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SCHWEIZ: DER STREIK VON MATISA
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Schweiz: der Streik von Matisa - ein Klassenschlag gegen den Arbeitsfrieden
Ursprünge des Streiks
Entwicklung der Streiks und Stellungnahme der Gewerkschaften
Die Wende
Eine neue Phase
Der Streik ist unterbrochen, der Kampf geht weiter
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Schweiz: der Streik von Matisa - ein Klassenschlag gegen den Arbeitsfrieden
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Der Streik von Matisa in Lausanne hat durch seine Geschlossenheit, durch die energische und zentralisierte Führung seines Streikkomitees, durch die Einheit zwischen den Arbeitern der verschiedenen Nationalitäten bewiesen, dass die Arbeiterklasse den Angriffen des Kapitals nur entgegentreten kann, wenn sie den Arbeitsfrieden bricht und ihre Klassenwaffen einsetzt. Ausserdem konnte in diesem Fall die Presse nicht die üblichen »Ausländer« beschuldigen, ein Streik ausgelöst zu haben, der Schweizer und Ausländer in einer einzigen Kampffront vereint. Gleichzeitig bestätigt das Ergebnis des Kampfes noch einmal mehr, dass die Arbeiterklasse sogar bei der elementaren Verteidigung ihrer Lebensbedingungen nicht vermeiden kann, sich an dem Opportunismus und an den legalen und pazifistischen Grenzen, die dieser ihren Kämpfen aufzwingt, zu stossen; unterdessen veranschaulicht dies mit grösster Klarheit, dass die Bourgeoisie - durch den Arbeitgeberverband schweizerischer Maschinen- und Metallindustrieller (ASM) - beabsichtigt, auf jeden Verteidigungswillen der Arbeiter zu reagieren, und ihre Schwäche ausnutzt, um sie mit allen ihren Kräften zu schlagen.

Ursprünge des Streiks
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Die Welle der Entlassungen, die am Anfang des langen Streiks liegt, war nicht die erste bei der Matisa: sechs Monate zuvor wurden 60 Arbeiter davon betroffen; später wurde die Arbeitszeit generell um 20% gekürzt. Damals beeilte sich die Gewerkschaft der Metallarbeiter und Uhrmacher (FTMH) - die noch das Vertrauen der Arbeiter genoss - ihren Bonzen Ghelfi aus Bern zu schicken, um mit »Ruhe« und »Würde« die Entlassungen auszuhandeln. Das nichtige Ergebnis der Verhandlungen hat den Arbeitern später gezeigt, dass sie, um sich mit einigen Erfolgsaussichten mit den Kapitalisten zu schlagen, nur auf ihre eigene gemeinsame Kraft und auf ihre direkte Aktion rechnen können. Ende Februar gibt es eine neue Entlassungswelle: 43 Lohnabhängige - 22 Arbeiter und 21 Angestellte - werden auf die Strasse geworfen. Am 4. März treffen sich die Betriebsleitung und ASM einerseits, Betriebsrat, FTMH und FCOM (eine Gewerkschaft mit christlicher Prägung) andererseits: es kommt nichts dabei heraus, weder Einstellung der Entlassungen noch Teuerungszulage; der Betrieb - erklärten im Chor die Direktion und die Gewerkschaften - kann sich nicht erlauben, mit Verlusten zu arbeiten.

Am selben Abend, in einer Generalversammlung zusammengetroffen, entscheiden sich die Arbeiter zur direkten Aktion überzugehen: 2 von 200 Anwesenden lehnen den Streik ab, nur 10 enthalten sich. Die vorgebrachten Forderungen sind: Nein zu den Entlassungen! Sicherheit des Arbeitsplatzes! Anpassung des Lohnes an die Lebenskosten! Beibehaltung des Vorarbeitens! (Um ein verlängertes Wochenende zu haben, zum Beispiel Donnerstag Feiertag, Freitag ebenfalls frei), Auszahlung der Streikstunden! Keine Repressalien gegen die Streikenden! Der Anfang der Arbeitseinstellung wird für Montag, den 8. März, festgelegt.

