aus zu konspirieren.

In den Khmer Loeu sind die Minderheiten der kambodschanischen Peripherie organisiert. Erste grössere Unruhen flammten 1968 in der nordöstlichen Provinz Ratanakiri auf, wo sich die Bauern gegen die Übernahme ihrer Ländereien durch Staatsplantagen erhoben. Ähnliche Unruhen brachen kurz darauf in der benachbarten Provinz Mondolkiri aus. Als die Königliche Armee darauf die »Khmerisierungspolitik« mit Waffengewalt durchsetzen wollte, stiess sie auf den fast geschlossenen Widerstand dieser Völker und verlor schon bald die Kontrolle über zwei Drittel der beiden Provinzen. Die Khmer Loeu arbeiteten in den folgenden Jahren eng mit den Nordvietnamesen zusammen, vor allem in den Provinzen, die direkt an Vietnam angrenzten.

Die Khmer Rouge ist eine weitgehend unbekannte, wenn auch die wichtigste Bewegung des Landes. Anfänge gehen zurück bis zum Jahre 1950, als die Vietminh im Zuge ihres gegen Frankreich gerichteten Kampfes auch Einfluss in Kambodscha zu gewinnen suchten und zu diesem Zweck ein sogenanntes Zentralkomitee der »Khmer-Befreiungsbewegung« (Khmer Issarak) inspirierten. Im November kam es zu einer indochinesischen Konferenz, bei der Vertreter der Vietminh, des Pathet Lao und der Khmer Issarak sich zu einer antifranzösischen Allianz zusammenschlossen. Spätestens seit März 1951 etablierte sich im Zuge dieser Beschlüsse u.a. auch ein »Vietnam-Khmer-Pathet Lao Volksallianz Ausschuss«.

1954 wurde die Khmer-Befreiungsbewegung umbenannt in »Kambodschanische Widerstandsregierung« und in dieser Eigenschaft vom Vietminh wie Pathet Lao sofort anerkannt.

Bei der Genfer-Konferenz gelang es Hanoi nicht, die Befreiungsbewegungen von Laos und Kambodscha als offizielle Verhandlungspartner einzuschalten. Dies nicht zuletzt aufgrund der Nachgiebigkeit Chinas gegen Proteste der USA. Im Gegensatz zum Pathet Lao, dem in Genf immerhin zwei Provinzen als Sammlungsgebiet zugesprochen wurden, ging die Khmer Issarak auch in territorialer Hinsicht leer aus. Die meisten zogen sich daraufhin nach Vietnam zurück.

Starken Auftrieb erhielt die national-revolutionäre Bewegungen eben im Bauernaufstand von 1967. Die Provinz Battambang hatte eine lange Tradition der Revolten. Anders als im sonst kleinbäuerlichen Kambodscha ergaben sich hier in der Tat sonst atypische soziale Bedingungen: Da Battambang die bei weitem ertragreichste Reisexportprovinz ist, hatten sich dort zahlreiche Grundbesitzer niedergelassen. Nahezu ein Drittel der Landbevölkerung lebte als Pächter. Angesichts der hohen Pachtzinsen, vor allem aber auch wegen der durch Korruption und bürokratischem Schlendrian viel zu niedrigen staatlichen Ankaufpreise kam extreme Unzufriedenheit auf.

Im Zuge dieser verschärften sozialen Auseinandersetzungen reorganisierte sich allmählich eine radikale Bewegung, die wegen der Pogrome seitens der Regierung auch ständigen Zulauf aus den Städten erhielt. Drei der prominentesten Linken in der Nationalversammlung - darunter Khieu Samphan flohen 1967 in den Dschungel. Schon Ende 1968 waren bereits 11 der 19 Provinzen von den Angriffen der Khmer Rouge erfasst. Zur Zeit des Sturzes Sihanouks (1970) verfügten diese Verbände über etwa 1500-3000 Mann, die in Gruppen von 50-90 Mann operierten. Bis 1972 zählte die Bewegung bereits etwa 50 000 wohlausgestattete Kämpfer. Ein hoher Teil davon rekrutierte sich aus dem Reservoir der Khmer Krom. Das sind Kambodschaner, die in Südvietnam leben und vor allem von Vietminh-Truppen in die kambodschanische Bewegung integriert wurden. Da die Khmer Kram etwa 450 000 Menschen umfassten, war das Potential ziemlich beachtlich.

Die US-Intervention und die Front des Nationalen Befreiungskampfes
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Innenpolitisch hatte Sihanouk einen totalen Bankrott erlebt. Auch Kambodscha entsprach nicht mehr der vermeintlichen Idylle. Sein Drahtseilakt nach aussen wurde mit der Verschärfung des 2. Vietnamkrieges auch immer riskanter, und es bedurfte sicher keiner besonderen Anstrengung seitens der USA, diesen »Neutralisten« auszubooten. Nach 29-jähriger Herrschaft wurde Sihanouk 1970 gestürzt, und unter Lon Nol geriet Kambodscha jetzt ganz in das Fahrwasser der USA. In wenigen Monaten hatte sich damit das Kraftfeld um Kambodscha vollkommen geändert: Bisher am Rande des indochinesischen Krieges gelegen, wurde das Land von den Amerikanern nun voll einbezogen und die Armee von etwa 35 000 auf etwa 170 000 Mann aufgestockt. Sihanouk befand sich gerade auf einer Auslandstournee und nahm in Peking sein Exil. In den folgenden Wochen begann er mit chinesischer Unterstützung seine »Nationale Befreiungsfront« und eine Exilregierung zu bilden. Nicht zuletzt unter dem Diktat der Chinesen formte sich hier ein »Teufelspakt« zwischen ehemaligen Todfeinden, der auch später nie seine fundamentalen inneren Spannungen verleugnen konnte.

Mit der »Nationalen Einheitsfront von Kambodscha« (FUNK - nach »Front Uni National du Kampuchea«) entstand eine Assoziation von verschiedenen Organisationen, vor allem eben »Sihanoukisten«, Khmer Loeu und Khmer Rouge. Monarchisten, Bauernrevolutionäre und bürgerliche Intellektuelle waren also hier zu einem Zweckbündnis zusammengewürfelt, deren einziges Ziel darin bestand, die Lon Nol-Regierung zu stürzen. Diese seltsame Allianz unter der Ägide Chinas erklärt auch die Rollenverteilung der Akteure.

Während sich Sihanouk vor allem von Peking aus der nationalen Sache annahm, kämpften die Verbände der Khmer Rouge im Lande selbst und waren peinlich darauf bedacht, dass ihnen der ehemalige Todfeind nicht zu nahe rückte.

