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WARUM RUSSLAND NICHT SOZIALISTISCH IST
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Content:

Warum Russland nicht sozialistisch ist
1. Der russische Kapitalismus
2. Die russische Wirtschaft und die Oktoberrevolution
3. Isolierung und Niederlage des russischen Proletariats
4. Die stalinistische Konterrevolution
5. Sozialismus und Staatskapitalismus
6. Sozialismus und Kleinproduktion
7. Der falsche Kolchosen-»Kommunismus«
8. Alle Nachteile einer kapitalistischen Landwirtschaft ohne deren Vorteile
9. Die Wirklichkeit des russischen Kapitalismus
Notes
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Warum Russland nicht sozialistisch ist

1. Der russische Kapitalismus
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(1) Obwohl der Arbeiter, der buchstäblich vom nationalistischen Reformismus vergiftet worden ist, seinen Blick kaum noch dem »sowjetischen Paradies« zuwendet, hat die Frage, ob das heutige Russland das Beiwort »sozialistisch« verdient oder nicht, an Bedeutung nicht verloren.

Wenn das europäische Proletariat im Lauf der letzten 50 Jahre die schlimmsten Methoden kapitalistischer Ausbeutung hat über sich ergehen lassen (schwindelerregende Steigerung des Arbeitstempos, grausame Akkordnormen usw.), so ist das zu einem guten Teil darauf zurückzuführen, dass seine »kommunistischen« Anführer, die dem Kreml blind ergeben waren, die Anwendung dieser Methoden in Russland als Quintessenz des Sozialismus verherrlichten. Wenn es dem Proletariat eines Tages gelingt, sich siegreich gegen alle Formen der Ausbeutung aufzulehnen, wird es das nicht tun können, ohne vorher alles über Bord zu werfen, was ihm von den alten Illusionen geblieben ist und ohne sich darüber klar zu werden, was in Wirklichkeit das politische und soziale Regime ist, das in Russland verlogenerweise »kommunistisch« genannt wird. Die Wiederaufnahme des internationalen proletarischen Kampfes schliesst den Zusammenbruch der Legende mit ein, dass die russische Wirtschaft sich von der westlichen kapitalistischen Wirtschaft unterscheidet.

Die ausgeprägten sozialen Unterschiede, die Hierarchie der Löhne, die Privilegien einzelner Kategorien, die Arbeitsteilung, die die »Handarbeiter« zur Hölle der Fabrik verdammt und den Intellektuellen das Monopol des Komforts vorbehält, all diese Züge, die die russische Gesellschaft zynischerweise zur Schau stellt, sind sie wirklich, wie die Vertreter der kommunistischen Parteien Westeuropas versichern, mit dem Sozialismus vereinbar? Die Villa für Kossygin, das Loch für den Arbeiter; die Rakete zum Mond und Schlangestehen vor dem Schlachterladen; Atomwaffen und Getreide- und Fleischmangel, wären das also die wenig attraktiven Aussichten der Gesellschaft von morgen? Es genügt nicht, verneinend auf diese Fragen zu antworten. Die Bourgeoisie - und mit ihr die Sozialdemokratie- hat schon mit grossem Geschick die Ernüchterung mancher Arbeiter durch die Enthüllung der russischen Wirklichkeit zu nutzen gewusst: weil der Kommunismus enttäuscht, so hat sie ihnen im wesentlichen gesagt, warum wollt ihr euch dann nicht mit dem guten alten demokratischen Kapitalismus zufriedengeben?

Dieses Gerede hat sich bei den Verfechtern »neuer Wege zum Sozialismus« kaum verändert: jedes Volk wird seinen Sozialismus haben, wobei seine Traditionen, der »Stand seiner Zivilisation« berücksichtigt werden. Wenn wir als revolutionäre Marxisten den falschen russischen Kommunismus entlarven wollen, so geschieht das keineswegs, um den Arbeitern den wahren Kommunismus zu verleiden. Wir müssen also beweisen, dass die Fehler der gegenwärtigen russischen Gesellschaft in allen heutigen politischen und sozialen Regimes anzutreffen sind, weil sie alle - Russland inbegriffen - kapitalistisch sind.

Wenn man sich bei dieser Gelegenheit über Russland äussert, so setzt das voraus, dass man die Grundsätze des Sozialismus kennt; aber das ist nur unter der Bedingung möglich, dass man zunächst weiss, was Kapitalismus ist. Genau das wissen aber diese Schöngeister nicht, die über dieses Thema im Radio oder Fernsehen reden oder die es in gelehrten Werken behandeln. Es handelt sich in der Tat nicht darum, einige beiläufige und zufällige Aspekte dieser Produktionsweise aufzuzeigen, sondern ihre Grundzüge zu erkennen, um sie bei jeder Gelegenheit wiederzuerkennen. Diese Grundzüge können folgendermassen kurz zusammengefasst werden: in der kapitalistischen Gesellschaft werden Waren hergestellt. Das bedeutet, dass in ihr die menschliche Tätigkeit im wesentlichen darauf gerichtet ist, Gegenstände herzustellen, die dazu bestimmt sind, gegen Geld eingetauscht zu werden, mit anderen Worten, verkauft zu werden. Der grossen Masse der Produzierenden werden die Produktionsmittel vorenthalten. (im Gegensatz zu Handwerkern und Kleinbauern, die selbst ihre Arbeitsgeräte besitzen).

Das Kapital entsteht und entwickelt sich auf der Grundlage all dieser Faktoren. Die Gesellschaftsklasse, der die Produktionsmittel vorenthalten werden, ist das Proletariat. Diese Arbeitskraft ist eine Ware, die die »wunderbare« Beschaffenheit besitzt, mehr Reichtümer zu produzieren, als für ihren Unterhalt und für ihre Reproduktion nötig sind (mit anderen Worten: an einem 8-stündigen Arbeitstag produziert der Arbeiter z.B. in 4 Stunden den Wert seines Tageslohnes, aber dann arbeitet er noch weitere 4 Stunden für das Kapital).

Durch den Preis der Arbeitskraft wird der Lohn des Arbeiters festgesetzt. Der Unterschied, der zwischen diesem Lohn und der Masse der produzierten Waren besteht, bleibt Eigentum derjenigen Klasse, die im Besitz der Produktionsmittel ist: der kapitalistischen Klasse. Er nennt sich Mehrwert bzw. Profit und wird Kapital, wenn er seinerseits gegen neue Arbeitskräfte und neue Arbeitsprodukte (Maschinen, Rohstoffe usw.) eingetauscht wird. Wenn dieser Prozess sich auf unbestimmte Zeit wiederholt, ist er die Akkumulation des Kapitals.

Diese verschiedenen Elemente sind eng mit der kapitalistischen Produktionsweise verbunden und können nicht von ihr getrennt werden. Es ist also eine unverschämte Lüge zu behaupten, dass eine Gesellschaft den Namen sozialistisch verdient, wenn in ihr das Geld, das gegen Arbeitskraft getauscht werden kann, der Lohn, mit dessen Hilfe die Arbeiter sich die Produkte verschaffen, die zu ihrem eigenen und zum Unterhalt ihrer Familien notwendig sind, die Anhäufung von Werten, die Eigentum der Betriebe oder des Staates bleiben, weiter bestehen. Das ist aber der Fall für die gegenwärtige russische Gesellschaft.

In der UdSSR kann eine Gruppe von Individuen mit den Rubeln, die ihr die Staatsbank leiht, Arbeitskraft kaufen und dadurch die Differenz, die zwischen dem produzierten Wert und dem Betrag der ausgezahlten Löhne besteht, in ihre Kasse fliessen lassen. Das ist der Fall bei anonymen Unternehmen, die nur für kurze Zeit bestehen und die den Bau öffentlicher Gebäude übernehmen. Das ist der Fall bei Kolchosen, die mit Geld die Lohnempfänger entsolden, wie die Traktorfahrer oder die Erntearbeiter. Das ist wieder der Fall bei den erwähnten Kolchosen, die die Staatsmacht dazu ermuntert, Konservenfabriken oder andere verarbeitende Industrien aufzubauen, wobei sie einerseits ihren Betriebsgewinn einsetzen, andererseits das System der Entlohnung für das Personal dieser Fabriken aufrecht erhalten. Schliesslich ist das auch der Fall für die staatlichen Betriebe selbst, die ihre Arbeiter entlohnen, die Hierarchie der Löhne gemäss der Qualifikation der Arbeitskraft anregen und entwickeln, und die investieren, d.h. den anfallenden Profit in Kapital umwandeln.

In Russland bezahlt der Arbeiter die gesamten Lebensmittel und alle Waren, die er braucht, mit Geld; er spürt unmittelbar die Schwankungen des Marktes und sogar die Spekulation, zu der sich die einzelnen Produzenten hergeben. D.h. die Kolchosbauern, die ausser ihrem Globaleinkommen aus der Kolchose Vieh und persönliches Land besitzen, verkaufen die Produkte, die sie damit erzeugen, frei, zu dem Preis, den sie privat aushandeln.

Endlich bringt das Geld Zinsen in der UdSSR, sei es als Darlehen, das der Staat ausgibt, und das, genau wie in den klassischen Ländern des Kapitalismus, den Inhabern von Wertpapieren Geld einbringt, sei es in Form von Zinsen, die der Staat selbst für die Beträge erhebt, die er seinen eigenen Betrieben leiht.

Welchen Unterschied gibt es da noch zu den bürgerlichen Gesellschaften des bürgerlichen Westens? In der UdSSR funktioniert alles unter dem Zeichen des Tauschwertes, der in der modernen Gesellschaft der einzige Massstab für Profit, für Kapital, für Akkumulation und für die Ausbeutung der Arbeitskraft ist. In Russland ist alles käuflich, seien es die Dienste von Prostituierten oder von Intellektuellen, deren Aufgabe darin besteht, den nationalen »Sozialismus« zu lobpreisen und ganz allgemein den Mächtigen die Stiefel zu lecken.

Bei nächster Gelegenheit werden wir erklären, warum eine solche Welt von Geschäftemachern, von Schwarzhändlern und Schmarotzern sich auf den Ruinen der grossen Oktoberrevolution hat entwickeln können, für den Preis des Schweisses und des Blutes des russischen Proletariats.

Im Augenblick soll es genügen, folgende wesentliche Tatsache zu unterstreichen: der Sozialismus ist unvereinbar mit den Kategorien der kapitalistischen Wirtschaft: Geld, Lohnarbeit, Warenproduktion, soziale Arbeitsteilung.

2. Die russische Wirtschaft und die Oktoberrevolution
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Wenn wir die Wesenszüge der kapitalistischen Wirtschaft- wie wir es in dem vorhergehenden Kapitel gesehen haben - unverändert im heutigen Russland wiederfinden, wenn es folglich ein Betrug ist, diese Wirtschaft »sozialistisch« zu nennen, so hat das einen einleuchtenden Grund: sie ist es nie gewesen, nicht einmal zu den besten Zeiten der Revolution unter Lenin. Diese Revolution war ein riesiger Schritt auf den Sozialismus hin, aber ein im wesentlichen politischer und nicht wirtschaftlicher und sozialer Schritt, wie wir im folgenden sehen werden.

Die ersten wirtschaftlichen Massnahmen, die das Proletariat ergreifen muss, wenn es in einem hochentwickelten Land an die Macht kommt, streben danach, den kapitalistischen Charakter der Wirtschaft zu beseitigen. In der bürgerlichen Gesellschaft ist die Ware Arbeitskraft die Hauptware: sie bildet den Ausgangspunkt und die Basis der Kapitalanhäufung. Auf dem Arbeitsmarkt wird der Preis für die Arbeitskraft im Lohn sichtbar oder im Geldwert der Produkte, die zum Unterhalt des Arbeiters nötig sind. Selbst wenn die Arbeitskraft angemessen bezahlt wird, d.h. dem Lohnempfänger erlaubt, seine eigenen Bedürfnisse und die seiner Familie damit zu decken, erzielt das kapitalistische Unternehmen immer noch einen Überschuss aus dem Verkauf der Produkte: den Mehrwert bzw. den Profit, der die unerschöpfliche Quelle des Kapitals, der Motor der Akkumulation, die wirtschaftliche Grundlage der sozialen Macht der kapitalistischen Klasse ist.

Nachdem wir dies in die Erinnerung zurückgerufen haben, wird sichtbar, dass, um die kapitalistische Ausbeutung zu zerstören, das ihr zugrundeliegende Verhältnis zerstört werden muss. Der Warencharakter der Arbeitskraft muss zerstört werden! Das ist nur unter einer einzigen Bedingung möglich: der Abschaffung der Lohnarbeit. Das vom Marxismus empfohlene Übergangsmittel, um zu diesem Resultat zu kommen, ist das System des »Arbeitsgutscheines«, worauf wir noch an anderer Stelle genauer eingehen werden.

Wir haben bei dieser Gelegenheit schon gesagt, dass dieses System, trotz des Spottes der »modernen« Philister, keineswegs utopisch ist. Bei einer Überprüfung der Beschreibung, die Marx davon gibt, wird jedoch sogleich deutlich, dass es nur in den Ländern verwirklicht werden kann, die schon einen bestimmten Stand in ihrer technischen und wirtschaftlichen Entwicklung erreicht haben. Das war nicht der Fall im proletarischen Russland vom Oktober 1917: einerseits wegen des wirtschaftlichen Rückstands des Landes; andererseits wegen der Zerstörung, die der Bürgerkrieg gegen die »Weissen« (die inneren Konterrevolutionäre) und der Kampf gegen die ausländische Intervention angerichtet hatten. Die revolutionäre bolschewistische Macht konnte die wirtschaftliche Aufgabe der sozialistischen Revolution nicht sofort in Angriff nehmen - d.h. die kapitalistischen Produktionsverhältnisse abschaffen - sondern im Gegenteil, um eines Tages dazu in der Lage zu sein, musste sie diese vorher entwickeln. Das russische Proletariat war durch den Anstoss einer bürgerlichen Revolution, die durchzuführen die russische Bourgeoisie nicht in der Lage war, an die Macht gelangt; dafür trug es auf seinen Schultern die drückende Last der Aufgabe, die historisch der Bourgeoisie zukommt: die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals voranzutreiben.

Anstatt die soziale Arbeitsteilung, die das Lohnsystem begründet, abzuschaffen, musste das russische Proletariat die kapitalistischen Formen, die in Russland bestanden, so gut es ging ausnutzen. Weit davon entfernt, den Markt verschwinden zu lassen, der unlösbar mit der Entlohnung der Arbeitskraft durch Geld verbunden ist, musste es ihn wieder aufleben lassen. Bevor es sich daran machen konnte, die Sozialisierung von Millionen von bäuerlichen Betrieben in Angriff zu nehmen, war es im Interesse der Lebensmittelversorgung der Städte gezwungen, die kleinbäuerliche Produktion zu fördern. Mit einem Wort: das russische Proletariat hatte eine politische Macht, die dazu bestimmt war, die kapitalistische Wirtschaft zu zerstören, aber durch die Lage der Dinge wurde es zunächst dahin gebracht, ihre Entwicklung zu beschleunigen!

Manche »Extremisten«, die die Welle von Mai/Juni 1968 hervorgebracht hat, sind bereit, diese Aufgabe - aus der Rückschau - als von Anfang an zum Misserfolg verurteilt einzuschätzen: ein Versuch proletarischer Macht im halbfeudalen Russland konnte nur auf einen nationalen Kapitalismus hinauslaufen! Das heisst aber, die beiden folgenden Betrachtungen zu wenig zu beachten. Einesteils reifte die Revolution auf jeden Fall am Vorabend des 1. Weltkrieges in Russland: für das russische Proletariat war das eine einzigartige Chance, um die angeborene Ohnmacht der nationalen Bourgeoisie auszunutzen, um seine Revolution zu machen, um das soziale Kräfteverhältnis auf Weltmassstab umzustürzen. Andererseits wurde eben dadurch, und durch die soziale Krise infolge des Elends des Krieges, eine Arbeiterrevolution in Deutschland fühlbar möglich und wahrscheinlich. Die Machtübernahme durch das deutsche Proletariat hätte die wirtschaftlichen Aufgaben der Bolschewiki sehr erleichtert und ihnen erlaubt, das Kap der Kapitalanhäufung zu umschiffen, ohne dabei auf die eine oder andere Weise die Gefahr zu laufen, dass die politische Macht und die soziale Kraft des Kapitals wiederhergestellt würden.

