Pathologie der buergerlichen Gesellschaft - Notwendigkeit der kommunistischen Revolution
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PATHOLOGIE DER BÜRGERLICHEN GESELLSCHAFT
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Pathologie der bürgerlichen Gesellschaft - Notwendigkeit der kommunistischen Revolution
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Pathologie der bürgerlichen Gesellschaft
Notwendigkeit der kommunistischen Revolution
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Wachsende Kriminalität; zunehmender Ausbruch von Gewalttätigkeit bei Begegnungen und Zusammensein von Menschen; Depressionen, Neurosen, Psychosen als Dauerschnupfen eines immer breiteren Teils der Gesellschaft; um sich greifende Fluchtgedanken; steiler Anstieg des Verbrauchs harter Drogen; Trunksucht; Verallgemeinerung der Einnahme »medizinischer« Beruhigungs- und Aufputschmittel; internationaler Wettbewerb um die höchste Selbstmordrate im allgemeinen und Kinderselbstmordrate im besonderen etc. Die bürgerliche Gesellschaft erzeugt tagtäglich unzählige Erscheinungen sozialer Pathologie. Auf dieser Grundlage blühen ganze Wirtschaftszweige, von der Pharmaindustrie bis hin zu den Massenmedien, von den Schnapsbrennereien bis hin zu der bürgerlichen Soziologie und Psychologie.

Die Soziologen erzeugen Erklärungen für die Pathologie der bürgerlichen Gesellschaft. Ein Teil dieser Zunft führt die sozialen Krankheitserscheinungen auf die Bedingungen allgemeiner Unsicherheit und Anarchie zurück, die mit der Weltwirtschaftskrise entstanden; ein anderer Teil »entdeckt« die Ursache hingegen im »Genuss- und Konsumrausch«, bzw. in den »übersteigerten Erwartungen«, die von den »Wohlstandsjahren« geweckt wurden. Die einen wie die anderen erzählen nur einen Teil der Wahrheit, die sie dadurch umso besser verschleiern. Wie könnte es aber auch anders sein? Sie sind Wortführer der Interessen und der Ideologie der herrschenden Klasse. Gegen die Krankheiten ihrer Gesellschaft können sie keine andere »Therapie« verschreiben, als eine weitere Entwicklung des Kapitalismus, aus dem selbstverständlich die krisenbedingten (oder wohlstandsbedingten) Ungleichgewichte und Auswüchse zu beseitigen seien.

»Wohlstand« und Krise gehören aber zusammen. Sie folgen nicht nur aufeinander, sondern bedingen sich gegenseitig im Laufe eines einzigen Prozesses. Die Akkumulation von Kapital geht in Form eines
»
Zyklus von Perioden mittlerer Lebendigkeit, Produktion unter Hochdruck, Krise und Stagnation« (1)
vor sich; die wachsende Akkumulation von Kapital ist die Bedingung und zugleich das Ergebnis seiner zyklischen Vernichtung. Dies können Soziologen aber nicht zugeben. Ebensowenig können sie zugeben, dass mit der ungeheuerlichen Entwicklung der Produktivkräfte im Kapitalismus
»
die massloseste Verschwendung der gesellschaftlichen Produktionsmittel und Arbeitskräfte« (2)
einhergeht - sie ist das notwendige Resultat des
»
anarchischen Systems der Konkurrenz«,
das seinerseits aus der erweiterten Reproduktion des Kapitals und somit aus den Produktionsverhältnissen des Kapitalismus nicht wegzudenken ist. Dabei ist
»
die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol [...] zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degradation auf dem Gegenpol« (3).

Wenn die Krise, in der sich die bürgerliche Welt befindet, für irgendetwas »verantwortlich« ist, so gerade dafür, die Gesetze, welche alle Phasen der kapitalistischen Produktion (und also die bürgerliche Gesellschaft) beherrschen, in ihrer vollen und brutalen Wirkung hervortreten zu lassen. Sie lässt die vom Kapitalismus im Hoch wie in der Flaute, im Überfluss wie im Mangel erzeugten Gemeinheiten offen zutage treten.

»Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen früheren aus« (4).
Diese allgemeinen Kennzeichen des Kapitalismus, Kennzeichen seiner historischen Kraft und zugleich Ursache seiner historischen Zerbrechlichkeit, bringt die Krise zum Ausdruck, wenn sie die Proletarier, aber auch einen breiten Teil der Mittelschichten und daher die mittelständische Jugend in eine diffuse und tiefe Unsicherheit stürzt.

