40 Jahre russische Ereignisse in der organischen Bewertung des revolutionaeren Marxismus
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40 JAHRE RUSSISCHE EREIGNISSE IN DER ORGANISCHEN BEWERTUNG DES REVOLUTIONÄREN MARXISMUS
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40 Jahre russische Ereignisse in der organischen Bewertung des revolutionären Marxismus
A) Russland gegen Europa im 19. Jahrhundert
B) Aussichten auf den Untergang des letzten Feudalismus
C) Die unauslöschliche russische Etappe der proletarischen Weltrevolution
D) Verhängnisvolle Parabel der abgebrochenen Revolution
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40 Jahre russische Ereignisse in der organischen Bewertung des revolutionären Marxismus
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Dieser Artikel ist im Jahre 1957 in unserem Parteiorgan»Il Programma Comunista«erschienen; mehr als 10 Jahre sind seit damals vergangen, aber unverändert ist die Gültigkeit der marxistischen Bewertung der Ereignisse. Vielmehr, die Ereignisse der letzten zehn Jahre auf der ganzen Welt sind eine leuchtende Bestätigung unserer Voraussichten: die Hälfte der Zeitspanne von 20 Jahren, innerhalb derer der Kapitalismus in eine die ganze Welt umfassende Produktionskrise stürzen wird, sind inzwischen vergangen, und überall sehen wir bereits die ersten Anzeichen, die ersten Beben der kommenden Erschütterung. Und auch die Arbeiterklasse, vor zehn Jahren noch in der Illusion eines immer wachsenden kapitalistischen Idylls gewiegt, beginnt aus diesem Traum zu erwachen, hart herausgerissen von den unerbittlichen Widersprüchen der kapitalistischen Produktionsweise, die sie zwingen, von längst »vergessenen« radikalen Kampfmethoden wieder Gebrauch zu machen.

Nichts haben wir hinzuzufügen, nichts hat sich im kapitalistischen Weltsystem geändert, was uns dazu bewegen könnte, unsere Leitsätze zu ändern, zu »bereichern« oder »anzupassen«, und ans diesem Grunde geben wir ohne weitere Kommentare den Artikel wieder.

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A) Russland gegen Europa im 19. Jahrhundert
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1. Bezüglich der »Rolle« Russlands in der europäischen Politik haben die marxistischen Sozialisten schon von Anfang an gegen die trügerische Auffassung gekämpft, nach der man die Schlussfolgerungen des historischen Materialismus nicht auf Russland anwenden könne. So wie die aus dem Studium des ersten Auftretens des Kapitalismus in England abgeleiteten gesellschaftlichen Folgerungen universaler Tragweite vom marxistischen Internationalismus auf Frankreich, Deutschland und Amerika übertragen worden waren, so hegte unsere Schule keine Zweifel, dass jener Schlüssel der Geschichte auch die Türen geöffnet hätte, die sieh für immer vor dem Angesicht der bürgerlichen Gesellschaft und hinter den fliehenden Bajonetten Napoleons zu schliessen schienen, um das Fortschreiten der Geschichte zu verzögern.

2. Wie für alle Länder Europas, so erwartete und verfocht dar Marxismus auch für Russland die grosse, den Spuren der Revolutionen in Frankreich und England folgende bürgerliche Revolution, deren Brand 1848 ganz Mitteleuropa erschütterte. Der Sturz der feudalen Produktionsweise in Russland wurde von Marx umso mehr vorhergesehen, erwartet und gefordert, als das Russland der Zaren die Rolle einer Zitadelle der europäischen antiliberalen und antikapitalistischen Reaktion übernommen hatte. Bis zum Ende der 1871 abschliessenden Phase der bürgerlichen nationalen Grenzregelungskriege innerhalb Europas wurde jedem Krieg eine vorteilhafte Entwicklung in Aussicht gestellt, in dem Sinn, dass er zu einer Niederlage und zum Zusammenbruch Petersburgs führen könnte.

Marx wurde deshalb antirussischer pangermanistischer Agent geheissen! Für ihn bedeutete der hartnäckige Widerstand des Zarentums nicht nur einen Damm gegen die Welle der bürgerlichen Revolution, sondern auch gegen die darauffolgende Welle der europäischen Arbeiterrevolution, und die Befreiungsbewegungen der vom Zaren unter drückten Nationen, vor allem Polens, wurden von der Ersten Arbeiterinternationale voll unterstützt.