Die bei der Versammlung anwesende FTMH stellt sich gleich auf die Seite der Kapitalisten und verweigert jegliche Unterstützung der Streikenden. Es ist klar, dass sie nicht einen Brand entfachen will, der sich dann verbreiten könnte, denn der von den Arbeitern gezeigte Kampfwille ist schwer kontrollierbar. Am Morgen des 8. März verbreitet sie deshalb ein Flugblatt, das sehr gut ihre Stellung erklärt:
»
Die FTMH ist der Meinung, dass die beste Weise, die gerechten Forderungen der Arbeiter triumphieren zu lassen, ist, in dem Rahmen der konventionellen Politik zu bleiben. Jegliche andere Kampfform kann nur dem Erfolg der gestarteten Aktion schaden« (!!!)

Ihrerseits ergreift die FCOM die Gelegenheit und verkündete aus reinen Geschäftsinteressen, dass sie den Streik unterstützen wird. Das Kalkül gelingt für den Moment: bis vor wenigen Tagen eine Minderheit, wird sie sich einige Tage danach in der Mehrheit befinden. Aber ihr Verhalten erlaubt keine Illusionen: hinter ihrer »extremistischen« Sprache gibt es die Unterzeichnung des Arbeitsfriedens und die Verteidigung der »Mitbestimmung«. Andererseits gibt sie selbst zu, die Arbeiter nicht »angespornt« zu haben:
»
Die FCOM weist die Anschuldigungen zurück, sie wäre der Ursprung der Streiks gewesen. Aber da die Arbeiter sich so entschlossen haben, stellt sie ihre Organisation zu ihrer Verfügung« (welcher Grossmut!) (Flugblatt am 9.3.76)

Entwicklung der Streiks und Stellungnahme der Gewerkschaften
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Schon mit dem ersten Tag zeigt der Streik sein Klassencharakter, der eine deutliche Trennung gegenüber den jüngsten schweizerischen Streiks zeigt, wieder von der Bulowa, wo die Arbeiter sich von den gewerkschaftlichen Führungen nicht abgrenzen konnten und daher unter deren unheilvollen Kontrolle geblieben sind. Der Kampf bei der Matisa führt die Tradition der unmittelbaren Kämpfe fort, ohne sich auf Kompromisse einzulassen, ohne die Kampfmethoden und die Forderungen der Achtung des sozialen Friedens unterzuordnen, und mit der vollen Ablehnung des »richtigen Masses«. Auf einer Versammlung wählen die Arbeiter ein Streikkomitee, dass mit der Gesamtleitung des Streiks beauftragt wird. Alle Entscheidungen werden in der Vollversammlung getroffen. Zwei Tage darauf entsteht ein Unterstützungskomitee. Dieses Komitee steht aus Prinzip allen Arbeitern offen und wird selbstverständlich zu einem Sammelbecken aller Organisationen von Lausanne. Um den Kampf seinen elementaren Charakter von Einigkeit der Arbeiterbasis zu bewahren, fordert das Streikkomitee die an dem Unterstützungskomitee beteiligten Organisationen auf, kein Flugblatt über die Aktion zu verteilen, das nicht von ihm stammt und sich strengstens an ihre Richtlinien anzupassen. Ihrerseits wahren unsere Genossen diese Disziplin nicht aus formalen Einheitsgründen (die Einheit ist ein leeres Wort, wenn sie sich nicht auf einen Klasseninhalt stützt und, schlimmer, wenn sie ein Kartell von politischen Organisationen ausdrückt), sondern weil sie den Kampf auf einen Klassenboden stellt und dem Opportunismus, als erste die FTMH, vor die Unmöglichkeit stellt, sich nach ihrem Wunsch abzumühen, um die Aktion zu sabotieren. Es ist klar, dass ein solcher Auto Autoritätsakt des Streikkomitees nicht nach dem Geschmack der kleinbürgerlichen Demokraten und der »revolutionären« Liberalen war. So beklagte sich zum Beispiel die RML (Schweizer Sektion der IV. Internationale) in ihrer Zeitung »Breche« über den Mangel an Freiheit des politischen Ausdrucks.