Mit der Krise werden alle »Werte« der bürgerlichen Gesellschaft entheiligt, es gibt keinen festen Halt, keine feste Norm mehr. Dies ist aber nur die Kehrseite der normalen Entwicklung dieser Gesellschaft:
»
Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen« (5).

Wo scheinbar Harmonie herrschte, lässt die Krise Chaos entstehen. Damit beweist sie, dass
»
die Anarchie das Gesetz der von den gliedernden Privilegien emanzipierten bürgerlichen Gesellschaft«
ist, d.h. von der bürgerlichen Gesellschaft in Reinkultur, ohne vorbürgerliche Vorrechte;
»
und die Anarchie der bürgerlichen Gesellschaft ist die Grundlage des modernen öffentlichen Zustandes, wie der öffentliche Zustand wieder seinerseits die Gewähr dieser Anarchie ist« (6).
Stellt die Krise die Menschen in ihrem verzweifelten Überlebenskampf in einen wachsenden Gegensatz zueinander, so wird dadurch nur das Prinzip, in dem der Kapitalismus seit seiner Entstehung den gesunden Stachel des Fortschritts erblickt, der freie Konkurrenzkampf, zur vollen Geltung gebracht:
»
Wie die freie Industrie und der freie Handel die privilegierte Abgeschlossenheit und damit den Kampf der privilegierten Abgeschlossenheiten untereinander aufheben, dagegen an ihre Stelle den [...] losgebundenen, selbst nicht mehr durch den Schein eines allgemeinen Bandes an den andern Menschen geknüpften Menschen setzen und den allgemeinen Kampf von Mann wider Mann, Individuum wider Individuum erzeugen, so ist die ganze bürgerliche Gesellschaft dieser Krieg aller [...] Individuen gegeneinander« (7).

Die Krise stürzt selbst bürgerliche Schichten ins Elend und, wenn sie ihnen dadurch nicht die Fähigkeit, die bürgerliche Gesellschaft an der Wurzel zu bekämpfen, verleiht (diese bleibt dem Proletariat vorbehalten), so ist es doch nur die normale Lebenslage des Proletariats, die infolge dieser Entwicklung auf einen breiteren Kreis ausgedehnt wird:
»
Bei den Proletariern [...] ist ihre eigene Lebensbedingung, die Arbeit, und damit sämtliche Existenzbedingungen der heutigen Gesellschaft, [...] zu etwas zufälligem geworden, worüber die einzelnen Proletarier keine Kontrolle haben und worüber ihnen keine gesellschaftliche Organisation eine Kontrolle geben kann« (8).

Auf diesem Boden, auf dem Boden des Kapitalismus und der bürgerlichen Gesellschaft, gedeihen die grosse und kleine Kriminalität, der private Diebstahl und die öffentliche Plünderung, die individuelle und Gruppengewalt, die Abirrungen und Sexualverbrechen, die bewaffneten Überfälle und die spektakulären Entführungen, die Abrechnungen zwischen Einzelnen, Cliquen und Familien, kurz
»
Brutalisierung und Degradation«.
Sie gedeihen mit unterschiedlichem Gewicht, je nachdem ob man eine Periode der ökonomischen Expansion oder Rezession durchmacht; ihre Natur ist aber in beiden Fällen dieselbe. Und wohlweislich gefördert von den verschiedenen Ideologen der herrschenden Ordnung entstehen auf diesem selben Boden wiederum die Mittel und Wege, um dieser unerbittlichen Wirklichkeit scheinbar auszuweichen, die sinnlose Flucht ins künstliche Paradies der Droge oder, was auf dasselbe hinausläuft, der Religion, die sang- und klanglose Preisgabe der eitlen Gewissheiten der bürgerlichen Fortschrittsideologie, an deren Stelle die in weit grösserem Masse verführerischen Ungewissheiten des Individualismus, Existentialismus und Irrationalismus treten. Auf diesem Boden wachsen schliesslich Seite an Seite die Unterwerfung unter die Tabus der bürgerlichen Zivilisation und - dies sei hier gesagt, ohne sie beleidigen zu wollen - die Verzweiflung der »Terroristen«.

