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INDIVIDUELLE GEWALT UND REVOLUTIONÄRE VORBEREITUNG
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Individuelle Gewalt und revolutionäre Vorbereitung
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Individuelle Gewalt und revolutionäre Vorbereitung
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Diesem Thema wurden im Laufe der letzten Monate verschiedene Artikel in unseren internationalen Presseorganen gewidmet. Es wird aber vor allem in Italien immer aktueller, nicht nur wegen der Zunahme Manifestationen individueller Gewalt, sondern vor allem wegen des Versuches der opportunistischen Parteien, diese als erneuten Anlass zu benutzen für die demokratische Verseuchung des Proletariats, dessen wesentliche Aufgabe nach Meinung der Opportunisten darin bestünde, die Gewalt des bürgerlichen Staates zu unterstützen und jede gegen den Staat gerichtete Gewalt zu bekämpfen. Lama, der Oberbonze des »kommunistisch« geführten Gewerkschaftsverbands CGIL, konnte sich sogar die Frechheit erlauben, in einem Interview an Radio Moskau zu erklären, dass die Aufgabe der Arbeiterorganisationen darin liege,
»
die Provokateure zu isolieren und SELBSTVERSTÄNDLICH gleichzeitig die Kräfte der Polizei und der Justiz zu stärken«.

Solange die Arbeiterbewegung unter Kontrolle des sozialdemokratischen und stalinistischen Opportunismus zur Klassenkollaboration mit der Bourgeoisie geführt wird, kann sie ihre Rolle als Organisator aller Impulse, die sich gegen die bürgerliche Macht richten, nicht erfüllen. Ohne dass sich die Perspektive des revolutionären proletarischen Kampfes klar und greifbar in der Gesellschaft abzeichnet, werden Verzweiflungsakte die kapitalistische Krise nicht nur begleiten: sie werden vielmehr umsonst sein und dazu neigen, ihre falschen theoretischen und taktischen Voraussetzungen immer mehr zuzuspitzen.

Die Solidarität der Kommunisten mit den verfolgten Terroristen ist daher untrennbar von ihrer Kritik an der Methode des »Terrors durch kühne Minderheiten«; vielmehr: diese Kritik ist ein nicht wegzudenkender Bestandteil der grundsätzlichen Solidarität. Sie ist aber auch untrennbar von dem Kampf gegen jede Form des Sozialpazifismus und der Klassenkollaboration.

Dem dient ein Flugblatt, das wir vor einiger Zeit in Italien aus Anlass einer dieser bürgerlichen »Entrüstungswellen« gegen den individuellen Terrorismus verteilt haben:

»Proletarier! Genossen!

Die Ereignisse dieser letzten Tage werden von allen Parteien der Bourgeoisie als Vorwand für ein offensichtliches antiproletarisches Manöver benutzt. Wir müssen darauf antworten. Die moralische Verurteilung, die Abschreckung und die offene Repression werden kombiniert und alternierend eingesetzt, um die ganze Arbeiterklasse zu treffen.

Die erklärten Vertreter der Bourgeoisie, Leute, die tagtäglich ganze bewaffnete Abteilungen zum Zweck der Repression kommandieren, Leute, die nicht davor zögern, »von Amts wegen« alle möglichen Massaker anzuordnen, die, sobald sie es für zweckmässig halten, ganze »illegale« bewaffnete Banden organisieren und an der Seite und in Zusammenarbeit mit den offiziellen Repressionskräften einsetzen - diese Leute möchten den einzelnen Episoden von Terrorismus. dieser Tage die Schuld für die ganze Gewalt, die ihre eigene Gesellschaft hervorbringt, zuschieben. Die opportunistischen Parteien - an oberster Stelle die KPI als Vormund der öffentlichen Ordnung - und die Verräter, die an der Spitze der Gewerkschaften stehen, unterstützen voll und ganz die offensive Kampagne der Bourgeoisie und beteiligen sich aktiv daran mit umfassenden Denunziantendiensten, wie die niederträchtigen Plakate, auf denen jede Gewalt gegen den Staat als reaktionär angeprangert wird, belegen. Sie zielen über die einzelnen Episoden weit hinaus: sie wollen das Proletariat zum totalen Defätismus, zum absoluten Misstrauen in die eigene Kraft erziehen. Mit diesem Ziel versuchen sie, das Proletariat davon zu überzeugen, dass keine Auflehnung gegen die bestehende Ordnung erforderlich sei, dass die Emanzipation der Arbeiterklasse (wenn man davon überhaupt noch spricht!) auf dem friedlichen, demokratischen und parlamentarischen Weg, den der bürgerliche Staat zulässt, zu erreichen sei. Gegen jeden, der nicht willens ist, die Entwaffnung der eigenen Klasse widerspruchslos zu akzeptieren, setzen sie bereitwillig die überzeugenden Mittel der offenen Repression ein.

Es ist aber auf die Dauer nicht möglich, dass das Proletariat vergisst, wer ihm jedesmal, wenn es auch nur teilweise in den Kampf gegen die Ausbeutung tritt, den Weg versperrt. Das Proletariat muss sich darüber im Klaren sein, dass das demokratische System nicht bedeutet, dass die Bourgeoisie ihre Waffen des gewaltsamen Kampfes ablegt, sondern im Gegenteil, dass sie diese Waffen noch ergänzt durch die entscheidenden Mittel der Kollaboration seitens von Parteien und Gewerkschaften, die die Arbeiterklasse von innen her entwaffnen. Das Proletariat muss sich darüber im Klaren sein, dass Bourgeoisie und reformistischer Opportunismus eine einzige Front der Verteidigung der kapitalistischen Ordnung bilden!