3. Die Geschichtslehre der marxistischen Schule beendet mit dem Jahre 1871 die Periode, in der die Sozialisten die zur Neuordnung Europas in moderne Staaten dienenden Kriege, die inneren Kämpfe liberaler Revolutionen und die nationalen Freiheitskämpfe unterstützten. Doch thront am Horizont das russische Hindernis, das durch sein Fortbestehen weiterhin der Erhebung der Arbeiter gegen die »verbündeten nationalen Heere« den Weg versperren wird, und seine Kosaken nicht nur zur Verteidigung heiliger Kaiserreiche, sondern - nach Beendigung des westlichen Entwicklungszyklus - auch zur Verteidigung kapitalistischer parlamentarischer Demokratien entsenden wird.

4. Der Marxismus beginnt bald, sich mit den »sozialen Angelegenheiten Russlands« zu beschäftigen und studiert dessen Wirtschaftsstruktur und den Ablauf der Klassengegensätze. Man kam aber nicht umhin, bei der Bestimmung des Zyklus der sozialen Revolutionen in erster Linie die internationalen Kräfteverhältnisse zu berücksichtigen, wie es Marx tat in einem gigantischen Bauwerk über die Marschetappen der Revolution und ihre Bedingungen, die - was die Reife der Gesellschaftsstruktur betrifft - in der oben erwähnten Reihenfolge in Erscheinung treten. Sofort erhob sich die Frage, ob man den russischen Ablauf verkürzen könne, der ja noch darauf wartete, die Schritte zu tun, die Europa bereits zu Beginn des Jahrhunderts und 1848 getan hatte. Marx antwortete auf diese Frage 1882 im Vorwort zu Sassulitsch's russischer Übersetzung des»Manifestes«, und 1877 in einem Brief an eine Zeitschrift. Ist es möglich, in Russland die kapitalistische Produktionsweise zu überspringen? Die erste Antwort war zum Teil positiv: »Wenn die russische Revolution den Anstoss zu einer Arbeiterrevolution im Westen gibt, so dass die eine die andere ergänzt«. Die zweite Antwort jedoch erklärte diese Gelegenheit bereits als verpasst, und bezog sich dabei auf die bürgerliche Bodenreform von 1861, die die Leibeigenschaft abschaffte, die aber vor allem zur endgültigen Auflösung des Urkommunismus der Bauerndörfer führte, Tatsache die Bakunin willkommen hiess, weswegen er von Marx und Engels aufs schärfste zurechtgewiesen wurde: »Wenn Russland den nach 1861 eingeschlagenen Weg weiter geht, wird es die schönste Gelegenheit verpassen, die je die Geschichte einem Volk geboten hat, den verhängnisvollen Lauf des kapitalistischen Regimes zu überspringen. Es wird wie alle andern Völker die unerbittlichen Gesetze dieses Systems ertragen müssen«. Das ist alles, sagte Marx abschliessend mit Härte. Das war alles: nachdem die proletarische Revolution in Europa missglückt und verraten war, ist das heutige Russland in die kapitalistische Barbarei gefallen. Schriften von Engels über den primitiven kommunistischen Mir in Russland bezeugen, dass schon im Jahre 1875 und um so mehr 1894 die kapitalistische Produktionsweise die Partie gewonnen hatte, und bereits unter der Zarenherrschaft in den Städten und in gewissem Ausmass auch auf dem Lande vorherrschte.

