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DIE EREIGNISSE IN TIBET - BEWEIS FÜR DEN NATIONALKOMMUNISTISCHEN KONFORMISMUS
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Die Ereignisse in Tibet - Beweis für den nationalkommunistischen Konformismus
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Die Ereignisse in Tibet - Beweis für den nationalkommunistischen Konformismus
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Noch während wir diesen Artikel schreiben (1) scheint die Revolte im Tibet niedergeworfen zu sein. Der Dalai Lama, der in den Augen der atlantischen Presse zu einem neuen Symbol des Kampfes gegen den »atheistischen Materialismus« emporgestiegen ist, hat das indische Territorium erreicht. Der lebende Budda, der wiedergeborene Grosse Ozean, ist gerettet! Die Konformisten in aller Welt, denen plötzlich die Wichtigkeit bewusst wurde, die der Lamaismus im Kampf um die »Rechte der Seele« einnimmt, gaben einen Stossseufzer von sich. Über wen soll man sich wundern? Über die westliche Bourgeoisie, die, nur um sich den Einfluss der katholischen Kirche zu sichern, allen antiklerikalen Denktradition abgeschworen hat, welche, wohl oder übel, die Entwicklung wirkungsvoller intellektueller Werkzeuge erlaubte, wie jene welche aus der wissenschaftlichen Revolution des Darwinismus entstanden sind. Und die sich in der besorgten Suche nach Eindämmung des proletarischen Meeres vor den katholischen Päpsten auf die Knie fallen liess. Aber heute reicht nicht einmal mehr der Katholizismus aus; und also wirft man sich vor dem Papst der Tibeter nieder!

Die Verlogenheit der westlichen Presse ist bis zum Erbrechen erwiesen durch ihre ganz gegenteilige Haltung, die sie gegenüber den Aufständen der vom weissen Kolonialismus unterdrückten »farbigen Völker« einnimmt. Die Verschleppung von einigen Tausend tibetischer Mönche, die wie ihresgleichen in aller Welt daran gewöhnt waren auf dem Rücken des Volkes zu leben, hatte die wundersame Wirkung menschliche Regungen gerade in den steinernen Herzen zu erregen, die kaltblütig halfen das algerische Volk abzuschlachten, und in Kamerun, dem Kongo und Nyassa der Unterdrückung durch die Kolonialtruppen beistanden. Die »Rassenschranke« ist plötzlich gefallen. Der Rassismus der berühmten käuflichen Intellektuellen, die in den Zeitungen wie »Popolo«, »Corriere della Sera«, »Tempo«, »Secolo« schreiben, hat von heute auf morgen der tibetischen Feudalaristokratie ein Aussetzen zugestanden. Leute, die voraussagen, dass »das von den Siedlern verlassene Afrika unausweichlich in die Finsternis der Barbarei zurückfällt, oder gar in den Kannibalismus«, entdecken »das Recht der Völker Tibets, ihre eigene Art der Zivilisation zu entfalten«! Mit der jesuitischen Entschuldigung, dass innerhalb des Blocks der NATO jeder Riss vermieden werden muss, rechtfertigt der bürgerliche Journalismus auf die eine oder andere Art und Weise die Kolonialherrschaft (2), aber er tritt zum Antikolonialismus über sobald die Informationsagenturen Tschiang Kai-sheks (3) - ein anderer Vorkämpfer der »Freiheit der Völker«! - die Meldung über den Aufstand der tibetischen Völker verschicken. Doch wenn die westliche Bourgeoisie ohne irgendwelche Skrupel dazu bereit ist jede Gelegenheit am Schopf zu packen, die es ihr erlaubt den Kommunismus als eine Ansammlung von Widersprüchen anzuschwärzen, so ist es nötig zu sagen - und wir sind sicher nicht die, die den Schuss nach hinten geben - dass die schmutzige Arbeit der bürgerlichen Propaganda ungemein erleichtert wird durch die Auswirkungen der theoretischen Verdrehungen und opportunistischen Taten derjenigen Parteien, die sich auf den vorgeblichen »Kommunismus« Moskaus oder Pekings berufen.