Es ist also nicht Sache der Ausgebeuteten, sich der nationalen Solidarität anzuschliessen, die diese Episoden zum Anlass nimmt, um das Gespenst des Klassenkampfes auszutreiben und ausgerechnet von den Arbeitern zu verlangen, dass sie sich in den Chor der gegen die Gewalt kläffenden Bourgeoisie (und sie kläfft nur, weil es nicht die Gewalt ist, die sie gebrauchen kann!) einreihen. Auf diesem Weg wird die Arbeiterklasse nur dazu gebracht, sich ihren Ausbeutern feilzubieten, welche, vom eigenen Erfolg und von der Nachgiebigkeit der Arbeiter übermütig gemacht, dann nur noch mehr Unterdrückung und bewaffnete Verfolgung im Austausch dagegen geben werden. Das ist alles, was die opportunistische Politik den Arbeitern zu bieten hat. Gerade deshalb haben es die Arbeiter in so vielen Betrieben Instinktiv abgelehnt, dem Klassenfeind die Genugtuung zu bereiten, das Proletariat sich der Motivation, mit der der einstündige Streik (in Unterstützung des Staates und zur Forderung von Polizeimassnahmen gegen den Terrorismus) ausgerufen wurde, anschliessen zu sehen.

Proletarier! Genossen!

Die revolutionären Kommunisten sehen in diesen Ereignissen (und in anderen, schwerwiegenderen) eine wiederholte Bestätigung, dass aus der Situation ununterbrochener und wachsender Gewalt in allen ihren Formen und tagtäglicher Unterdrückung und Verelendung der ausgebeuteten Klassen - alles Folgen des Kapitalismus - es keinen anderen Ausweg gibt, als den revolutionären Sieg des Proletariats für die Errichtung der klassenlosen kommunistischen Gesellschaft.

Zu diesem revolutionären Sieg wird man jedoch einzig und allein durch einen rücksichtslosen Kampf gegen den Opportunismus und alle Varianten der demokratischen Politik innerhalb der Arbeiterreihen gelangen. Diese lenken die Arbeiter vom Klassenkampf ab, um sie immer mehr auf den Weg der Kollaboration mit der Bourgeoisie und der unglaublichsten Reformen zu bringen, wodurch die Proletarier in noch grössere Unterjochung und Ausbeutung geraten werden.

In diesem Kampf liegt der Sinn der revolutionären Vorbereitung, die man nicht auf morgen verschieben kann und die umso unerlässlicher ist, als man sich weder täuschen darf, am Vorabend der Machtergreifung zu sein, noch dass es möglich sei, durch einen blossen Handstreich kühner Minderheiten dahin zu gelangen.

Die revolutionäre Vorbereitung verlangt, dass man die instinktiven und berechtigterweise zornigen Revolten der Proletarier weder negiert, noch verurteilt und noch weniger in eine friedliche humanitäre Ablehnung der Gewalt (in dieser Gesellschaft!!) verwandelt, aber auch nicht als eine mögliche Abkürzung des Weges zur offenen Wiederaufnahme des Klassenkampfes theoretisiert. In diesem letzten Fall würden sie nur Ausdruck von Ungeduld und von Zurückweichung vor den Aufgaben, die sich seit heute den Revolutionären stellen, sein.

Nur wenn sie kanalisiert, diszipliniert, organisiert und auf ein einziges und klar definiertes Ziel ausgerichtet werden, können die individuellen Aktionen die Bedeutung eines Beitrages zum revolutionären Kampf gewinnen. Andernfalls, und trotz aller Absicht, das Herz der bürgerlichen Institutionen zu treffen, können sie gegen eine immer mehr verstärkte und gepanzerte Demokratie nicht einmal die Organisation der Arbeiterklasse zur Selbstverteidigung verwirklichen: und nur in diesem Kampf kann die Arbeiterklasse heute die unerlässliche Schule des Krieges finden, in der sie sich für den Kampf um die Zerschlagung des bürgerlichen Staates und die Errichtung der eigenen Diktatur stählt und vorbereitet.

Eine solche Vorbereitung, die gleichzeitig in der Defensive und in der Offensive liegt, entsteht allein, wenn die Arbeiterklasse den Glauben aufgibt, sie müsse die Güter und Einrichtungen des Feindes schützen und wenn die Arbeiterklasse in der marxistischen revolutionären Partei jene klare Anleitung findet, der sie zu ihrer Aktion bedarf.

Es ist notwendig, das Manöver zurückzuweisen, mit dem die Bourgeoisie einen neuen Angriff gegen die Arbeiter durchzuführen versucht. Es ist notwendig, ihre Büttel zu entlarven, die in den Reihen der Arbeiter den pazifistischen Defätismus predigen und die Denunziation praktizieren und die Arbeiter sogar dazu aufrufen, sich selbst daran zu beteiligen. Es ist notwendig, im ökonomischen wie im politischen Kampf mit der reformistischen Orientierung zu brechen. (...)«

Source: »Kommunistisches Programm«, Nr. 14, Mai 1977

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