5. Zusammen mit der kapitalistischen Industrie, die in Russland nicht so sehr durch eine anfängliche Akkumulation sondern durch direkte staatliche Investitionen entstand, entsteht das städtische Proletariat und die marxistische Arbeiterpartei. Diese wird vor das Problem der doppelten Revolution gestellt, dasselbe Problem, vor dem die ersten Marxisten in Deutschland vor 1848 standen. Die theoretische Linie dieser Partei, die anfangs von Plechanow und darauf von Lenin und den Bolschewiken vertreten wurde, ist ganz in Übereinstimmung mit dem europäischen und internationalen Marxismus, vor allem auch in der für Russland so besonders wichtigen Agrarfrage. Welchen Beitrag werden die ländlichen Klassen der doppelten Revolution leisten, die Leibeigenen und die elend armen bauen, die wohl dem Gesetz nach gleichberechtigt sind, deren Lage sich jedoch im Vergleich zum reinen Feudalismus verschlechtert hat? Überall haben die Leibeigenen und die Kleinbauern die bürgerlichen Revolutionen unterstützt und sich immer gegen die Privilegien des landbesitzenden Adels erhoben. Für Russland ist folgendes charakteristisch: der Feudalismus ist nicht zentrifugal wie in Europa und Deutschland, sondern die zentrale Staatsmacht und das nationale Heer selbst sind seit Jahrhunderten zentralisiert: dies ist bis zum 19. Jahrhundert eine im historischen Sinne fortschrittliche Bedingung. Das gilt nicht nur auf politischem Gebiet für die Ursprungsgeschichte von Heer, Monarchie und Staat, von aussen hinein importiert, sondern auch für die Gesellschaftsstruktur. Staat, Krone (und die nicht weniger konzentrierten kirchlichen Institutionen) besitzen mehr Land und Leibeigene als der Feudaladel; daher die Bezeichnung eines Staatsfeudalismus, der dem Anprall der französischen demokratischen Armeen gut Stand hielt, und gegen den Marx viele Jahre lang sogar den Angriff europäischer, türkischer und deutscher Armeen herbeiwünschte.

Im Grunde genommen ist in Russland der Weg vom Staatsfeudalismus zum Staatskapitalismus weniger lang gewesen als der vom zersplitterten Feudalismus zu den kapitalistischen Einheitsstaaten und vom ersten »autonomistischen«, wenig konzentrierten Kapitalismus zu seinen konzentrierten und imperialistischen Formen, den Europa durch gemacht hat.

B) Aussichten auf den Untergang des letzten Feudalismus
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6. Diese seit Jahrhunderten eingewurzelten Formen sind der Grund, warum sich in Russland nie eine so mächtige Bürgerklasse gebildet hat wie im Westen, und die von den Marxisten erwartete Einschaltung der beiden Revolutionen erwies sich noch schwieriger als in Deutschland. Als Engels den Mängeln und Schwächen der deutschen revolutionären Tradition auf den Grund ging, die sich - ganz anders als die englische - in der Religionsreform erschöpft hatte, griff er zurück auf die Bauern und beschrieb deren historischen Krieg von 1525, der furchtbar im Blut ertränkt worden war dank der Feigheit des städtischen Bürgertums, des reformierten Klerus und auch des Kleinadels. Was Russland anbelangt, ging der erste Streit zwischen den Marxisten und allen anderen Parteien in Theorie und im reellen Kampf darum, ob die politisch abwesende Bürgerklasse, wie der Kleinadel selbst und ein rebellischer Klerus, in der Bauernklasse einen Ersatz finden könne. Die für uns ungünstigste Hypothese war die, dass die russische Revolution weder eine bürgerliche, noch eine Arbeiter- sondern eine Bauernrevolution sein würde. Wir bezeichneten die Bauernrevolution als nur einen »Doppelgänger« der städtischen bürgerlichen Revolution. In dem ganzen, über hundert Jahre langen Lauf von Polemiken und Klassenkriegen hat der Marxismus stets die abscheuliche Perspektive eines »Bauernsozialismus« abgelehnt, der in Russland angeblich aus der Erhebung der ärmsten Landarbeiter hervorgehen würde: und zwar mit dem Ziel, in den Genuss des Grundbesitzes in utopistisch gleichberechtigenden Formen zu kommen; dadurch würden sie soweit gelangen, mehr als die städtischen Klassen den Staat zu kontrollieren, mehr als die ohnmächtige Bourgeoisie und das junge Proletariat, dessen schreckenerregende Energie man nicht erahnte (Energie, die es daraus schöpft, eine Abteilung des europäischen Proletariats zu sein). Die Bourgeoisie entsteht national und leitet sich keine Energie über ihre Grenzen weiter. Das Proletariat entsteht international und ist als Klasse in allen »ausländischen« Revolutionen anwesend. Am beschränktesten ist die Bauernschaft, sie ist nicht einmal »national«.