Für Lenin und alle Bolschewiki - Stalin mitinbegriffen, bevor er den »Sozialismus in einem einzigen Lande« zu seiner Theorie erhob - war das Ziel der Oktoberrevolution keineswegs die sofortige Umwandlung der russischen Wirtschaft im sozialistischen Sinne. Tausend Texte und Reden beweisen im Gegenteil, dass die Perspektive aller Kommunisten jener Zeit darin bestand, aus der Sowjetunion eine vorgerückte Bastion des revolutionären Weltkampfes zu machen. Nur wenn die Revolution in den entwickelsten Ländern Europas, in denen die ersten Grundmassnahmen des Sozialismus sofort möglich waren, gesiegt hätte, dann hätte man ihre allmähliche Verwirklichung in Russland ins Auge fassen können. Lenin hat es zu wiederholten Malen mit seiner Forderung unterstrichen: ohne siegreiche Revolution in Deutschland ist Sozialismus in Russland nicht möglich! Um diesen Sieg zu beschleunigen, um alle Kräfte des internationalen Proletariats darauf zu konzentrieren, um die Sowjetmacht von dem Klotz am Bein zu befreien, den für sie die Wiederinstandsetzung der russischen Industrieproduktion bedeutete, war Lenin sogar bereit, die Hauptbetriebe dieser Produktion an das ausländische Kapital zu verpachten! Diese Position unterscheidet sich wesentlich vom Bild eines patriotischen Lenin, das man uns heute ausmalt. Gedanken, die meilenweit von Stalin entfernt sind, der nach ihm vorgab, »Sozialismus in seinem Land allein« zu machen!

Die Geschichte hat den Erwartungen dieser Generation politischer Riesen nicht entsprochen. Die Berliner Kommune von 1919 wurde niedergeschlagen. Die Arbeiteraufstände in Mitteleuropa niedergeworfen. Diese aufeinanderfolgenden Niederlagen der internationalen Revolution zwangen die Bolschewiki zu verschiedenen wirtschaftspolitischen Massnahmen, die nichts mit dem Sozialismus zu tun hatten, die aber der Stalinismus in der Folgezeit betrügerischerweise unter diesem Namen heiligsprach. Ob es sich nun um die Arbeiterleitung in den Betrieben, die von ihrem Besitzer im Stich gelassen worden sind oder um die Wiederherstellung eines gewissen Binnenhandels, um die industrielle Planung oder um die Ersetzung der zwangsweisen Beschlagnahmung von Getreide durch Steuern in Form von Naturalien handelt; all das war in Wirklichkeit nur ein wirtschaftlicher Notbehelf, ein Linderungsmittel gegen das Elend und gegen die Unterproduktion, vorläufige Massnahmen in Erwartung des Wiederauflebens des proletarischen Kampfes in der Welt, auf den zu verzichten in jener Zeit kein Revolutionär, der diesen Namen verdiente, bereit war.

Es war unvermeidlich, dass das Zurückfluten dieses internationalen Kampfes mit einer Niederlage in Russland enden musste, dass alle diejenigen, die in Russland oder anderswo Lenins Positionen die Treue hielten, niedergemetzelt oder deportiert wurden, damit sich der grösste Betrug der modernen Geschichte vollziehen konnte: die »sozialistische« Heiligsprechung des barbarischsten Systems der Ausbeutung der Arbeitskraft, des Todfeindes des Sozialismus.

3. Isolierung und Niederlage des russischen Proletariats
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Der Sozialismus schafft die Lohnhierarchie ab; die Bolschewiki mussten die Arbeitsproduktivität mit Hilfe von Lohnstufen steigern. Der Sozialismus verkürzt die Arbeitszeit; die Sowjetmacht verlängerte sie. Der Sozialismus schafft das Geld und die Märkte ab; die russischen Kommunisten gaben dem Binnenhandel seine Freiheit zurück. Der proletarische Staat musste Kapital anhäufen, um die zerstörten Produktionsmittel zu ersetzen und um neue herzustellen. Mit einem Wort: politisch war das russische Proletariat an der Macht; wirtschaftlich erschöpfte es sich darin, ein Land in seiner hundertjährigen Rückständigkeit leben zu lassen.

Die Bolschewiki waren sich dieser Forderungen, dieser Widersprüche durchaus bewusst. Sie wussten sehr wohl, dass zwischen dem russischen Proletariat und dem Sozialismus eine einzige Verbindung bestand: die Kommunistische Internationale, die ganz dem Kampf des Proletariats von Europa, in Asien und in der ganzen Welt zugewandt war. Nur ein proletarischer Sieg in den entwickelten kapitalistischen Ländern konnte Sowjetrussland helfen, sein Elend, seine Leiden und die soziale Gefahrenstrecke abzukürzen, die die Wiederherstellung seiner Wirtschaft mit sich brachte. Lenin selbst hat nie gesagt noch gedacht, dass man in dem rückständigen Russland »Sozialismus aufbauen« könnte. Er setzte auf den Erfolg der Arbeiterrevolution, zunächst in Deutschland und in Mitteleuropa, dann in Italien, Frankreich und England. Einzig und allein von dieser Revolution erhoffte er für das zukünftige Russland die Möglichkeit, seine ersten Schritte auf den Sozialismus hin zu tun.

Als Stalin und seine Komplizen an die Macht kamen und selbstherrlich wie Fürsten erklärten, dass der Sozialismus im isolierten Russland möglich sei, zerstörten sie tatsächlich die Zukunftsperspektiven Lenins und der Bolschewiki, zerschnitten das einzige Band, das das russische Proletariat mit der Möglichkeit eines zukünftigen Sozialismus verknüpfte: die Verbindung der russischen Partei mit der kommunistischen Revolution in Europa und in der Welt.

Im Russland jener Zeit hatten die Produktionsverhältnisse nur bürgerliche Grundlagen, soweit sie überhaupt das uralte Stadium der Kleinproduktion und der Naturalwirtschaft überwunden hatten. Auf diesen Grundlagen mussten sich soziale Schichten entwickeln, die dem Sozialismus feindlich gegenüberstanden und es darauf absahen, ihre wirtschaftlichen Vorteile politisch abzusichern. Dazu gehörten vor allem die privaten Kaufleute und Kleinkapitalisten, denen die NEP (Neue Ökonomische Politik) eine beachtliche Handlungsfreiheit zugestanden hatte. Dazu gehörten auch die enormen Bauernmassen, die entschieden konservativ geworden waren, seit die Arbeiterrevolution ihnen Land gegeben hatte.

Hätte die Revolution in Deutschland triumphiert, dann hätte es die Sowjetmacht bei den Zugeständnissen bewenden lassen können, die sie dem Privatkapitalismus und den russischen Bauern bereits gemacht hatte, und alle daraus erwachsenden gesellschaftlichen Konsequenzen unter Kontrolle behalten können. Auf die europäische Revolution zu verzichten, wie Stalin es tat, bedeutete im Gegenteil, der Entwicklung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse in Russland freien Lauf zu lassen. Es bedeutete, den Klassen, die die unmittelbaren Nutzniesser waren, den Vorrang vor dem Proletariat zu geben. Dieses Proletariat, das nur eine geringe Minderheit darstellte, sich im Krieg gegen die Weissen noch zahlenmässig verringert hatte und sich einer erdrückenden Aufgabe in der Produktion gegenüber sah, hatte gegen die Spekulanten des privaten Handels und gegen die Habsucht der Bauern keine andere Waffe als den Knüttel des Sowjetstaates. Aber dieser Staat konnte nur in dem Masse proletarisch bleiben, wie er mit dem internationalen Proletariat einen Block gegen die reaktionären Schichten im Innern Russlands bildete. Durch die Entscheidung, dass Russland ganz allein »seinen« Sozialismus aufbauen sollte, wurde das russische Proletariat dem enormen Druck der nichtproletarischen Klassen ausgesetzt und der russische Kapitalismus von jeglicher Kontrolle und jedem Zwang befreit. Mehr noch, es bedeutete, den russischen Staat in einen gewöhnlichen Staat umzuwandeln, indem man sich anstrengte, so schnell wie möglich aus Russland eine grosse bürgerliche Nation zu machen.

Das war die wirkliche Bedeutung der stalinistischen Wende und der Formel vom »Sozialismus in einem einzigen Land«. Indem er »Sozialismus« nannte, was nur reiner Kapitalismus war, indem er mit der reaktionären Masse der russischen Bauern paktierte, indem er alle Revolutionäre, die der leninschen Perspektive und den Interessen des russischen und internationalen Proletariats die Treue hielten, verfolgte und niedermachte, wurde Stalin Handlanger einer wirklichen Konterrevolution. Obwohl er sie mit der grausamen Härte eines absoluten Herrschers durchführte, war er doch nicht ihr Bahnbrecher, sondern ihr Instrument.

Nach einer Reihe von unheilvollen Zwischenfällen sowohl auf internationaler als auch auf interner Ebene, nach der Niederschlagung bewaffneter Aufstände und nach den katastrophalen Fehlern der Kommunistischen Internationale, sowie nach den Bauernaufständen und den Hungersnöten in Russland, wurde gegen 1924 klar, dass die kommunistische Revolution in Europa auf einen unbestimmten späteren Zeitpunkt hinausgeschoben worden war. Zu dieser Zeit begann für das russische Proletariat eine schreckliche Auseinandersetzung mit allen anderen Klassen der Gesellschaft in der UdSSR. Diese Klassen, die einen Augenblick lang von der Begeisterung der antizaristischen Revolution mitgerissen worden waren, strebten jetzt danach, aus ihrer Eroberung auf bürgerliche Weise Nutzen zu ziehen, indem sie die internationale revolutionäre Perspektive der Herstellung »guter Beziehungen« mit den kapitalistischen Ländern opferten. Stalin war nur der Wortführer und der Ausführer dieser Bestrebungen.

Wenn wir vom »russischen Proletariat« sprechen, verstehen wir darunter nicht einfach die Arbeitermassen selbst, die nach so viel Anstrengungen und Opfern ausgeblutet waren, bedrängt von der Arbeitslosigkeit und von der Hungersnot, unfähig zur politischen Spontaneität, sondern die bolschewistische Partei, in der sich der äusserste revolutionäre Wille einer politischen Generation, dem die geschichtliche Entwicklung nicht mehr entsprach, verhärtete und konzentrierte. Man kann nicht oft genug wiederholen, dass die wirtschaftliche Lage in Russland am Ausgang der Bürgerkriegsperiode fürchterlich war, und dass die ganze Bevölkerung dahin gekommen war, gleich für welchen Preis sich die Rückkehr zu Sicherheit, Brot und Arbeit zu wünschen. Was in einer Periode, in der eine Revolution abebbt, triumphiert, ist nicht das revolutionäre Bewusstsein, sondern die trivialste Demagogie: unter diesen Bedingungen war es Politikern ohne Skrupel nur zu leicht, die Massen von der Notwendigkeit eines Kompromisses mit dem kapitalistischen Westen zu überzeugen. Sie brandmarkten den entschiedenen Willen der bolschewistischen Minderheit, die »leninsche Linie« fortzusetzen - d.h. die Unterordnung aller russischen Politik unter die Strategie der internationalen kommunistischen Revolution - als abenteuerliches Unternehmen. Initiative hatte Stalin - vor dem die gerissensten progressiven Intellektuellen des Westens sich wie billige Huren verneigten - niemals besessen: die übermenschliche und auf lange Sicht unmögliche Aufgabe, die unumgängliche Entwicklung kapitalistischer Grundlagen mit der Aufrechterhaltung der proletarischen Macht in Einklang zu bringen, hatte er anderen überlassen. Er war also verfügbar für die Vernichtung der Perspektiven und der Daseinsberechtigung des Bolschewismus. Diese Vernichtung forderte ein Blutbad; aber was den Historiker in Verwirrung bringt, wenn er sich mit der russischen Konterrevolution befasst, ist die Tatsache, dass sie sich im Innern der bolschewistischen Partei abgespielt hat, so, als ob es sich nicht um den Konflikt zwischen zwei einander diametral entgegengesetzten Geschichtsauffassungen und Klassenpositionen handelte, sondern um unerklärbare Rivalitäten zwischen Führern oder um einen blutigen Familienstreit.

4. Die stalinistische Konterrevolution
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Wir haben gezeigt, dass wegen der Niederlage der europäischen kommunistischen Revolution die Macht der Sowjets (da der »Sozialismus in einem einzigen Lande«, den Stalin unverschämterweise versprochen hatte, ohnehin nicht durchführbar war) der Drohung einer verborgenen internen Offensive der nichtproletarischen Klassen ausgesetzt war. Der reaktionäre Druck dieser Klassen und ihr Streben nach einem Kompromiss mit dem Weltkapitalismus fanden in Stalin einen umso wirksameren Verfechter ihrer Interessen, als er es verstand, den neuen russischen Kapitalismus in den Augen des Proletariats als eine Art nationalen Sozialismus erscheinen zu lassen.

Diese Unverschämtheit verdeckt den Blick auf eins der am meisten missverstandenen Ereignisse der zeitgenössischen Geschichte. Nicht nur dass die authentische, programmatische und politische Perspektive der Oktoberrevolution unter einem halben Jahrhundert Verfälschungen verschüttet liegt, auch viele Leute, denen es gelingt, diese Perspektive der Oktoberrevolution zu entziffern, erblicken darin eine Missachtung des Tempos geschichtlicher Umwandlungen, einen in Anbetracht der russischen Verhältnisse dermassen übermenschlichen Ehrgeiz, dass sie ihnen »unrealistisch«, quasi totgeboren, erscheint. Daher kann man nicht genug wiederholen, dass der Schlüssel zu einer sozialistischen Lösung ausserhalb Russlands zu finden war.

Im Innern Russlands konnte im Gegenteil der doppelte Charakter der Revolution nicht auf unbestimmte Zeit bestehen bleiben. Die wirtschaftliche Entwicklung, die die durchgeführte bürgerliche Revolution verlangte, konnte den rein politischen Sieg der sozialistischen Revolution nur untergraben und ihn auf kurz oder lang zunichte machen. Im Russland der Jahre um 1920 stellt tatsächlich alles, was sich aus nationalen wirtschaftlichen Forderungen herleitet, alles, was russische soziale Interessen zum Ausdruck bringt, eine tödliche Gefahr für den Kommunismus dar. Alle strategischen Lösungen, die auf dem sozialen Gebiet im Innern dieses Landes getroffen werden, enthalten, wenn man das Schicksal, das der internationalen Revolution vorbehalten war, berücksichtigt, dieselbe verhängnisvolle Gefahr für das russische Proletariat.

Dank der Zerstörung des feudalen Grundbesitzes hat die bäuerliche Bourgeoisie einen bedeutenden wirtschaftlichen und sozialen Einfluss erlangt. Sie reisst den Boden der armen Bauern an sich, indem sie ihn in Pacht nimmt. Unter Missachtung des Gesetzes stellt sie Lohnarbeiter ein und geht sogar so weit, das Getreide zu monopolisieren und die Städte hungern zu lassen. In der Verwaltung, wo durch den Lauf der Dinge Zehntausende kommunistischer Kämpfer sich in Beamte verwandelt haben, entwickelt sich ein Apparat von Bürokraten, deren Prinzip »Verwaltung für die Verwaltung« und »der Staat für den Staat« heisst. In dem Land, wo die Hungersnot herrscht, wird es zu einem Vorrecht, Arbeit oder Wohnung zu haben, und nach 1923 zu einer Heldentat, wirklich kommunistische Ansichten zu vertreten.

