Zum 60. Jahrestag des Beginns der Novemberrevolution in Deutschland
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ZUM 60. JAHRESTAG DES BEGINNS DER NOVEMBERREVOLUTION IN DEUTSCHLAND
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Zum 60. Jahrestag des Beginns der Novemberrevolution in Deutschland
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Zum 60. Jahrestag des Beginns der Novemberrevolution in Deutschland
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Der diesjährige deutsche Herbst steht im Zeichen von politischen Jubiläen, unter denen der 100-jährige Jahrestag des Sozialistengesetzes und der 40-jährige der »Reichskristallnacht« ganz offensichtlich die bevorzugte Auswahl der Linken und der regierenden Sozialdemokratie darstellen und bereits eine ganze Reihe von Leitartikeln, Resolutionen, öffentlichen Veranstaltungen und Schweigemärschen inspiriert haben. Die Werbung zur Absatzförderung der demokratischen Ideologie unterscheidet sich von einer bestimmten Zigarettenwerbung zwar dadurch, dass sie im Gegensatz zu Marlborohersteller Philip Morris nur den Geschmack von Freiheit, nicht aber denjenigen von Abenteuer preist. Ansonsten verschweigen beide die Krebsfolgen des jeweils vermarkteten Giftes. Dem politischen Bedürfnis, das in dieser heuchlerischen Aufwertung und Selbstbeweihräucherung der bürgerlichen Demokratie wie der Sozialdemokratie selbst seinen Ausdruck findet, erscheint offensichtlich die Erinnerung an die Tradition des kämpfenden Proletariats der Novemberrevolution eher als störend und keines wesentlichen Aufwandes wert, und das ist alles andere als verwunderlich: die Erinnerung an eine im Blut des revolutionären Proletariats gebadete bürgerliche Demokratie und an die historische Notwendigkeit der rücksichtslosen tabula rasa mit allen Formen bürgerlicher Herrschaft, die das Proletariat vornehmen muss, um der Verwirklichung des Sozialismus den Weg zu bahnen, ist allen Spielarten des alten und neuen Opportunismus in der Arbeiterbewegung sozusagen tief verhasst. Und eben darum ist es die Pflicht der Kommunisten, diese Erinnerung aufzufrischen und wachzuhalten

Am 27. Oktober und am 3. November 1918 lösten die Matrosenrevolten auf den Schiffen des deutschen Hochseegeschwaders in Wilhelmshaven und Kiel den reichsweiten Aufstand der Soldaten und Arbeiter gegen den imperialistischen Krieg in fast allen grossen Städten und in den deutschen Heerestruppen an der Ostfront sowie im Nordabschnitt der Westfront (Flandern) aus, der als die Novemberrevolution oder »deutsche Revolution« in die Geschichte eingegangen ist. Innerhalb von wenig mehr als einer Woche nach dem Aufstand von Kiel errichteten in fast allen Garnisons- und Industriestädten zwischen Nordsee und Alpen, zwischen Königsberg und Aachen Arbeiter- und Soldatenräte eine potentielle Doppelherrschaft neben den alten politischen Gewalten und Institutionen. Im Gegensatz zur damaligen wie heutigen reaktionären Propaganda hatte diese Bewegung zwar den Charakter einer Rückwirkung der bolschewistischen Revolution in Russland auf Deutschland, selbst aber keinesfalls die Qualität einer bolschewistischen Bewegung.

In der überwiegenden Mehrzahl der deutschen Städte ging die Erhebung von den Garnisonen, von den Soldaten bzw. Matrosen aus; nur in Erfurt brachte eine von der lokalen Spartakus-Gruppe in Gang gesetzte Streikbewegung gegen den imperialistischen Krieg und in Solidarität mit den Kieler Matrosen die Garnison in Bewegung. Die Soldaten forderten Lockerung und Demokratisierung des preussischen Truppenreglements und protestierten gegen die Fortsetzung des Krieges und die entsprechenden Neueinziehungen und Mobilisierungen. Der Soldatenbewegung blieben damit zwei Wege offen: entweder zum Bestandteil einer revolutionären proletarischen Bewegung für die Zerstörung des bürgerlichen Staates zu werden, oder vom bürgerlichen Staat im Hinblick auf die Erfordernisse eines Friedens ausgenutzt zu werden, den der Kriegsverlauf des Jahres 1918 dem deutschen Imperialismus dringend vorgeschrieben hatte. Der Friede von Brest-Litowsk mit dem bolschewistischen Russland von Januar 1918 hatte mit der Liquidierung der zweiten östlichen Front der deutschen Armeen nicht den offensiven Durchbruch an der Westfront gebracht, den die deutsche Heeresleitung sich von Brest-Litowsk erhofft hatte. Der Durchbruch der Entente am 8. August mit dem Tankangriff bei Amiens wurde zu einer Katastrophe für die deutschen Armeen, die nicht nur alle deutschen Offensivpläne im Westen zunichte machte, sondern die Westgrenze des deutschen Reiches selbst einer akuten Bedrohung durch die Entente aussetzte; eine Truppenverschiebung von der Ostfront her war inzwischen unmöglich geworden, weil, wie General Hoffmann selbst zugab, grosse Teile der deutschen Ostarmeen durch den Bolschewismus zersetzt waren, der seinerseits eine neue »Rote Armee« aufbaute, der gegenüber die deutschen Armeen infolge der allgemeinen strategisch-militärischen Lage nicht mehr aus einer Position klarer Überlegenheit handeln konnten.

