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INFLATION, PROFITE UND LÖHNE
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Inflation, Profite und Löhne
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Inflation, Profite und Löhne
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»Da Kapitalist und Arbeiter nur diesen begrenzten Wert zu teilen haben, das heisst den durch die Gesamtarbeit des Arbeiters gemessenen Wert, so erhält der eine desto mehr, je weniger dem anderen zufällt, und umgekehrt. Sobald ein Quantum gegeben ist, wird der eine Teil davon zunehmen, wie, umgekehrt, der andere abnimmt. Wenn der Arbeitslohn sich ändert, wird der Profit sich in entgegengesetzte Richtung ändern. Wenn der Arbeitslohn fällt, so steigt der Profit; und wenn der Arbeitslohn steigt, so fällt der Profit.« (Karl Marx, »Lohn, Preis und Profit«, Dietz-Verlag 1969, S. 53)

In dem von Marx formulierten Gesetz liegt die reale Basis der sogenannten »Anti-Inflationspläne«, die vor allem vom autoritären Einfrieren oder von der »Überwachung« der Löhne gekennzeichnet sind, die der Staat in den entwickelten kapitalistischen Ländern, wie in den USA, Grossbritannien und vor kurzem in Deutschland und - de facto - in Frankreich, zentral eingeführt hat.

Die allgemeine Tendenz des Kapitals (die nicht ein »ehernes Gesetz« ist, aber eine Tendenz, wogegen sich andere Tendenzen bewegen können, besonders die, die aus der Assoziation der Proletarier zur Verteidigung ihrer unmittelbaren Existenzbedingungen resultieren) ist den Lohn zu senken:
»
Die allgemeine Tendenz der kapitalistischen Produktion«, schreibt Marx in »Lohn, Preis und Profit« (Seite 70), »geht dahin, den durchschnittlichen Lohnstandard nicht zu heben, sondern zu senken«.

Diese allgemeine Tendenz setzt sich auf verschiedene Weise durch, die entweder aus den allgemeinen Gesetzen des Kapitals oder aus den in jedem Moment zwischen Arbeitskraftkäufer und -verkäufer bestehenden Kräfteverhältnissen resultiert.

Die kapitalistische Produktionsweise wird durch die ständige Tendenz gekennzeichnet, die Produktivität der gesellschaftlichen Arbeit vermittels der Akkumulation des Kapitals zu entwickeln, was in der Sprache der produktiven Technik heisst: die Benutzung von immer perfektionierteren Produktionsmitteln auf einer immer breiteren Stufenleiter. Wenn die Produktivitätsgewinne in den Konsumgüter produzierenden Branchen realisiert werden, ruft diese Tendenz die Reduzierung der Produktionszeit der zur Reproduktion der Arbeitskraft notwendigen Subsistenzmittel hervor, also die Senkung des Wertes der Arbeitskraft; und so bekommt das Kapital - durch einen Mechanismus, den nicht jeder einzelne Kapitalist bewusst benutzt, sondern aus dem Funktionieren des ganzen gesellschaftlichen Kapitals resultiert, das immanenten Gesetzen der kapitalistischen Produktion gehorcht - einen zusätzlichen Mehrwert, den Marx relativen Mehrwert nennt.

»Es ist daher der immanente Trieb und die beständige Tendenz des Kapitals, die Produktivkraft der Arbeit zu steigern, um die Ware und durch die Verwohlfeilerung der Ware dem Arbeiter selbst zu verwohlfeilern« (Karl Marx, »Das Kapital«, Band 1, Kapitel 10, Seite 338).