Warum nach 1923? Es ist erwiesen, dass das, was wir die stalinistische Konterrevolution nennen, der Höhepunkt eines Prozesses ist, der sich über mehrere Jahre erstreckt, unter denen es mühsam ist, die kritische »Schwelle« zu bestimmen. Trotzdem ist 1923 nicht ein willkürlicher Anhaltspunkt. Es ist das Jahr des endgültigen Untergangs der deutschen revolutionären Bewegung. Die letzte Chance einer nahe bevorstehenden Ausdehnung des Kommunismus in Europa verschwindet, und die bedeutende Tragweite dieser Tatsache wird so gut in der russischen Partei verstanden, dass die Nachricht dort Selbstmorde auslöst. Es ist das Jahr, in dem sich die katastrophale Lage der russischen Produktion durch die sogenannte »Scherenkrise« enthüllt: die betreffenden Kurven der Agrarpreise und der Industriepreise stellen sich in Form einer sich öffnenden Schere dar, wie Trotzki auf dem XII. Parteikongress zeigt, und die zunehmende Öffnung dieser »Schere« stellt ein dringendes Problem für die wirtschaftliche Orientierung und die gesellschaftliche Strategie! Muss man umgehend der Schwerindustrie helfen oder im Gegenteil und auf ihre Kosten die Politik der Steuererleichterungen zugunsten der Bauern fortsetzen? Die Antwort bleibt in der Schwebe, aber die Lage verschlechtert sich weiterhin mit 1.250.000 Arbeitslosen. Gleichfalls 1923 erleidet Lenin den 3. Anfall von Arteriosklerose, die ihn 1924 dahinrafft, nicht ohne vorher in dem, was man als sein politisches Testament betrachten kann, »die gewaltigen Kräfte, die den Sowjetstaat aus dem Gleis bringen«, angeprangert und mit Stalin gebrochen zu haben, der, so Lenin, »einen Apparat verkörpert, der uns von Grund auf fremd ist und ein Sammelsurium von bourgeoisen und zaristischen Erbschaften darstellt«. Schliesslich ist 1923 das Jahr, in dem während Lenins Krankheit - und es muss gesagt werden, dass dies zunächst dank der Blindheit der »alten Bolschewiki«, die sich von Stalin manipulieren liessen, geschehen konnte - die erste Intrige gegen Trotzki angezettelt wurde. Gegen den Organisator der Roten Armee wurden damals die ersten politischen Falschmeldungen in Umlauf gebracht. Sie nahmen später zu, um schliesslich zu diesem Wust von üblen Verleumdungen und grotesken Anklagen zu werden, aus dem die heutigen Schurken der »kommunistischen Parteien« - trotz aller Dementis, die ihres Ex-Heiligen, Chruschtschow, mit inbegriffen - noch heute ihre historischen Referenzen beziehen. Die besten unter Lenins Weggefährten begreifen erst zwei Jahre später, wer der wahre Feind der Revolution ist, dieser »Fremdkörper« in der bolschewistischen Partei, den die Geschichte in den nachfolgenden zehn Jahren dazu bestimmte, ihr eigener Henker zu sein. Wenn man heute die vergeblichen Anstrengungen und die zahlreichen Wechselfälle dieser um Trotzki gruppierten Opposition gegenüber der allmächtigen Clique um Stalin prüft, kann man ermessen, wie schwach und gefährdet die tatsächlichen russischen Grundlagen der grandiosen Perspektive Lenins waren, während der Westen (den nach Marx jede Revolution in Russland »aufrühren« musste) nicht einmal mehr in der Lage war, auf dieses Signal zu antworten.

Der Million - oder doch nahezu - neuer, im allgemeinen ungebildeter Elemente, die von Stalin in Massen in die bolschewistische Partei eingelassen wurden, um darin seine Politik der Liquidierung der internationalen Revolution zu unterstützen, stellen sich in den entscheidenden Augenblicken nur einige Hundert wirklicher und mutiger Kommunisten entgegen. Ein solches Missverhältnis der Kräfte wäre unerklärlich, wenn man nicht an folgende entscheidende Begebenheit der Oktoberrevolution erinnerte: für alle über das rein bürgerliche hinausgehende Aufgaben dieser Revolution stellte die gesamte »russische Nation« - d.h. alle Klassen, mit Ausnahme einer kleinen proletarischen Minderheit - nur ein einziges ungeheures Hindernis im Kampf für den Sozialismus dar. Das ist eine entscheidende Tatsache, die von jeder demokratischen Kritik am Stalinismus ignoriert oder unterschätzt wird. Diese Art Kritik ist bestenfalls in der Lage, der wissenschaftlichen Redlichkeit eines Lenin die grobe politische Brutalität eines Stalin gegenüberzustellen. Sie bleibt aber bei der Feststellung dieser augenscheinlichen Erscheinung. Sie sieht nicht, was darin zum Ausdruck kommt, nämlich die ungeheure Bewegung der gesellschaftlichen und historischen Kräfte des russischen Kapitalismus. In dem Augenblick, wo diese Kräfte einer Partei gegenüberstehen, die dazu bestimmt ist, für den Sozialismus zu wirken, sehen sie diese Partei mit Recht als ihr unmittelbares Hindernis, und müssen daher, um sich ihren Weg zu bahnen, dieser Partei die politische Kraft nehmen, ihr die gesellschaftliche Substanz entziehen.

Wir können hier nicht einmal schematisch die Bedingungen darstellen, unter denen ihnen dies gelang. Deshalb verweisen wir den Leser auf unsere Studie »Bilanz einer Revolution«, die in »Programme Communiste«, Sondernummer 40-42, veröffentlicht wurde und beschränken uns hier darauf, die grossen Linien auf politischem Gebiet aufzuzeigen.

Während der internen Kämpfe, die vor 1929 - 1930, also vor dem endgültigen Sieg des Stalinismus auftraten, erhebt keine der wirtschaftlichen Massnahmen, über die die Meinungen in den Fraktionen der Partei auseinandergehen, den Anspruch, über den Rahmen der kapitalistischen Produktionsverhältnisse hinauszugehen; keine hat das Recht, sich sozialistisch zu nennen. Das Problem, das unter die bildliche Formulierung der »Scherenkrise« gestellt wird, wird immer ernster, mit allen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen, seinen Auswirkungen auf den Zustand der Industrieproduktion und das gesellschaftliche Kräfteverhältnis. Die Linke Trotzkis setzt sich für das Prinzip einer vordringlichen Industrialisierung ein - als Vorbedingung für die Entwicklung der Landwirtschaft - und verkündet gleichzeitig die Unterstützung der armen Bauern. Die Rechte Bucharins (aber die Namen werden hier nur als Anhaltspunkte genannt) zielt auf die Bereicherung der mittleren Bauern und das Anwachsen ihres Betriebskapitals im Hinblick auf dessen spätere Konfiskation. Die Mitte um Stalin hat hingegen keine eigene Position; sie beschränkt sich darauf, von rechts und links das zu übernehmen, was ihr am geeignetsten erscheint, um das Ruder des Staates in der Hand zu behalten. Aus diesem Grunde wird in den Polemiken die wirkliche Demarkationslinie zwischen Revolutionären und Konterrevolutionären nicht sichtbar. Das stalinistische Zentrum hat letzten Endes nur eine einzige Funktion, wenn es bald diese, bald jene Massnahmen, von der »Linken« oder »Rechten« vorgeschlagen, ergreift: nämlich den russischen Staat, die russische Nation zu retten und zu stärken; indem es die doppelte Revolution nur auf ihren antifeudalen, also kapitalistischen Aspekt einengt, ist das Zentrum grundsätzlich antikommunistisch.

Die Linke und die Rechte halten Lenin die Treue und wissen, dass letztlich alles von der internationalen Revolution abhängt, dass es gilt, auszuhalten, bis sie siegt. Sie sind nur deshalb einander heftig entgegengesetzt, weil sie sich über den Erfolg der Mittel nicht einig sind, die zu diesem Ziel führen sollen. Die Haltung des Zentrums dagegen ist völlig verschieden, es hat schon mit der internationalen Revolution gebrochen und hat auf politischem Gebiet nur ein Ziel: diejenigen zu schlagen, die ihr die Treue halten. Die Art und Weise, auf welche Stalin sich durchsetzt, zeigt dies deutlich. Er stützt sich zunächst auf die Rechte, übernimmt deren Programm der Unterstützung der mittleren Bauern und klagt Trotzki in einer Flut von Beleidigungen an, das unfehlbare »leninistische« (!) Bündnis zwischen Bauern und Proletariat zu sabotieren. Angesichts des Misserfolges dieser Politik, und wegen der Drohungen der Kulaken von Panik erfasst, schaltet er in einer zweiten Periode die Rechte aus und zieht Bucharin in den Schmutz, indem er ihn - zu Unrecht - anklagt, die Interessen der ländlichen Bourgeoisie zu vertreten. Dies Unterfangen gelingt so gut, dass es Bucharin - nachdem er einen Augenblick lang versucht hat, sich Trotzki zu nähern - nicht gelingt, Trotzki davon zu überzeugen, dass die Rechte marxistisch ist, während das Zentrum es nicht ist. Einige Anhänger Trotzkis halten die Anleihen, die Stalin im Interesse seiner Sache bei ihren eigenen Positionen macht, sogar für eine Annäherung des Zentrums an die Linke.

Dieser »physische« Kampf ist natürlich Ausdruck der Offensive der unterirdischen wirtschaftlichen Kräfte - von denen vorher die Rede war - in Parteispitze und Staatsführung. Aber er zeigt, welch gewaltiger Rückschritt auf politischem Gebiet nötig war, um diesen Kräften zum Sieg zu verhelfen, während es auf wirtschaftlichem Gebiet keineswegs nötig war, auf dieselbe Weise vorzugehen. Ökonomisch war die Lösung der Linken ebensowenig sozialistisch wie die der Rechten. Die Lösung »Stalin« war es um nichts mehr, obwohl es so scheint, als habe sie sich - bei der Zwangskollektivierung und bei der Kolchosbewegung - von einer Karikatur der Position Trotzkis inspirieren lassen. Die Erklärung dieses Paradoxons liegt darin, dass keine russische Lösung eine auch noch so entfernte Verwirklichung des Kommunismus ermöglichen konnte, wenn die internationale Revolution geschlagen war.

Die übermenschliche Anstrengung derjenigen, die sich gegenseitig zerrissen wegen der Mittel, dieser harten geschichtlichen Wirklichkeit entgegenzutreten, verstellte ihnen den Blick für ihren gemeinsamen Feind, den ein Bucharin vielleicht erst in dem Augenblick erkannte, als er den kalten Revolver des Henkers im Nacken spürte.

Die Tatsache, dass eine blosse Armee von Mördern als Feind einer sozialen Revolution auftreten kann, beweist, dass der sozialistische Charakter des Oktobers 1917, wenn man ihn von der erwarteten Unterstützung des internationalen Proletariats isoliert betrachtet, sich auf den Willen einer Partei beschränkte, d.h. auf eine Gruppe von Menschen, die übrigens unter der Last der feindlichen Umstände kleiner wurde: Revolutionäre zu töten ist genau die Aufgabe, die jeder Konterrevolution zukommt.

5. Sozialismus und Staatskapitalismus
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Wegen der äussersten Komplexität dieser überaus stürmischen Geschichtsphase haben wir die traditionelle didaktische Methode, die vom Besonderen zum Allgemeinen übergeht, umkehren müssen. Vor einer Frage, von der kein Aspekt isoliert betrachtet werden kann, haben wir zunächst durch einen Gesamtüberblick beweisen müssen, dass eine enge und zwangsläufige Wechselwirkung die wirtschaftlichen und politischen Probleme, die soziale Strategie im Innern Russlands und die internationale Rolle, die die Kommunisten ihrer Revolution zuschreiben, untereinander verbindet. Bei dieser Gelegenheit haben wir ausführlich auf der Bedeutung der Fraktionskämpfe, die sich seit 1923 in der Führung der bolschewistischen Partei bemerkbar machten, bestehen müssen: es handelte sich nicht etwa um eine Gegenüberstellung wirtschaftlicher Lösungen, von denen die einen sozialistisch waren und die anderen nicht, sondern um Differenzen über die verschiedenen Weisen, um - in Erwartung der internationalen Revolution - die Macht zu behalten. Wir müssen noch im Einzelnen auf diesen wesentlichen Punkt zurückkommen, um zum Ursprung der Entwicklung der russischen Wirtschaft zurückzukehren, die zu ihrem heutigen Zustand geführt hat.

Es muss wiederholt werden, dass die bolschewistische Wirtschaftspolitik seit den ersten Jahren der Revolution von einem Widerspruch bedroht wurde, der ihr langfristig gesehen Unheil brachte und den alle Kommunisten Russlands und der Welt - bis zur Stalinschen Wende - nur durch den internationalen Sieg des Sozialismus zu überwinden hofften. Aber in Erwartung dieses Sieges - der übrigens nach und nach problematisch wurde - musste die russische Bevölkerung leben, mussten die Produktivkräfte des Landes so gut wie möglich in dem Zustand, in dem sie sich befanden, genutzt werden, d.h. auf dem Stand einer kleinbürgerlichen Marktwirtschaft. Welche Losung wurde von den Bolschewiki in diesem Fall ausgegeben? Die Ausrichtung aller Anstrengungen in der Produktion auf den Staatskapitalismus hin.

Warum Kapitalismus? Lenin erklärt es in seinem Text vom April 1921 »Über die Naturalsteuer« (Ausgewählte Werke, Band 2, Dietz-Verlag, Berlin 1959, Seite 831- 867), dem wir alle Zitate dieses Kapitels entnehmen:

»Sozialismus ist undenkbar ohne grosskapitalistische Technik, die auf den neuesten Errungenschaften der modernen Wissenschaft beruht...« (Seite 886).
Tatsächlich gibt es keinen anderen »Weg zum Sozialismus« - natürlich auf rein wirtschaftlicher Ebene - als das Übergangsstadium der Akkumulation des Kapitals, das »normalerweise« Aufgabe der bürgerlichen Gesellschaft und nicht der Macht des Proletariats ist. Da aber in Russland die Bourgeoisie ihre historische Aufgabe nicht erfüllt hat, muss das Proletariat die Erfüllung dieser notwendigen Bedingung des Sozialismus übernehmen. Um später das Lohnsystem abschaffen zu können, muss man Millionen von Bauern, die in »verlorenen Landstrichen« dahinvegetieren, wo »zig Wersten ohne Strasse das Dorf von der Eisenbahn trennen«, in Lohnempfänger verwandeln. Um später den Warenaustausch aufheben zu können, muss man ihn zunächst in all diesen Landstrichen einführen,
»
wo patriarchalische Zustände herrschen, Halbbarbarei und ausgesprochene Barbarei«.
Man muss auch die »Grossindustrie« und die »moderne Technik« fördern, indem man die »patriarchalischen Zustände, die Trägheit«, die das Kennzeichen des gesellschaftlichen Lebens im immensen russischen Hinterland darstellen, angreift.

Die Verwirklichung dieser erdrückenden Aufgabe hat für Lenin und für alle Marxisten, die diesen Namen verdienen, niemals eine sozialistische Errungenschaft, sondern kurz und gut Kapitalismus bedeutet. Trotz der gelehrigen Professoren, die die bewussten und verbrecherischen Entstellungen des Stalinismus in Gelehrtenblödsinn verwandeln, wird der Sozialismus nicht in Werken aus Beton und aus Stahl »aufgebaut«, die für das Funktionieren der modernen Produktivkräfte unentbehrlich sind: der Sozialismus ist die Befreiung dieser bereits vorhandenen Kräfte, er ist die Zerrüttung der Hindernisse, die überholte Produktionsverhältnisse ihnen in den Weg stellen.

Das Drama der Oktoberrevolution besteht darin, dass das russische Proletariat - im Gegensatz zum westlichen Proletariat, wenn es an die Macht gekommen wäre - nicht nur eine einzige Serie von Fesseln zu zerbrechen hat, sondern sogar zwei. Die Fessel, die die bürgerlichen Produktionsbeziehungen darstellen, sind zwar auf internationaler und historischer Ebene überholt, auf der russischen aber noch nötig, sogar unentbehrlich.

»Der Kapitalismus«, schreibt Lenin, »ist ein Übel gegenüber dem Sozialismus. Der Kapitalismus ist etwas Gutes im Vergleich zum Mittelalter, im Vergleich zur Kleinproduktion, im Vergleich zum Bürokratismus, den die Zersplitterung der Kleinproduzenten hervorbringt. Weil wir nicht in der Lage sind, den sofortigen Übergang von der Kleinproduktion zum Sozialismus zu verwirklichen, ist der Kapitalismus gewissermassen unvermeidlich als natürliche Konsequenz der Kleinproduktion und des Warentausches: wir müssen also den Kapitalismus benutzen (besonders, indem wir ihn auf den Staatskapitalismus hin orientieren) als Zwischenglied, das von der Kleinproduktion zum Sozialismus führt; wir müssen ihn als Mittel, Weg, Verfahren, Art und Weise benutzen, der es erlaubt, die Produktivkräfte zu vermehren«. (Hervorhebungen von uns, Anm. d. Hrsg.)

Das grösste Verbrechen Stalins dem Proletariat gegenüber - ein noch grösseres Verbrechen, als Revolutionäre hingeschlachtet zu haben, die russischen Arbeiter einer namenlosen Sklaverei und die Arbeiter im Westen ihrer »demokratischen« Bourgeoisie unterworfen zu haben - ist die Tatsache, dass er aus dem Mittel, auf das von Lenin hingewiesen wurde, einen Zweck gemacht hat; dass er einen geschichtlichen »Übergang« in ein Endstadium verwandelt und den Sozialismus völlig, dem Kapitalismus angeglichen hat; dass er soviel Verwirrung stiftete, dass für die Schwachköpfe und Halunken, die Lenin beweihräuchern, gleichzeitig aber seine Lehren in den Wind schlagen, die Aufgabe des Sozialismus Punkt für Punkt die Akkumulation des Kapitals geworden ist!