Am 5. Mai 1970 konstituierte sich noch eine zwölfköpfige »Königliche Regierung der Nationalen Union unter Führung der Nationalen Einheitsfront von Kampuchea« (GRUNK - »Gouvernement Royal d'Union Nationale du Kampuchea«). Sihanouk firmierte hier als »kambodschanisches Staatsoberhaupt und Vorsitzender der Nationalen Einheitsfront von Kampuchea«. Ebenfalls am 5. Mai wurde das »Politische Programm« der FUNK verkündet: Ziel war es, »eine möglichst breite nationale Union herbeizuführen, um alle Manöver und Aggressionen der US-Imperialisten zu bekämpfen, die Diktatur ihrer Lakaien mit Lon Nol und Sirik Matak an der Spitze zu stürzen und ein gedeihendes Kampuchea aufzubauen«. U.a.. sollte der Buddhismus als Staatsreligion erhalten, das Privateigentum gewahrt und eine nationale Bourgeoisie geschützt bleiben. In der Aussenpolitik strebte die FUNK einen Kurs der »nationalen Unabhängigkeit, des Friedens, der Neutralität und der Nicht-Paktgebundenheit« an (vgl. Peking Rundschau 20/1970) Kurz nach der Gründung der FUNK kam es auch zur Bildung der »Kampbodschanischen Nationalen Befreiungskräfte« (FAPLN - Forces Armées Populaires de Liberation Nationale). Diese Streitkräfte setzten sich aus zwei Kräftegruppierungen zusammen, nämlich den »bewaffneten Kräften der Khmer« - gemeint sind die Khmer Rouge - und aus den »Loyalen und Patriotischen Khmer-Einheiten«. Die später ablaufenden Spannungen in diesem seltsamen Bündnis aller nationalen Kräfte versteht man aber erst, wenn man die eigentlich heterogene Verfassung der Khmer Rouge selbst berücksichtigt. Hier befanden sich in der Tat zwei tendenziell feindliche Gruppen. Erstens gab es die eigentlichen Roten Khmer. Es handelt sich hier um die jüngere Generation revolutionärer Patrioten, meist Intellektuelle aus den Städten, Leute wie Pol Pot, Ieng Sary und San Sen, die als erste 1963 in den Dschungel gegangen waren, um mit den Bauern zu leben und sie zu organisieren. Eine zweite Gruppe, darunter Khieu Samphan, schloss sich eben 1967 diesen an. Die meisten Mitglieder dieser Strömung entstammen einem urbanen-intellektuellen Klima. Viele von ihnen studierten in Paris, weswegen man auch von einer »Sorbonne-Gruppe« sprechen könnte.

Diese jüngeren Nationalisten stiessen auf die Reste der Kader der alten Khmer Issarak, also den Vertretern des indochinesischen Nationalismus der 40er- und 50er-Jahre. Diese lebten zumeist seit Jahren in Vietnam und repräsentierten somit »eine lange und tiefe Tradition freundschaftlicher Verbundenheit mit dem vietnamesischen Volk«.

Dagegen kannten die Roten Khmer die Vietnamesen nicht gerade von der besten Seite. Während Sihanouk in den 60er Jahren immer schärfere Ausrottungskampagnen gegen die so von ihm betitelten Roten Khmer organisierte, pflegten die Nordvietnamesen zusehends bessere Beziehungen zu diesem Mörder ihrer Kampfgefährten. Der Norden brauchte mit dem neuerlichen Einsetzen des Kriegs durch die USA den Osten Kambodschas als Rückzugs- und Nachschubgebiet. Solange Sihanouk dieses willfährig geschehen liess, unterstützten sie voll seine Politik. Erst als er wegen der faktischen Besetzung dieser Gebiete ab 1968 ernsthafter gegen die vietnamesischen Truppen vorzugehen begann, erinnerte man sich in Hanoi wieder der Roten Khmer, die man dann militärisch gegen Sihanouk stärkte. Obwohl die Verbände der Khmer Rouge sicher kaum ohne Unterstützung der Vietnamesen die nötige Kraft für ihre Offensive von 1975 gefunden hätten, pflegten sie dennoch stets ein ambivalentes Verhältnis zu ihrem stärkeren Mäzen. Vor allem und in erster Linie blieben gerade sie aber stets kambodschanische Nationalisten und damit im Grunde ihres Herzens Feinde der Vietnamesen.

Bis 1972 kamen diese Spannungen innerhalb der Roten Khmer wenig zum Tragen. Beide konzentrierten sich erst einmal vordringlich um die Isolierung der weniger gut organisierten Sihanoukisten und unabhängigen Mitglieder. Nach dem Pariser Abkommen vom Januar 1973 und der Übereinkunft bezüglich Laos im Juli, verlangten die ausländischen »Freunde« von den Kambodschanern ebenfalls eine Verhandlungslösung zu finden. Die Roten Khmer lehnten dagegen jede Form der Verhandlung ab, denn sie wollten den Kampf bis zum totalen Sieg fortsetzen. Sie zeigten darin sicher ein gesundes Misstrauen gegen Vereinbarungen mit den Imperialisten. Die Roten Khmer misstrauten deshalb den Sihanoukisten, die eine Verhandlungslösung wollten, wie auch den provietnamesischen Kadern der alten Khmer Issarak. Ab 1973 begannen die Roten Khmer deshalb damit, diese Elemente in der Einheitsfront zu isolieren und auch zu eliminieren. Andererseits versuchten sie, ihre Leute in Schlüsselstellungen zu bringen, sowohl innerhalb des Landes wie auch auswärts als Diplomaten. Die Tatsache, dass die Vietnamesen mit den USA ein Abkommen schlossen, ohne festzulegen, dass auch die Bombardierung Kambodschas gestoppt werden müsste, hat sicher den Konflikt innerhalb der Roten Khmer verschärft. Denn während Hanoi den Wiederaufbau beginnen konnte, flogen die Amerikaner ihre schlimmsten Angriffe auf Kambodscha. Hier fielen im Zeitraum von März 1969 und August 1973 rund 539 000 t Bomben, davon mit 240 000 t ungefähr die Hälfte zwischen Januar und August 1973 im Kernland um Phnom Penh (3).

Die Ereignisse nach dem Sturz von Phnom Penh und das Programm von Khieu Samphan, die Bauernschaft und die Wegbereiter des Kapitals
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Mit der Beendigung des Indochinakrieges 1975 blieb auch von Kambodschas Wirtschaft nicht viel übrig. Über die Hälfte der Reisfelder lagen brach, und die wenigen Industriebetriebe, die Hafenanlagen in Kompong Som, die Eisenbahnlinien und die Brücken waren durch die Bomben der USA zerstört. Zwar sind die Angaben nicht eindeutig, aber schon ihre Grössenordnung zeigt, welch hohes Blutopfer auch diesem Volk vom Imperialismus abverlangt wurde: In den fünf Kriegsjahren wurden rund 800 000 Menschen umgebracht, mehr als 40 000 wurden verstümmelt, nahezu 200 000 verwundet.

Durch den ständigen Flüchtlingsstrom blähte sich die Hauptstadt von ursprünglich rund 600 000 auf über 3 Mio. Einwohnern auf, d.h. also, dass am Ende des Krieges nahezu die Hälfte der Khmer in ihrer Metropole zusammengepfercht vegetierten. Die imperialistische Weltpresse heulte bekanntlich vor Entsetzen und Abscheu auf, als sie von dem Zwangsexodus dieser Menschenanballung erfuhr. Das US-Bombardement trieb die Menschen vom Land in die Städte - die revolutionären Nationalisten mussten sie wieder zurück zwingen. Beide Aktionen waren für die Betroffenen grausam und verheerend, denn beide Male geschahen sie unter schrecklichen Bedingungen, das erste Mal unter dem imperialistischen Bombenhagel und dem Zwang seiner Lokalpolizei, das zweite Mal unter dem Druck des Hungers und dem staatlichen Zwang der frisch installierten revolutionären patriotischen Gewalt. Aber für die imperialistische Propagandamaschine gab es da keine Beziehungen. Sie sah natürlich nur den Terror der Roten Khmer, also vermeintlich des Kommunismus. Hier ergab sich wieder die herrliche Gelegenheit, die bürgerliche Farce von Humanismus und Nächstenliebe voll abzuspielen. Keine Rede von den Massenmorden im imperialistischen Krieg gegen die südostasiatischen Völker, keine Rede von den unsagbaren Zerstörungen dieser erst schwach industrialisierten Agrargesellschaften. Diese Opfer bemerkte man höchstens dann, als die wahnsinnigen Kriegsausgaben der USA den gesamten imperialistischen Westen infolge der dadurch verursachten Währungskrisen in den Strudel wirtschaftlicher Probleme zu reissen drohten. Bis heute sind diese Herren ja durchweg stolz auf ihre Anstrengungen zur Erhaltung der »Freiheit«.