Diese Tendenz zur Senkung des Wertes der Arbeitskraft kann sich auch auf andere Weise durchsetzen, und zwar diesmal vollkommen bewusst. Man denke z.B. an die Verallgemeinerung des Kartoffelanbaus in Europa, um die Arbeiterklasse mit einer billigeren Nahrung als die des Getreides zu versorgen; man denke an die Beschäftigung von Frauen und Kindern, an den Import von billigen ausländischen Proletariern, an die Investitionen in den Ländern, in denen die Löhne sehr niedrig sind, und so weiter: alle Mittel sind gut, um die Mehrwertrate und die Profitrate zu erhöhen, damit die Unterhaltungskosten des produktiven Sklaven so niedrig wie möglich werden.

Deshalb begnügt sich das Kapital nicht damit, regelmässig den Wert der Arbeitskraft zu senken: in seinen täglichen Beziehungen zum Lohnarbeiter sucht es ständig, diesen noch mehr zu berauben, in dem es versucht, die Arbeitskraft nicht zu ihrem Wert sondern unter ihrem Wert zu bezahlen. Im Kapitel über die Produktion des relativen Mehrwertes bemerkt Marx, dass diese Praxis - die er in diesem Stadium der theoretischen Entwicklung noch nicht studieren kann - »eine der wichtigsten Rollen in der realen Entwicklung des Lohnes spielt« (ebd.). Und als er im dritten Band des »Kapitals« die Ursachen aufzählt, die dem Gesetz des tendenziellen Falles der Profitrate entgegenarbeiten, spricht er von dieser Praxis unmittelbar nach der »Erhöhung der Ausbeutungsrate der Arbeit«:
»
II. Herunterdrücken des Arbeitslohns unter seinen Wert. Dies wird hier nur empirisch angeführt, da es in der Tat, wie manches andere, was hier aufzuführen wäre, mit der allgemeinen Analyse des Kapitals nichts zu tun hat, sondern in die, in diesem Werk nicht behandelte, Darstellung der Konkurrenz gehört. Doch ist es eine der bedeutendsten Ursachen, die die Tendenz zum Fall der Profitrate aufhalten« (Karl Marx, »Das Kapital«, Drittes Buch, Kapitel 14, Seite 245, Dietz-Verlag 1973).

Für die lohnabhängigen Klassen hat das Inflationsphänomen bestimmt als Konsequenz die Tendenz, ständig die Kaufkraft der Löhne zu senken (oder bzw. die realen Löhne zu reduzieren), das heisst die Arbeitskraft unter ihrem Wert zu bezahlen, was dem Kapital erlaubt, dem tendenziellen Fall der Profitrate entgegenzuarbeiten.

Der Fall der durchschnittlichen Profitrate - von Marx im dritten Band des »Kapitals« bewiesen - ist eine historische Tendenz der kapitalistischen Produktionsweise, die von der auf immer breiterer Stufenleiter wachsenden Akkumulation und von den immer ungeheureren Quantitäten an Produktionsmitteln (besonders an fixem Kapital, das heisst an Ausrüstungsgütern und an Maschinen usw.) verursacht wird. In dem aber die Kapitalien dem allgemeinen Gesetz gehorchen, suchen sie gleichzeitig ihm individuell zu entfliehen; insbesondere die Monopole und Kartelle können - in dem sie willkürlich ihre Verkaufspreise erhöhen - einen höheren Profit als die durchschnittliche Rate erzielen: so bemächtigten sie sich einem dem kapitalistischen »gerechten Teil »höheren Teil des der Gesamtheit der Arbeiterklasse vom gesellschaftlichen Kapital erpressten globalen Mehrwerts. Natürlich geschieht all dies zum Nachteil der Branchen, der eine Konkurrenzsituation die künstliche Erhöhung der Preise verbietet; was ja die Schreie der kleinen kapitalistischen Unternehmer - so wertvoll im Herzen der opportunistischen Parteien - provoziert, die sich von den »grossen« monopolistischen Haifischen beraubt fühlen. Mit der Entwicklung der Produktion haben die Konzentration, das Monopol, die Kapelle die Tendenz, sich mehr und mehr zu verbreiten und eine immer wachsende Zahl an Branchen zu erfassen, und somit verallgemeinern sich die monopolistischen Praktiken. Unter dem Antrieb des tendenziellen Falls der Profitrate verallgemeinern sich die willkürlichen Preiserhöhungen. Die Gesamtheit der Preise steigen ohne die entsprechende Schaffung eines zusätzlichen Wertes. Die Kaufkraft der Währung fällt, was neue Preiserhöhungen mit sich bringt, und so weiter... Das Phänomene hängt weder vom Willen des Kapitals oder der Kapitalisten, noch von der »guten« oder »schlechten« Verwaltung von Regierungen ab, die so mächtig wären, dass sie den Gesetzen des Kapitals entfliehen können: dieses Phänomens ist Ausdruck der objektiven Gesetze des am meisten entwickelten Kapitals.