Am Morgen des 8.3. verteilt das Unterstützungskomitee ein Flugblatt in allen Betrieben der Gegend um Lausanne, um den Streikanfang anzukündigen. Jedem Arbeiter werden genaue Richtlinien erteilt. Es bilden sich Streikposten an den Toren, und ein telefonischer Posten sicher die Verbindung zwischen den beiden Betrieben von Renens und Crissier. Die Streikenden rufen die Meister und Büroangestellten zur Kampfsolidarität auf. Die Reaktion der ASM kommt sofort:
»
So lange Druck- und Drohungselemente andauern, wird die ASM keine Diskussion über den Hintergrund des Problems akzeptieren, und sie behält sich vor, gerichtlich vorzugehen, wie es sich gebietet«.
Sie vertritt die Interessen eines Pfeilers der schweizerischen Industrie, und zwar der metallverarbeitenden und der Maschinenbauindustrie, und der Streik der Matisa zeigt ihr, dass sie nicht nachgeben darf, wenn sie vermeiden will, dass der Kampf als Anhaltspunkt für die Arbeiter von anderen Betrieben dient. In einem Manifest desselben Tages erklärt der Generaldirektor (nachdem er den Arbeitern vorgeworfen hatte, sich von »fünf oder sechs Agitatoren mitreissen zu lassen, um mit den bekannten Taktiken die schwierige Situation des Betriebs zu verwirren«), dass er den Arbeitern versichere, eine annehmbare Lösung für alle auf dem normalen Weg der laufenden Verhandlungen zu finden (man glaubt die FTMH zu hören):
»
Wir werden uns den Verhandlungen nicht entziehen, soweit sie nicht unter vertragswidrigem Druck stattfinden werden«.
Es ist nun klar, dass der Kampf von grosser Tragweite sein wird.

Der 11. März, der 4. Tag des Streiks, zeigt, welches für die Arbeiter eine der wichtigsten Hindernisse ist, dass es zu überwinden gilt: gegen Abend, während einer Versammlung nach einer Demonstration mit 1500 Beteiligten, tritt die FCOM für ein Kapitulationsabkommen ein, dass am Nachmittag bei dem Vermittlungsamt zwischen der Direktion, der ASM, den zwei Gewerkschaften und dem Betriebsrat unterzeichnet wurde. Es verpflichtet die Arbeiter, am Dienstag, den 16. um 08:00 Uhr morgens die Arbeit wieder aufzunehmen; an dem Tag, an dem die Verhandlungen beginnen werden, ohne dass man etwas erreicht hat! Die FCOM, die damit ihr wahres Gesicht zeigt, stellt die Vereinbarungen als einen Sieg dar, weil die Kapitalisten Versprechen, keine Repressalien gegen die Streikenden auszuüben und die Verhandlungen wieder aufzunehmen. Es ist ein traditionelles Manöver der Gewerkschaftsführung und der Kapitalisten, die Arbeiter glauben zu machen, dass die Bereitschaft der Kapitalisten, in Verhandlungen zu treten ein wichtiges Zugeständnis, einen ersten Sieg darstellt, der die Arbeiter dazu führen soll, ihrerseits auch ein Zugeständnis zu machen und welches: die Beendigung des Streiks. Auf keinen Fall darf die Aufnahme von Verhandlungen als »Sieg« oder als Schritt vorwärts betrachtet werden: die Arbeiter treten nicht in den Streik, um die Erlaubnis zu erhalten, an einem Tisch zu palavern, sondern um ihre Interessen gegen die Kapitalisten durchzusetzen.

Am sechsten Tag kündigt die Presse das Ende des Streiks für Montag, den 16. an, obwohl noch keine Entscheidung gefallen ist. Ihrer Tradition, vorzeitig die Streiks zu begraben treu, schreibt die »Voix Ouvrière« (Zeitung der PDA [Partei der Arbeit] - stalinistische Partei der Schweiz) mit riesigen Schlagzeilen:
»
In Richtung auf die Verhandlungen um das Ende des Kampfes. Die Sozialpartner des Unternehmens Matisa haben unter Leitung der kantonalen Schlichtungsbehörde eine Vereinbarung getroffen. Dementsprechend werden die Verhandlungen am nächsten Dienstag wieder aufgenommen. Spätestens am selben Tag der Streik von zirka 300 Arbeitern, der seit vier Tagen läuft, zu Ende gehen«.
Diese Tatsache von wahrer Sabotage könnte die entmutigensten und zersetzendsten Wirkungen haben, nicht nur bei der Matisa, sondern in allen Betrieben der Region: das Streikkomitee dementiert darauf in einem Flugblatt die Pressenachrichten und erinnert daran, dass nur die für den 15. einberufene Generalversammlung entscheiden kann, ob der Kampf fortgesetzt wird oder nicht. Die Streikenden entschieden geschlossen, sich von den Vereinbarungen nicht in die Irre führen zu lassen, die ja gegen das einzige Versprechen, keine Vergeltungsmassnahmen zu treffen, von ihnen die Wiederaufnahme der Arbeit verlangt.