Als Kommunisten verlangen wir nicht von den Priestern des Kapitals, diesen vielen Politikern, Geistlichen, Philosophen und Professoren, dass sie einsehen, dass die von ihnen tagtäglich angeprangerten Zersetzungserscheinungen notwendige Äusserungen der kapitalistischen Entwicklung darstellen. Von ihnen erwarten wir nichts anderes, als dass sie unter den Opfern dieser unentrinnbaren Entwicklung das Opium der Flucht oder, was auf dasselbe hinausläuft, des Reformismus verbreiten. Mehr noch, die Ohnmacht der offiziellen und offiziösen »Kultur« der herrschenden Klasse kommt nirgends so klar zum Ausdruck, als gerade in ihrem Versuch, diese Zersetzungserscheinungen als zufällig, als Ausnahmen, zu erklären, oder, was auf einer noch tieferen Ebene steht, als Produkt von geheimnisvollen Faktoren, die ausserhalb der Gesellschaft entstehen und auf sie hineinwirken - eine Neuauflage des »Bösen«. Nichts kann den Niedergang dieser »Kultur« besser blossstellen, als die »Therapie«, die sie allein zu verschreiben imstande ist, die Rückkehr der kapitalistischen Wirtschaft zu einer vollkommen utopischen »harmonischen Entwicklung«, die Rückkehr der bürgerlichen Gesellschaft zum Mythos ihrer »ewigen Werte«.

In der kapitalistischen Produktionsweise verwandeln sich Tätigkeiten, die für die Menschen denkbar unproduktiv sind, in produktive Arbeit für das Kapital. Mit seiner spitzen Feder hat Marx vor mehr als einem Jahrhundert gezeigt, dass unter solchen Bedingungen die Kriminalität sich in ein Entwicklungsmittel, in einen Träger der Produktionserweiterung und in einen Faktor der... Harmonie verwandelt, was im übrigen auf einer höheren Ebene der sozialen Fäulnis nicht minder für den Parasitismus und die Nichtstuerei gilt. Wir werden diese Seiten von Marx fast vollständig zitieren und dabei jene bürgerlichen Predigten über die ergiebigen und stimulierenden Momente des Kapitalismus hervorheben, die Marx sarkastisch in seinen Text einflechtet, um sie mit den Verbrechen in Bezug zu bringen, die das Kapital in seiner ganzen Laufbahn begleiten, von der blossen Mehrwertauspressung über die Schaffung
»
einer Unzahl jetzt unentbehrlicher, aber an und für sich überflüssiger [und selbst schädlicher] Funktionen« (9),
bis hin zu den lokalen, nationalen, kolonialen und imperialistischen Kriegen. Marx schreibt als Paraphrase eines bürgerlichen Ökonoms:
»
Ein Philosoph produziert Ideen, ein Poet Gedichte, ein Pastor Predigten, ein Professor Kompendien usw. Ein Verbrecher produziert Verbrechen. Betrachtet man näher den Zusammenhang dieses letztren Produktionszweigs mit dem Ganzen der Gesellschaft, so wird man von vielen Vorurteilen zurückkommen. Der Verbrecher produziert nicht nur Verbrechen, sondern auch das Kriminalrecht und damit auch den Professor, der Vorlesungen über das Kriminalrecht hält, und zudem das unvermeidliche Kompendium, worin dieser selbe Professor seine Vorträge als 'Ware' auf den allgemeinen Markt wirft. Damit tritt Vermehrung des Nationalreichtums ein. Ganz abgesehn von dem Privatgenuss, den [...] das Manuskript des Kompendiums seinem Urheber selbst gewährt.
Der Verbrecher produziert ferner die ganze Polizei und Kriminaljustiz, Schergen, Richter, Henker, Geschworene usw.; und alle diese verschiednen Gewerbszweige, die ebenso viele Kategorien der gesellschaftlichen Teilung der Arbeit bilden, entwickeln verschiedne Fähigkeiten des menschlichen Geistes, schaffen neue Bedürfnisse und neue Weisen ihrer Befriedigung. Die Tortur allein hat zu den sinnreichsten mechanischen Erfindungen Anlass gegeben und in der Produktion ihrer Werkzeuge eine Masse ehrsamer Handwerksleute beschäftigt.
Der Verbrecher produziert einen Eindruck, teils moralisch, teils tragisch, je nachdem, und leistet so der Bewegung der moralischen und ästhetischen Gefühle des Publikums einen 'Dienst'. Er produziert nicht nur Kompendien über das Kriminalrecht, nicht nur Strafgesetzbücher und damit Strafgesetzgeber, sondern auch Kunst, schöne Literatur, Romane und sogar Tragödien [...]. Der Verbrecher unterbricht die Monotonie und Alltagssicherheit des bürgerlichen Lebens. Er bewahrt es damit vor Stagnation und ruft jene unruhige Spannung und Beweglichkeit hervor, ohne die selbst der Stachel der Konkurrenz ab- stumpfen würde. Er gibt so den produktiven Kräften einen Sporn. Während das Verbrechen einen Teil der überzähligen Bevölkerung dem Arbeitsmarkt entzieht und damit die Konkurrenz unter den Arbeitern vermindert, zu einem gewissen Punkt den Fall des Arbeitslohns unter das Minimum verhindert, absorbiert der Kampf gegen das Verbrechen einen andern Teil derselben Bevölkerung. Der Verbrecher tritt so als eine jener natürlichen 'Ausgleichungen' ein, die ein richtiges Niveau herstellen und eine ganze Perspektive 'nützlicher' Beschäftigungszweige auftun. [...]
Wären Schlösser je zu ihrer jetzigen Vollkommenheit gediehn, wenn es keine Diebe gäbe? Wäre die Fabrikation von Banknoten zu ihrer gegenwärtigen Vollendung gediehn, gäbe es keine Falschmünzer? Hätte das Mikroskop seinen Weg in die gewöhnliche kommerzielle Sphäre gefunden [...] ohne Betrug im Handel? Verdankt die praktische Chemie nicht ebensoviel der Warenfälschung und dem Bestreben, sie aufzudecken, als dem ehrlichen Produktionseifer? [...] Und verlässt man die Sphäre des Privatverbrechens: Ohne nationale Verbrechen, wäre je der Weltmarkt entstanden? Ja, auch nur Nationen?
« (10)