Trotz aller anti-inflationistischen Erklärungen ihrer führenden Kreise können die bürgerlichen Staaten die realen Ursachen der Inflation also nicht bekämpfen; das würde erfordern, das sie die Wurzeln selbst der kapitalistischen Produktionsweise - die Marktkategorien - angreifen, von denen die Inflation nur eine der vielen äussersten Entwicklungen ist. Auch wenn man annehmen würde, dass sie diese Möglichkeit hätten, würde der Sinn für die kapitalistischen Realitäten es verbieten; für das auf abstraktestem Niveau betrachtete Kapital hat die Inflation in der Tat unmittelbare positive Konsequenzen: in dem sie heimtückisch die Löhne aufzehrt, lässt sie die Arbeitskraft unter ihrem Wert bezahlen. Und so erscheint sie also als eine der Ausdrücke der konstanten Tendenz des Kapitals, die ihm ermöglicht, dem tendenziellen Fall der Profitrate entgegenzuarbeiten.

Da der bürgerlichen Staat die Ursachen der Inflation nicht radikal bekämpfen kann und will (1), muss er jedoch versuchen, die inflationistischen Stösse in gewisse Grenzen einzudämmen, die nicht aus den Gesetzen des Kapitals im allgemeinen, sondern aus konkreten Bedingungen seiner Entwicklung in der bürgerlichen Gesellschaft herrühren. Welche sind diese Grenzen? Die erste hängt mit sozialen und politischen Notwendigkeiten zusammen: die Steigerung der Subsistenzmittelpreise darf nicht so stark sein, dass sie eine die hochheilige Produktion bedrohende brutale Reaktion der Arbeiterklasse verursacht. Wie die OECD in ihrem Bericht für das erste Semester 1973 schrieb
»
hohe Inflationsraten (...) bringen in den Einkommens- und Vermögensstrukturen Verzerrungen, die nicht nur ungerecht sind, sondern auch permanente soziale Spannungen hervorrufen...« (»Le Monde«, 21.3.73).
Die zweite Grenze hängt mit den Gesetzen der Konkurrenz zusammen, d.h. den Gesetzen der Beziehung zwischen den verschiedenen Kapitalien: die Steigerung der Preise darf nicht grösser im eigenen Land als in den übrigen konkurrierenden Ländern sein, denn in diesem Falle würde die Konkurrenzfähigkeit der Exporte auf dem Weltmarkt darunter leiden. Diese Notwendigkeit drückte vor kurzem der bürgerliche Ökonom R. Barre aus:
»
Die Inflation ist ein Phänomen, dass die ganze Welt umfasst; es ist also sehr schwer - gleich wo es sein mag -, eine starke Preissteigerung zu vermeiden, aber es ist jedoch notwendig, dass die Steigerung in einem Land die der wichtigsten Partner und Konkurrenten nicht überholt. Wenn die Preissteigerung in Frankreich schwächer ist, als in Grossbritannien, in Italien und in Spanien ist sie zweimal höher als in den USA, in der Schweiz, in Belgien und den Niederlanden und wesentlich schneller als in der Bundesrepublik. Eine solche Entwicklung, wenn sie sich weiter fortsetzt, würde schnell die Konkurrenzfähigkeit der französischen Wirtschaft in Frage stellen« (»La Vie Française«, 2.5.74).