Insbesondere muss man die Klassensolidarität der Arbeiter von Matisa unterstreichen, die fünf entlassene Arbeiter der Klavierfabrik Steimer in ihren Kampf einbezogen haben. Am Anfang dieses Jahres hatten die Arbeiter von Steimer gestreikt, um zwei bis drei Monate rückständige Löhne zu erhalten, was auch erfüllt wurde. Diese fünf Arbeiter wurden aber wegen Zugehörigkeit zum Arbeiterrat der Fabrik entlassen. Darüberhinaus hatte der Kapitalist das Arbeitsamt gebeten, die »notwendigen Massnahmen« zu treffen, da diese Arbeiter durch ihre Tätigkeit den »Betriebsfrieden« gestört hätten. Diese Massnahmen wurden auch getroffen, das heisst die Arbeitslosenunterstützung dieser Arbeiter wurde gesperrt. Die Arbeiter der Matisa haben sich daher entschlossen, sie mit ihrem eigenen Solidaritätsfonds zu unterstützen.

Der 17. März ist durch den härteren Kurs der Direktion gekennzeichnet, die direkt zum Angriff über geht, in dem sie einen Entlassung androhenden Brief an jeden Streikenden schickt. Diese Briefe werden gesammelt und sofort an den Absender zurückgesandt.

Man muss einen wichtigen Punkt des Kampfes unterstreichen: jenen der materiellen Solidarität. Es ist klar, dass ohne eine umfassende finanzielle Unterstützung ein Streik nicht lange dauern kann. Da sie sich schon dem Streik widersetzte, hatte die FTMH eben deswegen auch ihre finanzielle Unterstützung verweigert. Das Streikkomitee übte daher Druck auf den »linken Flügel« der Gewerkschaft aus (vertreten durch Besuchet, der Ghelfi zu ersetzen hatte, welcher - reiner Zufall? - nach der erlittenen Schmach bei Matisa in Urlaub fuhr) und zwingt die FTMH und deren Zentrale in Bern, die von Besuchet, der die Notwendigkeit einer »Relativierung des Arbeitsfriedens« verstanden hatte, gedrängt wird, zu einer erbärmlichen wie unerwarteten »Wende«: nach anderthalb Wochen Streik kündigt sie ihre »materielle und moralische Unterstützung« an! Wohlverstanden verliert die FTMH nicht ihr Hauptziel aus den Augen: den Streik zu brechen. Sie verlangt also »eine sofortige Wiederaufnahme der Verhandlungen, damit der Streik so schnell wie möglich ein Ende findet«. Tausend Meilen von der Absicht entfernt, eine Klassensolidarität mit der Verbreitung des Kampfes in den anderen Betrieben zu entwickeln, und nur besorgt, das Gesicht zu wahren, gibt sie Weisungen an alle Gewerkschaftsbeauftragten, »mit allen Mitteln Solidaritätsstreiks zu verhindern«!

Am Montag, dem 22. März, werden die Arbeiter wieder mit einem der unzähligen Vorschläge des Vermittlungsamtes konfrontiert, dass sie zu spalten versucht, indem es ihnen einen leeren Vergleichsentwurf unterbreitet. Dieser Vorschlag sah vor, 19 der Entlassenen auf »angemessenen« Posten »rückzuqualifizieren« (Wiedereinstellung an einem anderen Arbeitsplatz mit anderer - meist schlechterer - Qualifikation wegen Umstellung der Produktion auf teilweise andere Produkte) sowie, dass die Streikstunden teilweise durch Überstunden nachgeholt werden könnten. Was das übliche Versprechen des Wegfalls von Repressalien angeht, bleibt es im Reich der Phrase: was die Kapitalisten auch erklären mögen, es ist klar, dass eine wirksame Verteidigung der Arbeiter nur vom Kräfteverhältnis abhängt. Die Antwort der Arbeiter ist daher ein glattes Nein und die Entscheidung, den Streik bis zur Erfüllung der Forderungen fortzusetzen.

Am 23. reicht die Direktion Klage gegen die Streikenden ein, weil diese den Ersatzteilverkehr blockieren und die Streikbrecher daran hindern, zur Arbeit zu gehen.