Aber warum ist in der Perspektive, die Lenin für Russland aufgestellt hat, von Staatskapitalismus die Rede? Weil der Sozialismus, wenn er schon ohne vorherige kapitalistische Entwicklung nicht realisierbar ist, es ohne »die Herrschaft des Proletariats im Staate« ebensowenig ist. Der Staat, der aus der Oktoberrevolution hervorgegangen ist, ist proletarisch; d.h. dass er aus einer Revolution entstanden ist, die vom Proletariat geführt wird, dass er von einer Partei geführt wird, die sich aus dem Proletariat entwickelt hat und mit der spezifischen Theorie und dem Programm des Proletariats bewaffnet ist. Das alles auf politischer Ebene. Aber inwiefern ist dieser Staat auf wirtschaftlicher Ebene sozialistisch? Lenin sagt klar, wie es damit steht:

»Kein einziger Kommunist hat wohl bestritten, dass der Ausdruck ‚sozialistische Sowjetrepublik' bedeutet, dass die Sowjetmacht entschlossen ist, den Übergang zum Sozialismus zu verwirklichen, keineswegs aber, dass die gegebenen ökonomischen Zustände als sozialistisch anerkannt werden« (Seite 882).

Lenin, der in diesem Text häufig den Ausdruck »Übergang« gebraucht, legt Wert darauf zu definieren, welchen Weg Russland einschlagen muss, um von seinem zeitgenössischen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zustand zum Sozialismus zu gelangen:
»
Was zur gegenwärtigen Stunde in Russland vorherrscht, ist gerade der kleinbürgerliche Kapitalismus, von dem ein und derselbe Weg sowohl zum Kapitalismus als auch zum Sozialismus führt: dieser Weg führt über ein und dieselbe Zwischenstation, nämlich die Aufsicht und Kontrolle über die Produktion und die Verteilung der Produkte auf nationaler Ebene«.
Und Lenin insistiert:
»
Es ist unmöglich, fortzuschreiten, herauszufinden aus der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage in Russland, ohne durch das hindurchzugehen, was der Staatskapitalismus und der Sozialismus gemein haben (allgemeine Aufsicht und Kontrolle)« (Seite 887).

Lenins Gedanke ist klar, selbst wenn man ihn in der Folgezeit unverschämterweise verfälscht hat: der Weg, den Russland beschreiten muss, um zum Sozialismus zu gelangen, ist zwangsläufig vorherbestimmt durch den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zustand dieses Landes nach der Revolution. Nur die politische Beschaffenheit des Staates, weil dieser Staat proletarisch ist, garantiert, dass man nicht am Weg stehen bleiben wird, dass man nicht halt macht an einer der »Zwischenstationen«, die »Kleinhandelsproduktion«, »Privatkapitalismus«, »Staatskapitalismus« heissen, sondern dass man im Gegenteil in vollem Tempo auf diejenige zusteuert, die, zwar noch in der Ferne, mit den flammenden Buchstaben Sozialismus leuchtet. Aber dies nur - man muss es bis zum Überdruss wiederholen - unter der unabdingbaren Voraussetzung, dass der internationale Sieg des Proletariats in allen grossen Zentren der Welt errungen wird und der »Lokomotive« der russischen Revolution freie Fahrt auf der ganzen Strecke gibt!

Wenn diese klare Perspektive heute unter unentwirrbaren Irrtümern verborgen liegt, so ist das sicherlich in erster Linie auf die schamlosen Entstellungen des Stalinismus zurückzuführen. Aber es liegt auch am Lauf der geschichtlichen Entwicklung, die Niederlage auf Niederlage des Proletariats, Ableugnung auf Ableugnung seiner Partei zu verzeichnen hat. Das allgemeine Zurückfluten der proletarischen Bewegung, das auf allen Gebieten zu beobachten war, hat die meisten Verwüstungen auf dem Gebiet der Einsicht, die das Proletariat in seine eigene Geschichte haben kann, angerichtet. Man findet den unmittelbaren Beweis dafür in der Tatsache, dass die Oktoberrevolution entstellt worden ist, und zwar nicht nur durch die Stalinisten, sondern auch durch die Mehrheit der Antistalinisten.

Das ist namentlich der Fall für den »radikalistischen« Standpunkt, nach dem der Misserfolg der Revolution der »leninistischen« Auffassung vom Staatskapitalismus zuzuschreiben sei.

Wir werden später zeigen, dass dieses Argument vor einer unbestreitbaren Wirklichkeit zusammenbricht: der Stalinismus hat noch nicht einmal diese Stufe der Wirtschaft erreicht, den Staatskapitalismus, der übrigens nach Lenin nur einen »Schritt nach vorne« darstellt. Das ist aber der sichere Beweis dafür, dass man dessen angebliche Verwirklichung nicht mit dem Triumph der stalinistischen Konterrevolution identifizieren kann. Indem sich diese Konterrevolution der Bremshebel der »Lokomotive der Geschichte« bemächtigt hat, hat sie sie in eine keuchende Maschine verwandelt, die, nachdem sie zaghaft ein Stück auf den Staatskapitalismus zugefahren ist, sich damit zufrieden gibt, zwischen den »Zwischenstationen« hin und her zu pendeln, die sie von der Kleinproduktion trennen; und die Konstrukteure des »Sozialismus in einem Land« haben dabei eine deutliche Vorliebe für die primitivsten »Zwischenstationen« gezeigt.

Zahlreiche Antistalinisten, die über keine anderen Kriterien als die der »Demokratie«, der »politischen Moral« oder der »besten Organisationsform« verfügen, verdammen Lenins Lehre, weil er nach ihrer Meinung Sozialismus und Staatskapitalismus einander angleicht. Das ist eine Verirrung, die den meisten linken oder rechten Kritikern der russischen Revolution gemeinsam ist. Wie wir oben gesehen haben, hat sich bei Lenin die Formel vom Staatskapitalismus nur deshalb geboten, um eine mehr als ungenügende Entwicklung des Kapitalismus überhaupt zu ergänzen. Es handelt sich hier um ein Ziel, das den »russischen Bedingungen« streng entspricht und den Bedingungen für die proletarische Revolution in den entwickelten Ländern absolut unangemessen ist, denn in diesen kann man ohne weitere Entwicklung des Kapitalismus despotisch in sozialistischem Sinne in die Wirtschaft eingreifen, um das Lohnsystem abzuschaffen, als Vorbedingung für ein weiteres Wachstum der Produktivkräfte. Was an der Oktoberrevolution international ist, ist ihre wesentliche politische Linie: die allgemeine Notwendigkeit der Diktatur des Proletariats. Alles, was russische Wirtschaftsprobleme angeht, befindet sich weit unter dem Sozialismus.

Die spitzfindigen »Extremisten« verwandeln das, was nur ein vorübergehendes Ziel in der proletarischen Steuerung einer rückständigen Wirtschaft war, in ein Prinzip, in eine Grundsatzfrage und verfallen somit - allerdings gutgläubig - dem gleichen Irrtum, der es dem Stalinismus erlaubt hat, als Sieger aus der internationalen Arbeiterbewegung hervorzugehen.

6. Sozialismus und Kleinproduktion
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Wie wir bereits gesehen haben, lief für Lenin und die Bolschewiki der »Weg zum Sozialismus« in Russland in anscheinend paradoxer Weise über den Staatskapitalismus. Seit langem hat sich ein gewisser Extremismus dieser Formel bemächtigt, um daraus zu schliessen, dass für Lenin der Sozialismus sich auf den Staatskapitalismus beschränke und dass diese Auffassung dem Stalinismus den Weg gebahnt habe. Zur Widerlegung dieser These sind einige unentbehrliche Klarstellungen über die Entwicklung der russischen Wirtschaft seit der Oktoberrevolution erforderlich; wir werden uns bemühen, deren Wesenszüge hervorzuheben.

Zunächst ist es notwendig, darauf hinzuweisen, was in diesem genau umrissenen Bereich die politische Erscheinung bedeutet, die wir als »stalinistische Konterrevolution« bezeichnet haben und etliche Schwierigkeiten und Widersprüche aufweist, die wir keineswegs verhehlen. Wenn wir z.B. einerseits behaupten, ohne die Hilfe der internationalen Revolution bliebe der russischen Wirtschaft nichts anderes übrig, als nach einer kapitalistischen Entwicklung zu streben, und andererseits sagen, dass dieser Kapitalismus Werk des Stalinismus ist, so erwartet uns eine heikle Bemerkung: worin unterscheidet sich die Wirtschaftspolitik Lenins von der Stalins, und mit welchem Recht kann man von einer Konterrevolution reden, wenn diese das Werk der von ihr geschlagenen politischen Kräfte fortsetzt?

Auf diesen Einwand haben wir auch bereits geantwortet: die vom Zarismus befreite russische Wirtschaft strebte aufgrund einer unvermeidlichen Notwendigkeit zum Kapitalismus, und die Bolschewiki hatten keineswegs die Absicht, das Kapital auf jenem russischen Terrain anzugreifen, sondern auf internationaler Ebene und in jenen Ländern, wo seine Produktionsverhältnisse durch eine siegreiche Revolution sofort zerstört werden konnten. Dennoch bleibt noch festzulegen, was für eine Richtung die stalinistische Konterrevolution der gesamten geschichtlichen Entwicklung der modernen russischen Gesellschaft gab: es geht nicht nur darum, dass sie jeder wenn auch noch so entfernten Aussicht auf den Sozialismus einen Endpunkt gesetzt hat, sondern auch, dass sie einen Weg kapitalistischer Ausdehnung darstellt, welcher weit davon entfernt ist, der radikalste und triebkräftigste zu sein.

Vor allem soll klar sein, dass jede Konterrevolution politisch ist, d.h. sie drückt sich durch einen Wechsel der an der Macht befindlichen Klasse aus, aber nicht durch eine Stillegung der Entwicklung der Produktivkräfte, was ein Rückwärtsschreiten der Zivilisation bedeuten würde und wovon uns die moderne Geschichte kein einziges Beispiel bietet. So hat die Restauration 1815 in den Ländern Europas die Aristokratie wieder an die Macht gebracht, von der die Revolution von 1789 sie verjagt hatte; sie hat jedoch nicht die durch diese Revolution hervorgerufene Ausbreitung des Kapitalismus aufgehalten. Mit anderen Worten: sie hat die Adligen in Bankiers oder Grossgrundbesitzer verwandelt, aber nicht die Bourgeois wieder zu Leibeigenen gemacht!

In gleicher Weise wich der Stalinismus trotz seiner Sabotage der internationalen Revolution nicht vor den durch den Sturz des Zarentums erreichten Ergebnissen: Verallgemeinerung der Warenproduktion, Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft. Ebenso ist es wahr, dass diese Konterrevolution nicht den gefallenen Klassen die Macht wiedergegeben hat - und das ist der letzte, jedoch nicht der geringste der Einwände, auf die wir antworten müssen. Für den Augenblick beschränken wir unsere Widerlegung auf folgende Bemerkung: die Krise des Kolonialismus dieser letzten zwei Jahrzehnte hat bestätigt, dass - dank der Kampfunfähigkeit des Weltproletariats - aus allen in rückständigen oder halbfeudalen Ländern erfolgten Revolutionen der Kapitalismus hervorgegangen ist (selbst bei Abwesenheit einer »physischen« bürgerlichen Klasse), da der Staat in seiner Funktion als Wirtschaftsagent kapitalistische Produktionsverhältnisse errichtet oder erhält.

Die Kenntnis der determinierenden Rolle, die der Staat als »Bindeglied« zwischen zwei aufeinanderfolgenden Produktionsweisen spielt, ist unerlässlich, um ebensogut die Funktion zu verstehen, die Lenin dem Staat in der Oktoberrevolution zugeteilt hatte; wie auch, um blosszustellen, welche Funktion er unter Stalin dann effektiv erfüllte. Nach der marxistischen Auffassung ist der Staat ein Zwangsinstrument im Dienste der herrschenden Klasse, das die einer bestimmten Produktionsweise entsprechende gesellschaftliche Ordnung garantiert. Diese Definition hat auch für den proletarischen Staat Gültigkeit, wohlgemerkt, wenn man davon absieht, dass er einerseits die Herrschaft der ausgebeuteten Klassen über die Ausbeuterklassen darstellt und nicht umgekehrt, und dass er andererseits dazu bestimmt ist, abzusterben, zusammen mit dem Verschwinden der Produktionsverhältnisse, deren Abschaffung er anstrebt. Auf diesem letzten Gebiet kann der proletarische Staat, wie alle anderen, nur mit zwei Mitteln eingreifen: erlauben oder verbieten.

Wir haben gesehen, dass die russische Revolution aufgrund ihres doppelten, nämlich antifeudalen und antikapitalistischen Charakters wohl die ihrer ersten Phase entsprechende politische Etappe »überspringen«, sich jedoch nicht der Verwirklichung ihres ökonomischen Ziels entziehen konnte. Sie zerstörte und machte jede auf der Akkumulation des Kapitals beruhende Klassenherrschaft unmöglich; sie konnte jedoch nicht überleben, ohne diese Akkumulation zu dulden und sogar zu fördern. Ihr proletarischer Charakter hing somit vielmehr von etwas potentiell gegebenen als von etwas wirklich vorhandenem ab; ihr Sozialismus war vielmehr Absicht und Zielsetzung als materielle Möglichkeit.

Unter diesen Bedingungen und nachdem die Niederlage der kommunistischen Revolution in Europa unzweifelhaft war, auf welche Tatsachen konnte man sich stützen, um die »Schwelle« festzulegen, nach welcher der Staat aufhört, jegliche Beziehung zur revolutionären Funktion des Proletariats zu haben? Auf politischer Ebene ist es sehr leicht, diese Schwelle festzulegen. Sie wurde übertreten, als der Stalinismus offen auf die Bedingung der Zukunft des russischen Sozialismus verzichtete: auf die internationale Revolution. Aber auf ökonomischer und sozialer Ebene kann man den einzigen soliden Massstab von der Funktion des Staates ableiten, wie sie oben gezeigt wurde: der sowjetische Staat hat aufgehört, proletarisch zu sein, sobald er sich der Möglichkeit beraubte, die ökonomischen und sozialen Übergangsformen zu verbieten, die zu erlauben er gezwungen gewesen war.

Diese Machtlosigkeit offenbart sich auf juristischer Ebene erst mit der Verfassung von 1936 - die durch die Einführung der demokratischen Gleichheit zwischen Arbeitern und Bauern in Wirklichkeit die Unterwerfung des Proletariats unter die gewaltigen Bauernmassen darstellte -‚während sie sich auf wirtschaftlicher und sozialer Ebene in erster Linie bereits durch die im Bereich der Agrarstrukturen stattgefundene »grosse Wende« verwirklicht. Die stalinistische Propaganda, unterstützt durch die ganze internationale »Intelligenz«, behauptet, die »Kollektivierung« und die »Entkulakisierung« der dreissiger Jahre habe die zweite der beiden russischen Revolutionen verwirklicht, die im Oktober 1917 enthaltene kommunistische Revolution. Diese grossmäulige Prahlerei - die nur durch eine vollständige Entartung aller marxistischen Kriterien ermöglicht wurde - bricht vor folgender Feststellung zusammen: die Struktur der Agrarproduktion, die das moderne Russland wie eine Bleikugel am Fusse mitschleppt, hat nicht nur kein sozialistisches Niveau erreicht, sondern sie hinkt eine ganze Stufe hinter der Landwirtschaft der entwickelten kapitalistischen Länder her. Es würde, um das zu erläutern, genügen, an die endemische Knappheit an Lebensmitteln in Russland zu erinnern und an die noch heute unumgängliche Notwendigkeit, Getreide in ein Land einzuführen, das einst einer der grössten Getreideproduzenten der Welt war.

