IBKL - Internationale Bibliothek der Kommunistischen Linken
[last] [home] [content] [end] [search]

WACHABLÖSUNG DER INDISCHEN BOURGEOISIE
If linked: [English] [French] [Italian] [Spanish]


Content:

Wachablösung der indischen Bourgeoisie
Source


Wachablösung der indischen Bourgeoisie
[top] [content] [end]

Während in Pakistan die moslemischen »Brüder« die Bevölkerung mobilisieren, um den totalen Wahlsieg ihres korrupten Klassengenossen Bhutto in einem blutigen Spektakel in Frage zu stellen, lauft die Geschichte in Indien scheinbar umgekehrt. In einem Wahlrausch, der die weissbewandeten Gandhi-Jünger mit ihren demokratischen Sprüchen wieder nach oben schwemmte, verloren Indira Gandhi, »Mutter Indiens« genannnt, und ihre Kongresspartei ihre beherrschende Stellung. In beiden Fällen geht es um einen dramatischen Versuch der jeweiligen Bourgeoisie, mit den immer stärker werdenden revoltierenden Kräften »ihres Volkes« fertig zu werden.

30 Jahre »Unabhängigkeit« Indiens von britischer Kolonialherrschaft lassen die chronische Misere eines Landes deutlich werden, dessen Bourgeoisie die simpelsten bürgerlichen Reformen sowohl aufgrund der Bindungen an feudale Kräfte, als auch aus ständiger Angst vor der aufbrechenden Gewalt der im krassen Elend vegetierenden Massen durchzuführen ausserstande war. Angeführt vom scheinbar hehren Ethos gandhischer Gewaltlosigkeit, vollzog die indische Bourgeoisie während der »Entkolonialisierung« eine butterweiche Abrechnung mit den alten Kräften. Vom letzten britischen »Vizekönig« Lord Mountbatten, der vom Sozialisten Attlee mit dem Auftrag nach Indien geschickt worden war, für England zu retten, was zu retten war, von diesem feinen Konkursverwalter des Empire war die indische Bourgeoisie so angetan, dass sie ihn nach der Unabhängigkeit gleich zum ersten Generalgouverneur machte.

In einem noch weitaus einschneidenderen Sinne lastet die Erbschaft der britischen Kolonialherrschaft auf dem heutigen Indien. Sofort nachdem die englischen Kapitalisten habgierig nach dem legendären Reichtum des damaligen Indiens gegriffen hatten, zerstörten sie die Einheit von Agrikultur und Manufaktur, um gegen das dörfliche Handwerk Indiens ihre industriellen Textilien verkaufen zu können. Mit der Zerschlagung dieser urwüchsigen Arbeitsteilung wurde nicht nur eine eigenständige Entwicklungsperspektive für Indien unmöglich, vielmehr vollzog sich unter der britischen Herrschaft eine charakteristische »Reagrarisierung dieses Subkontinents. Auch wenn die autarken kollektiven Wirtschaftseinheiten der indischen Dörfer schon unter den Moguln Zerfallserscheinungen zeigten, so schufen jedoch erst die wirtschaftlichen wie politischen Massnahmen des englischen Kapitalismus eine Sozialstruktur, die immer stärker feudale Züge aufwies. In ihrer Gier nach maximaler Ausbeutung bei geringstem Verwaltungsaufwand schufen die Engländer ein feines Netz indirekter Herrschaft, das sich vor allem auf lokale Grossgrundbesitzer stützte. Die »Zamindars«, unter den Moguln dem Staat verpflichtete Steuereintreiber, wurden unter der britischen Gesetzgebung mehr und mehr zu Grundeigentümern gemacht, die ein Vielfaches der abzuführenden Steuern eintrieben. Illustre Stütze dieser indirekten Herrschaft waren aber vor allem die sagenhaften 565 Maharadschas, Na-wabs, Radschas usw., die ein Drittel der Bodenfläche Indiens formal unabhängig verwalteten und in ihren kleinen und grossen Territorien ein exzentrisches Schauspiel von britischen Gnaden aufführten.