Kambodscha wurde in den nächsten Jahren das Hauptobjekt dieser Menschenfreunde. Hier wurden in der Tat alle liebgewordenen Werte und Vorstellungen über den Haufen geworfen. Ein Staat ohne Geld, ohne Post, ohne Autos und Motorräder, ohne öffentliche Verkehrsmittel, ohne Telefon, Fernsehen, Bücher und die Städte ausgestorben. Das konnten nur »Kommunisten« verbrochen haben, denen ist bekanntlich alles Unmenschliche zuzutrauen und in Kambodscha betätigten sie sich wahrlich als Inkarnation der »Finsternis« und des »Bösen«. Was vorher im Namen der Helden des »Lichts« und der »Vernunft« verbrochen wurde - davon natürlich kein Wort. Es war ein Zentralorgan der imperialistischen Offensive auf den menschlichen Verstand - Reader's Digest -, dass 1977 zuerst verkündete, in den zwei Jahren seit dem Fall von Phnom Penh seien mindestens 1,2 Mio. Menschen ermordet worden. Schnell wurden immer neue Zahlen nachgeschoben, die Journalisten von den zahlreichen Flüchtlingen erfahren haben wollten. Man muss nicht annehmen, dass alle diese Berichte Fälschungen waren, denn in der Tat legten die Roten Khmer von Anfang an eine äusserst radikale Gangart vor, die sicher viel Schrecken, Elend und auch Tote mit sich brachte. Aber die satten Imperialisten von heute sollten vielleicht manchmal in die Geschichtsbücher schauen: Welches Elend, welcher Terror, welche Qualen gegen die Bevölkerung wird da archiviert - und das über Jahrhunderte. Auch die französische Revolution hat in den wichtigsten vier Jahren mindestens 100 000 Tote produziert - und das mit einer extra für diesen Zweck konstruierten Maschine. Dampfmaschine und Guillotine waren nicht zufällig die beiden Neuerungen, die das industrielle Zeitalter revolutionär einleiteten. Aber haben die vornehmen britischen Gentlemen, die sich schon damals über diese Schlächter in Paris mokierten, weniger Menschenleben auf ihrem Gewissen? Wer es immer noch nicht weiss, der muss es eben ständig auf seinen Spickzettel geschrieben kriegen: Die Errichtung der bürgerlichen Herrschaft war noch stets brutal und äusserst blutig. Die Zerstörung der überkommenen kleinbäuerlichen Wirtschaftsform, die Vernichtung von Kleinhandel und Handwerk ging immer wie eine unbarmherzige Dampfwalze über die Betroffenen hinweg. Und unter unsagbaren Qualen wurde der Grossteil dieser entschädigungslos Enteigneten in die Fabriken gepresst und wenn nötig auch mit Brachialgewalt gezwungen, möglichst viele Stunden ihres Tages zu einem möglichst niedrigen Lohn zu schuften. Das ist alles noch gar nicht so lange her. Aber es ist immer ergötzlich, wie eilfertig die heutigen Vertreter des Kapitals so tun, als wenn das Jugendsünden fremder Vorgänger wären. Und dieser Prozess der ständigen Abrichtung für die Fabrikarbeit, der Zerstörung des Menschen wie der Natur setzt sich sowohl in die Tiefe wie in die Breite fort. Er wird erst dann sein Ende finden, wenn diese kapitalistische Grundlage aufgrund der von ihr ständig produzierten Widersprüche revolutionär vernichtet worden ist.

Dass dieser kapitalistische Wahnsinn Methode hat und seine ganz spezifische innere Logik, hat die Geschichte noch stets bestätigt. Dafür ist der Krieg der Imperialisten in Südostasien, wie die Diktatur der dortigen Vertreter einer nationalen Erneuerung ein greller Beweis. Aber diese Region ist nur eine der explosiven Zonen der Welt, in der sich die wachsenden Widersprüche des Kapitalismus im Verlauf seiner globalen Ausdehnung ausdrücken. Und sicher werden nicht die Nationalisten von Kambodscha in dem sich abzeichnenden nächsten imperialistischen Krieg zwischen Ost und West die Welt in Schutt und Asche legen. Sie hätten höchstens ihr Volk terrorisieren können, um es endlich in ein Volk von Lohnsklaven zu verwandeln. Die starken Kapitalisten, deren Ideal gerade darin liegt, forcieren ihren Rüstungswettlauf, um so viele Regionen wie möglich auf dieser Erde beherrschen und ausbeuten zu können. Und dass sie für diesen Anspruch keine Menschenopfer scheuen, haben sie gerade in Südostasien schlagend bewiesen.

Will man aber die »rätselhaften« Vorgänge in Kambodscha begreifen, so muss man sich vor allem über die materiellen und sozialen Bedingungen im klaren sein. Ein verwüstetes Land, das noch weitgehend von Kleinbauern bearbeitet worden war; eine chaotisch aufgeblähte Hauptstadt, in die sich der Grossteil eben dieser Bauern geflüchtet hatte. Der Bombenterror hatte diese einst friedliche und im ewigen Trott der Landarbeit lebende Bevölkerung mit Angst, aber vor allem mit unbändiger Wut und blindem Hass aufgeladen. Hass gegen die Stadt, in der sie sich flüchten mussten, Wut gegen die amerikanischen Bomber, die ihre Existenz zerstörten, aber besonders Wut auf die korrupte eigene Aristokratie, das Militär sowie die Städter im allgemeinen, die durch den Pakt mit dem Imperialismus ihre Daseinsberechtigung zu verlängern suchten. Jetzt fand die alte Mischung aus Fremdheit, Untertanengeist und Unbehagen ihre allgemeine Entladung in einem urwüchsigen Hass der Landbevölkerung auf ihre Unterdrücker in den Städten. Ein Taumel der Rache machte sich Luft, der gewiss den grössten Teil der Brutalitäten im ersten Jahr der Befreiung ausmachte.