Die Wende
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Am 24. ergibt sich eine Wende, die eine Erläuterung verdient. Die Arbeiter werden aufgerufen, sich zu einem neuen Vergleichsvorschlag der Vermittlungsbehörde auszusprechen, der vorsieht: 1. die »Rückqualifizierung« der Entlassenen; 2. die Verpflichtung der Direktion, den Betriebsrat von ökonomisch begründeten Entlassungen zu benachrichtigen; 3. Verweisung des Problems der Teuerungszulage an das Schiedsgericht; 4. Beibehaltung der Möglichkeit der Vorarbeit zum Jahresende (Feiertage usw.); 5. keine Repressalien; 6. 50-prozentige Bezahlung der Streikstunden durch die Gewerkschaften an ihre Mitglieder; Übernahme der anderen durch den Solidaritätsfonds; Möglichkeit, 30 % des verlorenen Lohnes durch Nacharbeit wiederzugewinnen; 7. Wiederaufnahme der Arbeit am 25. (!); 8. Beginn der Verhandlungen am Nachmittag desselben Tages.

Der Vorschlag ist weit von den zweieinhalb Wochen lang von den Arbeitern verteidigten Forderungen entfernt, er bietet weder die Garantie einer sicheren Stelle für die »Rückqualifizierten« noch den Wegfall von Repressalien (die kampfbereiteren Arbeiter können immer noch wegen »ökonomischer Gründe« entlassen werden), er klammert die Forderung der Teuerungszulage aus und gibt sie an der Schiedsgericht ab (mit dem Segen der Gewerkschaften, die, mit der Unterzeichnung des Arbeitsfriedens die Autorität dieses Ausschusses für die Lösung der Klassenkonflikte anerkannt haben!), er lässt die Kapitalisten nicht einmal einen Groschen für die Streikstunden bezahlen (der halst sie den Arbeitern in Höhe von 50 % über den Umweg der Gewerkschaftsbeiträge auf), und bietet der Direktion zusätzliche Arbeitsstunden zu Normaltarif unter dem Vorwand des »Wiedergewinns des verlorenen Lohns«!

Zum ersten Mal seit Beginn der Streiks wird die Abstimmung nicht durch Handheben durchgeführt - eine Handlungsweise die den kollektiven Charakter des Kampfes ausdrückt - sondern durch geheime Stimmabgabe - isolierte Handlung, bei der das Gewicht der Müdigkeit und der Angst sehr oft entscheidend ist. Ergebnis: 81 Nein, 67 Ja. Die Arbeiter weisen also mehrheitlich den offiziellen Vorschlag zurück, aber sie kommen aus der Stimmabgabe gespalten heraus. Das ist keine zufällige Spaltung und die Gewerkschaftsführungen haben dabei eine eigene Rolle gespielt; tatsächlich ist diese Demütigungsarbeit während der Abstimmung niederträchtig: sie verbreiten überall die Nachricht, dass sie nicht mehr ihre materielle Unterstützung garantieren können, weil »die Kassen leer sind«! Nun ist klar, dass die Furcht, den Streik fortzusetzen, überwiegend ökonomische Gründe hat und daher die Warnung der Gewerkschaft die Niedergeschlagenheit eines Teils der Streikenden zur Folge hat. In solchen Situationen entscheiden sich die Arbeiter für die Wiederaufnahme der Arbeit, um zu verhindern, dass die Spaltung, sei sie von Vermittlungsstellen oder von der Betriebsleitung, oder von den Gewerkschaftsführungen in ihren eigenen Reihen geschaffen, ihren Kampf jegliche Erfolgsperspektive nehme. Aber, und diese Tatsache muss unterstrichen werden, sie sprechen sich gleich danach geschlossen bei nur zwei Gegenstimmen für die Wiederaufnahme der Streiks aus, wenn die Verhandlungen nicht schnell zur Erfüllung der sechs ursprünglichen Forderungen führen. (Denn trotz der Wiederaufnahme der Arbeit wurde der Vorschlag des Vermittlungsausschusses zurückgewiesen!). Also, der Streik ist nicht beendet, sondern unterbrochen.