Angesichts dieser halbfeudal gehaltenen Kolonialstrukturen hätte nur eine radikale Revolution diese Geister von gestern hinwegfegen können. Was aber in dieser Hinsicht von einer im Schatten der Kolonialherrschaft grossgewordenen Bourgeoisie zu erwarten ist, zeigt gerade Indien glasklar. Durch die Teilung des Subkontinents in Indien und Pakistan wie durch die von der britischen Administration übernommene Zergliederung der Verwaltungsgebiete wurde eine nationale Einheit vertan. Aber sträflicher als in der nationalen Frage wirkte sich die Lauheit der indischen Bourgeoisie auf die für jede bürgerliche Veränderung zentrale soziale Frage der Agrarreform aus. Eine Zerschlagung der historisch entstandenen halbfeudalen Eigentumsverhältnisse in der Landwirtschaft wurde nie gefordert, in Resolutionen sprach man höchstens zaghaft von möglicher Neuverteilung. Heraus kam nach 1947 eine »Reform«, die ausser der Steuereintreibung, die jetzt vom Staat direkt besorgt wurde, praktisch alles beim alten liess. Nur unter grössten Schwierigkeiten gelang es, die alten steuergewaltigen Zamindars ihrer Funktion zu entheben, nicht ohne sie natürlich überreichlich zu entschädigen, wobei die Mittel dafür durch entsprechend erhöhte Grundsteuern bei den Bauern eingetrieben wurden. Ihrer relativen »Hoheitsfunktion« verlustig, verblieben diese Zamindars der indischen Landbevölkerung als normale Grossbauern erhalten, die den neugewonnenen Reichtum zielstrebig einsetzten, um ihren Besitz zu arrondieren oder um mit dem bewährten Mittel des Kredits die kleinen Bauern in eine Dauerschuldpacht zu pressen. Insgesamt hatte sich jedenfalls für den indischen Bauern, Pächter oder Landarbeiter nach der Unabhängigkeit nichts an seinem Los verbessert. Und bis heute hat sich daran trotz übergrosser Parlamentsmehrheiten der Kongresspartei nichts geändert. Diese Partei des Grosskapitals und der Grossagrarier wäre dazu auch nie in der Lage gewesen. Nach wie vor vergeben die Landbesitzer ihre Felder an Unterpächter, die dafür die Hälfte der Ernte abführen müssen; nach wie vor werden die Dörfer von den landbesitzenden Kasten beherrscht; nach wie vor werden die illegalen Pachtverträge nur mündlich geschlossen, und die Landbevölkerung ist diesen Praktiken völlig hilflos ausgeliefert.

So butterweich die indische Bourgeoisie sich auf der einen Seite zeigte, so brutal unterdrückte sie alle Versuche der Landarbeiter und Bauern, die Besitzverhältnisse auf dem Lande zu zerschlagen. Exemplarisch sind die Erfahrungen im grössten Aufstand indischer Bauern in Telengana (1945 - 1951). In diesem Gebiet des wegen seines Geizes bekannten Nizam von Hyderabad, dem grössten und anmassenden dieser indischen Nabobs, entfachten die Bauern einen Sturm, der alles hinwegzufegen drohte. Nachdem dieser Kampf das Regime des Nizam bereits ins Wanken gebracht hatte, startete die Nehru-Regierung 1948 ihre »Polizeiaktion«, die offiziell den Nizam zur Kapitulation zwingen sollte - er weigerte sich nämlich abzutreten -, deren wirklicher Auftrag aber die Zerschlagung der den bäuerlichen Widerstand tragenden Kampftruppen war. Mit modernen Waffen und Operationen im Stile systematischer Partisanenbekämpfung ging die junge indische Regierung - assistiert von britischen »Experten« - äusserst brutal gegen diese Landbewegung vor. Etwa 100.000 Bauern wurden gefangengenommen und 4.000 ermordet. Nachdem so »Ruhe und Ordnung« im Sinne der Bourgeoisie wiederhergestellt worden war, kehrten die Grossgrundbesitzer, die aus Furcht in die Städte geflohen waren, in »ihre« Dörfer zurück.