In den Tagen nach der Verbreitung der Pekinger Regierungserklärung, die den tibetischen Aufstand bestätigte, entstand eine Art Polemik zwischen den Zeitungen »L'Unità« und »Avanti!« (4). Letztere, die sozialistische Zeitung, die sich zur Zeit des ungarischen Aufstands der Kritik der von Moskau verfolgten Methoden in den »Satellitenstaaten« gewidmete hatte, unterstützte die legalistische These, nach der der Aufstand deshalb ausgebrochen sei, weil die Regierung in Peking das chinesisch-tibetische Abkommen vom 25. Mai 1951 nicht respektiert hatte. Nach diesem Abkommen anerkennt der Tibet die im Oktober des vorhergehenden Jahres begonnene und nun abgeschlossene Tatsache der chinesischen militärischen Besetzung an, während China sich verpflichtet, die Autonomie Tibets und seine Gesellschaftsstruktur zu achten. Nun denn, die »Unità« antwortete, dass der Anstoss zum Bruch des Abkommens von den Vertretern der feudalen tibetischen Theokratie ausgegangen war. Dies ist eine nicht weniger legalistische und konterrevolutionäre These, weil sie die Unterdrückung des Aufstands nicht vom Standpunkt des Klassenkampfs und der revolutionären Illegalität aus rechtfertigt, sondern vom ultra-bürgerlichen Standpunkt des internationalen Rechts ausgeht. Ich, herrschende Macht, besetze dich und zwinge dich ein Abkommen zu unterschreiben, mit der du meine Souveränität anerkennst, und überlasse dir deshalb eine gewisse Verwaltungsautonomie. An einem gewissen Punkt hältst du dich, unterjochte Macht, nichtmehr an den Vertrag? Nun, dann schiesse ich auf dich, und niemand kann mich einer Ungerechtigkeit bezichtigen, denn mein Tun ist legal…

Oh weh! Habt ihr schon vergessen, ihr die ihr euch rühmt der schändlichen Periode der Versklavung Chinas ein Ende bereitet zu haben, dass die imperialistischen, von England, Frankreich, Deutschland und heute von den Vereinigten Staaten bezahlten Räuber nicht anders dachten, die gekommen waren um unter sich grosse Gebietsstücke Chinas, aus der Mandschurei oder dem Gebiet Tschiang Kai-sheks, aufzuteilen? Habt ihr vergessen, dass jede Gewalttat die China erleiden musste, angefangen vom Opiumkrieg (5) bis schliesslich zur Gründung des Marionettenstaats Mandschukuo (6), von der imperialistischen Diplomatie stets als ein Vergeltungsakt für chinesische Unehrlichkeit und Hinterlistigkeit dargestellt wurde? Ein ganzes Jahrhundert lang musste China dafür bezahlen, dass es »sich nicht an die Verträge gehalten« hatte, und der Leidensweg ist noch nicht beendet. Vielleicht neigt der US-Imperialismus nicht dazu, die militärische Besetzung Formosas zu billigen und stellt die Verträge zur Schau, die er sich von der Marionette Tschiang unterschreiben liess?