Am 25. - nach 17 Tagen - nimmt man die Arbeit wieder auf, aber die Kapitalisten weigern sich aus formalen Gründen zu verhandeln. Man einigt sich darauf, in den Verhandlungen den Betriebsrat um vier Mitglieder des Streikkomitees zu erweitern. Am selben Tag werden sechs Mitglieder des Streikkomitees dem Untersuchungsrichter wegen »Gewaltanwendung, Erpressung und Arglist« vorgeführt; aber da die Arbeiter den Streik unter der Bedingung keiner Repressalien soeben unterbrochen hatten, nimmt die Direktion der Matisa im Laufe des Tages die Klage zurück.

Eine neue Phase
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Der mit der Streit wieder aufgenommen wird, ist es nötig, dass die Arbeiter sich einmal wieder mit dem Gewerkschaftsopportunismus schlagen.

Tatsächlich heisst es in einer Presseerklärung der FTMH und FCOM:
»
Wenn die Haltung der ASM oder der Direktion es nicht erlaubt, dass die Verhandlungen in kürzester Frist beendet werden, so werden sich die oberen Instanzen der FTMH und FCOM über die zu ergreifenden Massnahmen äussern, einschliesslich der eventuellen Wiederaufnahme des Streiks. Sie werden dagegen keine Arbeitsunterbrechung oder andere, ohne ihre Zustimmung getroffenen Kampfmittel unterstützen.«

Die Unterbrechung des Streiks eröffnet eine neue Phase der Auseinandersetzung. Am 27. endet eine nationale Solidaritätskundgebung - mit dem Thema:
»
Der Streik ist unterbrochen, der Kampf geht weiter« - mit 2000 Teilnehmern, mit den Reden der zwei Gewerkschaften, des Betriebsrates und mit Interventionen der Frauen der Streikenden und des Streikkomitees. Besuchet muss sich sehr abmühen, um seiner Heuchelei hinter den Aufrufen zur Arbeitersolidarität zu verbergen: »Ich verpflichte mich, wenn ich es als notwendig erachte, meine Organisation aufzufordern, eine neue Arbeitsniederlegung zu unterstützen«
(die Folge der Ereignisse beweisen, dass die Wiederaufnahme des Streiks von der FTMH in Wirklichkeit nicht als Notwendigkeit betrachtet wurde!). Möge sich die Bourgeoisie aber beruhigen:
»
Wir wollen keine sozialen Unruhen«, wir wollen nur »Sicherheit und soziale Gerechtigkeit«.
Was die FCOM anbelangt, überschlägt sie sich mit einem Lob ihrer Selbstverwaltungstorheit, wie:
»
Das Komitee der FCOM hat sich einstimmig eng mit den Arbeitern vereinigt, die in der Einheit und in der Entschlossenheit auf Betriebsebene heute eine neue demokratische Organisation errichten, die morgen für die ganze Wirtschaft gültig sein wird!«
und die, von der FCOM mit lauter Stimme verlangte »demokratische Planungsökonomie« fängt mit der Mitbestimmung an!

Gegenüber einer Versammlung aller Arbeiterkommissionen der Gegend, vom Streikkomitee gleich nach der Kundgebung einberufen, fühlt sich die FTMH verpflichtet, die von den Streikenden »ungewöhnliche verfolgte Praxis« zu kritisieren!

Am 30. sieht sich Ghelfi in einer Versammlung einer Gruppe Metallarbeiter (das heisst Mitglieder des Betriebsrats, die Gewerkschaftsmitglieder sind) von den Arbeitern angegriffen, die von nun an verlangen, dass 1. keine Entscheidung während der Verhandlungen ohne die Zustimmung der Basis getroffen werden; 2. die Arbeiterkommissionen jedesmal, wenn ein Kampf in einem Betrieb aufflammt, sofort einberufen werden, um über die in den anderen Betrieben durchzuführenden Solidaritätsaktionen zu entscheiden; 3. diese Entscheidungen strikt von den Gewerkschaftsführungen durchgeführt werden.

