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ARBEITERKÄMPFE IN ITALIEN
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Arbeiterkämpfe in Italien
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Arbeiterkämpfe in Italien
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Die Wirtschaftskrise mit ihren im Vergleich zu anderen Ländern besonders akuten Auswirkungen auf Italien musste notwendigerweise zu einer noch engeren Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaften, Unternehmertum und Staat führen. Auf die Frage, wie man die Schwierigkeiten überwinden soll, lautet die Antwort aus dieser Ecke einstimmig: Durch eine Verringerung der Arbeitskosten im Rahmen einer Austerity-Politik, die sich auf Regierungsebene in einer offiziellen oder inoffiziellen Mitbeteiligung der opportunistischer »Arbeiter-Vertreter« artikulieren muss.

Dem Programm der Verringerung der Arbeitskosten dient eine Anfang dieses Jahres zwischen Unternehmerverband und Gewerkschaftszentralen unterzeichnete Vereinbarung, die u.a. eine Streichung mehrerer Feiertage, die gemeinsame Bekämpfung des »Krankfeierns« (bzw. im allgemeinen eine Steigerung der Arbeitsdisziplin) und den faktischen Verzicht auf Lohnerhöhungen beinhaltet.

Eine solche offene Politik der Klassenkollaboration und der Repression seitens der Gewerkschaften birgt selbstverständlich Gefahren in sich. So sagte der Vorsitzende des Unternehmerverbandes und ehemaliger Präsident der italienischen Zentralbank, Guido Carli, kürzlich im Fernsehen:
»
Für uns liegt die Gefahr darin, dass die Arbeiter sich mit ihren Lohnforderungen der Kontrolle durch die Gewerkschaften entziehen.«

Es ist in diesem Zusammenhang interessant zu erwähnen, dass die Regierung ein Gesetz verabschiedet hat, das nicht nur einen Abbau der gleitenden Lohnskala (des Inflationsausgleichs) und einen Lohnstop verfügte, sondern in Erwartung einer »Nachgiebigkeit« der einzelnen Unternehmer gegenüber »wilden Streiks« auch die Bestrafung solcher Unternehmer vorsieht, die die Lohnleitlinien verletzen sollten.

Die Reaktion der Arbeiterbasis ist unterschiedlich, auf jeden Fall entspricht sie aber bei weitem noch nicht der Dimension des Angriffs. Wir werden in einer der nächsten Nummern im Rahmen einer vorläufigen Bilanz der bisherigen Kämpfe über die Aktion der Partei in den Gewerkschaften und in den spontan entstehenden Basisorganisationen zusammenhängend berichten. Es handelt sich dabei um eine langfristige und geduldige Arbeit, um in den Betrieben und überbetrieblich eine kämpferische Opposition gegen den gewerkschaftlichen Opportunismus ins Leben zu rufen, ohne die eine allgemeine Wiederaufnahme der Lohnkämpfe nicht denkbar ist. Es versteht sich von selbst, dass diese Arbeit unbedingt mit der Erziehung des Proletariats zum politischen Kampf kombiniert wird, dass sie den politischen Kampf gegen den Opportunismus und den falschen Radikalismus voraussetzt. Sie muss aber auch auf der Ebene des ökonomischen Kampfes stets von der realen Bewegung ausgehen und darf sich nicht in die Tasche lügen, die Arbeiter hätten den Klassenkampf bereits wiederaufgenommen. Mit anderen Worten, um alle Aufgaben zu erfüllen, die Lenin in »Was tun?« so eindringlich beschreibt, geht man heute von einem Niveau aus, das noch tiefer liegt als im Russland der Jahrhundertwende.

Wir möchten hier über einen Streik der Arbeiter des Werks Bagnoli (Neapel) des italienischen Stahlkonzerns Italsider kurz berichten. Es wäre noch vorauszuschicken, dass unsere Genossen hier seit Jahren Betriebsarbeit leisten.

Am 28. März haben die Arbeiter von Bagnoli den Lohn- und Tarifverhandlungsstop gebrochen. Ohne auf die »Genehmigung der Gewerkschaften« zu warten, streikten 3.000 Arbeiter, um eine Demonstration durch den Betrieb und eine Versammlung vor dem Personalbüro zu veranstalten. Vorzeichen für diesen Streik hatte es schon seit Tagen gegeben, als die »Gleichgültigkeit« der Gewerkschaften gegenüber den Arbeiterforderungen den Gipfel erreichte, aus Furcht vor den Interventionen unserer Genossen und der kämpferischsten Arbeiter eine Betriebsversammlung abzuberufen. Die Belegschaft hatte daraufhin die Forderung nach Verteidigung des Lohns entschlossen gestellt:
180.000 Lire sofort und darüberhinaus Erhöhung des Inflationsausgleichs um 77 Punkte als Vorschuss über die nachfolgende Tarifverhandlung.