Was die Polemik zwischen »Avanti!« und »Unità« betrifft, so können wir weder für die eine noch die andere Seite Partei ergreifen, da keiner der beiden eine revolutionäre Sprache spricht. Die Frage stellt sich nicht, wer den Vertrag von 1951 zerrissen hat, seien es die chinesischen Machthaber oder die Regierung des Dalai Lama. Tatsache ist, dass das Zustandekommen des Vertrags selbst ein konterrevolutionärer Akt war. Diesen Vertrag vorzuschlagen, der die chinesische militärische Besetzung sanktionierte und die Erhaltung der ultrareaktionären Gesellschaftsstrukturen garantierte und damit die feudalen Privilegien fortführte, lief auf nichts anderes als die Unterzeichnung eines Kolonialvertrags hinaus. Das wird die »Unità«, die erst jetzt entdeckt dass der Tibet um 1500 Jahre zurückgeblieben ist - und das ist wahr -, niemals zugeben. Aber die ganze Geschichte des Kolonialismus erzählt davon, dass sich, in Afrika wie in Asien, die Kolonialherrschaft nie anders niedergelassen hat als vermittels des Bestrebens die Interessen der Besatzungsmacht mit der Erhaltung der einheimischen Gesellschaftsstruktur, also der Privilegien der lokal herrschenden Kasten (Maharadschas, Emire, Sultane, Ulemas usw.) zu vereinbaren. Wenn man den wirklichen Wortbruch sucht, den Meineid, so muss man ihn beim chinesischen »Kommunismus« aufzeigen, der, bewaffnet im Tibet angekommen, davon absieht, die Gebirgsbewohner von dem Joch einer archaischen Gesellschaftsstruktur zu befreien, unter der sie seit Jahrhunderten leben. Mit dem Vertrag von 1951 verständigt sich der chinesische »Kommunismus«, unter Missachtung aller Thesen des Marxismus, dem er zu folgen vorgibt, mit der tibetischen Feudalaristokratie, deren böse Absichten er nun »entdeckt«, mit neun Jahren Abstand.

Was war also der Tibet, als die Armeen Mao Tse-tungs ihren Fuss in ihn setzten? Um dies herauszufinden lesen wir einen Abschnitt aus dem Artikel »Tibet: eine seit Jahrhunderten unveränderte Feudalgesellschaft«, erschienen in der »Unità« vom 31. März 1959, der gleichen Ausgabe also, die auch die gegen den »Avanti!« gerichtete Polemik enthält:

»Auch noch heute, nach dem Vertrag von 1951, wird dieses Land [der Tibet], das sich mit ungefähr einer Million Quadratkilometer über die höchstgelegene Ebene der Welt erstreckt, autokratisch von den buddhistischen Mönchen verwaltet. Es ist eine streng pyramidenartig organisierte Feudalgesellschaft, an deren Spitze der Dalai Lama steht und die Leibeigenen an deren Basis. Alle Macht geht von den Mönchen der drei grossen Klöster Drebung, Sera und Ganden aus, unter ihnen werden die Mitglieder des Casiag, der dem Dalai Lama verantwortlichen Regierung ausgewählt, wie auch die Lama-Funktionäre... ...Die höchste Autorität, wie schon gesagt, ist der Dalai Lama, der »Grosse Ozean«, der für die lamaistischen Gläubigen die Inkarnation des Cerenzi ist, der Herr des barmherzigen Himmels, herrschender Gott des Tibet... Es gibt, wie auch immer, noch eine andere hohe Inkarnation, den Opame, den Budda des unermesslichen Lichts, und er ist der Pantschen Lama, gemeinhin auch Sohn genannt - bezogen auf den Vater, den Dalai Lama -, der mit dem Dalai die spirituelle und weltliche Macht teilt solange sie nicht durch unheilbare Gegensätze entzweit sind, was zu mehr als einer Gelegenheit in der jahrhundertelangen Geschichte des Tibet vorkam«.

Nachdem man ungefähr über die politische Struktur des »mysteriösen« Landes belehrt wurde und über die Tatsache, dass die lamaistische Kirche die geistliche und weltliche Macht in ihren Händen konzentriert, über Körper und Seele herrscht, fährt »L'Unità« fort mit einer Beschreibung der Gesellschaftszustände im Lande. Wir könnten auf jeden anderen geographischen Text zurückgreifen, aber wir ziehen es vor, dass »L'Unità« uns informiert:

»Mönche und Grundbesitzer besitzen alle Reichtümer des Tibet, sofern man von Reichtum reden kann in einer Gesellschaft nomadischer Stämme die sich fortwährend bekriegen. Ein Teil des Ertrags aus der (Vieh)zucht muss an die Klöster und die Zentralregierung abgeführt werden, die Lamas und Adligen waren bis in die letzte Zeit für die Bauern und Viehzüchter die einzige Kreditquelle, zu exorbitanten Zinssätzen... Der tibetische Bauer befindet sich ungefähr auf der Stufe von vor dreizehn Jahrhunderten, als der Kontakt mit China unter der Tang-Dynastie ihm den Gebrauch erster landwirtschaftlicher Gerätschaften lehrte. Sein Pflug ist noch so ursprünglich, aus Holz gefertigt, dass er ihn auf der Schulter tragen kann.«