Im grossen und ganzen, wie es Giscard d'Estaing erklärte, bedeutet für die Bourgeoisie
»
die Inflation die Zersetzung im Innern und die Schwächung nach aussen für unsere Konkurrenzfähigkeit, also eine doppelte Bedrohung für die Fortsetzung unseres Wachstums« (»Le Figaro«, 7.12.73).
Das Phänomen ist erträglich und sogar vorteilhaft für das Kapital, wenn die zwei oben dargelegten Bedingungen erfüllt sind (das heisst in der Sprache des Kapitals, dass die Inflation »in vernünftigen« Grenzen gehalten wird.)

Dies erklärt, dass die von den Staaten in Gang gebrachten »Anti-Inflationspläne« nie die Preissteigerung bis Null zu reduzieren sondern sie höchstens in gewisse Grenzen einzuschränken suchen (die Arbeitgeberverbände sind überall verständlicherweise gegen jeden Preis-Stopp der Waren, die sie produzieren). Diese Anti-Inflationspläne sind wesentlich durch Blockierung oder »Überwachung« der Löhne gekennzeichnet. Für das Kapital besteht der Vorteil der Inflation darin, den Profit zu erhöhen und die Löhne aufzureiben: dieser Vorteil wäre verloren, wenn die Forderungen und die Kämpfe der Arbeiter diese Lohnsenkungen nachholen würden. Die bürgerliche politische Ökonomie hat also sofort verfügt, dass die wirklichen Verantwortlichen für die Inflation die zu hohen Lohnforderungen der Arbeiter sind und zentral den Lohnstopp eingeführt. Wenn man die veröffentlichten Statistiken für die USA und Grossbritannien ansieht, hat der Effekt dieser Massnahmen nicht auf sich warten lassen, wie es die grafischen Darstellungen zeigen.

Für jeden der beiden betrachteten Länder zeigen die Kurven die Entwicklung des Anteils der Löhne und des Anteils des Profits am Volkseinkommen (erinnern wir, dass diese beiden Grössen weder eine Mehrwertrate noch eine Profitrate sind) seit dem die Lohnstoppläne in Kraft getreten sind. Die grafische Darstellung über England wurde in der »Financial Times« vom 9.10.73 veröffentlicht; die zweite Darstellung wurde mit Hilfe der entsprechenden amerikanischen Statistiken ausgearbeitet. Wegen unterschiedlicher Berechnungsweise können die Zahlen beider Länder nicht untereinander verglichen werden. Beide Kurvenbilder brauchen keinen Kommentar, da sie klar das erläutern, was wir aufzeigen wollten:
1. das Resultat der sogenannten Anti-Inflationspläne, das darin besteht, den Anteil der Lohnabhängigen zu senken und gleichzeitig den Anteil der Profite zu erhöhen;
2. die Richtigkeit der marxistischen Theorie über das antagonistische Verhältnis zwischen Löhnen und Profiten, selbst nur ein Ausdruck des antagonistischen Verhältnisses zwischen Proletariat und Kapital.

Dies ist die von den Zahlen aufgezeigte reale Bedeutung der Aufrufe für die »gerechte Aufteilung der Opfer« im Rahmen der »Klassenharmonie«!

Notes:
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  1. wie kürzlich der Präsident der Bank von Frankreich bezeugte: »Eine schnelle, tiefgreifende Inflation, wie die, die wir heute erleben, kann nur mit einem vollständigen Stillstand des Wachstums besiegt werden.« (»Le Figaro«, 25./26.5.74). Noch eine elegante Art zu sagen, dass es für die Bourgeoisie nicht in Frage kommt, die Inflation zu »besiegen«. [back]

Source: »Kommunistisches Programm«, Nr. 4, Oktober 1974, übersetzt aus »Programme Comuniste«, Nr. 6, Juni-August 1974

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