Soweit sie auf der Betriebsversammlung erschienen, wurden die Bonzen mit Pfiffen empfangen. Ihre Reden bildeten nur einen einzigen Versuch, ihre Handlungen zu rechtfertigen. Erneut verlangte man die Absetzung der betrieblichen Tarifkommission und die Einberufung der nationalen Tarifkommission nach Bagnoli, um die Tarifrunde des Industriezweiges zu eröffnen. Gegen ihren Willen musste die Gewerkschaft die Streikstunden anerkennen.

Der Ausbruch vom 28. März war keine isolierte Episode. Seit Monaten hatte sich eine allgemeine Unzufriedenheit in Abteilungsstreiks für spezifische Forderungen Ausdruck verschafft, und der Streik vom 28. wirkte nach in einer ganzen Agitationswoche. Während dieser Woche versuchten die Bonzen, auf mehr oder weniger geschlossenen Versammlungen sich der Verpflichtungen, die sie unter dem Druck von 3.000 Arbeitern angenommen hatten, wieder zu entziehen. Am 29. verhinderte der Betriebsrat durch eine absurde Abstimmung die Absetzung der Tarifkommission, die am Tage zuvor allgemein als vollendete Tatsache gegolten hatte. Es zeigte sich erneut, dass die Mehrheit des Betriebsrates keineswegs die wirklichen Interessen der Arbeiter vertritt: Der Betriebsrat hält sich zurück, er versucht während der Streiks jeglichen Angriff der Arbeiter auf die Bonzen zu verhindern und boykottiert die Beschlüsse der Arbeiter, sobald er sich ihrer unmittelbaren Kontrolle entziehen kann.

Die FLM (Metallgewerkschaft) sowie ihre kleinen Führer und Vertreter im Betrieb legten in diesen Tagen erneut ein direktes Geständnis dafür ab, wie wenig sie die Arbeiter vertreten. Die Metallgewerkschaft selber liess an den Betriebstoren ein Flugblatt verteilen, ohne es zu wagen, das Flugblatt zu unterzeichnen oder sich als Verfasser desselben auszugeben; Sie beschränkte sich hingegen darauf, eine »Gruppe von Arbeitern der Italsider und der Icrot« in Unterstützung der Gewerkschaftspolitik zu erfinden. Es erübrigt sich zu sagen, dass das erwähnte Flugblatt kein Wort über die Arbeiterforderungen und die Verteidigung des Lohnes enthielt.

Viel verwerflicher, denunziatorischer, kurzum voll auf einer Linie mit der schmutzigen antiproletarischen Politik der KPI war jedoch ein »anonymes« Flugblatt, das die Streikenden verleumdete und als »Faschisten, Verbrecherbande, zwielichtige Elemente« beschimpfte. Sich damit zu beschäftigen, wäre nicht der Mühe wert. Man kann aber anhand dieses Beispiels den Arbeitern wieder einmal klarmachen, welche Rolle die KPI erfüllt: Sie ist Garant des sozialen Friedens (und wenn man bedenkt, dass im Verlauf dieser Wochen im ganzen Betrieb der Kampf gegen das »Krankfeiern« und die Einschüchterung der entschlosseneren Arbeiter um sich greifen!) und nur bereit, sich als »Vertreter« der Arbeiter aufzuspielen, wenn diese nicht kämpfen; wenn die Arbeiter es fertig bringen, im Kampf für Klassenziele eine wirkliche Einheit herzustellen, versucht die KPI alles, um sie zu spalten und zu verleumden.

Je mehr Zeit nach dem Streiktag verging, desto mehr Aussichten auf Erfolg hatte das Manöver des Betriebsrates, alles auf die lange Bank zu schieben und die Arbeiterbeschlüsse unter den Tisch zu fegen. Unerwünschte Gäste haben ihm aber einen Strich durch die Rechnung gemacht: Organisierte Arbeitslose, die bereits vor verschiedenen Betrieben die Isolierung gebrochen und eine Kontrolle der Überstunden durchgeführt hatten, sammelten sich vor den Betriebstoren. Noch am 31. konnte der Betriebsrat die Arbeitslosen zerstreuen und eine »unvorbereitete« und für die Gewerkschaftspolitik potentiell gefährliche Versammlung mit der Belegschaft vermeiden. Er versprach den Arbeitslosen für den nächsten Tag ein Vorbereitungstreffen für eine Versammlung. (Selbstverständlich haben die Gewerkschaftler später versucht, die Propaganda für die Teilnahme an dieser Versammlung möglichst zu hintertreiben, hegten sie ja die leere Hoffnung, die Versammlung würde dann kaum besucht und somit leicht zu manipulieren sein.)