Um diese soziale Seite dieser Revolution in Kambodscha zu verstehen, die ihr den wüsten Ausdruck von Blut, Rache und Chaos gab, wie man ihn praktisch bei jeder, vor allem von Bauern getragenen Revolution antrifft, muss man sich stets die schon beschriebene Sozialstruktur vergegenwärtigen. Das starke Stadt-Land-Gefälle war keines zwischen Landwirtschaft und Industrie - letztere war ja praktisch kaum vorhanden -, sondern es war der extreme Gegensatz zwischen Landwirtschaft und all den ominösen Gewerben, die die bürgerliche Statistik gewöhnlich unter die Rubrik »Dienstleistungen« einordnet. Hier stand sich wirklich »unproduktive« Administration und Handel - dazu noch überwiegend im Dienst am Imperialismus entstanden und genährt -und »produktive« Landwirtschaft gegenüber. Von der »Friedensbevölkerung« in Phnom Penh mit etwa 600.000 Einwohnern waren dazu rund 200.000 Vietnamesen und über 100.000 Chinesen, von insgesamt ca. 800.000). Die Kambodschaner stellten also nicht mal die Einwohnermehrheit in ihrer Hauptstadt. Aristokratie und Beamten auf der einen Seite, arme Bauern auf der anderen, zu arm, um auf dem Land ihr Auskommen zu finden, in die Stadt gekommen, weil sie auf einen Arbeitsplatz hofften, oder später hineingebombt wurden. Vom Handels- und Kaufmannssektor waren die Kambodschaner fast völlig ausgeschlossen. Diese Branchen befanden sich hauptsächlich in den Händen von Chinesen und Vietnamesen.

In diesem heraufziehenden und an Kraft immer stärker werdenden Wirbelsturm sozialer Unruhe seitens der Bauern versucht eine andere soziale Kraft ihr Überleben. Junge Intellektuelle, zumeist ausgebildet in Paris, der Bildungsstätte des ehemaligen Kolonialherren, wollen das korrupte Knäuel von einheimischer Aristokratie und fremder Macht gewaltsam zerschlagen. Ohne jegliches Reservoir in den eigenen Reihen der städtischen Bourgeoisie, denn diese ist praktisch nicht vorhanden und wenn, dann kaum für nationalistische Akkumulationsprogramme mit rigoroserem Zuschnitt zu begeistern; ohne eigentliche bürgerliche Klasse führen diese kleinbürgerlichen Radikalen einen praktisch aussichtslosen Kampf auf Veränderung. Vom autoritären Regime Sihanouks sehr bald in den ländlichen Untergrund abgedrängt, versuchen sie ihr Programm einer Industrialisierung auf der Basis der Landwirtschaft mit Hilfe der einzigen sozialen Schicht, die zählt, umzusetzen - nämlich der Landbevölkerung, der kleinen Bauern und Landarbeiter.

Was diese später als Führer der Roten Khmer berühmt-berüchtigt gewordenen Intellektuellen im grossen und ganzen vorhatten, erfährt man vor allem aus einem Dokument: Es handelt sich hier um die Dissertation eines dieser Führer - Khieu Samphan -, die dieser am 13. Mai 1959 unter dem Titel »L'économie du Cambodge et ses problèmes d'industrialisation« (Die Wirtschaft Kambodschas und ihre Industrialisierungsprobleme) an der Pariser Sorbonne einreichte.

Zuerst untersucht Samphan die damalige Wirtschaftsstruktur seines Landes. Der Grund für die sozio-ökonomische Rückständigkeit liege darin, dass sowohl die Landwirtschaft als auch die junge Industrie im Sog des auf die Metropolen hin ausgerichteten Aussenhandels stünden, wobei Kambodscha, als der schwächere Teil, stets eine passive Rolle spiele. Diese Beherrschung der kambodschanischen Wirtschaft durch das Ausland habe mit Frankreich begonnen und sich dann seit 1955 zunehmend auf die USA verlagert. Während sich in Europa der Übergang von der Natural- zur Tauschwirtschaft und schliesslich zum Kapitalismus über einen langen Zeitraum hin organisch (!) habe entwickeln können, sei dieser Prozess den Kambodschanern in kürzester Zeit von aussen aufgezwungen worden. Kein Zoll und keine nichttarifäre Schranke habe die einheimische Wirtschaft geschützt. Infolge der ungehindert über Kambodscha hereinbrechenden Flut ausländischer Einflüsse sei das Handwerk, soweit es nicht der ausländischen Nachfrage nach Luxusgütern dienstbar war, verkümmert. Auch die junge Industrie habe unter diesem imperialistischen Diktat gestanden. Die Auswirkungen waren eine zwangsläufige Konservierung der traditionellen Landwirtschaft, wie ein aufgeblähter Tertiärsektor in den Städten. Die Einbindung Kambodschas in die internationale kapitalistische Arbeitsteilung ergebe demnach durch Stärkung der vorkapitalistischen Elemente, wie der Begünstigung unproduktiver Berufe und einer allgemeinen Weltmarktorientierung insgesamt eine wachsende Behinderung der eigenen Entwicklung der Produktivkräfte. Die Last dieser imperialistisch verursachten Verzerrungen hätten die verelendenden Bauern zu tragen.

Kaum Wunder, dass bei dieser Diagnose eine Therapie vor allem auf die beiden Parolen »Autarkie« und »produktive Arbeit« abgestellt ist.
»
Die Aufgabe, Kampuchea zu industrialisieren«, schrieb Khieu Samphan, »setzt vor allem eine andere, mehr fundamentale Entscheidung voraus: entweder Entwicklung innerhalb des Rahmens der internationalen Integration, d.h. innerhalb des Rahmens des freien Aussenhandels, oder autonome Entwicklung.«
»
Internationale Integration hat offenbar der ökonomischen Entwicklung des Landes rigide Beschränkungen aufgezwungen. Unter den heutigen Umständen würde die Wahl, innerhalb dieses internationalen Rahmens die Entwicklung durchzuführen, bedeuten, dass man sich diesem Mechanismus beugt, wodurch das Handwerk verschwand, vorkapitalistische Strukturen verstärkt wurden und das ökonomische Leben in eine einseitige Richtung gelenkt wurde, nämlich die einer Exportproduktion und eines aufgeblähten Zwischensektors. Um es anders zu sagen: internationaler Integration zustimmen heisst, den Mechanismus der strukturellen Anpassung des jetzt unterentwickelten Landes an die Anforderungen der dominierenden, entwickelten Volkswirtschaften, anzupassen. Internationale Integration akzeptieren heisst: den Mechanismus akzeptieren, der das strukturelle Übergewicht vertieft und der die Instabilität verursacht, die ihrerseits zu gewaltsamen Aufständen führt, nämlich dann, wenn dies unerträglich wird für einen immer grösseren Teil der Bevölkerung... Selbstbewusste, autonome Entwicklung ist deswegen objektiv notwendig.«
»
Es ist bemerkenswert, dass alle geschichtlichen Erfahrungen in der Vergangenheit sämtlicher fortgeschrittener kapitalistischer Länder die Notwendigkeit bestätigen, die Beziehungen nach aussen zu kontrollieren. In der Vergangenheit, während der merkantilistischen Epoche, hat sich die Industrialisierung parallel zum nahezu vollständigen Einfuhrverbot vollzogen. Der Protektionismus hat sich in den kapitalistisch-liberalen Ländern über eine lange Zeit hin ausgedehnt.«