Gegen die weitverbreitete »extremistische« Meinung, die Niederlage des Sozialismus in Russland sei auf die Einführung eines ungeheuren Staatskapitalismus zurückzuführen, muss man die Produktionsform unterstreichen, vor welcher letzten Endes die proletarische Macht in diesem Land kapituliert hat. Es genügt, sich auf Lenin zu berufen und festzustellen, wen er als »Feind Nr. 1 des Sozialismus« in seinen Reden und Schriften pausenlos bezeichnete und wie dieser Feind allen in der UdSSR eingeführten Reformen und Veränderungen standhielt. In dem von uns bereits zitierten Text (»Über die Naturalsteuer«) zählt Lenin die fünf Formen der russischen Wirtschaft auf:
1. die Naturalwirtschaft (d.h. die kleine, fast ausschliesslich von den Produzenten selbst verbrauchte Familienproduktion;
2. die kleine Warenproduktion (»der alle Getreide verkaufenden Bauern angehören«);
3. der privatwirtschaftliche Kapitalismus (dessen Wiedergeburt auf die NEP zurückreicht);

4. der Staatskapitalismus (d.h. das Getreidemonopol und die Einziehung aller Produkte, die die proletarische Macht unter tausend Schwierigkeiten zu verwirklichen anstrebt);
5. der Sozialismus: über diesen Punkt drückt sich Lenin mit sehr grosser Klarheit aus; er ist nichts - sagt er - als eine »juristische Möglichkeit« des proletarischen Staates. Eine Möglichkeit, die nur dann zu einer unmittelbaren Wirklichkeit hätte werden können, wenn die russische Revolution die historischen Errungenschaften eines »totalen Imperialismus« geerbt hätte; eines
»
Systems, in dem alles dem Finanzkapitals unterworfen wäre« und in welchem »nur noch die Spitze zu beseitigen und der Rest in die Hände des Proletariats zu übergeben bliebe«.

Das war offensichtlich nicht der Fall in Russland. Aus diesem Grund entfaltete sich in der obigen Tabelle Lenins der aufgenommene Kampf nicht zwischen dem tendenziellen Staatskapitalismus und dem Sozialismus, der nur als reine »juristische Möglichkeit« bestand, die politisch durch die Natur der machthabenden Partei eine Grundlage hatte, aber nicht in der Wirtschaft, wo die kleine Produktion noch herrschte. Lenin:
»
Hier kämpft nicht der Staatskapitalismus gegen den Sozialismus, sondern die Kleinbourgeoisie plus privatwirtschaftlicher Kapitalismus kämpfen zusammen, gemeinsam, sowohl gegen den Staatskapitalismus als auch gegen den Sozialismus«.

Man kann den Ausgang dieses Kampfes an dem Spektakel der heutigen russischen Landwirtschaft messen, die, weit davon entfernt, die kleine Produktion abgeschafft zu haben, sie im Gegenteil unter dem falschen »kollektivistischen« Anschein der Kolchose verewigt hat. Wir werden in einem weiteren Kapitel den wirtschaftlichen Inhalt und den sozialen Einfluss eines Typs von Genossenschaft analysieren, der sich von denen in den kapitalistischen Ländern des Westens kaum unterscheidet. Wir möchten hier nur unterstreichen, dass die Partei des russischen Proletariats keineswegs dem Auftauchen von »neuen Formen« unterlag, die der Marxismus »nicht vorausgesehen hätte« oder vor einem riesigen Termitenhaufen von Bürokraten, den die Arbeiterklasse vorher in sich gedeihen liess. Sie wurde nur von den sozialen und historischen Bedingungen Russlands besiegt, von denen sie wusste, dass sie ihrer nur mit Hilfe der europäischen kommunistischen Revolution Herr werden konnte.

Die übelste der stalinistischen Verfälschungen besteht in der Behauptung, dass unter diesen Bedingungen der Sozialismus »aufgebaut« worden sei. Dieser Betrug wurde von Lenin schon zur Zeit der NEP entlarvt:
»
Die kommunistische Gesellschaft mit den Händen der Kommunisten aufbauen zu wollen, ist die kindischste Idee, die man je hatte; die Kommunisten sind nichts als ein Tropfen Wasser in einem Volks-Ozean...«.
Es geht darum - fährt er fort - »ihn mit den Händen anderer zu verwirklichen« indem man den nichtproletarischen Klassen erlaubt, ihre Produktionstechnik zu modernisieren, sich die Benutzung moderner Maschinen anzueignen, d.h. mit einem Wort, die Voraussetzungen des Sozialismus und nicht den Sozialismus selbst zu schaffen; und diese Voraussetzungen haben keinen anderen Namen als Kapitalismus!

Entwicklung des Kapitalismus bedeutet Abschaffung der kleinen Produktion. Die russischen Kommunisten haben dies auf die kommunistische Weise versucht und nicht auf die bürgerliche. D.h. sie versuchten, die Existenz und die Arbeitsfähigkeit des Parzellenbauern zu retten, indem sie ihn von seinem lächerlichen »Eigentum«, dieser noch grösseren Sklaverei als der Leibeigenschaft, wegrissen. Das waren die »Landkommunen«, wo die Bolschewiki sich anstrengten, die Bauern auf der Grundlage einer kollektiven Ausbeutung und Verteilung zu gruppieren, ohne individuelles Eigentum, ohne Lohnarbeit... Sie scheiterten daran, so wie später der Weg Bucharins scheiterte, der seine Hoffnung auf ein Wachstum des Betriebskapitals des mittleren Bauern gesetzt hatte (2).

Die »Lösung«, die sich durchsetzte, war diejenige Stalins: die Zwangskollektivierung. Die furchtbarste, die barbarischste, die reaktionärste, die man sich vorstellen kann. Furchtbar, weil durch unbeschreibliche Gewalttätigkeiten in die Wege geleitet. Die barbarischste, weil von der Zerstörung unermesslichen Reichtums begleitet, namentlich der Vernichtung des Viehbestandes, worunter selbst nach vierzig Jahren das heutige Russland noch leidet. Die reaktionärste, weil sie den Kleinproduzenten - im Gegensatz zum westlichen Kapitalismus, der ihn abschafft - in einem vom Standpunkt der Produktivität unzureichenden und vom ideologischen Standpunkt rückschrittlichen System stabilisiert. Der Kolchosbauer, der zum traditionellen Egoismus des Landbewohners die Habsucht des Bauern dazuhäuft, ist zum Bild des Triumphs des Bauerntums über das Proletariat geworden, der von der Prahlerei des »Sozialismus in einem einzigen Land« umhüllt wird.

7. Der falsche Kolchosen-»Kommunismus«
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Nachdem wir gezeigt haben, was für ein kolossales Hindernis die Kleinproduktion im proletarischen Russland darstellte, können wir jetzt auf den Kern des stalinistischen Betrugs kommen. Für Stalin hat man dank der Kolchosen dieses Hindernis überwunden und den Sozialismus in Russland errichtet. Wir behaupten, dass in Wirklichkeit der Kapitalismus in Russland triumphiert hat. Die Wege dieses Triumphzuges, die, nebenbei gesagt, die Leute verwirren, die sich damit begnügen, Formen aufzuzählen, statt deren Inhalt zu untersuchen, diese Wege sind die eines sozial-ökonomischen Kompromisses mit der Kleinproduktion.

Dieser Kompromiss ist nicht auf den im Kopf eines genialen Chefs ausgereiften Gedanken zurückzuführen, so wie es die kriecherischen Diener Stalins in allen Ländern lobpreisen. Die Ursachen liegen hingegen in den Zwangsfolgen der gegebenen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen, die man nicht analysieren kann, ohne auf die bereits erwähnte Auseinandersetzung über die Agrarfrage innerhalb der bolschewistischen Partei zurückzukommen. Man wird sich daran erinnern, dass die »Linke« um Trotzki der industriellen Entwicklung als Vorbedingung zur Sanierung der Landwirtschaft den Vorrang gab, während die »Rechte« um Bucharin auf die Akkumulation des Kapitals durch die ländlichen Mittelklassen zielte.

Bei dieser Debatte muss man sich den grundlegenden Unterschied vor Augen halten, der zwischen den Bestrebungen der Linken und der Rechten der Partei einerseits und des stalinistischen Zentrums andererseits zutage trat. Das Zentrum machte sich kaum Sorgen um die Richtigkeit der beiden entgegengesetzten Thesen; als politischer Ausdruck des russischen Nationalstaates kam es ihm darauf an, den letzten internationalen Flügel der Partei unerbittlich auszurotten. Der Stalinismus handelte bereits auf seinem spezifischen Boden: Verlassen des Kampfes um die Weltrevolution, Stabilisierung und Festigung der bestehenden Strukturen, Verwandlung des revolutionären Führungszentrums der Weltpartei in einen rein nationalen Staatsapparat. Noch waren sich weder Trotzki noch Bucharin der Absichten und Bestrebungen Stalins völlig bewusst, denn sie waren zu sehr um die äusserst wichtige Entscheidung der sie trennenden Fragen besorgt, als dass sie der gemeinen Manöver des »Generalsekretärs« Rechnung trugen. Es gab aber keine taugliche Lösung, wenn die internationale Revolution keinen neuen Aufschwung finden würde. In dieser Erwartung nahmen die jeweiligen Stellungen in den Augen ihrer leidenschaftlichen Verteidiger die Form eines »alles oder nichts« an, was sie zur Unnachgiebigkeit und nicht zur Versöhnung führte. In den Augen Trotzkis, der nur in einer energischen Industrialisierung eine Rettung, die Möglichkeit eines Ausharrens, sah, erschien Bucharin, von Stalin verräterisch ausgenützt und verteidigt, als Fürsprecher der reichen Bauern. Für Bucharin hätte der Vorrang der Industrialisierung schwere bürokratische Folgen gehabt. In seinen Augen wäre es besser gewesen, die mit der Natur des proletarischen Staates unvereinbare Kapitalakkumulation einer Landbourgeoisie zu überlassen, deren man später Herr werden konnte. Die Erbitterung dieses Konflikts zwischen der Linken und der Rechten, die beide genauso leidenschaftlich darum kämpften, die für die Diktatur des Proletariats am wenigsten ungünstige wirtschaftliche Grundlage zu erhalten, verschleierte ihnen den Blick für die Gefahr, die das stalinistische Zentrum, dessen konterrevolutionären Charakter sie unterschätzten, für die politischen Grundlagen der Diktatur darstellte.

Tatsächlich steckte ein politisches Ziel dahinter, als Stalin die Lösung Bucharins unterstützte und ihn dadurch an die defätistische Formel des »Sozialismus in einem einzigen Lande« band. Die Parole »Bauern, bereichert euch« hatte dagegen auf wirtschaftlicher Ebene keineswegs das von der Rechten erhoffte Ergebnis. Anstatt sein Betriebskapital zu vermehren, wie es Bucharin wünschte, machte sich der Mittelbauer borniert daran, seinen persönlichen Verbrauch zu verbessern. Die Getreideproduktion wurde wieder gefährdet, bis sich erneut das Gespenst der Hungersnot in den Städten abzeichnete.

Im Januar 1928 weist die im Vergleich zum Vorjahr um 25 % gesunkene Getreideproduktion ein Defizit von 2 Millionen Tonnen auf. Die seit dem Ausschluss der Linken auf dem XV. Kongress unbestrittene stalinistische Partei- und Staatsführung schickte als Reaktion darauf bewaffnete Korps in die Dörfer. Beschlagnahme der Vorräte und grausame Unterdrückung wechselten mit Bauernaufständen und dem Niedermetzeln der von der Partei aufs Land beorderten Arbeiter ab. Im April waren die Getreidevorräte recht und schlecht wiederhergestellt; das Zentralkomitee macht einen Rückzieher und verurteilt die »Ausschreitungen«, die es selbst angeordnet hatte. Kann man behaupten, wie es die in allen Sprachen mit dem stalinistischen Imprimatur erschienenen Gebetsbücher tun, dass es sich hier um eine sorgfältig durchdachte Aktionslinie handelte? In Wirklichkeit handelte das Zentralkomitee unter dem Druck der Panik und eines groben Empirismus. Es verfügt über keine politische Linie - schreibt Trotzki - nicht einmal über eine, die ein paar Monate, geschweige denn ein paar Jahre, umfasst. Im Juli verbietet das Zentralkomitee jegliche Beschlagnahme von Getreide, dessen Preis inzwischen erhöht wurde, und gleichzeitig löst es eine gewaltsame Offensive gegen die Kulaken aus, deren Verteidigung es der Rechten vorwirft. Immer noch im Juli - nur wenige Monate vor der Zwangskollektivierung - greift Stalin diejenigen an, »die meinen, die individuelle Ausbeutung sei bereits am Ende ihrer Kräfte«, und die, wie er behauptet, »nichts mit unserer Partei gemein haben«! Obwohl der erste, Ende 1929 gebilligte Fünfjahresplan nur 20% an Bodenkollektivierung vorsah, und dies erst für 1933, breitet sich die Kolchosidee innerhalb des Zentralkomitees mit dieser bombastischen Formulierung aus: »Einführung des Kommunismus in die Landwirtschaft«.

Bereits seit April angegriffen, kapituliert Bucharin im November 1929 unter einer Lawine von Beschimpfungen, Verleumdungen und Drohungen reinsten stalinistischen Stils. Um die Nichtverantwortlichkeit der Partei zu beweisen, wird die Rechte zum Sündenbock des Scheiterns der bucharinschen Formel gemacht. Die Clique, die nie andere Entscheidungen traf als die der Unterdrückung, ging mit dem Ruhm daraus hervor, eine »Lösung« entdeckt zu haben. Es war aber eine »Lösung«, die nichts mit dem Sozialismus gemein hat: die Verallgemeinerung von Genossenschaften, die durch ihr Handeln in einer Marktwirtschaft bald jede staatliche »Kontrolle und allgemeine Rechnungsführung« ausschlossen und die die wirtschaftlichen Mängel der Kleinproduktion mit der rückständigen und reaktionären Mentalität des Bauern vereinigt.

Im Laufe der zweiten Hälfte von 1929 und während des ganzen darauffolgenden Jahres findet eine unbeschreibliche Entfaltung von Verwirrung, Willkür und Gewalt statt, was das Zentralkomitee »Entkulakisierung« und »Kollektivierung« nennt. Es wird wiederum deutlich, dass das politische Manöver die wirtschaftliche Initiative übertrumpft. Vor der Drohung von Hungersnot und Unruhen ging es darum, den jahrhundertealten Hass der armen Bauern gegen die Mittelbauern abzulenken und somit einen schwierigen Engpass für die Existenz des Staates überhaupt zu überwinden. Nichts war in Wirklichkeit bereit, um diese »Kollektivierung« zu verwirklichen: man verfügt über insgesamt 7.000 Traktoren, während Stalin selbst zugab, dass man 250.000 benötigt hätte! Um die kleinen Produzenten anzuspornen, den Kolchosen beizutreten, wird er übrigens davon freigestellt, einen Beitrag in Form von Vieh mitzubringen: er verkauft also oder isst selber das Vieh, das er besitzt! Auch die ersten Ergebnisse dieser Politik erwiesen sich als katastrophal und verursachten in bestimmten Gebieten einen bewaffneten Widerstand der Bauern gegen die Funktionäre, die alles, bis zu den Schuhen und Brillen, »kollektivierten«!

Im entscheidenden Moment der Frühjahrsaussaat sieht sich die Regierung vor der Drohung des Bürgerkriegs genötigt, die »Übertreibungen« der Kollektivierung zu verurteilen und den Bauern zu genehmigen, die Kolchosen zu Verlassen, was einen massenhaften Austritt zur Folge hat und die Gesamtzahl der Kolchosen um die Hälfte verringert. Wie Trotzki feststellt, lässt man »den Film der Kollektivierung rückwärts laufen«. Um einen neuen massiven Eintritt der Bauern in die Kolchosen zu ermöglichen und Stalin somit zu erlauben, die Kollektivierung als Erfolg zu bezeichnen, ist es notwendig, den Bauern erhebliche Zugeständnisse zu machen, die gesellschaftlich alles zunichte machen, was es in den Kolchosen an technisch »kollektivem« gibt. Bevor wir aber auf den Inhalt dieses »Kollektivismus« näher eingehen, müssen wir den Grund der Kollektivierung selbst erklären.

Der gemeinsamen Meinung des Stalinismus und seiner linken Gegner nach ist die Kollektivierung eine notwendige Antwort der Sowjetmacht auf den Druck der reichen Landbourgeoisie (Kulaken) gewesen, deren Bedeutung nach der Revolution unaufhörlich gewachsen sei. Die wenigen Zahlen, über die man verfügt, beweisen eher die Ausdehnung der kleinen und mittleren Landproduktion, deren Existenz die Entwicklung der Lohnarbeit auf dem Land, dieser unerlässlichen Bedingung zur allmählichen Beseitigung der kleinen Produktion, äusserst verlangsamte (3). Unter diesen Bedingungen erscheint die Kollektivierung nicht als eine »Wende des Stalinismus nach links«, nicht als »sozialistische« Anwandlung der Staatsbürokratie, sondern als das einzige Mittel, in der rückständigen Lage der russischen Landwirtschaft dem allgemeinen Wirtschaftsablauf - unter den Auswirkungen einer schweren Krise - einen Antrieb in Richtung zum Kapitalismus hin zu geben.