Das ist der Tibet von 1959. Aber es ist der gleiche von 1950, dem Jahr der chinesischen Eroberung. Gewiss, und wer könnte dies bezweifeln, die Bedingungen in den europäischen Ländern waren, als sie von den napoleonischen Armeen zu Beginn des vorherigen Jahrhunderts besetzt wurden, weitaus vorgeschrittener als die noch jetzt im Tibet existierenden Verhältnisse. Aber die französischen Eroberung, auch nicht frei von nationalistischen Tendenzen, führte energisch ihre Mission der Verteidigung der demokratischen Revolution durch gegenüber der feindlichen feudalen Welt, die Frankreich umschloss. Deshalb haben die Kommunisten niemals ihre Bewunderung für die napoleonischen Unternehmungen verhehlt: Marx selbst definierte Napoleon I bekanntlich als »Held der Revolution«.

Diese geschichtliche Bewertung des Bonapartismus, zumindest der Auswirkungen die dieser ausserhalb Frankreichs gehabt hatte, steht in voller Übereinstimmung mit der marxistischen Lehre der revolutionären Gewalt. Der Kommunismus kämpft vor allem, wie es im »Manifest« gesagt ist, gegen die Bourgeoisie des eigenen Landes, aber das Endziel seines Kampfes ist die Zerstörung der weltweiten Herrschaft der Bourgeoisie. Die kommunistische Revolution hat das Recht sich gegen innere und äussere Feinde zur Wehr zu setzen: überdies hat diese Unterscheidung für sich selbst keine Bedeutung, denn der Arbeiterstaat strebt danach den bürgerlichen Nationalstaat zu zerstören und ihn durch die einheitliche Diktatur der kommunistischen Internationale zu ersetzen. Dies heisst, sobald in einem Lande die Macht errungen wurde, versuchen die Kommunisten mit allen Mitteln, militärische Eroberung nicht ausgeschlossen, das Gebiet des Arbeiterstaats auszudehnen und somit das Feld der antikapitalistischen Revolution zu erweitern.

Die bürgerliche Heuchelei beschuldigen den Kommunismus, zur Weltherrschaft gelangen zu wollen. Heutzutage können wir dem Schauspiel zusehen, wie die von Moskau und Peking gelenkten »kommunistischen« Parteien bemüht sind, Empörung heuchelnd diese »Beschuldigung« zurückzuweisen.

In der Tat, für den moskovitischen »Kommunismus« hat der Weltarbeiterstaat aufgehört das höchste Ziel des politischen kommunistischen Programms zu sein: es wurde zu einer »Beschuldigung«, einer »Verleumdung« durch »extremistische Kreise des Kalten Kriegs«. Im Namen der »friedlichen Koexistenz« verleugnen sie eine grundlegende Haltung des marxistischen Kommunismus. Aber sobald Ereignisse wie die Feudalrevolte im Tibet geschehen, schon tritt das widersprüchliche Gewirr, aus dem Vortragen marxistischer Prinzipien und dem praktischen Verhalten der »kommunistischen« Parteien und Regierungen, ans Licht.