So ergab sich aus dem Kriegsverlauf des Jahres 1918 für Deutschland die Revision der offensiven imperialistischen Kriegsziele und damit auch die der »unheiligen Allianz« von Brest-Litowsk mit dem revolutionären Bolschewismus, dessen subversive Kraft um so stärker auf Deutschland ein- wirkte, desto länger deutsche Soldaten in sinnlose »Offensiven« und desto mehr deutsche Arbeiter und Arbeiterinnen in das wirtschaftliche Massaker der Kriegsproduktion gepeitscht wurden, In genau diesem Sinne hatten die bürgerlichen Parteien und die deutsche Sozialdemokratie 1918 ihre Opposition gegen die unbedingte Fortführung des Krieges verstärkt, wobei sich die Vertreter der Zentrumspartei à la Erzberger ebenso hervortaten wie die Führer der SPD, Scheidemann und Ebert, die im August 1914 in der allgemeinen imperialistischen Kriegshetze die Mehrheit der SPD zur Bewilligung der Kriegskredite und in die Front des vaterländischen Burgfriedens geführt hatten. Nun beteten sie lautstark für günstige Friedensbedingungen bei der Entente, brachten das bescheidene Opfer des »Sturzes« der den »preussischen Militarismus« symbolisierenden Hohenzollernmonarchie und beschworen eine neue, diesmal »heilige Allianz« der »westlichen Demokratie« gegen den Bolschewismus: die II. Internationale, an ihrer Spitze die deutsche Sozialdemokratie, hatte das Weltproletariat in den imperialistischen Krieg geführt im Namen des deutschen und der anderen jeweiligen Vaterländer und rief nun im Namen günstiger Friedensbedingungen für Deutschland zur Bildung einer imperialistischen Allianz gegen das revolutionäre Proletariat in Russland auf. Das bedeutete vor allem für Deutschland, allen Einfluss und alle zu Gebote stehenden Mittel aufzubieten, um die Verwandlung der zweifellos spontan und subversiv aus Meutereien und Streiks hervorgegangenen, von Soldaten und Arbeitern getragenen Friedensbewegung in eine revolutionäre proletarische Klassenbewegung zu verhindern, deren gefährliches Beispiel der Bolschewismus in Russland bot.