Der Streik ist unterbrochen, der Kampf geht weiter
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Am 31. bei der Generalversammlung setzt sich die Sabotage mit den demoralisierenden Interventionen von Besuchet fort, der den »unheilvollen Charakter« einer Wiederaufnahme der direkten Aktion für die nationale Ökonomie für den Betrieb unterstreicht: andererseits gewährten weder FTMH noch FCOM ihre Unterstützung in einem zweiten Streik. Kein Wunder, wenn unter solchen Bedingungen die Arbeiter am 1. April - mit 137 Ja, 33 Nein und 41 Enthaltungen - dennoch das enttäuschende Ergebnis der Verhandlungen annehmen. (beachten wir, dass auch die Streikbrecher wählten!). Der erste Punkt der Vereinbarung bietet den Arbeitern keine Garantie, die Stelle weder in Betrieb zu behalten, noch anderswo »rückqualifiziert« zu werden: höchstens gewährt sie den Entlassenen einen Aufschub von einigen Monaten (bis zum 31. Oktober); der zweite Punkt öffnet den Massenentlassungen die Tür, indem er sie in eine Reihe von individuellen Entlassungen umwandelt, und die Möglichkeit für die Kapitalisten schafft, sich von den zu unbequem gewordenen »Mitarbeitern zu trennen«, indem er sie individuell wegen ökonomischer Gründe oder aus »berechtigten Gründen« entlässt; der dritte Punkt verweist die Frage der Teuerungszulage an eine der vergiftetsten Früchte des Arbeitsfriedens: das Schiedsgericht, ein bequemes Mittel, die Arbeiterkämpfe zu ersticken; die Erhaltung der Vorarbeit für die Feiertage (Punkt 4) kostet die Kapitalisten nichts, weil es für sie kein Verlust bedeutet; was das Ausbleiben von Repressalien (Punkt 5) betrifft, weiss man schon, was solche »feierlichen« Verpflichtungen wert sind; und schliesslich (Punkt 6) werden die Streikstunden nicht vom Betrieb, sondern von den Gewerkschaften und aus dem Solidaritätsfonds bezahlt, das heisst letztendlich von den Arbeitern selbst. Diese den Arbeitern angebotene echte »Handvoll Fliegen« (öffnet man die Hand, um sich seinen »Fang« anzusehen, ist er bereits weggeflogen), soll ihrem Kampf kein Ende setzen, da das Stück Papier, das sie in einem Augenblick der Angst angenommen haben, nichts anderes als »gute Absichten« ausdrückt und nur in lächerlichem Masse die Forderungen erfüllt, für die sie gekämpft haben!

Obwohl das Ergebnis der Streiks auf Forderungsebene miserabel ist, wird er nicht umsonst gewesen sein! Er hat bewiesen, dass man nicht einmal das Minimum ohne einen entschlossenen direkten Kampf erreichen kann, und vor allem, er hat die Rolle des politischen und gewerkschaftlichen Opportunismus als Geschäftsführer des sozialen Friedens, das heisst für den Frieden des Kapitals für jeden Kämpfenden klargemacht. Dem Opportunismus ist es bei der Matisa, wo er den Streik zwar sabotieren konnte in dem er zynisch die Arbeiter demoralisierte und jede Ausdehnung des Kampfes blockierte, nicht gelungen, sie in seinen Einflussbereich zurückzuzerren. Der Streik hat viele gegen die Arbeiter errichteten Hindernisse niedergerissen: verschiedenen Nationalitätsangehörigkeiten, Angst vor »Radfahrern«, usw. Er hat der, seit Jahrzehnten von unheilvollem Arbeitsfrieden gelähmten, schweizerischen Arbeiterklasse gezeigt, dass die Verteidigung ihrer unmittelbaren Interessen die unabhängige Klassenaktion und das völlige Misstrauen gegenüber den verräterischen Gewerkschaftsführungen voraussetzte.

Bei der Matisa, wo der Kampf die Arbeiter eines einzelnen Betriebes dem mächtigen Arbeitgeberverband schweizerischer Maschinen- und Metallindustrieller (ASM) entgegenstellte, war ein Wunder unmöglich. Nur die Ausdehnung des Streiks auf andere Betriebe könnte die Besitzer zum Nachgeben zwingen. Und es ist gerade diese Klassensolidarität, die die Gewerkschaftsführungen nicht wollen; es gibt nichts zu sagen, sie haben ihre Aufgabe als Wachhunde des Kapitals gut erfüllt!

»Das eigentliche Resultat ihrer Kämpfe ist nicht der unmittelbare Erfolg, sondern die immer weiter um sich greifende Vereinigung der Arbeiter«. (Karl Marx - »Manifest der Kommunistischen Partei«)

Der Kampf muss weitergehen!

Es lebe der Streik der Arbeiter der Matisa!

Den Angriffen des Kapitals und den Verrat der Gewerkschaftsführungen setzen wir die Einheitsfront der Arbeiterklasse entgegen!

Source: »Kommunistisches Programm«, Nr.11, Juli 1976

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