Und zum Postulat des Freihandels heisst es:
»
Gerade hinter diesem abstrakten Prinzip der Freiheit des Aussenhandels versteckt sich in Wirklichkeit der Mangel an Freiheit für die nationalen Unternehmer, und es bleibt allein die Freiheit für die ausländischen Gesellschaften. Friedrich List hat das schon zu seiner Zeit bewiesen. Der liberalen Schule wirft List insbesondere vor, so zu tun, als ob die Welt aus isolierten Individuen bestünde, die in voller Freiheit Güter produzieren und austauschen. Einen solchen Zustand jedoch gibt es nicht. In der Praxis scharen sich die Individuen in Nationen, mit deren Wohlergehen sie eng verbunden sind. Die Tatsache, dass eine Nation blüht, heisst zweifellos nicht, dass alle ihre Mitglieder persönlich reich wären. Aber sicher ist, dass die Individuen ihr Schicksal nicht von dem der Nation, der sie angehören, trennen können. Wenn es mit ihr abwärts geht, werden sie die Folgen davon tragen müssen. Wenn sie sich entfaltet, werden sie eher die Gelegenheit haben, ihre Situation verbessert zu sehen. Das eigentliche Faktum, das die Aufmerksamkeit der Ökonomen auf sich ziehen sollte, ist daher nicht das Individuum, sondern die Nation... List stellt der liberalen Theorie von den Tauschwerten die Theorie der 'Produktivkräfte' gegenüber; und List ist in diesem Punkt kategorisch: Ein Land kann sich unter einem System des freien Tausches nicht industrialisieren, was auch immer die Ressourcen sein mögen, über die es verfügt.«

Im Inneren müsse diese nach aussen abgeschottete Wirtschaft dann grundlegend umstrukturiert werden;
»
Aus unserer Sicht ähnelt das Wesen der zu ergreifenden Massnahmen mehr einem politischen und sozialen Programm, das darauf angelegt ist, die alten vorkapitalistischen Wirtschaftsbeziehungen zu zersetzen und ein homogenes national-kapitalistisches System zu begründen, als einem technischen Programm zur Bereitstellung von Finanzmitteln. Wir schlagen keineswegs vor, die Klassen verschwinden zu lassen, die die wesentlichsten staatlichen Einnahmen für sich beanspruchen... Die Strukturreform, die wir vorschlagen, ist nicht darauf aus, die Mitwirkung dieser Gruppe zu beenden. Wir meinen, dass man vielmehr ihre Mitwirkungsmöglichkeit umlenken kann und muss, indem man sich darum bemüht, diese Grundbesitzer, Zwischenhändler, Geldverleiher in eine Klasse kapitalistischer Unternehmer umzuwandeln. Man wird sich also darum bemühen müssen, ihre unproduktive Tätigkeit umzulenken, sie dazu zu bringen, an der Produktion teilzunehmen
»
Die Unterscheidung zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit, die der schottische Nationalökonom Adam Smith gemacht hat, muss hier sorgfältig in Betracht gezogen werden. Das bedeutet natürlich gar nicht, dass z.B. ein Zivilbeamter oder ein Soldat nutzlos für die Gesellschaft sein würde, sondern es bedeutet: je mehr man die Zahl der Individuen, beschäftigt in der sozialen Organisation, reduziert, um so grösser wird die Zahl derer, die zur Produktion beitragen können und um so schneller bereichert sich die Nation

Man muss diese erhellenden Stellen des »Chefideologen« der Roten Khmer einfach ausführlich zitieren, denn nach dem ganzen imperialistischen Wehgeschrei hält man es wohl nicht für möglich, dass diese »Ungeheuer« überhaupt denken können. (Eine in ihrer Borniertheit penetrante Trotzkistengruppe meinte gar, diese »Ungeheuer« verkörperten gar leibhaftig die... Rückkehr zum Feudalismus!) Eines wird sofort ganz klar: Diese allgemein als Marxisten, Kommunisten etc. bezeichneten kleinbürgerlichen Intellektuellen stehen nie und nimmer in der Tradition des »Deutschen« Karl Marx, sondern des Deutschen Friedrich List, der unter dem Schlagwort »Freiheit ist das Ziel, Beschränkung ist die Notwendigkeit« im letzten Jahrhundert gegen die imperialistische Ideologie der Freihändler sein protektionistisches Credo setzte. Die Führer der Roten Khmer sind also geistige Söhne der Vorfahren heutiger Imperialisten, derjenigen Imperialisten, die jetzt in ihnen den personifizierten Teufel des Kommunismus sehen, obwohl sie doch nur Fleisch von ihrem Fleische sein wollten.

Ausführlich zitiert wurden diese Auffassungen von Samphan und damit den Führern der Roten Khmer auch deshalb, weil sie heute so populär sind. Angesichts der wachsenden Ausbeutung der Länder der sogenannten Dritten Welt durch den westlichen Imperialismus entstehen allenthalben Theorien, die mit Vehemenz immer wieder die gleiche Position eben einer »Abkapselung« der »unterentwickelten« Länder von der Dominanz des vom westlichen Kapital beherrschten Weltmarktes als Allheilmittel vorschlagen. Und es ist sicher auch kein Zufall, dass ein Hauptvertreter dieser akademischen »Revolutionäre«, der Ägypter Samir Amin, auch nach der Vertreibung der Roten Khmer von deren Radikalität schwärmt und eine Kette neuer »Kampucheas« für die afrikanische Zukunft voraussagt. Gegen die massive Realität der zunehmenden Internationalisierung des Kapitals und der wachsenden globalen Kontrolle des westlichen und zunehmend auch des östlichen Imperialismus setzen solche »fortschrittlichen« kleinbürgerlichen Theoretiker ihren Glauben an Autarkie, nationale Akkumulation und sogenannte autozentrierte Entwicklung. Gegen die kapitalistische Propaganda von Fortschritt und Wohlstand durch Freiheit von Handel und Kapitalinvestitionen, die in der Realität in der Tat nichts anderes erzeugt als wachsende Verelendung und Ausbeutung, heisst die frohe Botschaft auf der anderen Seite: Nur wenn man sich vom Imperialismus zumindest so lange frei machen kann, wie man braucht, um seine Produktivkräfte eigenständig entwickeln zu können, nur dann erringt man Wohlstand und Sicherheit für die Menschheit.

In dieser Hinsicht vertreten beide Seiten nur zwei Seiten einer Medaille. Beide behaupten, im Rahmen und durch den Kapitalismus »das grösste Glück für die grösste Zahl« erreichen zu können - wie schon der Urahn dieser bürgerlichen Richtungen, Adam Smith, diese elementare Lüge des Kapitals formulierte.

Dagegen setzte der Marxismus schon immer seine wissenschaftliche Wahrheit, dass der Kapitalismus nur Ausbeutung und damit Elend zu bringen habe, und dass mit der Entwicklung des Kapitalismus diese Proletarisierung und Pauperisierung sowohl in die Tiefe als auch in die Breite sich zuspitzen müsse, dass also mit zunehmender Internationalisierung des Kapitalismus immer grössere Schichten in den Strudel dieser Produktionsweise hineingeschleudert würden, und sich so die antagonistischen Beziehungen zwischen Proletariat und Bourgeoisie aufgrund einer unumstösslichen Polarisierung von gesellschaftlichem Reichtum und Massenarmut in internationalem Massstab bis zum revolutionären Bruch entwickeln würden.