Das Programm einer revolutionären proletarischen Klassenbewegung wurde während des Weltkrieges mehr oder weniger konfus von verschiedenen Oppositionsgruppen und -parteien gegen die Sozialdemokratie zu behaupten versucht, von denen nur der Spartakusbund eine Basis auf nationaler bzw. reichsweiter Ebene hatte; die Internationalen Kommunisten Deutschlands (IKD) stellten lokale Sektionen wie vor allem die »Linksradikalen« von Bremen und Dresden. Daneben war während des Krieges auf Betriebsebene die Gruppe der »Revolutionären Obleute« entstanden, die ein lockeres Netz illegaler Betriebsräte bildeten und lokale Streikbewegungen organisierten und führten. Erst auf dem Höhepunkt der Novemberrevolution schlossen sich der Spartakusbund, die IKD und Vertreter der »Revolutionären Obleute« am 31.12.18/1.1.19 in Berlin zur Kommunistischen Partei Deutschlands zusammen. Eine politisch und organisatorisch gefestigte und vorbereitete, wirklich revolutionäre bolschewistische Partei hatte das deutsche Proletariat beim Ausbruch der revolutionären Krise nicht. Und auch die jetzt entstandene KPD war keine solche Partei. Eine solche Partei muss im Hinblick auf die revolutionäre Krise vorbereitet werden, sie lässt sich nicht im Laufe der Krise selbst improvisieren. Dementsprechend schwankten KPD-Spartakusbund und ihre Bestandteile gerade angesichts der wesentlichen Fragen: der Frage der Partei und der Frage des Staates. Einerseits die Tradition der »Einheit« mit der verräterischen SPD und die Illusion, die SPD des Baseler Manifestes vom Jahre 1912 gegen den imperialistischen Krieg auf dem Wege der Opposition unter Vermeidung oder Verzögerung der radikalen Spaltung, in Form von »Arbeitsgemeinschaften« usw. wiederherstellen zu können, andererseits anarchistisch gefärbte Vorstellungen von den Verhältnissen zwischen Partei, Massenorganisation und Klasse, beides verzögerte die Konstituierung und Zentralisierung der Opposition zu einer revolutionären Klassenpartei während des I. Weltkrieges und machte die Linken zum Opfer der Manöver der SPD. Der Hinauswurf, zusammen mit den Spartakisten, der zentristischen SPD- Opposition aus der SPD und die Konstituierung der Zentristen (Revolutionäre in Worten, Reformisten in der Tat) 1917 als USPD, der sich die Spartakisten anschlossen, führten zu einer zusätzlichen Desorientierung und Illusionierung der Arbeitermassen hinsichtlich des konterrevolutionären Charakters der Sozialdemokratie und des Zentrismus, sowie der wirklichen Erfordernisse des Klassenkampfes. Dadurch wurde die Einflussnahme der zersplitterten linken Opposition zusätzlich beschränkt. und ihre Isolierung führte zur Verstärkung des Wunsches nach einer Einheit mit der SPD oder mindestens mit ihrem zentristischen Flügel sowie bei den IKD-Leuten zu einer Verschärfung der anarchistischen Tendenzen. Beiden Fehlern liegt eine gemeinsame Vorstellung zugrunde, nämlich dass die revolutionäre Partei von unten, aus der spontanen Massenbewegung entsteht oder wiederentsteht. Diese spontaneistische Auffassung schlägt sich auch bei der anderen wesentlichen Frage nieder, bei der Frage der Machteroberung und Errichtung der Diktatur des Proletariats, die die KPD des Jahres 1919 in einer Umkehrung der marxistischen Theorie als das Ergebnis und nicht als Voraussetzung der sozialen Umgestaltung betrachtete, eine soziale Umgestaltung, die sie sich zudem als spontan, Betrieb nach Betrieb vor sich gehend, vorstellte, Gerade deshalb, gerade weil diese revolutionäre Führung so isoliert und so wenig auf der Höhe ihrer Aufgaben stand, muss hervorgehoben werden, dass die Kommunisten des Spartakusbundes und der IKD sowie jene »Revolutionären Obleute«, die zu den Kommunisten zählten, überall heldenhaft an der Spitze des kämpfenden Proletariats standen, an der Spitze all der Bewegungen, die die Erhebung gegen den imperialistischen Krieg zum Bürgerkrieg gegen den imperialistischen Staat, zum Kampf für die Eroberung der Diktatur des Proletariats in Deutschland, für die Ausbreitung des Bolschewismus auf das industrielle Europa weiterzutreiben versuchten. Überall wirkte der mächtige Einfluss der SPD in den meisten Arbeiter- und Soldatenräten gegen die Bewaffnung der Arbeiterklasse und die Aufstellung roter Arbeitertrupps und zögerten die Soldatenräte mit der Austeilung von Waffen an die Arbeiter Wo es den Kommunisten dennoch gelang, gegen all diese Widerstände bewaffnete Organe der Arbeitermacht zu bilden - wie in Berlin und mehr noch in Bremen und München - organisierte die SPD-Zentralregierung die spontane Reaktion der Freikorps und vor allem die Armeekorps vom Mittel- und Südabschnitt der Westfront (Strassburg, Metz, Saarbrücken usw.), die sowohl von den Katastrophen in Flandern als auch von jeder revolutionären Bewegung unberührt geblieben waren, gegen die isolierten Bastionen der Arbeitermacht, So mussten Bremen und München regelrecht im Sturm genommen werden und wurden genommen durch militärische Kräfte, die alle Vorteile technischer und zahlenmässiger Überlegenheit und vor allem der Leitung durch einen politisch zentralisierten Klassenwillen - unsterbliches Symbol: Gustav Noske SPD - auf ihrer Seite hatten. Die revolutionäre Klassenbewegung des deutschen Proletariats wurde im Blute seiner Besten erstickt. In den Reihen der Tausenden für die Weltrevolution gefallenen Proletarier lagen die Leichen der besten Vorkämpfer des jungen und schwachen deutschen Kommunismus wie Rosa Luxemburg, Leo Jogiches, Karl Liebknecht, Eugen Leviné... Das Blutbad unter dem revolutionären Proletariat war die Geburtsstunde der deutschen Demokratie. Weitere, grössere und tragischere Niederlagen sollten folgen und mit der Isolierung des Bolschewismus in Russland der stalinistischen Konterrevolution und ihrer masslosen Entstellung des vom Bolschewismus wiederhergestellten und international vertretenen Programms den Weg bereiten, jenes Programms, das dank einer internationalen revolutionären Partei wieder Blut und Fleisch, Geist und Herz des Weltproletariats werden wird im Kampf gegen die sozialdemokratischen und stalinistischen Lügen um die Toten der Novemberrevolution und die Toten aller revolutionären Kämpfe der Geschichte der Arbeiterbewegung.

Source: «Kommunistisches Programm», Nr.20, Dezember 1978

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