Unsere Genossen im Betrieb haben ein kurzes Flugblatt verteilt, um die Kollegen für die Versammlung einzuladen und gleichzeitig vorbeugend vor den Versuchen der Gewerkschaft zu warnen, Lohn- und Beschäftigungsforderungen, beschäftigte Arbeiter und Arbeitslose gegeneinander auszuspielen. In diesem Flugblatt kann man u.a. lesen:
»
Gerade die ständige Lohnsenkung gestattet es den Kapitalisten, mit der Bewilligung der Gewerkschaftsspitzen, Überstunden in immer massiveren Form zu erzwingen bzw. die Aussichten eines Arbeitsplatzes für die Arbeitslosen immer mehr zu verringern. Die Politik des Masshaltens spaltet also faktisch die Arbeiter und stellt die Interessen von Beschäftigten und Arbeitslosen in Gegensatz zueinander.
Nur im gemeinsamen Kampf gegen diese Politik und für die Abschaffung der Überstunden und die Kürzung des Arbeitstages können Beschäftigte und Arbeitslose eine Einheit herstellen. In dieser Perspektive gibt es nichts legitimeres als die Verteidigung des Lohnes, denn nur dadurch sind die Arbeiter materiell in der Lage, die Erpressung zu den Überstunden zurückzuweisen, und nur dadurch werden die Lebensbedingungen der Arbeiterfamilien, die von der Arbeitslosigkeit am härtesten getroffen werden, geschützt. Wir müssen auf der heutigen Vollversammlung diese Punkte fest behaupten gegen jeden, der es versuchen sollte, beschäftigte und unbeschäftigte Arbeiter gegenüberzustellen und von beiden weitere Opfer für die Rettung der nationalen Wirtschaft (= Unternehmerprofite) zu verlangen. Wir müssen für folgende Forderungen, die allen Arbeitern gemeinsam sind, kämpfen:
Abschaffung der Überstunden;
Kürzung des Arbeitstages;
Verteidigung des Lohnes;
Mindestlohn, der die Lebensbedingungen der Arbeitslosen sichert.
Wenn man auf den Kampf für diese Forderungen verzichtet, so bedeutet das, die Arbeitslosen fallenzulassen und sich selbst einer baldigen Arbeitslosigkeit auszuliefern
«.

Die Vollversammlung war überfüllt, und ein einziger Gewerkschaftsfunktionär wagte es, zu intervenieren. Die Interventionen der Arbeiter, darunter eines unserer Genossen, haben die Forderungen der Versammlungen vom 28. erneut behauptet sowie die Notwendigkeit, sich mit den eigenen Kampfwaffen gegen die Einschüchterungsversuche innerhalb und ausserhalb des Betriebes zu wehren.

Gerade in diesen Tagen gab es provokatorische Polizeidurchsuchungen in Arbeiterwohnungen und Entlassungsdrohungen gegen einen Arbeiter, dem vorgeworfen wurde...krank zu feiern. Um auf diese Ereignisse ausdrücklich zu reagieren, beschloss die Versammlung einstimmig einen einstündigen Streik für denselben Tag. Die Gewerkschaftsfunktionäre sagten zu, den Streik mitzutragen, beschlossen aber nach der Versammlung, ihn zu boykottieren. Es war die Geschäftsleitung, die das den Abteilungen mitteilte:
»
die Gewerkschaften verstehen, dass nur die erste Schicht streiken wird, nicht aber die anderen...«.
Wie man sehen kann, ein offenes Spiel. Unsere Genossen konnten noch erreichen, dass in der 2. und 3. Schicht verschiedene, wenn auch nicht alle Abteilungen in den Streik traten. Die wichtigsten Abteilungen haben aber gestreikt. Es zeigt sich erneut, wie wichtig es ist, dass die kämpferischsten Arbeiter aller Abteilungen in enger und ständiger Verbindung zueinander bleiben, um den Kampfwillen der Arbeiter nicht demoralisieren zu lassen und den Boykottversuchen zu entgegnen. Natürlich darf man nicht die Illusion verbreiten, dass es möglich sei, sofort und ohne weiteres das Joch des gewerkschaftlichen Opportunismus abzuschütteln. Alle Arbeiter, die die Interessen der eigenen Klasse im Visier haben, müssen jedoch ununterbrochen zum Kampf gegen ihn aufrufen.

Nur in einer Atmosphäre des Kampfes und durch die Ausmerzung von reformistischen Illusionen (wie Investitionsforderung, Sanierungspläne usw.) kann sich der Zusammenschluss der Beschäftigten und der Arbeitslosen vollziehen, können die Arbeitslosen die notwendige Solidarität finden, um sich gegen die Verleumdungen zu wehren, die alle verfassungsmässigen Parteien gegen sie richten, wie z.B. als sie die Behörden besetzten. Unsere Arbeit sowie die Arbeit jedes kampfwilligen Proletariers muss das Ziel verfolgen, die kleine Bresche, die in der Trennungsmauer zwischen Beschäftigten und Arbeitslosen geöffnet wurde, zu verteidigen und auszuweiten, in jedem Betrieb das Prinzip der Massenbeteiligung der Arbeitslosen an den Vollversammlungen zu verfechten, die Lohnforderungen zusammen mit dem Kampf gegen Überstunden, gegen Masshalten, für Kürzung des Arbeitstages auf die Tagesordnung zu stellen. Die Kämpfe in Bagnoli gehen weiter.

Source: »Kommunistisches Programm«, Nr. 14, Mai 1977

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