Und nichts anderes spielt sich auch in der Realität ab. Die Utopisten des Kapitals müssen immer wieder aufs Neue zur Kenntnis nehmen, dass entgegen ihren Proklamationen die sozialen Gegensätze sowohl innerhalb der »entwickelten« wie »unterentwickelten« Länder als auch zwischen diesen Ländern sich im wachsenden Masse zuspitzen. Und während der Kapitalismus immer schärfer die Entwicklung der Produktivkräfte forciert, um seinen unstillbaren Heisshunger nach Mehrwert zu befriedigen, ist er gerade wegen dieser hochproduktiven Technik immer weniger in der Lage, die pauperisierten Massen in aktive Proletarier zu verwandeln, d.h. an die Maschinen bzw. ins Büro zu zwingen. Während die Imperialisten in ihrer rasenden Manie nach Mehrwert aber wenigstens die ganze Welt in wachsende Unruhe versetzen und angestammte immobile Verhältnisse immer gründlicher unterwühlen, stiften die Verkünder einer scheinbar radikalen Autarkie nichts als Verwirrung in den Reihen der verelendenden Massen. Sie reden von ökonomischer Unabhängigkeit, stabilen Wirtschaftskreisläufen und angepasster Technologie - alles Begriffe, die ihren illusionistischen Anachronismus so richtig zur Geltung bringen.

Und gerade in Kambodscha einen konkreten Ansatz oder gar ein Beispiel für die Durchführbarkeit solcher Utopien erblicken zu wollen, mutet angesichts der inzwischen vorliegenden Ergebnisse geradezu tragikomisch an. Es ist aber auch eine totale Fehldeutung der tatsächlichen Entwicklung unter der Pol-Pot-Regierung. Verteufelung wie Idealisierung der Roten Khmer stehen auf derselben Grundlage. Sie gehen davon aus, dass die nach der Machteroberung in Kambodscha getroffenen Massnahmen gewollt und geplant waren. Die einen sehen nur den Terror und die Zwangsmassnahmen, mit denen die Führer, gestützt auf relativ kleine Streitkräfte, einen Hexenkessel der Panik und der Gewalt in den Griff zu bekommen und der totalen Hungerkatastrophe - mit dem sich daraus wiederum ergebenden Chaos - zu entkommen versuchten. Sie sehen diesen Terror und diese Zwangsmassnahmen völlig losgelöst von der ökonomischen und sozialen Notlage. Die anderen verwechseln den faktischen Zustand der extremen sozialen Rückständigkeit Kambodschas und die getroffenen Notstandsmassnahmen mit einem ökonomischen und sozialen Programm.

Doch genügt es, die frühen Thesen Samphans und das Programm der FUNK mit der Wirklichkeit zu konfrontieren, um festzustellen, dass alles ganz anders lief, als sich die Rote-Khmer-Führer erdacht und gewünscht hatten, und dass die späteren programmatischen Erklärungen nichts anderes sind, als ein Versuch im nachhinein - und freilich nur auf dem Papier - aus der Not eine Tugend zu machen.

Die Thesen Samphans haben wir schon zitiert. Die parasitären Agenten des Imperialismus und Blutsauger der Bauern wollte Samphan sicher nicht nur deshalb mit Samthandschuhen anfassen, um seine französischen Professoren nicht zu verschrecken. Er meinte es vielmehr ernst. Denn auch das Programm der FUNK, der nationalen Einheitsfront, war auf ökonomischen Gebiet unentschieden und bar jeder Brutalität. Dort heisst es zur Wirtschaftspolitik u.a.: Beschlagnahme der Ländereien und Güter der Verräter, der aktiven Komplizen im Dienst der US-Imperialisten und der durch Verbrechen am Volk Schuldigen; die beschlagnahmten Ländereien und Güter werden an die bedürftigen Bauern verteilt. - Garantie des Eigentumsrechts der Bauern auf dem Land, das sie bebauen; Einrichtung eines gerechten Systems der Grundrente und des Zinssatzes für Anleihen, - Hilfe für die Bauern bei der Lösung des Agrarproblems, indem eine gerechte Lösung für ungerechte Schulden gefunden wird. Das Programm garantiert im übrigen auch die Eigentumsrechte der »nationalen« Bourgeoisie und die Möglichkeit der Ausbeutung von Lohnarbeit, deren Schutzrechte aber erweitert werden.

Wir haben die verheerende Lage in Kambodscha kurz vor dem Zeitpunkt der Befreiung ansatzweise skizziert. Wie breit und tief die Bauernunruhen auf dem Lande damals auch gewesen sein mögen, bedenken muss man allerdings, dass sich ein Grossteil dieser Bauern während der Hauptphase der Kämpfe gezwungenermassen in der Hauptstadt aufhielt. Die Roten Khmer, ohnehin kaum mehr als 70 000 Mann, kämpften jedenfalls lange Zeit vor allem in den dünnbesiedelten Randgebieten Kambodschas.

Als die Truppen der Roten Khmer sich 1975 der Hauptstadt näherten - wahrscheinlich nur mit ca. 20.000 Mann - war bald klar, dass man diesen heillos aufgeblähten Wasserkopf unbedingt radikal behandeln musste. Die Schätzungen variieren, doch kann man davon ausgehen, dass von den 7-8 Millionen Kambodschanern mindestens 2,5, wahrscheinlich aber über 3 Millionen in der Hauptstadt (»Friedensbevölkerung« wie erwähnt 600.000) zusammengepfercht waren. Durch das Abreissen der Nabelschnur zum Imperialismus lag Phnom Penh als dessen ehemaliger Brückenkopf in der Luft. Eine Möglichkeit, diese wahrhaftige Hölle aus Kollaborateuren und hungernden Flüchtlingsmassen zu kontrollieren oder auch nur zu ernähren, war überhaupt nicht gegeben. Die allgemeine Reisknappheit hatte die Preise in schwindelerregende Höhen getrieben: von 10 Riel pro Kilo im Dezember 1971 auf 125 Riel im Dezember 1973 und weiter Anfang 1975 auf 300 Riel, um Mitte Februar mit 340 Riel den Rekord zu erreichen. Der Rückzug der Imperialisten und das Anrücken der Roten Khmer muss wie ein Doppelsignal gewirkt haben: Einerseits zum Sturm gegen die verhassten Parasiten und die Städter im allgemeinen, andererseits zur chaotischen Rückkehr aufs Land. Die Roten Khmer mussten die Stadt evakuieren und den zurückflutenden Strom kanalisieren, um eine totale Katastrophe zu vermeiden. Dass die Heimatvertriebenen auf ihrem Weg aus der Stadt eine breite Blutspur hinter sich liessen (für die Zeit der Roten-Khmer-Regierung ist durchweg von mindestens 1 Million Todesopfer die Rede), war unter den gegebenen Bedingungen unvermeidlich. Es ist bezeichnend, dass der überwiegende Teil der Massaker die Stadtbevölkerung und bestimmte nationale Minderheiten traf: eben Intellektuelle, Militärs des alten Lon-Nol-Regimes, Sihanoukisten, Kapitalisten, Händler etc., und neben den Cham (Moslems) fast ausschliesslich die vietnamesischen und chinesischen Minderheiten, auf deren soziale Lage wir bereits hingewiesen haben.