Man hat in der Tat guten Grund zu glauben, dass sich Stalin in dieses Abenteuer stürzte, weil die Erfolge der Getreideeinziehung Anfang 1928, die günstigen Berichte über die Entwicklung der Genossenschaften und vor allem die Überzeugung von der Widerstandslosigkeit der Bauernschaft im allgemeinen ihn dazu ermutigt hatten.

Wie dem auch sei, der Determinismus der Tatsachen, wenn nicht der statistische Beweis, ist eindeutig: die »Kolchosform« hat sich in der sich aus dem unaufhaltsamen Abebben der internationalen Revolution ergebenden wirtschaftlichen, sozialen und politischen Lage als die einzig mögliche erwiesen.

Jede politische Lösung tritt erst am Ende eines Prozesses auf, der diejenigen Lösungen zurückweist, denen die nötigen materiellen Bedingungen fehlen. Was für die revolutionären Lösungen gilt, ist ebenso zutreffend für die Konterrevolution. Nach dem gewaltigen Kampf des russischen Proletariats konnte der Kapitalismus jenes Landes nicht mehr zur »unterentwickelten« Vasallenform der Zarenzeit zurückkehren. Genausowenig konnte er durch den Sozialismus aufgehoben werden, da die internationale Revolution geschlagen war. Die Errichtung eines nationalen Kapitalismus als »Mittelweg« - d.h. die Errichtung eines autonomen Akkumulationszentrums des Kapitals in Russland - war unter diesen Bedingungen nur möglich durch die Stabilisierung der russischen Bauernschaft, dieser gewaltigen Kraft sozialer Konservation: durch ihre Stabilisierung in Kolchosen.

Dieser spezifische Weg dessen, was man den »zweiten russischen Kapitalismus« nennen könnte, ist Ausdruck der vielseitigen Dialektik der sozialen Umwälzungen in der imperialistischen Phase. Die kapitalistische Produktionsweise war für die damalige russische Wirtschaft revolutionär, wurde aber nur durch den weltweiten Sieg der Konterrevolution möglich; die proletarische Beseitigung der russischen Bourgeoisie, die ihre historische Aufgabe verfehlt hatte, schliesst nichtsdestoweniger mit dem Triumph der bürgerlichen Produktionsweise ab! Man versteht, dass diese widersprüchlichen Ereignisse, welche eine ganze Generation von Revolutionären in tiefste Ratlosigkeit stürzten, eine Erklärung äusserst schwierig machen. Um so mehr ist sie notwendig. Indessen kann man das Problem mit einer alten, lapidaren Formel Lenins aus der Zeit vor der Revolution von 1917 zusammenfassen, welche die entscheidende Alternative für das moderne Russland stellte: das Proletariat für die Revolution oder die Revolution für das Proletariat? Der Stalinismus ist im Grunde genommen die Verwirklichung der ersten Lösung auf Kosten der zweiten: Dank dem Blut des russischen Proletariats hat das moderne Russland seinen Nationalstaat gegründet. Was bedeutet schon die physische Beseitigung der Bourgeoisie, der Klasse, der diese Aufgabe geschichtlich zugeteilt war? Die Produktionsverhältnisse, die nach jahrzehntelangen Umwälzungen errichtet wurden, sind dieser Klasse eigen und garantieren ihr späteres Wiederauftreten.

Die soziale Form, die mit dem Kolchos entstand, verkörpert den langen historischen Übergang, der zu diesem Ergebnis notwendig war. Als Arbeiter auf einem Kollektivhof ist der Kolchosbauer - der einen seiner geleisteten Arbeit entsprechenden, proportionalen Ertragsanteil erhält - mit dem Lohnarbeiter in der Industrie verwandt. Er wird jedoch erst am Ende einer neuen Entwicklung von unvoraussehbarer Dauer vielleicht ein Lohnarbeiter werden, weil er dank seinem Stückchen Boden kein Reserveloser ist, sondern ein Besitzer von Produktionsmitteln, selbst wenn diese sich auf zwei oder drei Hektar Land, ein paar Stück Vieh und sein eigenes Haus beschränken. Unter diesem Gesichtspunkt kann man ihn mit seinem westlichen Gegenstück, dem Parzellenbauern, auf einen Nenner bringen. Aber im Gegensatz zu diesem letzteren, der durch Wucherer, Banken und Marktkonkurrenz ruiniert wird, kann er nicht enteignet werden: das bisschen, was ihm gehört, wird vom Gesetz geschützt. Der Kolchosbauer ist also die Verkörperung des fortwährenden Kompromisses zwischen dem ex-proletarischen Staat und der Kleinproduktion.

Unerlässliche Bedingung für den Sozialismus ist die Konzentration des Kapitals. Die Beschlagnahme der höchst zentralisierten Formen, wie Trusts, Kartelle, Monopole durch das Proletariat, welche durch die seit langem erfolgte Trennung zwischen Eigentum und Management ermöglicht wird, wird im Fall der tausenden und abertausenden Kleinstkolchosbesitzer undenkbar; es sei denn, dass man einen langwierigen Umwandlungsprozess voraussetzt. Nicht nur diese sozialistische Perspektive ist in Russland ohne eine neue Revolution endgültig verspielt, sondern selbst die einfache kapitalistische Konzentration stösst auf solche Schwierigkeiten, dass das heutige Russland sie dadurch zu erreichen versucht, dass es den von den entwickelten Ländern bereits durchgemachten Prozess von Anfang an wieder aufgreift. Das ist die Bedeutung von der Wiedereinführung der Begriffe wie Konkurrenz und Rentabilität. Die russische Führung rechnet wahrscheinlich damit, dass dadurch die nicht konkurrenzfähigen Kolchosen beseitigt und deren Mitglieder mit der Zeit in echte Lohnarbeiter verwandelt werden. Das ist eine Perspektive auf lange Sicht, deren bereits durchlaufene Etappen man untersuchen kann.

Der ländliche »Kollektivismus« in Russland ist folglich nicht sozialistisch, sondern genossenschaftlich. In den Gesetzen des Marktes und des Wertes der Arbeitskraft befangen, weist er alle Widersprüche der kapitalistischen Produktion auf, ohne dabei deren revolutionären Gärungsstoff - die Abschaffung des Kleinproduzenten - zu enthalten. Er hat jedoch dem russischen Nationalstaat erlaubt - fest auf sein »stabilisiertes« Bauerntum gestützt - um den Preis unzähliger Leiden seines Proletariats seine ursprüngliche Akkumulation zu realisieren und zu seinem einzigen Element eines modernen Kapitalismus zu gelangen: dem Staatsindustrialismus.

8. Alle Nachteile einer kapitalistischen Landwirtschaft ohne deren Vorteile
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Der Sozialismus besteht vor allem in der Abschaffung der auf dem Wert beruhenden Tauschverhältnisse, in der Zerstörung seiner Grundkategorien: Kapital, Lohn, Geld. Diese Kategorien garantiert die Kolchose im Rahmen der Umwandlung des ländlichen Kleinproduzenten, dessen soziale Lage sie festigt, da er einerseits seine im genossenschaftlichen Betrieb geleistete Arbeit in Geld oder in verkäuflichen Produkten bezahlt bekommt und andererseits eigenes Vieh und ein persönliches Stück Land ausbeutet, dessen Produkte er ebenfalls auf dem Markt verkaufen kann. Weit davon entfernt, eine Art von »Sozialismus« zu sein, ähnelt die Kolchose also eher den sogenannten »Selbstverwaltungssystemen«, die - in gewissen unterentwickelten, politisch unabhängig gewordenen Ländern - im Fahrwasser des russischen Beispiels von Bezeichnungsmissbrauch die historische Übergangsrolle verschleiern, die solche Formen zwischen der archaischen, dem Kapitalismus vorhergehenden Naturalproduktion und der vollen kapitalistischen Entwicklung einnehmen.

Nachdem wir die politischen Gründe der russischen »Zwangskollektivierung« untersucht sowie hervorgehoben haben, wie die stalinistische Konterrevolution bei den riesigen Massen des sowjetischen Bauerntums ihre Stütze suchte, müssen wir nun zeigen, dass sich auf diesem Weg - einem verschlungenen, jedoch unzweideutigen Weg - ein authentischer nationaler Kapitalismus auf den Ruinen der Oktoberrevolution errichtet hat.

Die Person des Kolchosbauern spiegelt gut genug die wirtschaftliche und soziale Klemme einer Revolution wider, die innerhalb ihrer nationalen Grenzen nicht über das Stadium einer historisch bürgerlichen Umwandlung hinausgehen konnte. Als eine durch das Verlassen der internationalen revolutionären Strategie notwendig gewordene Übergangsform hat die Kolchose jedoch seither nicht aufgehört, das Haupthindernis für eine rasche Entwicklung des Kapitalismus in Russland darzustellen. Nicht, dass dieses Hindernis ein unaufhaltbares Überleben eines »alten Kurses« in Richtung auf den Sozialismus darstellte, wie die Trotzkisten es trotz aller Widerlegung durch die Tatsachen weiter behaupten. Es beweist im Gegenteil, welch hohen Tribut das Proletariat der Geschichte zahlte, weil die Konterrevolution nach ihrem klaren Bruch mit der Perspektive des Sozialismus nicht einmal die Gegenleistung bot, wenigstens die radikalsten wirtschaftlichen und sozialen Vorbedingungen dafür zu schaffen.

Mit der Enthüllung wirtschaftlicher Rückstände und Schwierigkeiten des heutigen Russlands, woraus die westlichen Ökonomen und Politiker einen »Bankrott des Kommunismus« ableiten zu können glauben, möchten wir im Gegenteil deren wahrhaftige Gründe feststellen. Wir decken nicht nur die Lügen des Stalinismus und die Illusionen derjenigen auf, die die These des Überlebens von »sozialistischen Errungenschaften« in Russland vertreten, sondern widerlegen auch die Kritiken, die Lenin vorwerfen, in unvorsichtiger Weise den Weg des Staatskapitalismus eingeschlagen zu haben. So wenig, wie die Kolchose eine »sozialistische Errungenschaft« ist, genausowenig ist sie dieser letzteren Kategorie, dem Staatskapitalismus, zugehörig. Ihre Nutzniesser sind Bauern, die mit einer Bodenparzelle und einer bestimmten Anzahl Vieh (wenn sie über keines verfügten, sorgte der Staat dafür) zum kollektiven Bestand beigetragen haben. Der Kolchosbauer nimmt an der kollektiven Verwertung aller nunmehr vereinten Parzellen und der so gebildeten Herden teil. Er erhält vom Produkt dieser Verwertung einen der Anzahl der von ihm geleisteten Arbeitstage entsprechenden proportionalen Anteil, während er zusätzlich noch über ein Stück Boden und Vieh verfügt, deren Produkte er nach eigenem Gutdünken verwendet.

Durch seine Lage wie durch seine soziale Psychologie ist der Kolchosbauer dem Sozialismus genauso fremd wie es der amerikanische Farmer oder der Weingärtner einer Genossenschaft in Südfrankreich ist. Die Art, wie seine Arbeit auf dem Kollektivhof bezahlt wird, macht ihn mit dem Lohnarbeiter verwandt, jedoch auch mit dem Kleinaktionär der kapitalistischen Länder, da er gleicherweise einen Teil des Profits des Unternehmens erhält. Die Verfügung über sein winziges Vermögen verleiht ihm eine dem westlichen Parzellenbauern identische Position. Die Figur in der russischen Bauerngesellschaft, die dem Proletarier der kapitalistischen Länder des Westens am nächsten steht und folglich die Möglichkeit hat, sich als solcher zu verhalten, ist der Sowchosenarbeiter. Die Sowchose (staatliches Unternehmen) stellt jedoch nur einen schwachen Teil in der russischen Agrarproduktion dar.

Von welchem Gesichtspunkt man den Kolchos auch betrachtet, er ist der reaktionärste soziale und wirtschaftliche Faktor der sowjetischen Gesellschaft. Nicht nur wegen der konservativen Psychologie seiner Mitglieder, sondern auch durch das Gewicht, das er für die einzige moderne Klasse darstellt, für das Proletariat. Man kann sich leicht vorstellen, wie der ländliche Kleinproduzent in Russland, durch den Kolchos vor Hunger und Enteignung gerettet, zur Zeit des letzten Weltkriegs sein Blut nicht sparte, um zugleich mit dem Geschick des stalinschen Staates die Überlebens- und Sicherheitsgarantien zu verteidigen, die dieser Staat ihm gewährte. Man muss jedoch die russische Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur in ihrem Ganzen betrachten, um zu verstehen, dass er dieses Überleben und diese Stabilität im Grunde genommen der Überausbeutung des Proletariats zu verdanken hat. Die mittelmässige soziale Lage auf dem Land darf jedoch nicht täuschen. Neben der Zuspitzung der allgemein-kapitalistischen Verzerrungen der russischen Produktionsverhältnisse stellt das Kolchosensystem ausserdem das hauptsächliche Hindernis für eine allgemeine Hebung des Lebensstandards dar.

Anfänglich eine unumgängliche Frage der politischen Strategie des Stalinismus, die das Schicksal des russischen Staates vom Schicksal des internationalen Proletariats lostrennte, wurde dann die Kolchosform mit der Zeit beinahe unausrottbar. Sie ist es in dem Masse, dass sie nur dann abgeschafft werden kann - was die heutigen sowjetischen Führer nur all zu gern machen würden -‚ wenn eine Konkurrenz mit höherer Produktivität auftritt, was (abgesehen von einem allgemeinen Umsturz) noch weit entfernt zu sein scheint. Einige Zahlen genügen, um sich darüber klar zu werden: der durchschnittliche Getreideertrag, der trotz einer Steigerung (von 1933-1956: 25% gegen die ca. 30% in den Vereinigten Staaten und Kanada) bekanntlich ungenügend ist im Vergleich zum Bevölkerungszuwachs; der noch hohe Prozentsatz an Landbevölkerung, typischer Beweis der schwachen landwirtschaftlichen Produktion (42% gegen 12% in den Vereinigten Staaten und 28% in Frankreich); die furchtbare Lage des Viehbestandes, der mit Ausnahme einer spektakulären Zunahme der Schweinezucht (+63%), was die Rinder und Kühe anbelangt, im Vergleich zu 1913 um ca. 20% abgenommen hat.

Diese Mängel des Kolchossystems liegen nicht in den Unzulänglichkeiten seiner Produktion, sondern auch und immer mehr daran, in welche Richtung sie geht. Seit dem der russische Staat begonnen hat, den Kolchosen die Traktoren zu verkaufen, die er ihnen vorher nur zum Gebrauch vermietete, hat er das einzige Druckmittel verloren, das er ihnen gegenüber besass, um sie zur Produktion der notwendigen Nahrungsmittel zu zwingen, für die er - vor der berühmten Reform Chruschtschows - selbst die Menge und den Preis festsetzte. So kam es, dass der Urheber dieser Reform selber das russische Land kreuz und quer durchfuhr und die Kolchosbauern ohne Erfolg aufforderte, Korn anzubauen anstatt Gerste und Hafer, die der viel lukrativeren Schweinezucht dienen. So triumphierte unter dem pseudo-»sozialistischen« Regime in Russland die Gewinnsucht der Kolchosunternehmen über die Nahrungsmittelbedürfnisse des »Volkes«, das angeblich an der Macht ist!

Das bedeutet nun andererseits nicht, dass die Kolchosbauern selbst wie im Paradies leben. Es scheint im Gegenteil, dass nach allen Abgaben, die vom Gesamtprodukt der Kolchose erhoben werden (unter denen genau die gleichen Spalten erscheinen wie in jedem kapitalistischen Unternehmen des Westens und bekanntlich auch ein Investitionssatz gleicher Grössenordnung), wenig zum »Aufteilen« unter seinen Mitgliedern übrigbleibt.

Dieser Zustand, der somit den Kolchosbauern zwingt, seinen ungenügenden »Lohn« durch den Verkauf der Produkte seiner persönlichen Parzelle aufzurunden, verschlimmert die Anarchie der Lebensmittelversorgung der Bevölkerung noch mehr.

Der niedrige Ertrag an Getreide (das noch immer die Ernährungsgrundlage in Russland darstellt) steht nämlich in engem Zusammenhang mit der tatsächlichen Unabhängigkeit der Kolchose. Folglich führt deren Neigung, nicht das zu produzieren, was unentbehrlich ist, sondern was mehr einbringt, zu einem Nahrungsmittelmangel auf dem offiziellen Markt und zu einem Preisanstieg auf dem »parallelen« Markt.