Auf diesen Grundlagen baute sich bei Lenin die marxistische Theorie der russischen Revolution auf, in der als Hauptperson nicht die Klassen der einheimischen Bourgeoisie und der Bauernschaft, sondern einzig und allein die Arbeiterklasse auserkoren wurde.

7. Zwei grosse Fragen erhoben sich: die Agrar- und die politische Frage. In der ersten sind die revolutionären Volkstümler-Sozialisten für die Aufteilung, die Menschewiken für die Kommunalisierung, die Bolschewiken für die Nationalisierung. Alle drei, sagte Lenin, sind Forderungen einer demokratischen bürgerlichen Revolution und nicht einer sozialistischen. Dennoch ist die dritte die am weitesten vorangetriebene und schafft die besten Bedingungen für den proletarischen Kommunismus. Wir beschränken uns darauf, aus » Zwei Taktiken« zu zitieren:
»
Die Idee der Nationalisierung des Bodens ist also eine Kategorie der merkantilen und kapitalistischen Gesellschaft«.
Im heutigen Russland hat nur ein geringer Teil, und zwar die Sowchosen, diese Stufe erreicht, der Rest liegt noch weit zurück.

Was die Frage der Macht anbelangt, sind die Menschewiken dafür, die Bourgeoisie die Macht ergreifen zu lassen, um sich dann an die Opposition zu stellen (1917 werden sie an der Regierung mit den Bourgeois kollaborieren); die Volkstümler sind für das Scheingebilde einer Bauernregierung, und werden zusammen mit Kerenski das gleiche Ende nehmen; die Bolschewiken sind für die Machtergreifung und eine demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauern. Das Adjektiv»demokratisch«und das Substantiv»Bauern«erklären sich aus Worten Lenins:
»
Dieser Sieg wird keineswegs aus unserer bürgerlichen Revolution eine sozialistische Revolution machen«.
»
Die für Russland zur Notwendigkeit gewordenen Umwandlungen beinhalten keineswegs den Sturz des Kapitalismus, sondern im Gegenteil, sie werden effektiv den Weg freimachen für eine breite und rasche, europäische und nicht asiatische Entwicklung des Kapitalismus«.
»
Dieser Sieg wird uns helfen, Europa zu erheben, und das sozialistische Proletariat Europas wird, nachdem es das Joch der Bourgeoisie abgeworfen, seinerseits uns wieder helfen die sozialistische Revolution zu vollbringen«.

Was tun wir dann mit den mit uns »verbündeten« Bauern? Lenin sagte auch das klar. Marx hatte gesagt, dass die Bauern die »natürlichen Verbündeten der Bourgeoisie« sind. Lenin schreibt:
»
Im wirklichen und entscheidenden Kampf für den Sozialismus werden die Bauern als Klasse von Grundbesitzern die gleiche Funktion des Verrats und der Wankelmütigkeit haben, die die Bourgeoisie heute in Russland im Kampf für die Demokratie hat«.

Anderweitig haben wir bereits ausführlich gezeigt, worauf Lenin seine These stützte: diktatorische Machtergreifung in der bürgerlichen Revolution, gegen die Bourgeoisie selbst und nur mit Unterstützung der Bauern, mit einem doppelten Ziel: um die proletarische Revolution in Europa zu entfachen, als einzige Bedingung für den Sieg des Sozialismus in Russland, und um die Restauration des Zarentums zu vermeiden, die das Wiedererstehen der Weissen Garde Europas bedeutet hätte.

C) Die unauslöschliche russische Etappe der proletarischen Weltrevolution
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8. Im Jahre 1914 kam der von Marx vorhergesehene Krieg Deutschlands gegen die vereinten slawischen und lateinischen Rassen, und aus dem Sturz des Zaren entsprang, wie von ihm prophezeit, die russische Revolution.