Ob nun spontaner Bauernterror oder durch die Roten Khmer organisierte Hinrichtungen - es handelte sich dabei zum Teil um revolutionäre Gewalt gegen die Stützen des alten Regimes, die als solche nicht gegen, sondern für die Roten Khmer sprechen, zum Teil um Pogrome, welche die Führer höchstens hinnahmen und im Sinne des staatlichen Gewaltmonopols zu lenken versuchten. Es ist aber nicht so wichtig, ob die Führer der Roten Khmer diese Massaker hinnehmen oder anordnen mussten. Entscheidend ist, dass sie durch die materielle Entwicklung gezwungen wurden, gerade jene Schichten, auf die sie sich stützen wollten, zu eliminieren oder eliminieren zu lassen. Dies zusammen mit der Evakuierung der Städte nahm ihnen jeden sozialen Rückhalt ausser der Bauernschaft weg. Damit waren sie dieser Bauernschaft, die es für die Verwirklichung ihres »Programms« zu disziplinieren galt, ausgeliefert. Der Konflikt mit ihr war daher für den Zeitpunkt nach der Abwendung der Hungerkatastrophe einprogrammiert.

Die Bauernschaft hat die Evakuierung und alle Massnahmen mitgetragen, die der Wiederherstellung der Bedingungen des nackten Überlebens wie der Ausmerzung der Fremdherrschaft dienten. Aber was die unmittelbaren Produktionsverhältnisse angeht, so wollte der Bauern auch in Kambodscha sein Land wieder in der gewohnten Art, selbstgenügsam und möglichst ungestört von städtischen Blutsaugern bestellen können. Er wollte sein Land wieder haben, bzw. die grossen Güter und überhaupt den Besitz der Reichen verteilen und sich aneignen. Unter den gegebenen vorkapitalistischen Verhältnissen konnte sein »Programm« nicht das Programm des modernen Farmers sein, sondern nur dasjenige des Selbstversorgers - kleine Bauernhöfe ohne Marktwirtschaft und Geldverkehr. Die Führer der Roten Khmer stützen sich in ihren ursprünglichen und ausgesprochen gemässigt reformistischen Erklärungen gerade auf dieses »Programm« als Grundlage für die Entfaltung einer Warenproduktion unter Bedingungen weitgehender Autarkie.

Und doch musste die Frage der Landwirtschaft zunächst ganz anders angepackt werden, da sämtliche ökonomischen wie sozialen Rahmenbedingungen weitgehend zerrüttet waren. Die kleinbürgerlichen Versprechungen der Zeit vor der Befreiung waren nicht zu erfüllen. Man musste sich auf die Traditionen der gegenseitigen Hilfe und den Überlebenszwang stützen. In einem Land, in dem es historisch - ausser in der Provinz Battambang - fast keinen Grossgrundbesitz gegeben hatte, wurde nun das gesamte Ackerland kollektiviert. Die Bauern wurden im wahrsten Sinne des Wortes enteignet und unter strengen Bedingungen zum kollektiven Arbeitseinsatz diszipliniert. Mobile Arbeitsteams wurden für Erdarbeiten in den verschiedenen Regionen eingesetzt. Die ganze kambodschanische Wirtschaft wurde so zu einer kruden Plantagenökonomie, zuletzt wurde sogar das Essen reglementiert.

Nachdem das schlimmste Chaos überstanden war, versuchte man durch Beibehaltung und weitere Verschärfung der Kollektivierung diese in der Hungerphase sich eher urwüchsig durchgesetzten Strukturen für sein »Industrialisierungsprogramm« umzusetzen. Aus der Not sollte eine kapitalistische Tugend werden. Dabei sollte der völlige Mangel an solchen »zivilisatorischen« Errungenschaften wie Geld- und Warenverkehr ein ideales, ja klassisches »Trucksystem«, d.h. Bezahlung allein in Naturalien, abgeben. Die Bauern wurden in immer neue Produktionsschlachten gezwungen, denn nunmehr sollten Überschüsse für den Export - d.h. für den Austausch mit ausländischen Produktionsmitteln - erzeugt werden, was tatsächlich geschah und die Führer noch weiter animierte. Das generelle Kommando stand unter der ehernen Losung: »Arbeite hart und versuche, bei einem Minimum an Investitionen ein Maximum an Ergebnissen zu erzielen«, und ganz im Vordergrund stand die absolute Arbeitsleistung.

Das Regime war auf diese Errungenschaften so stolz, dass es sie entgegen dem ursprünglich anvisierten Wirtschaftsprogramm und in völliger Verkennung des tatsächlichen Charakters des »Experiments« sofort in seiner Verfassung festschrieb:
»
Alle wichtigen Produktionsmittel sind kollektives Eigentum des Volksstaates und das kollektive Eigentum der Volksgemeinschaft. Die Güter des täglichen Bedarfs bleiben persönliches Eigentum des einzelnen.«
Und in der Präambel heisst es allgemein zum Gesellschaftssystem:
»
In Anbetracht der Bestrebungen des ganzen Volkes von Kampuchea und der gesamten revolutionären Armee Kampucheas, die ein unabhängiges, geeintes, friedliches, neutrales, blockfreies und souveränes Kambodscha mit territorialer Integrität und einer Gesellschaft wünschen, in der Glück, Gleichheit, Gerechtigkeit, wirkliche Demokratie ohne Reiche und Arme, ohne Ausbeuterklasse und ausgebeutete Klasse herrschen (...), in der das ganze Volk in Harmonie und grosser nationaler Eintracht lebt und sich zusammenschliesst, um an der Produktion teilzunehmen und gemeinsam das Land aufzubauen und zu verteidigen...« usw. usf. (4)

Auf diese ideologische Wunschliste, deren kleinbürgerliche Natur unverkennbar ist, werden wir noch zurückkommen: Sie ist durch bestimmte »Auslassungen« besonders auffallend.

Die Verwechslung von Wunsch und Realität, die Verklärung dieser Realität zu einem neuen Programm, das man - selbstverständlich -schon immer verfolgt hatte, kommt auch in einem Interview Pol Pots mit türkischen Maoisten sehr deutlich zum Ausdruck:
»Sofort nach der Befreiung hat der im Januar 1976 abgehaltene Vierte Kongress der KPK einen strategischen Plan für den Aufbau des Landes festgelegt. Er sieht vor, dass ab 1977 die arme und rückständige Agrarwirtschaft, die durch den fünfjährigen Aggressionskrieg der US-Imperialisten zerstört wurde, innerhalb von 10 - 15 Jahren in eine moderne Landwirtschaft verwandelt wird, und das Land in einem Zeitraum von 15 - 20 Jahren alle Grundstoffindustrien hat. Wir entwickeln die Landwirtschaft, und das von der Landwirtschaft akkumulierte Kapital verwenden wir zum Aufbau der Industrien, wobei wir entschlossen am Prinzip der Unabhängigkeit, Souveränität und self-reliance festhalten.«
(5)

Nach der Wiederherstellung eines ausreichenden Produktionsniveaus musste jedoch die ganze Konstruktion eher früher als später restlos zusammenbrechen. Wer auch nur eine blasse Ahnung von den Wehen der berüchtigten stalinistischen Kollektivierung in Russland hat - und der russische Staat stand auf einer unvergleichlich höheren gesellschaftlichen Stufe und verfügte über ganz andere Machtmittel -, kann sich leicht vorstellen, wie die dann praktisch völlig in der Luft hängenden intellektuellen Möchtegernbahnbrecher des Kapitalismus in Kambodscha in einer Orgie von Gewalt zugrundegehen müssten - es sei denn, sie könnten mit Hilfe einer ausländischen Macht das Chaos in den Griff bekommen und durch eine Reihe von Zugeständnissen an die Bauernschaft stabilere Zustände schaffen. Höchstwahrscheinlich wären sie aber auch dann erledigt, wie ein Mann, der sich auf einem wild um sich schlagenden Bullen möglichst lange zu halten versucht und dann erschöpft zu Boden stürzt. Die Arenarunde wartete auf jeden Fall schon begierig auf den Ausgang des Trauerspiels.