Spätere Versuche einer Agrarreform blieben stets leere Verlautbarungen, und die perspektivlose »Grüne Revolution«, die - von den USA lanciert - allein in verbesserter Agrartechnik einen Ausweg aus der Agrarkrise suchte, brachte keine Änderung der chronischen Misere. In den rd. 550.000 indischen Dörfern leben 80% der Bevölkerung. Fast 70% der Inder arbeiten in der Landwirtschaft, aber dieser Sektor tragt nur 44% zum »Volkseinkommen« bei. Folgende Zahlen geben nur einen blassen Eindruck von der verheerenden Lage. Nur 10% der ländlichen »Haushalte« besitzen 56% des bebaubaren Landes; 44% sämtlicher ländlicher »Haushalte« leben praktisch ausserhalb des modernen Produktionsprozesses. Die Zahl der Landarbeiter beträgt mit rd. 47 Millionen ungefähr 38% der gesamten landwirtschaftlichen Arbeitskräfte. 63,8% der ländlichen »Haushalte« sind chronisch überschuldet. Insgesamt ergibt sich daraus als Resultat: niedrige Produktivität, permanente Veräusserung des Landes, Massenverarmung und niedriges Konsumtionsniveau: 45% der gesamten Bevölkerung fristet ihr Dasein unterhalb der offiziellen »Armutslinie«; von den 80% der Bevölkerung, die auf dem Lande leben, vegetieren mehr als 60% am Rande des Existenzminimums.

Die Grossindustrie stellt in Indien noch immer einen sehr kleinen Teil der Wirtschaft dar. Sie produziert 6-8% des »Volkseinkommens« und beschäftigt nur 2 - 4% der Erwerbsbevölkerung. Stärker als die Arbeiter in der Grossindustrie wuchsen in den letzten Jahren die Angestellten im Dienstleistungsbereich und im Staatssektor, was den parasitären Charakter des indischen Kapitalismus verdeutlicht. Die industrielle Struktur ist im wesentlichen auf die obersten 10% der Bevölkerung ausgerichtet, die allein mit ihrer Kaufkraft der Industrie einen Absatz ermöglichen. Zwischen der herrschenden Klasse von Grosskapital und Grossgrundbesitz im Verein mit dem ausländischen Kapital ergibt sich eine enge Kumpanei: Die Grossgrundbesitzer und reichen Bauern schaffen einen relativ grossen Markt für industriell gefertigte Waren. Dazu sorgen sie dank ihrer brutalen Ausbeutung dafür, dass ein gleichmässig fliessender Strom von billigen Landarbeitern die Slums der Städte füllen und so den Industriezentren als industrielle Reservearmee zugeht. Die städtische Grossbourgeoisie rafft auf einem engen, geschützten Markt hohe Profite und garantiert dem ausländischen Kapital dabei weitgehende Einflussmöglichkeiten. Niemand möchte dieses »Gleichgewicht« zerstören, niemand ausser den ausgesaugten armen Bauern, den Land- und Industriearbeitern sowie der grossen Masse von arbeitslosen oder unterbeschäftigten (!) »Schatten von Menschen«.

Und ganz entgegen dem Märchen vom Fatalismus der indischen Bauern entfacht sich auf dem Lande ein immer stärkerer Widerstand gegen die staatliche Willkürherrschaft. Er trägt allerdings kaum spektakuläre Züge. Allein die Aufstandsbewegung der Naxaliten (1967-71) machte grössere Schlagzeilen.