Russland war damals mit den demokratischen Mächten Frankreich, England und Italien verbündet. Kapitalisten und Demokraten, und zusammen mit ihnen die Verräter am Sozialismus, die sich der Sache des antideutschen Krieges angeschlossen hatten, fällten folgendes Urteil: wegen seiner Unfähigkeit, den Krieg weiterzuführen, oder weil er morgen sich mit den Deutschen verbünden könnte, sei der Zar ein Feind geworden, den man aus dem Weg räumen müsse. Aus diesem Grunde wurde die erste Revolution im Februar 1917 von allen Volks- und Sozialpatrioten willkommen geheissen, und sie schrieben sie nicht der Kriegsüberdrüssigkeit der Massen und der Soldaten zu, sondern einem geschickten Manöver der Botschaften der Verbündeten. Obwohl die russischen Rechtssozialisten grösstenteils nicht dem Krieg zugestimmt hatten, waren sie sofort für eine provisorische Regierung, die im Einverständnis mit den ausländischen Mächten den Krieg fortgesetzt hätte, und auf diesen Grundlagen zeichneten sich die Umrisse eines Kompromisses mit den bürgerlichen Parteien ab.

Die bolschewistische Partei richtete sich anfangs zögernd und nach der Rückkehr Lenins und der bolschewistischen Parteiführer und dem vollen Beitritt Trotzkis 1917 schliesslich mit aller Macht nach dem Ziel, diese Regierung samt ihren menschewistischen und populistischen Anhängern zu stürzen.

Wir haben bereits ausführlich die Ereignisse dokumentiert, die im Oktober dann zur zweiten Revolution führten, und haben den Kampf um die Macht 1917 mit den doktrinären Fragen verglichen, die vorher im Parteileben entstanden waren.

9. Die Machteroberung seitens der kommunistischen Partei fand ihren Ausdruck in der Niederlage im Bürgerkrieg aller anderen Parteien, sowohl der bürgerlichen als der angeblichen Arbeiter- und Bauernparteien, die alle dafür waren, den Krieg Seite an Seite mit den verbündeten Mächten weiterzuführen. Vollständig wurde die Machteroberung erstens durch den Sieg über diese Parteien im panrussischen Sowjet, der deren Niederlage und die Niederlage ihrer Verbündeten ausserhalb des Sowjet durch den Kampf auf den Strassen ergänzte; zweitens durch das Auflösen der von der provisorischen Regierung einberufenen verfassungsgebenden Versammlung; und schliesslich durch den Bruch mit dem letzten Verbündeten, den linken revolutionären Sozialisten, einer hauptsächlich auf dem Lande starken und den heiligen Krieg gegen die Deutschen befürwortenden Partei.

Diese ungeheuer grosse Wendung ging nicht ohne schwere Kämpfe innerhalb der Partei vor sich, und fand ihren geschichtlichen Abschluss erst, als nach vier furchtbaren Jahren der Kampf gegen die Armeen der Konterrevolution ein Ende hatte; diese Armeen hatten drei verschiedene Ursprünge: die Streitkräfte des feudalen und monarchistischen Adels - die 1918 von Deutschland vor und nach dem Frieden von Brest-Litowsk unterstützten Streitkräfte - und die, die mit grossen Eifer von den demokratischen Mächten mobilisiert wurden, darunter auch das polnische Heer.

In den europäischen Ländern gab es unterdessen eine Reihe missglückter Machteroberungsversuche von Seiten der Arbeiterklasse, die sich voll Enthusiasmus mit der bolschewistischen Revolution solidarisierte; entscheidend war vor allem die Niederlage der deutschen Kommunisten im Januar 1919 nach der militärischen Niederlage Deutschlands und dem Sturz der Kaisermacht. Die von Lenin bisher grossartig in die Tat umgesetzte historische Linie (vor allem in der entscheidenden Lösung, im März 1918 den Frieden zu akzeptieren, was die törichte Demokratie der ganzen Welt Verrat nannte) erlitt eine erste schwere Unterbrechung. Die folgenden Jahre bestätigten, dass kein siegreiches europäisches Proletariat der furchtbar zerrütteten russischen Wirtschaft zu Hilfe gekommen wäre. Die Macht wurde in Russland in der Folge verteidigt und aufrechterhalten; aber seit damals war es nicht möglich, die wirtschaftlichen und sozialen Fragen Russlands nach den Voraussichten der Marxisten zu regeln, d.h. durch die Diktatur der internationalen kommunistischen Partei über die Produktivkräfte, welche auch nach dem Kriege in Europa vor Kraft strotzten.