Nur der Nationalismus, die Bedrohung durch Vietnam, die Angst vor nationaler Unterdrückung und vor der Rückkehr - die tatsächlich geschah - eines grossen Teils der geflohenen Funktionäre, Grundbesitzer und Parasiten im Schlepptau der vietnamesischen Armee hielt die Front zusammen. Und wenn das Regime nicht an seinem inneren Widerspruch durch Flucht und Aufstand der Bauernschaft zusammenbrach, so weil es dazu nicht die Zeit hatte. Die vietnamesische Offensive brach noch vor diesem Zeitpunkt, den sie zunächst verzögert hatte, voll durch. Aber selbst dann war die Front offensichtlich schon so brüchig, dass der Widerstand nicht so massiv aufrechterhalten werden konnte, wie es trotz des überwältigenden vietnamesischen Einsatzes zu erwarten gewesen wäre.

Obwohl sie sich in einer »belagerten Festung« wussten, fanden sich die Bauernmassen jedenfalls sehr bald betrogen, worauf auch die zahlreichen Meldungen abstellen, die etwa ab 1977 von zunehmenden politischen Widersprüchen und Kämpfen berichten. Parallel zu den wachsenden sozialen Spannungen verläuft eine Kette von Putschversuchen und Säuberungen, in denen sich die »radikale« Fraktion um Pol Pot behaupten musste. Es sind das im grossen und ganzen die Vertreter derjenigen Linie, die der Bauernbewegung im Inneren mit aller Gewalt das Rückgrat zu brechen versuchten, um der Bedrohung von Aussen - vor allem die Annexion durch Vietnam in Form von »besonderen Beziehungen« zu entgehen.

Souveränität, Neutralität, Blockfreiheit - dieses Credo zieht sich als Pendant zur »Autarkie« durch alle Erklärungen hindurch. Aber schon angesichts der ersten Offensive der Vietnamesen muss den Führern der Roten Khmer wohl langsam klar geworden sein, dass diese schönen Worte in unserer unschönen Welt nur eine Bedeutung haben konnten, nämlich sich unter den Schutz der Volksrepublik China zu begeben. In dem Interview Pol Pots, das wir eben zitiert haben, tritt ein merkwürdiges Kürzel auf: KPK. Das bedeutet »Kommunistische Partei Kampucheas«. Und doch hatten die Roten Khmer - zur grenzenlosen Verwunderung der bürgerlichen Kommentatoren - nie versucht, ihre Erklärungen oder ihre Verfassung mit marxistischem oder pseudomarxistischem Vokabular zu verbrämen - was uns sicherlich sehr sympathisch ist. Im Gegenteil, sie haben eine offensichtliche und pedantische Abneigung gegen diese Begriffe zur Schau gestellt. Weder von »Vorhut des Proletariats« bzw. »Kommunistischer Partei« noch von »proletarischem Internationalismus«, weder von »klassenlosen Gesellschaft« noch von »Diktatur des Proletariats«, aber auch nicht von »neudemokratischer Revolution«, »Massenlinie«, »Schaffung eines neuen Menschen«, »friedlicher Koexistenz« usw. usf. war je die Rede gewesen. Mussten ähnliche Inhalte zum Ausdruck gebracht werden, so wurden sie mit anderen Worten umschrieben. Dies geschah aber nicht, weil die Pol-Pot-Leute besonders ehrlich gewesen seien und uns Marxisten einen Gefallen tun wollten. Dies geschah, weil sie in ihrem verbissenen Nationalismus selbst im Sprachgebrauch deutlich von den sich »sozialistisch« ausgebenden Nachbarn Vietnam, aber auch China distanzieren wollten. Der nationale Charakter all dieser Revolutionen und Staaten, der nationale Charakter ihrer Auseinandersetzungen und ihrer ganzen Politik kommt selbst darin zum Ausdruck, dass sich das schwächste Glied aus Selbsterhaltungstrieb gezwungen sieht, auf das »marxistische« oder »sozialistische« Mäntelchen für das kapitalistische Programm zu verzichten! Soweit ist es gekommen mit dem »Sozialismus in einem Land«! Und die Übernahme des »marxistischen« »Vokabulars« ist hier ein Zeichen für die Preisgabe der so heiligen nationalen Souveränität. Hatte man bislang wie gesagt in keiner Verlautbarung irgendetwas über eine Partei oder über revolutionäre Stadien vernommen (es war immer von einer »Revolutionären Organisation« und übrigens sogar von »Angkor-Traditionen« die Rede), so erzählte Pol Pot am 27. September 1977 seinem staunenden Volk und allen, die es wissen wollten, folgende Geschichte: Schon seit dem 30. September 1960 gäbe es in Kambodscha diese KPK, und sie habe dieses Wunderwerk einer national-demokratischen Revolution vollbracht. Er erzählte es einen Tag vor Abflug nach Peking, wovon er, auf verlorenem Posten gegen die Vietnamesen kämpfend, spätestens seitdem völlig abhängig ist.

Als »Spielball fremder Mächte« gingen die nationalistischen Intellektuellen Kambodschas unter. Die Bauernschaft, unter dem Druck der imperialistischen Raserei und ihrer Folgen wie inzwischen unter dem Druck der nationalen Expansion Vietnams weitgehend dezimiert, ist ein Beispiel für das Schicksal, das die kapitalistische Gesellschaft in ihrer Entstehung und Entwicklung den kleinen und schwachen Völkern vorbehält. Solchen Völkern würde und wird allein das Proletariat das Selbstbestimmungsrecht sichern, weil es im Gegensatz zur Bourgeoisie keine nationalen Privilegien sucht, sondern abschaffen will, weil es im Gegensatz zur Bourgeoisie die freiwillige Vereinigung schaffen kann, denn im Gegensatz zur Bourgeoisie befreit es sich nicht durch die Ausbeutung anderer, sondern durch die Abschaffung jeder Ausbeutung.

(wird durch ein Kapitel über die Expansion Vietnams nach Laos und Kambodscha und über den chinesisch-vietnamesischen Krieg ergänzt)

Notes:
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  1. vgl. »Area Handbook for the Khmer Republic (Cambodia)« Washington 1973, S.225, 275 ff [back]
  2. Radio Phnom Penh, 30.8.75, in Foreign Broadcast Information Service (FBIS), 5.9.75, H. 2-3 [back]
  3. nach US-Angaben, vgl. China aktuell, August 73 'Übersicht 18 [back]
  4. in »Ein Jahr Demokratisches Kampuchea«, herausgegeben von der Botschaft des Demokratischen Kampuchea in Berlin (DDR), Juni 1976 [back]
  5. in »This World Unity«, New Delhi, Nr.14, Februar 1979 [back]

Source: »Kommunistisches Programm«, 1980, Nr.25/26, S.53-64

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