Entsprechend wuchs die staatliche Repression. Der Polizei- und Militärapparat wurde von der indischen Bourgeoisie ständig ausgebaut. Insgesamt schoss die Polizei während der letzten 25 Jahre rd. 2.800 mal auf Demonstranten, wobei 1.900 Menschen ermordet und 5.000 verletzt wurden. Man kann sich vorstellen, wie diese Zahlen in Wirklichkeit viel höher sind. Es ist bezeichnend für den im Westen von unseren »kämpferischen Demokraten« immer wieder betonten demokratischen Charakter Indiens, dass das Land während seiner bisherigen Unabhängigkeit rd. 10 Jahre unter dem Ausnahmezustand war. Für den von östlicher Seite so gelobten »progressiven Charakter« dieser »grössten Demokratie der Welt«. mögen obige Zahlen zur Sozialstruktur des Landes geradestehen.

Aber nicht allein durch staatlichen Terror versuchte die indische Bourgeoisie Herr der wachsenden Revolten zu werden. Sie setzte daneben sehr bewusst das beliebte Register verschiedener innen- wie aussenpolitischer demagogischer Tricks in Gang. Aussenpolitische Konflikte mit Pakistan und China, der spektakuläre Atombombentest am Höhepunkt des Eisenbahnerstreiks 1974. Daneben natürlich in immer neuen Varianten sich wiederholende Versprechungen über die Verbesserung der Lage des »kleinen Mannes«. Schon längst hatte so die Kongresspartei in den Augen der Massen abgewirtschaftet. Der geschickten Taktikerin Gandhi gelang nur deshalb der spektakuläre Wahlerfolg von 1971, den sie im übrigen mit dem Schlachtruf »Vertreibt die Armut« geführt hatte, weil sie sich 1969 noch rechtzeitig von einem Teil der alten Garde der Partei - dem Syndikat - abzusetzen verstand.

Der Teufelskreis des indischen Kapitalismus, basierend auf der chronischen Misere seiner Landwirtschaft und der daraus resultierenden »Scheinindustria!isierung« schürte in den letzten Jahren ein wachsendes soziales Konfliktpotential. Zu den Unruhen, die in den letzten Jahren immer wieder auf dem Lande aufflackerten, sind Aufstände und Streiks in den Städten hinzugekommen. Letzter Höhepunkt war sicher der 20-tägige Streik der Eisenbahner im Mai 1974, der allein mit Hilfe brutaler Repression des Staates niedergeschlagen werden konnte.

Unruhen auf dem Lande, Streiks und Demonstrationen in den Städten spitzten sich immer mehr zu. Die Kongresspartei hatte mit ihren leeren Versprechungen die Glaubwürdigkeit bei den indischen Massen fast gänzlich verspielt. In dieser Situation wachsender sozialer Spannungen praktizierte die indische Bourgeoisie eine bezeichnende Doppelstrategie. Während Indira Gandhi und die Kongresspartei mit allen staatlichen Mitteln die Revolten einzudämmen versuchten, setzte sich der schwerkranke Greis Jaya Prakash Narayan, ein Jünger Mahatma Gandhis, an die Spitze einer »Antikorruptionskampagne«. Dieser Teil der indischen Bourgeoisie verstand es so, mit Hilfe des »hehren« Prinzips der Gewaltlosigkeit, der sozialen Bewegung weitgehend ihre radikale Spitze zu kappen. Dieser entschärfte Widerstand gegen die Kongresspartei, sowie die Verurteilung der Ministerpräsidentin durch den Obersten Gerichtshof im Juni 1975 wegen korrupter Wahlpraktiken signalisierten den Willen zumindest eines Teils der Bourgeoisie, mit dem diskreditierten Indira-Regime Schluss zu machen, um neuen, scheinbar noch nicht verschlissenen Kräften das weitere Geschäft des Volksbetrugs zu überlassen.

Andererseits bestanden sicher starke Kräfte des in- und ausländischen Kapitals darauf, endlich rigoros den Widerstand der Ausgebeuteten zu brechen. Ein »starker Staat« sollte nach dieser simplen Logik Ruhe ins Land bringen. Zerschlagung der Gewerkschaften, Streikverbot und Einfrieren der Löhne auf Niedrigstniveau sind die Standardmassnahmen des Kapitals in solchen Situationen. Und sie wurden nach der Ausrufung des Ausnahmezustands am 26. Juni 1975 zur Freude des Kapitals auch tunlichst praktiziert.