Dies sind die »Harmonien« der kapitalistischen Produktionsweise. Aus ihnen erwächst die »ewige Unsicherheit und Bewegung«, welche die bürgerliche Gesellschaft kennzeichnen. Hier kann man nicht wie Proudhon und seine Jünger »gute« und »schlechte« Seiten voneinander trennen. Und es ist in der Apotheose der »nationalen Verbrechen«, von denen die bürgerliche Rhetorik nur so schwärmt, dass die auf materieller wie moralischer Ebene wohltuenden und fortschrittlichen Wirkungen der »privaten« Verbrechen den Gipfel erreichen. Man kann den Triumphzug des kapitalistischen Fortschritts nicht von der offensichtlichen Kriminalität der ihm entsprechenden Gesellschaftsordnung trennen. Die für die Kleinbourgeoisie charakteristischen Fluchttechniken und Ideologien vermitteln vielleicht die Illusion, diesem Teufelskreis individuell entrinnen zu können. Sie reproduzieren nur die »Harmonien« und »Ausgleichungen« der kapitalistischen Ordnung, denen sie entwachsen.

Nur jene Klasse, die auch schon mal die Klasse des »allgemeinen Skandals« genannt wurde, das moderne Proletariat, gewachsen unter der erdrückenden Last dieses organisierten Verbrechens und zugleich in der harten aber erzieherischen Schule der Arbeit, kann den Teufelskreis brechen. Allein die kommunistische Revolution, die totalitäre, antiindividualistische, antinationale, antimerkantile kommunistische Revolution kann ihn brechen.

Notes:
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  1. Marx, »Das Kapital«, Band 1, 23. Kapitel, MEW 23, S. 661 [back]
  2. Marx, »Das Kapital«, Band 1, 15. Kapitel, S. 552 [back]
  3. Marx, »Das Kapital«, Band 1, 23. Kapitel, S. 675 [back]
  4. »Manifest der Kommunistischen Partei«, 1848, 1. Kapitel. [back]
  5. »Manifest der Kommunistischen Partei«, 1848, 1. Kapitel. [back]
  6. Marx und Engels, »Die heilige Familie«, MEW 2, S. 124 [back]
  7. Marx und Engels, »Die heilige Familie«, MEW 2, S. 123 [back]
  8. Marx und Engels, »Die deutsche Ideologie«, MEW 3, S.77 [back]
  9. Marx, »Das Kapital«, Band 1, 15. Kapitel, MEW 23, S. 552 [back]
  10. Marx, »Theorien über den Mehrwert«, erster Teil, MEW 26.1, S. 363 f. [back]

Source: »Kommunistisches Programm«, Nr. 24, Januar 1980, S.1-3.

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