Wir wiederholen es, wir weisen energisch die kleinbürgerlichen Positionen zurück, die vom bunten Haufen der Demokraten und Sozialdemokraten verteidigt werden und zu deren Sprachrohr sich »Avanti!« gemacht hat. Die Revolution hat keine »Verträge« zu respektieren, ausser jene, die sie auf dem Gebiet der Lehre und Aktion im Bezug auf die revolutionäre Klasse geschlossen hat. Um die Verteidigung der bürgerlichen Legalität, wovon das internationale Recht nur ein Teilaspekt ist, sorgen sich die Knechte der herrschenden Bourgeoisie. Die proletarische Revolution wird, wenn nötig, nicht zögern, die nationalen »heiligen Grenzen« in Waffen zu überschreiten um den gesellschaftlichen Brand auszuweiten. Die 1921 entfesselte Militäraktion des leninistischen Russlands gegen das reaktionäre Polen bleibt weiterhin gültig. Zu dieser Zeit unterstützten wir mit Begeisterung das Vorgehen der Roten Armee und keinerlei Zweifel deutete sich damals an. Vom Standpunkt des Klassenkampfs aus hatte der Kommunismus alles Recht das vom westlichen Imperialismus unterstützte und aufgehetzte Polen anzugreifen. Der russische Bolschewismus und die Internationale handelten in voller Übereinstimmung mit den marxistischen Grundsätzen und den Interessen der Arbeiterklasse als sie sich bemühten die Revolution über die Grenzen hinauszutragen, die die Kräfteverhältnisse Russland zuwiesen. Zu dieser Zeit predigte man sicher nicht die »friedliche Koexistenz« mit dem Kapitalismus und man erklärte offen dass die »Weltherrschaft« des Kommunismus - bereits die Weltherrschaft des Proletariats über die Weltbourgeoisie - das oberste Ziel der revolutionären kommunistischen Aktion war.

Sicherlich, der »Avanti!« und all die andern Blätter, die mit ihm die legalistischen Positionen teilen, würden heute die »Aggression« gegenüber dem Polen von 1921 verurteilen. Wir hingegen weisen nichteinmal den Begriff »Aggression« zurück, da die Revolution stets eine »Aggression« gegenüber der herrschenden Klasse ist, Gewalt, die der ausgebeuteten Klasse durch die Unterdrückung aufgezwungen ist unter der sie lebt. Das einzige was wir, noch heute, nach fast 40 Jahren Abstand, bedauern ist, dass die revolutionäre Aggression gegen das agrarische und reaktionäre Polen nicht von Erfolg gekrönt war.

Um auf den Tibet zurückzukommen und der »Unità« das zu geben, was sie verdient: wir hätten den bewaffneten chinesischen Angriff von 1950 sicher nicht kritisiert, wenn die militärische Eroberung die Auswirkung gezeitigt hätte, die antifeudale Revolution in den Hort der archaischsten asiatischen Reaktion zu tragen. Aber die Anpassung an die legalistischen kleinbürgerlichen Ideologien, die Notwendigkeit sich die Ideologien à la Nehru (7) und Sukarno (8) warm zu halten, die nichts anderes sind als der asiatische Ausdruck der falschen bürgerlichen Lehren, die unbeschreibliche theoretische Degenerierung, all dies hat den chinesischen »Kommunismus« dazu gebracht, die »Autonomie« des Tibet zu respektieren. Die Beschränkung auf die Einnahme des Territoriums besagte nichts anderes als die Bewahrung der ultrareaktionären Strukturen, welche die »Unità« erst heute wahrnimmt. Hierher führt also die Verleugnung der Grundsätze des Kommunismus und der Anspruch seiner »Machiavellisierung«, wenn man dem Begriff des »Machiavellismus« die unrichtige Bedeutung von der Kunst des Lugs und Trugs zuordnet (9). Man beginnt damit zu erklären, dass die revolutionäre Aktion nichtmehr zeitgemäss, dass eine »vielfältige« Politik viel produktiver sei, gegen welche die Bourgeoisie nur unter Schwierigkeiten ankämpfen könne; man endet damit, sich politisch genau wie die Bourgeoisie zu verhalten.