Dem Kolchosbauern bringt der Verkauf der Produkte seiner Parzelle ebenso viel ein wie seine Arbeit auf der Kolchose. Um von dem Preis eine genaue Vorstellung zu bekommen, den der städtische Lohnarbeiter für seinen Unterhalt bezahlen muss, genügt es zu wissen, dass 1938 noch drei Viertel aller landwirtschaftlichen Produkte auf dem Markt von den individuellen Parzellen kamen, dass weniger als das restliche Viertel von den eigentlichen Kolchosen geliefert wurde und dass auch heute die Hälfte des Gesamteinkommens des Kolchosbauern von der Ausbeutung seines individuellen Landstücks herrührt.

Aus Platzmangel können wir hier nicht genauer darauf eingehen, wie die »Kolchosreform« Chruschtschows für die sowjetische Führung zur zwingenden Notwendigkeit wurde (siehe diesbezüglich unsere Broschüre »Dialogato con Stalin« [»Zwiesprache mit Stalin«], 1952). Sie beweist jedoch, wie die russische Wirtschaft - und besonders ihre Achillesferse, die Landwirtschaft - den unerbittlichen Gesetzen des Kapitalismus gehorcht. Das einzige unwiderlegbare Unterscheidungszeichen des Sozialismus ist der Sieg des Gebrauchswertes über den Tauschwert (die Abschaffung der Ware). Erst, wenn dies zur Wirklichkeit geworden ist, kann man versichern, dass die Produktion den Bedürfnissen der Menschen dient und nicht denen des Kapitals. Die pseudo-sozialistische Landwirtschaft in der UdSSR zeigt in auffallender Weise das Gegenteil: die Gesetze des Marktes und nicht die wesentlichsten Bedürfnisse der Arbeiter bestimmen quantitativ und qualitativ die Produktion auf den Kolchosen.

Die Entwicklung der russischen Wirtschaft in ihrem Ganzen, die ihr den Zugang zum Weltmarkt zugleich gebot und ermöglichte, hebt nur noch mehr die Widersprüche ans Licht. Die internationale Konkurrenz verlangt niedrige Produktionskosten und folglich eine Preissenkung der landwirtschaftlichen Produkte, um die Lohnarbeiterschaft ernähren zu können, ohne ihr zuviel bezahlen zu müssen. Das ist einer der wesentlichsten Widersprüche des Kapitalismus, denn durch die natürlichen Grenzen, die der landwirtschaftliche Sektor dem Umschlag des Kapitals auferlegt, wendet sich dieses vorzugsweise der Industrie zu. Das Anwachsen der landwirtschaftlichen Produktivität, das der westliche Kapitalismus durch die Industrialisierung des Ackerbaus und die hundertjährige Enteignung des Kleinbauern trotzdem erreichte, ist für den russischen Kapitalismus gerade durch den unerschütterlichen Kolchosensektor viel schwerer durchzusetzen. Die Sowjetmacht bemüht sich nur, eine »Auslese« zu treffen, indem sie die rentablen Kolchosen gegen die unrentablen fördert.

Man kann sich vorstellen, welchen Grad von Ausbeutung diese Macht ihren industriellen Lohnarbeitern aufzwingen muss, um trotzdem ihre Produktionskosten herunterdrücken zu können. Sie fügt zur endemischen Misere des landwirtschaftlichen Sektors, deren Gründe wir soeben erklärt haben, noch den auf die Arbeiter ausgeübten barbarischen Zwang hinzu. Davon werden wir in unserem nächsten Kapitel sprechen.

So wie alle neuen kapitalistischen Staaten wirft der russische Kapitalismus grellstes Licht auf die Widersprüche des Kapitalismus im allgemeinen: darum werden seine internationalen Lakaien die Ausbeuternatur des angeblichen »Sozialismus in einem Land« nicht mehr lange verheimlichen und einen Aberglauben nicht ewig nähren können, der in allen Ländern der Erde jedes Proletariat vor seiner eigenen Bourgeoisie entwaffnet.

9. Die Wirklichkeit des russischen Kapitalismus
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Nachdem wir im letzten Kapitel gezeigt haben, dass die Mängel der russischen Landwirtschaft auf die warenerzeugende, kapitalistische - und nicht »kommunistische« - Natur der sowjetischen Produktionsverhältnisse zurückzuführen sind, werden wir nun die gleiche Kritik auf die Untersuchung der Industrie anwenden. Wir brauchen uns jedoch nicht so lange dabei aufzuhalten: obwohl im Unterschied zur Kolchosproduktion die Industrie in ihrer Gesamtheit vom Staat verwaltet wird und anscheinend seinen Planungen untersteht, gehorcht sie nicht weniger den Gesetzen der Marktwirtschaft.

Der Beweis für die Ausbeutung der Arbeitskraft liegt nicht nur darin, dass die Klasse, die arbeitet, nur einen Teil des Sozialprodukts erhält, während diejenige, die nichts tut, sich eine fette Schnitte für ihren persönlichen Verbrauch zuordnet. Eine solche »Ungerechtigkeit« würde nicht die Perspektive der möglichen und notwendigen Abschaffung des Kapitalismus in sich enthalten. Was auf historischer Ebene den Kapitalismus unwiderruflich verurteilt, ist die Notwendigkeit, in der er sich befindet, einen immer grösseren Teil des Sozialprodukts in Kapital umzuwandeln. Diese blinde soziale Kraft überlebt sich selbst nur, indem sie jeden Tag noch mehr ihre eigenen Widersprüche verschärft und somit die Revolte der Klasse, die ihr erstes Opfer ist, provoziert.

Die Existenz dieser blinden Kraft im angeblich »sozialistischen« Russland zu entlarven, bedeutet folglich nicht, wie die sturen Stalinisten behaupten, den »Kommunismus anzugreifen und zu diffamieren«, sondern die schamloseste Fälschung aufzudecken. Das bedeutet, die instinktive Feindschaft der Arbeiter gegenüber den sichtbaren Manifestationen des Kapitalismus gegen dessen innerstes Wesen zu richten, gegen dessen mörderische Kategorien: Lohn, Geld und Konkurrenz. Das bedeutet, den Beweis dafür zu erbringen, dass die proletarische Bewegung geschlagen worden ist, weil sie in Russland und anderswo vor diesen Kategorien kapituliert hat.

Andere haben weit besser, als wir es könnten, die grausame Ausbeutung der Arbeitskraft in Russland beschrieben. Wir werden uns folglich darauf beschränken, mittels eines der typischsten Gesetze des Kapitalismus die Gründe dieser Ausbeutung zu erläutern: das Gesetz der in allen bürgerlichen Ländern festgestellten wachsenden Entwicklung des Sektors, der die Produktionsgüter produziert (Sektor A), zum Nachteil des die Konsumgüter erzeugenden Sektors B.

»Kanonen statt Butter«; diese Formel Hitlers, heute mit ihrer »Schlagkraft« von denjenigen nachgeahmt, die sich gestern darüber lustig machten, könnte in Russland folgendermassen vervollständigt werden: Maschinen statt Schuhe, Schwerindustrie statt Leichtindustrie, Akkumulation statt Konsum. Einige Zahlen genügen zur Erklärung. Von 1913 - 1970 (4) soll sich die gesamte russische Industrieproduktion 89-mal vervielfacht haben; die des Sektors A 209-mal, und die des Sektors B 29mal. In der selben Zeitspanne hat sich die Agrarproduktion... verdreifacht. Wenn man bedenkt, dass die Bevölkerung Russlands von 159 auf 240 Millionen gestiegen ist, was ein Wachstum von 50% bedeutet, kommt man zu folgendem Schluss: in einem halben Jahrhundert, während die Produktion der Schwerindustrie um das 209-fache angestiegen ist, sind die der Bevölkerung zur Verfügung stehenden industriellen Konsumgüter nur um das 19-fache gestiegen und die Agrarprodukte um das 2-fache! Lenins diesbezügliche Erklärung lautet:
»
Diese Ausdehnung der Produktion ohne entsprechende Ausdehnung des Konsums entspricht genau den historischen Aufgaben des Kapitalismus und seiner spezifischen Gesellschaftsstruktur: die erste besteht darin, die Produktivkräfte der Gesellschaft zu entwickeln; die zweite schliesst die Nutzniessung dieser technischen Errungenschaften durch die Masse der Bevölkerung aus« (Werke, 111-48).

Die genannten Zahlen können durch die Geschichten und Anekdoten ersetzt werden, über die sich der Westen den Buckel vollacht, wie z.B. dass man in Russland mehr Zeit braucht, um beim Metzger ein Beefsteak zu bekommen, als Gagarin benötigt, um rund um den Mond zu fliegen! Noch viel wichtiger sind jedoch die sozialen Auswirkungen dieses Kontrasts zwischen Produktion und Konsum in Russland. Die »Verspätung« der Leichtindustrie kann überbrückt, ihre Mängel können behoben werden; vom untrennbaren Widerspruch des Kapitalismus - Akkumulation des Reichtums an einem Pol und Elend am anderen - wird sich die russische Wirtschaft jedoch nicht mehr losmachen können.

Der Ingenieur, der Techniker, der Spezialist haben bereits ihre Villa am Schwarzen Meer. Dem Hilfsarbeiter jedoch, dem aus seinem ländlichen oder natürlichen Leben herausgerissenen Tataren, Kirgisen oder Kalmücken bleibt nur die elende Rolle, die in Frankreich der Algerier oder Portugiese, in Italien der aus dem Süden zugewanderte Arbeiter innehat.

Von dem Moment an, wo die Arbeiter den Stücklohn, die Lohnhierarchie und alle anderen Aspekte der Konkurrenz zwischen den Arbeitern als ewig akzeptieren, ist es für den opportunistischen Intellektuellen - überzeugt, das hauptsächliche Verdienst der Oktoberrevolution liege darin, Russland aus seiner wirtschaftlichen Rückständigkeit herausgeholt zu haben - leicht, Sozialismus mit Akkumulation des Kapitals gleichzusetzen. Die Tatsache, dass die gesamte Dritte Welt in Revolte gegen den Imperialismus sich ihrerseits diese Formel zu eigen macht, zeigt die Tiefe einer Niederlage der proletarischen Bewegung, die nicht nur die lebendige Kraft der Arbeiterklasse zerstört, sondern auch ihr politisches Bewusstsein zutiefst verdorben hat. Diesen entsetzlichen »Weg des Sozialismus« zu befolgen, würde bedeuten, das Proletariat aller Länder der Erde dazu zu verdammen, jedes der Reihe nach das Golgatha der Greuel zu beschreiten, das überall den Namen Kapitalismus trägt.

Die Quelle des russischen Wirtschaftswachstums - auf dessen Grenzen wir etwas weiter noch zu sprechen kommen werden - liegt in der Tat weder in angeblichen »sozialistischen« Organisationsformen, noch in der »Planwirtschaft«, wie es die Gemeinplätze wollen, die die bürgerlichen Universitäten als erste verbreiten. Sie liegt wie überall in der Akkumulation des Mehrwerts, der einem Proletariat ausgepresst wird, dessen einzige Funktion ist, soviel als möglich zu produzieren und dabei so wenig wie möglich zu konsumieren. Das ist das einzige Geheimnis des Aufbaus eines mächtigen nationalen Staates, ein spezifisch bürgerliches Ziel, das dem Proletariat völlig gleichgültig ist, weil es keinerlei wirtschaftliche Interessengruppe auf dem Weltmarkt zu fördern und folglich, nach den Worten des »Manifests«, kein Vaterland hat. Dazu noch ein beredtes Beispiel: von 1913 bis 1970 ist die durchschnittliche Produktivität der industriellen Arbeit um das 18-fache gestiegen, d.h., dass ein russischer Arbeiter in einer Arbeitsstunde im Durchschnitt 18 mal so viele Gegenstände herstellt. Die Durchschnittslöhne sind um das 5-fache angestiegen, was bedeutet - wenn keine Inflation mit im Spiel ist -‚ dass der Durchschnittsarbeiter 5 mal so viele Gegenstände kaufen kann. Und wo ist die Differenz geblieben? Sie ist dem Wachstum der Wirtschafts- und Militärmacht des russischen Staates gewidmet worden, um diesem zu erlauben, seine Rolle als bürgerliche Macht gegenüber seinen Konkurrenten auf der ganzen Erde aufrecht zu erhalten.

Es genügt zu betrachten, was Russland zu Stalins Zeiten war. Die Fünfjahrespläne - zu leicht bewundert von westlichen Intellektuellen - waren buchstäblich eine Hölle der Arbeit, ein Massaker menschlicher Energien. Die wesentlichsten Garantien der Arbeiter wurden aufgehoben; durch die Einführung des »Arbeitsbuches« wurde die Lage des russischen Lohnarbeiters gleich der des französischen Arbeiters unter der Polizeiknute des Zweiten Kaiserreiches. Die Arbeiter mussten sich den beschämenden Methoden des Stachanovismus beugen; man rekrutierte Arbeitskräfte mit den Methoden der Unterdrückung; man vergeudete sie in oft unnützen »Realisierungen«, nannte die Früchte bürokratischer Fahrlässigkeit »Sabotage«, verurteilte sie in Prozessen mittelalterlicher Ungeheuerlichkeit gegen echte oder erfundene »Trotzkisten«. Diese »stalinistischen Exzesse« haben ihren Grund nicht - wie heute diejenigen angeben, die ihnen ihre Sinekure von Bürokraten oder Politikern verdanken - in den »spezifischen Bedingungen« des russischen »Sozialismus«, sondern in den allgemeinen, universellen Bedingungen, die dem Werdegang jedes Kapitalismus eigen sind. Die ursprüngliche Akkumulation des englischen Kapitalismus kostete Tausenden von freien Bauern das Leben; die des russischen Kapitalismus verwandelte die russischen Bürger in politische Verbrecher, um sie leichter zu Zwangsarbeitern zu machen. Während des Zweiten Weltkriegs machten die Chefs der J.K.V.D. (der politischen Polizei), als sie Mangel an aus den Konzentrationslagern entlehnten Arbeitskräften hatten, folgende erbauliche Selbstkritik: Wir waren nicht wachsam genug bei unserer politischen Überwachung!

Alle diese Greuel sind unter der Beweihräucherung eines falschen Gottes begangen worden: man sang dem Sozialismus Lob und opferte der kapitalistischen Produktion! Der industrielle Aufschwung im Nachkriegsrussland half diesem Betrug noch. Da der dekadente Kapitalismus laut Stalin nicht mehr fähig ist, seine Produktivkräfte zu entwickeln (goldene Worte für die westlichen »Kommunisten«, die in den bürgerlichen Regierungen des Vaterlandswiederaufbaus sassen: die Streiks wurden damals zur »Waffe der Trusts«!) war der Beweis des Sozialismus in der UdSSR in der ansteigenden Kurve des russischen Produktionsindex zu suchen, zu einer Zeit, wo die des kapitalistischen Westens noch stagnierten.

Diese Illusion sollte jedoch nur solange dauern, wie die westliche Wirtschaft brauchte, um einen neuen Anlauf zu nehmen.

Es ist eine Konstante in der Geschichte des Kapitalismus: die Wachstumsrate der Wirtschaft sinkt im Laufe und in dem Masse, wie der Kapitalismus altert. Diese Rate, umso höher für den jungen russischen Kapitalismus, als sie beinahe von Null ausging, sollte in der Folge wieder ihren rechten Platz hinter denjenigen kapitalistischen Staaten einnehmen, die ohne Zweifel älter waren, aber durch die Zerstörungen des Krieges beträchtlich verjüngt wurden. Wenn die jährliche Wachstumsrate der Produktion wirklich ein Unterscheidungsmerkmal für Sozialismus wäre, müsste man zugeben, dass die Bundesrepublik Deutschland und Japan, deren Produktionsziffern mit beeindruckendem Tempo galoppieren, sozialistischer sind als Russland! In der Tat hat sich in Russland die jährliche Produktionssteigerung nach und nach verlangsamt:

22,6 % von 1947 bis 1950
13,1 % von 1951 bis 1995
10,4 % von 1956 bis 1960
8,6 % von 1961 bis 1965
8,4 % von 1966 bis 1970
7,5 % (Voraussicht des 9. Fünfjahresplans von 1971 bis 1975)

Dieses Absinken, das sich in der Geschichte aller kapitalistischen Staaten wiederfindet, bestätigt, dass die russische Wirtschaft keiner einzigen dieser wesentlichen Charakteristiken entrinnt.