Diese unter dem Motto »Starker Staat - Gesunde Wirtschaft« durchgeführte offene staatliche Willkürherrschaft garniert mit neuerlichen sozialen Versprechungen »fand von Anfang an den mehr oder weniger unverhohlenen Beifall des Kapitals in Ost und West. Aber die Rechnung scheint nicht wie gewohnt aufgegangen zu sein. Vor allem die erzwungenen Sterilisierungsmassnahmen untergruben die letzten Existenzperspektiven dieser ausgemergelten Opfer des Kapitals, die praktisch allein in einer grossen Kinderschar eine Chance für ihr eigenes Überleben erblicken können. Jedenfalls schwoll unterirdisch der Widerstand und zeigte trotz schärfster Repression katastrophale Dimensionen an. In dieser Lage entwickelte die indische Bourgeoisie wahrlich eine beachtliche Flexibilität. Die Ministerpräsident in setzte einen Termin für vorgezogene Wahlen, um die Stimmung besser testen zu können. Derweil organisierten sich in einem demagogisch-demokratischen Veitstanz die verschiedenen Kräfte von Gestern und brachten es in der Tat fertig, den malträtierten Massen Indira Gandhi und ihren grössenwahnsinnigen Sohn als Sündenböcke zu verkaufen.

In einer Wahlallianz gelang es den Mumien des alten Kongress unter der Führung Desais, eben jenes »Kampfgefährten« Indiras, der 1969 aus Opposition gegen deren Verstaatlichungsmassnahmen die Kongresspartei verlassen hatte, alle konservativen bis reaktionären Kräfte zu sammeln, um somit die Grundlage für eine massive Abwendung fast aller Kräfte des Status quo von Indira Gandhi zu schaffen. Selbst der altgediente Indira-Minister, der »Unberührbare« Ram, vollzog im Februar einen Schachzug und setzte sich mit einer neu gegründeten Partei, dem »Kongress für Demokratie«, ab. Nach dem beispiellosen Wahlsieg schlössen sich alle diese Strömungen, zu denen auch die Sozialdemokraten gehören, zur jetzt die Szene beherrschenden Janata Partei (Volkspartei) zusammen. Zu deren Präsident wurde der einstige
»
Kongress-Jungtürke Chandra Shekhar gewählt, ein den Sozialisten zuneigender Politiker, der sich in der Vergangenheit als entschiedener Antikommunist hervorgetan hatte« (NZZ v. 4.5.77).

Diese bunte Koalition vor allem konservativer Kräfte verspricht nun wie eh und je eine vollständige Neuerung Indiens durchzuführen, während sie in Wirklichkeit nichts anderes als eine Scheinverjüngung der Kongress-Partei zu deren Rettung durchführt. Aber so leicht die indischen Massen durch den demokratischen Zirkus auch in eine ekstatische Stimmung zu bringen waren, so schwer wird es der Bourgeoisie trotz Janata-Partei in Zukunft fallen, ihrem Schwindel mit demokratischer Droge die bewusstseinstrübende Wirkung zu erhalten. Für die Massen wird nach dem Rausch sich nur zu bald der Katzenjammer einstellen.

Das erstaunliche Phänomen, dass trotz des unermesslichen Kampfpotentials in den Dörfern und Städten es bis jetzt zu keinerlei koordinierten Kampfaktionen auf nationaler Ebene gekommen ist, und sich die Massen vielmehr von der Bourgeoisie durch Terror und demokratische Schmiere zurückhalten lassen, folgt sicher aus der Tatsache, dass sich die indische Gesellschaft immer noch im Übergang zwischen vorkapitalistischem, kastenorientiertem Wertsystem und einer kapitalistischen Klassengesellschaft befindet. Aber ebenso schwer lastet auf den Kämpfen das Gewicht des stalinistischen und maoistischen Opportunismus, der einen nicht geringen Anteil an den bisherigen Niederlagen der indischen Bauern und Arbeiter hatte.