10. Lenin hatte immer behauptet, und bestand darauf solang er lebte - und mit ihm zusammen alle wahren Marxisten unter den Bolschewiken: wenn die Rückwirkungen der russischen Revolution in Europa fehlschlagen, ist es ausgeschlossen, dass die russische Gesellschaftsstruktur sich mit sozialistischen Merkmalen verwandeln kann, während die europäische Wirtschaft kapitalistisch bleibt. Nichtsdestoweniger bestand er auf seiner These, die Partei des Proletariats müsse in Russland mit Unterstützung der Bauern die Macht erobern und in diktatorischer Weise aufrechterhalten. Zwei Fragen entstehen nun: kann eine Revolution als sozialistisch definiert werden, wenn sie, wie Lenin vorhersah, eine Macht aufrichtet, die in Erwartung neuer internationaler Siege privatwirtschaftliche Gesellschaftsformen verwaltet, und diese Siege dann nicht eingetroffen sind? Die zweite Frage betrifft die annehmbare Dauer einer solchen Lage, und ob es keine andere Alternative gäbe als die offene politische Konterrevolution, die offene Rückkehr einer nationalen Bourgeoisie an die Macht.

Für uns war die Oktoberrevolution sozialistisch, und als Alternative zum Waffensieg der Konterrevolution, der nicht stattfand, blieben zwei Wege offen, und nicht nur einer: die innere Degenerierung des Machtapparates (Staat und Partei), der sich der Verwaltung kapitalistischer Formen anpasst und dabei erklärt, auf die Erwartung der Weltrevolution zu verzichten (wie es denn auch geschah), oder ein langes Ausharren der marxistischen Partei an der Macht, währenddessen sie sich in direkter Weise dafür einsetzt den revolutionären Kampf des Proletariats in allen Ländern zu unterstützen, und mit dem gleichen Mut wie dem, den Lenin hatte, erklärt, dass die inneren Gesellschaftsformen bei weitem kapitalistisch (und vorkapitalistisch) bleiben.

Kommen wir zuerst zur ersten Frage, denn die zweite steht in Zusammenhang mit der Untersuchung der heutigen russischen, fälschlich als sozialistisch verherrlichten Gesellschaftsstruktur, mit der wir uns weiter unten beschäftigen worden.

11. Die Oktoberrevolution darf vor allem nicht im Verhältnis zu augenblicklichen und raschen Umwälzungen der Produktionsformen und der Wirtschaftsstruktur betrachtet werden, sondern als Phase des internationalen Kampfes des Proletariats. Sie weist nämlich eine Reihe typischer Merkmale auf, die weit über die Grenzen einer nationalen und rein antifeudalen Revolution hinausgehen, und die sich nicht darauf beschränken, dass die proletarische Partei an ihrer Spitze stand.

a) - Lenin hatte erkannt, dass der europäische- und Weltkrieg auch für Russland imperialistische Merkmale gehabt hätte, und dass die proletarische Partei folglich wie im Krieg zwischen Russland und Japan, der die Kämpfe von 1905 hervorgerufen hatte, offen Defätismus betreiben müsse. Und zwar nicht weil der Staat nicht demokratisch war, sondern aus denselben Gründen, die allen sozialistischen Parteien der anderen Länder die gleiche Pflicht auferlegten. Es gab in Russland nicht genügend kapitalistische- und Industriewirtschaft, um die Grundlagen für den Sozialismus zu bilden, aber doch genug, um dem Krieg ein imperialistisches Gepräge zu geben. Die Verräter des revolutionären Sozialismus, die sich der Sache der Bourgeois, der imperialistischen Briganten verschrieben hatten, unter dem Vorwand, eine Demokratie »absoluten Wertes« gegen die Gefahr - hier der Deutschen, dort der Russen - zu verteidigen, verleugneten die Bolschewiken wegen der Liquidierung des Krieges und der Kriegsbündnisse und suchten der Oktoberrevolution in den Rücken zu fallen. Die Oktoberrevolution siegte über sie, über den Krieg und den Weltimperialismus; und war eine rein proletarische und kommunistische Errungenschaft.