Näher betrachtet entrinnt sie auch diesem grundlegenden Gesetz nicht: eine auf Handel und Konkurrenz beruhende Wirtschaft kann nicht geplant werden. Entgegen den Flausen, die die sowjetische Propaganda und die gelehrten Esel unserer bürgerlichen Universitäten erzählen, ist die russische »Planwirtschaft« nie etwas anderes gewesen als eine ungefähre Orientierung der Investitionen in den Schlüsselsektoren. Sie wird ergänzt mit einer fast militärischen Einordnung der Arbeitskräfte und einem System von Prämien und Strafmassnahmen, die an das Wachstum der Produktion und der Produktivität der autonomen Unternehmen gebunden sind. Dass ein derartiges System nichts Grossartiges »planen« kann, beweist nicht nur das Sinken der Wachstumsraten, dem Abhilfe zu schaffen die russischen »Planer« trotz all der Ermahnungen und Wutausbrüche ihrer Führer keineswegs fähig waren; sondern auch einfach die Untersuchung, Branche um Branche, der Verwirklichung des russischen »Planes«. Denn wozu dienen sonst die Seiten um Seiten der in der »Prawda« veröffentlichten schwülstigen Reden, wenn nicht, um die Tatsache zu verschleiern, dass der VIII. Plan (1965-1970) gegenüber seinen Zielen folgende Rückstände »verwirklicht« hat: einen Rückstand von 10 Millionen Tonnen Gusseisen, 10,5 Mio. to Stahl, 46 Mio. to Kohle, 35 Milliarden qm Gas, 100 Mrd. kWh Elektrizität, 9 Mio. to Kunstdünger, 514.000 Kraftwagen, 154.000 Traktoren, 600.000 to Plastik, usw... (5). Unter diesen Bedingungen von »Planung« zu sprechen, ist ganz einfach grotesk! Nur diejenigen werden sich wundern, die allen Marxismus vergessen haben und sich vorstellen, die Produktion von Kapital in Unternehmen, die für den Markt produzieren, könne geplant werden.

Endlich ist der stalinsche Bluff über den unwiderstehlichen Marsch der russischen Produktion kläglich zusammengebrochen, nachdem er als Vorwand für die Liquidierung des »kalten Krieges« und die Wiederversöhnung zwischen Russen und Amerikanern gedient hatte. Nicht nur haben die »Wunder« der sowjetischen Produktion, trotz Chruschtschows Prahlerei, den Westen keineswegs von der »Überlegenheit des sozialistischen (!) Systems über das kapitalistische System« überzeugt (und das aus guten Gründen), sondern der Urheber des »friedlichen Wettbewerbs zwischen unterschiedlichen Systemen« selbst hat die Notwendigkeit zugeben müssen, dass die Russen bei der westlichen Technik in die Schule gehen. Seine Nachfolger haben bis zum äussersten Geständnis schreiten müssen: mit der Unterzeichnung des deutsch-russischen Abkommens haben sie offen die entwickelten kapitalistischen Staaten des Westens zu Hilfe gerufen. Was heute den »friedlichen Sieg« anbetrifft, erbettelt der falsche russische Sozialismus von seinen entwickelteren Rivalen die Mittel für seine Wirtschaftsentwicklung, d.h. die technologisch fortgeschritteneren Produktionsgüter, die er selbst zu produzieren nicht fähig ist: Computer (vorläufig) aus England, Werkzeugmaschinen aus Amerika, Stahlrohre, technische und finanzielle Planung aus Deutschland, Italien, Frankreich, Japan, chemische Fabriken, Zuckerfabriken und ganze Fahrzeugfabriken usw... Noch nicht fähig, mit dem Westen auf dem Weltmarkt zu konkurrieren, ist er genötigt, wie irgendein x-beliebiges, weniger fortgeschrittenes und weniger entwickeltes Land die westlichen Industriegüter (die l968 noch 8,4% seiner Einfuhr aus diesen Ländern betrugen) mit dem Export von Rohstoffen zu bezahlen (1968 betrug dieser 85% seiner Ausfuhr in die selben Länder). Die unerbittliche Logik der kapitalistischen Verhältnisse lässt schon voraussehen, wie es weitergeht. Es sind bereits Verhandlungen im Gange über Investitionen englischen, japanischen und französischen Kapitals, die diesem gestatten werden, direkt, im Verein mit dem... »sozialistischen« Staat, das russische Proletariat in den Kupfergruben, der Erdgas- und Koksgewinnung auszubeuten. Nachdem die Investitionsbank des Comecon Ungarn zu den westlichen Finanziers als Wegbahner geschickt hat, bereitet sie sich auf die ersten Anleihen in Eurodollars mit direktem Profit für die UdSSR vor. Jetzt braucht der Rubel nur noch konvertierbar gemacht zu werden, um offiziell die volle Teilnahme Russlands am Weltkapitalismus zu sanktionieren.

Damit werden die letzten Schleier der theoretischen und politischen Täuschung zerrissen, die erlaubt haben, mehrere Generationen Proletarier der westlichen kapitalistischen Länder zu betäuben, sie zum imperialistischen Massaker zu führen, sie zum Wiederaufbau ihrer nationalen Wirtschaft zu bewegen - in Erwartung der roten Armee! - und sie zuletzt im Glauben zu wiegen, ihre Emanzipation könne auf dem friedlichen Weg der Wahlen erreicht werden, unter dem Vorwand, dass Russland, das den Industriellen und Finanziers aller imperialistischen Länder den Hof macht, die Reaktion daran hindern würde, auch nur einen Finger zu rühren.

Wenn wir diese volle Teilnahme Russlands am Weltkapitalismus feststellen (nachdem wir sie schon vor über 20 Jahren vorausgesehen hatten), so keineswegs, um einen Sozialismus »anzugreifen«, der wirtschaftlich niemals existiert hat, noch um über die relative Schwäche all dessen höhnisch zu lächeln, was aufgebaut worden ist - nicht dank einer falschen »sozialistischen Planung sondern dank des Schweisses und Blutes des russischen Proletariats -‚ sondern im Gegenteil, um diese furchtbare konterrevolutionäre Täuschung zu entlarven, die noch heute auf der Arbeiterklasse lastet: einen Staat für das »Land des Sozialismus« zu halten, der nach 30 Jahren stillschweigenden Bündnisses mit dem amerikanischen Imperialismus zur Erhaltung der Weltordnung sich nun heute anschickt, den von der anschwellenden Krise bedrohten westlichen kapitalistischen Staaten eine neuerliche Frist zu gewähren, indem er ihnen Absatzmärkte für ihre Waren und ihr Kapital zur Verfügung stellt.

Fügen wir noch eine Richtigstellung hinzu, die im Wirrwarr, das für die heutige konterrevolutionäre Periode charakteristisch ist, bestimmt von Nutzen ist. Wenn das kapitalistische Wesen Russlands sich durch den Lauf der Ereignisse auch immer klarer offenbart, muss man sich doch davor hüten zu glauben, dies sei so erst seit gestern oder vorgestern, und dass die UdSSR unter Stalin weniger kapitalistisch gewesen sei als sie es heute unter Breschnew ist. Einige Theorien, die heute grosse Mode sind, behaupten mit Vorliebe, das »sozialistische« Russland sei im Laufe einer geheimnisvollen Periode zwischen dem Tod des genialen »Vaters der Völker« und der endgültigen Einführung der auf Rentabilität und Profit beruhenden neuen Betriebsleitungsmethoden »zum Kapitalismus übergegangen«. Sich vorzustellen, Russland habe vor der Einführung der Libermanschen Methoden sozialistisch sein können und hinterher kapitalistisch, wobei es unter dem finsteren Einfluss einer erstaunlich mächtigen »Clique« von dem einen zum anderen übergegangen sei, heisst soviel wie überhaupt nichts vom Marxismus und dem, was Sozialismus ist, verstanden zu haben. Die zügellose Akkumulation der stalinschen Periode, die Lobgesänge über die Planüberschreitungen, die eiserne Disziplin und die produktivistische und stachanovistische Folklore, um die Arbeiter zu überzeugen, sich jeden Tag noch ein wenig mehr abstumpfen zu lassen, all das hat offensichtlich nichts mit dem Sozialismus zu tun, dessen Ziel niemals war, um jeden Preis mehr zu produzieren, sondern im Gegenteil, dieses Zuchthaus der Produktion für die Produktion zu zerstören, in dem die Arbeiter ihr ganzes Leben zu verbringen verdammt sind.

Genausowenig marxistisch ist die Leier, die unter dem intellektuellen Kleinbürgertum mit seiner angeborenen Allergie gegen jede geringste Bürokratie umgeht und nach der die Erklärung für die ganze russische Entwicklung eben in der Bürokratie zu suchen sei. Im Unterschied zur Polizei begnügt sich der Marxismus nicht mit der dürftigen Frage »Wer ist schuld?«, oder in diesem Falle »Wem kommt der Profit zu?«, sondern er zeigt, dass die Klassen innerhalb der Gesellschaft Funktionen haben, die durch die Produktionsverhältnisse bestimmt werden. Diese sind ihrerseits für eine bestimmte Produktionsweise typisch und gehorchen bestimmten Gesetzen, wobei die Individuen nur die im allgemeinen unbewussten Ausführer sind und nicht die Urheber. Es geht darum, diese Produktionsverhältnisse und diese Gesetze zu bestimmen, anstatt sich damit zu begnügen, deren Ausführern rachsüchtige Benennungen anzuhängen. Das wesentliche Produktionsverhältnis des Kapitalismus ist die Lohnarbeit, d.h. der wiederholte Kauf der Arbeitskraft der Gesellschaftsklasse, die nichts anderes zu verkaufen hat als eben ihre Arbeitskraft, um sie einen grösseren Wert, als ihr Lohn ausmacht, d.h. einen Mehrwert, produzieren zu lassen. Das wesentliche Gesetz ist das der Akkumulation oder der wie besessenen Umwandlung des Mehrwerts in Kapital, um so die Ausbeutung von immer mehr Lohnarbeitern und die Produktion von immer mehr Waren zu ermöglichen. So wie auf der ganzen Erde sind Lohnarbeit und Akkumulation die Namen der wahren Diktatoren der russischen Wirtschaft - während Stalin, Chruschtschow, Breschnew & Co. nur ihre gehaltsempfangenden Vollstrecker sind.

Das Fehlen der privaten Kapitalisten - das ist das Pseudoargument, das die Stalinisten immer parat haben - ändert nichts daran, eben weil der Profit, im marxistischen Sinn, dazu bestimmt ist, in zusätzliches Kapital umgewandelt zu werden; gleich, ob dies nun durch Mr. Rothschild oder durch einen besoldeten Beamten geschieht. Deshalb bringt es uns um keinen Schritt weiter, anstelle der privaten Kapitalisten die »schmarotzende Bürokratie« an den Pranger zu stellen: was man bestimmen muss, ist, von welchen Kräften diese Bürokratie der Agent ist. Die Bürokratie ist immer, in verschiedenem Grad, in bestimmten Momenten der Entstehung oder Entwicklung aller grossen Produktionsweisen erschienen; es ist jedoch das Wesen dieser Produktionsweisen, das ihre Rolle, ihre Privilegien bestimmt und nicht umgekehrt. Die Strukturen des modernen Kapitalismus haben übrigens die Tendenz, sich sowohl in ihrer »traditionellen«, wie in ihrer russischen Ausdrucksweise zu vereinheitlichen. Der Kapitalismus Europas und Amerikas »bürokratisiert« sich in dem Masse, als die Trennung der Funktionen von Verwaltung und Eigentum und die wachsende Rolle des Staates eine Mafia von »Managern« und Geschäftemachern hervorgebracht haben, die die entscheidende Rolle in der Wirtschaft spielen. Der Kapitalismus Russlands durchläuft ein »Rückwärtszählen«, er »liberalisiert« sich, indem er die Versuche staatlicher Kontrolle über die Produktion, den Handel, das freie Unternehmen lockert, auch wenn dieser Prozess nicht gradlinig, sondern voller Widersprüche verläuft - aus Gründen, die zu erläutern wir in Zukunft bestimmt Gelegenheit haben werden. Im Osten wie im Westen ist es jedoch das Kapital, das durch die Akkumulation des Schweisses des Proletariats immer fetter wird (6).

Notes:
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  1. Die »Einleitung« zur ersten deutschen Ausgabe, 1972 und das »Vorwort« zur zweiten Auflage 1976 haben wir unter dem Titel der Broschüre »Revolution und Konterrevolution in Russland« zusammengefasst. [sinistra.net, Dezember 2000] [back]
  2. Selbst die N.E.P. konnte weder vermeiden, dass die Flaute der landwirtschaftlichen Produktion anhielt - in einem Sektor, wo die Zahl der Kleinbetriebe unglaublich zugenommen hatte - noch, dass in der Folge die »Schere« sich immer weiter öffnete, d.h. der Abstand zwischen den dauernd steigenden Preisen der Industrieprodukte und den sinkenden Preisen der Agrarprodukte grösser wurde. Demnach musste das Ziel sein, in der Industrie den Privatkapitalismus und auf dem Land die Kleinproduktion zu überwinden.
    Bekannt sind die zu Unrecht »Links« und »Rechts« genannten Lösungen in den Auseinandersetzungen um die Wirtschaft in den Jahren 1923-1928. Die »Linke« um Trotzki verlangte die Industrialisierung und die Ausdehnung der staatlichen Kollektivbetriebe auf dem Lande. Preobraschensky theoretisiert 1925 die »ursprüngliche sozialistische Akkumulation« mittels der Ausbeutung der Bauern sowie der Kürzung der Löhne und Einkünfte der Privatindustrie zugunsten des »sozialistischen Monopols«. Wogegen Bucharin, Theoretiker der »Rechten«, erwidert, dass das Schema des »sozialistischen Monopols« vor allem zu einem ungeheuren Aufblähen des Staatsapparates, anstatt zu dessen Schrumpfen führen würde und dass es keineswegs das Problem löse, die nötigen Massen Kapital für die Grossindustrie zu beschaffen. Eine ursprüngliche Akkumulation entstehe in den landwirtschaflichen Betrieben. Daher das Schema, den »staatlichen Pächtern« auf dem Lande zu gestatten, Arbeitskräfte aufzunehmen und so mit ihrem Betriebskapital und mit den Lohnarbeitern auf dem selben Boden - staatlichen Eigentums - eine grössere Menge Produkte zu erzeugen, wovon sie dem Staat entsprechende Abgaben bezahlen müssen. Die Parole Bucharins - »Bauern bereichert euch« - bedeutete eben folgendes: Wir öffnen euch die Tore des staatlichen Bodens, bereichert euch also mit dem Kapital aus den landwirtschaftlichen Betrieben. Umso früher wird der Moment kommen, wo wir euch alles enteignen werden, was ihr akkumuliert habt. So werden wir auch auf dem Land zur vierten Stufe, dem Staatskapitalismus, übergehen.
    [back]
  3. Da wir aus Platzmangel nicht das nötige Beweismaterial aufführen können, verweisen wir den Leser auf unsere Broschüre »Bilan d'une révolution« (»Bilanz einer Revolution«), mit der Hoffnung, dass er, im Gegensatz zu den Schöngeistern, die die stalinistische Konterrevolution vermittels demokratischer Gemeinplätze erklären, sich die Mühe machen wird, sich von der Wahrheit der Tatsachen zu überzeugen, die wir hier nur kurz aufzählen können. [back]
  4. Alle unsere Zahlen stammen aus den »Statistitcheskii Sbornik«, Moskau 1970 und aus den Berichten des XXIV. Kongresses der KPdSU. [back]
  5. Der skeptische Leser kann auf die russischen oder sowjetfreundlichen Veröffentlichungen der Jahre 1964-1965 zurückgreifen, in denen die Ziele des VIII. Fünfjahresplans verkündet wurden und sie mit den 1970 erreichten Ergebnissen vergleichen. [back]
  6. Eine umfassende Kritik der sogenannten »sozialistischen Planwirtschaft« in Russland und eine Untersuchung der Ergebnisse der verschiedenen »Fünfjahrespläne« sowie des heutigen Entwicklungsstandes des russischen Kapitalismus in deutscher Sprache findet der Leser in »Bulletin Nr. 11«, Juli 1976 (»Der Mythos von der 'sozialistischen Planung' in Russland«, siehe aber auch den Artikel »Drang nach Osten - Drang nach Westen« und »Der Marxismus und Russland«). [back]

Source: »Kommunistisches Programm«, Broschüre »Revolution und Konterrevolution in Russland«, 2. Auflage 1976

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