Die stalinistische CPI unterstützte als der getreue Aussenposten Moskaus bis zur letzten Stunde die Kongress-Partei. 1964 kam es mit der CPI (M) (M = Marxisten) zu einer ersten Abspaltung, die aber auch weitgehend den »friedlichen Übergang zum Sozialismus« predigte. Ihre konfuse Politik zeigte besonders sinnfällig eine verheerende Wirkung im Aufstand der Bauern im Norden Bengalens. Unter Anleitung einiger maoistischer Kader dieser CPI(M) starteten Plantagearbeiter und Kleinbauern im Distrikt Darjeeling eine Landnahmeaktion, die das Signal für eine agrarrevolutionäre Erhebung im nationalen Massstab werden sollte. Zur gleichen Zeit errang diese CPI(M) in Bengalen gegen den Kongress einen entscheidenden Wahlerfolg und stellte eine von ihr beherrschte Koalitionsregierung. Als sich die Aktion nicht mehr rundweg abblasen liess, zeigten diese Maoisten ihr wahres Gesicht. In einer grossangelegten Polizeiaktion unter Leitung des maoistischen Innenministers wurde eine Bauernbewegung niedergeschlagen, die obendrein noch materielle Ziele verfolgte, die von den Gesetzen gedeckt waren.

Eine neuerliche Spaltung führte daraufhin 1969 zur Bildung der CPI(ML), die jetzt die »Volkskämpfe« der Naxaliten im Sinne maoistischen Gedankenguts vorwärtstreiben wollte. In der zweiten Etappe der Naxaliten-Bewegung in den Bergzonen Skrikakulams, eines Distrikts des Bundeslandes Andhra Pradesh, beschränkte sich die CPI(ML) unter Aufgabe von »Massenaktionen« vor allem auf die Praxis der »Hinrichtung des Klassenfeindes«. Die kämpfenden Bauern wurden zu blossen Zuschauern der Vollstreckung von Todesurteilen an den verhassten Grossgrundbesitzern durch Parteikader reduziert. Ohne sich mit der Klärung grundsätzlicher programmatischer Fragen zu belasten, stillten so kleinbürgerliche Maoisten ihren Aktionsrausch im individuellen Terror. Im euphorischen Wahn wurde diese »Vernichtungsschlacht« exemplarischer »Klassenfeinde« durch kleine Guerilla-Trupps mit dem sozialen Brand des Klassenkampfes gleichgesetzt.

Nicht zuletzt dieser Mangel an revolutionärer Strategie und Taktik gepaart mit einer beispiellosen Selbstüberschätzung machte es der bürgerlichen Regierung leicht, die Naxaliten zu isolieren und schwer zu schlagen.

Neben den Sozialdemokraten sind es vor allem diese Stalinisten und Maoisten, die in den Reihen der Arbeiter und Bauern ihr Unwesen treiben.

Unter diesen Bedingungen fiel es der indischen Bourgeoisie bislang nicht schwer, die rebellierenden Arbeiter und Bauern in Schach zu halten. Durchweg wurden die Kämpfe auf dem Lande ohnehin nur regional geführt, und eine Koordinierung des Kampfes von Stadt und Land wurde - wenn überhaupt - nur höchst mangelhaft in die Wege geleitet. Unter den Vorzeichen künftiger Stürme in Indien gewinnt die für den Erfolg der Klassenkämpfe auf dem Subkontinent bisher vermisste und so notwendige revolutionär-marxistische Perspektive eine doppelte Bedeutung: Einerseits muss diese Perspektive erst noch in die indischen Klassenkämpfe überhaupt eingeführt werden, und dies ist Sache einer internationalen Partei revolutionärer Marxisten, andererseits können die Klassenkämpfe in Indien selbst zu einer Erschütterung der ganzen Weltordnung führen und somit für den internationalen Klassenkampf des Proletariats wichtige Impulse liefern.

Source: »Kommunistisches Programm«, Nr. 14, Mai 1977

[top] [content] [last] [home] [mail] [search] [webmaster] [get pdf]


you arrived from:

pagecolour: [to the top]