Auch lässt sich nicht behaupten, dass der Tibet, nach vollendeter Unterdrückung, an eine Wende seiner Geschichte gelangt wäre. Einstweilen setzte man die Anerkennung der theokratischen Autorität fort und stimmte zu, dass auf dem Thron von Lhasa, der vom Dalai Lama verlassen wurde, der Pantschen Lama Platz nahm. Das wenigste, was die chinesische Regierung hätte machen können um im Einklang mit den revolutionären Grundsätzen zu sein, wäre die Gewaltenteilung gewesen und die Beschränkung des Lama auf eine rein kirchliche Autorität. Stattdessen bleibt der Tibet eine theokratische Monarchie, die politische Regierung verbleibt noch immer in den Händen jener Mönche, die Peking gegenüber ihr Gehorsam erklärten. Zu einer demokratischen Republik geworden, würde der Tibet sicher ebensowenig zum Sozialismus gelangen wie das übrige China. Er hätte nur einen ersten Schritt auf dem Terrain der antifeudalen Revolution gemacht und nähme teil an der Erneuerungsbewegung, die für die gesamte afro-asiatische Zone von Bedeutung ist, in besonderer Weise für das »kommunistische« China, wo die demokratische - nicht die sozialistische - Revolution voranschreitet, die die halbkoloniale Besetzung für über ein Jahrhundert verhindert hatte.

Im Gegenteil dazu fiel der Regierung in Peking, um sich gegen die von der westlichen Propaganda entfesselten gewaltigen Kampagne zu verteidigen, nichts anderes ein noch einmal ihre Absicht zu erklären, die tibetische Autonomie zu achten. Wäre es nicht Zeit revolutionäre Massnahmen zu ergreifen und dem tibetischen Feudalismus den Todesstoss zu versetzen? Man zieht es wieder einmal vor sich zum Verteidiger des internationalen Rechts und der »Koexistenz« zu erheben.

Notes:
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  1. Der vorliegende Artikel erschien im April 1959 [back]
  2. Italien selbst verfügte seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs über keine Kolonien mehr. [back]
  3. In modernerer Transliteration: Jiang Jieshi (nationalchinesischer Gegenspieler Mao Zedongs). [back]
  4. Die »L'Unità« war zu dieser Zeit das Zentralorgan der moskauhörigen »Italienischen Kommunistischen Partei«, die Zeitung »Avanti!« Organ der italienischen Sozialisten. [back]
  5. Opiumkrieg: englisch-chinesischer Krieg zwischen 1839 und 1842, mit dem sich die Briten den Markt für englische Handelswaren öffneten und die Kolonialisierung Chinas eingeleitet wurde. Engels schreibt dazu:
    »
    Der Krieg war von den Engländern durchweg im Geiste brutalster Grausamkeiten geführt worden, der ein geeignetes Gegenstück zu dem Geist schmuggelnder Habgier war, welchem er entsprungen.« (MEW, Bd.12, S.177) [back]
  6. Mandschukuo war ein von Japan geschaffener Protektoratsstaat zwischen 1932 und 1945, dem der letzte chinesische Kaiser Pu'i zunächst als Marionettenpräsident, dann ab 1934 als Marionettenkaiser vorstand. Nach der Besetzung 1945 durch Sowjettruppen wurde der Kunststaat aufgelöst. [back]
  7. Jawaharlal Nehru, 1889-1964, war von 1947 bis 1964 Präsident der indischen Union, seit 1923 Generalsekretär und später Präsident des Indischen Nationalkongresses, der politischen Vereinigung der indischen Bourgeoisie. Vater von Indira Gandhi, der späteren indischen Premierministerin. [back]
  8. Sukarno, indonesischer bürgerlicher Politiker, lebte von 1901 bis 1970, Gründer und Anführer der »Indonesischen Nationalpartei« (PNI). Verbündete sich im antikolonialen Kampf gegen die niederländischen Kolonisatoren 1942 mit Japan und proklamierte zusammen mit Hatta 1945 die indonesische Unabhängigkeit. Er gründete seine politische Theorie auf eine Verschmelzung hindu-javanischer, islamischer und »sozialistischer« Vorstellungen (»Pantschu Sila« genannt), 1959 entwarf er die These einer »gelenkten Demokratie«. Zu gleicher Zeit erfolgte die politische Annäherung an die VR China. [back]
  9. Bennant nach Nicolò Machiavelli, florentinischer politischer Schriftsteller, lebte 1469-1527. [back]

Source: «Il Programma Comunista», Nr.7, 1959 [Übersetzung und alle Anmerkungen: sinistra.net, Mai 2000]

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