b) - Durch ihren Triumph über die Anschläge jener Verräter machte die Oktoberrevolution die vergessenen Lehren der Revolution wieder geltend und rettete die marxistische Theorie vor dem von jenen beabsichtigten Ruin; als für alle Nationen gültig, verband sie den Weg des Siegs über die Bourgeoisie mit der Anwendung von Gewalt und revolutionärem Terror, mit der Verschmähung aller demokratischen »Garantien«, mit der Anwendung ohne Einschränkungen der wesentlichen Kategorie des Marxismus: der von der kommunistischen Partei ausgeübten Diktatur der Arbeiterklasse. Sie hiess für immer dumm und töricht alle diejenigen, die hinter der Diktatur den Namen eines Menschen lesen, genauso wie die, die angstbebend wie die demokratischen Huren jener Tyrannis, nur eine amorphe Klasse sehen und nicht eine organisierte, in einer politischen Partei zusammengeschlossene Klasse, wie es seit 100 Jahren in unseren Texten steht.

c) - Wenn die Arbeiterklasse in verschiedene Parteien aufgeteilt auf der politischen, oder noch schlimmer parlamentarischen Bühne auftritt, beweist die unbesiegte Lehre der Oktoberrevolution, dass der richtige Weg nicht eine von allen zusammen gemeinsam verwaltete Macht ist, sondern die darauffolgende gewaltsame Liquidierung dieser ganzen Reihe von Dienern des Kapitalismus, bis zur totalen Macht der Partei allein.

Die Grösse der drei hier angeführten Punkte liegt in der Tatsache, dass vielleicht gerade in Russland die besondere historische Situation des Überlebens despotischer und mittelalterlicher Formen eine Ausnahme in Verhältnis zu den entwickelten bürgerlichen Ländern rechtfertigen konnte; während im Gegenteil der russische Weg vor der vor Schrecken oder Freude verblüfften Welt den einzigen und für die ganze Welt gültigen, von der universalen Lehre des Marxismus vorgezeichneten Weg bestätigte; ein Weg, von dem Lenin niemals abwich, in keiner Phase, weder in seinen Gedanken noch in seinem Handeln; und mit ihm die Partei der Bolschewiken.

Wie niederträchtig ist es, dass diese Namen von denjenigen aus genützt werden, die unverschämt und auf widerliche Weise mit theatralischem Getue betonen, jene stolzen Taten feiern zu wollen, und sich entschuldigen, dass Russland jene Wege aufgrund besonderer Umstände und lokaler Bedingungen habe gehen »müssen«, und nun versprechen und gewähren - als ob sie dazu berufen wären und es in ihrer Macht stünde - die restlichen Länder der Welt auf anderen und verschiedenartigen nationalen Wegen zum Sozialismus gelangen zu lassen: auf Wegen, die Verrat und Verleumdung mit all dem Material gepflastert haben, das der Kot der Kloaken des Opportunismus hervorzubringen imstande ist: Freiheit, Demokratie, Pazifismus, Koexistenz und Wetteifer.

Lenin wusste, für den Sozialismus in Russland war die westliche Revolution notwendig wie der Sauerstoff. Für die, die am 7. November vor seinem sinnlosen Mausoleum in Prozession vorbeiziehen, ist der Sauerstoff die Tatsache, dass in der restlichen Welt der Kapitalismus schwelgt, um mit ihm zu koexistieren und zu buhlen.

D) Verhängnisvolle Parabel der abgebrochenen Revolution
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12. Die Hauptpunkte der anderen Frage über Russlands Wirtschaftsstruktur beim Sieg der Oktoberrevolution sind in grundlegenden Texten Lenins festgehalten, auf die wir uns weitgehend bezogen haben, und zwar nicht mit abgehackten Zitaten, wie man sie in allgemeingehaltene und kurze Schriften einfügen kann, sondern in einer ausführlichen Abhandlung, die alle Leitsätze in ihrem Verhältnis zu den historischen Umweltbedingungen und den Kräfteverhältnissen in ihrer geschichtlichen Reihenfolge betrachtet.

Eine »doppelte Revolution« bringt drei historische Produktionsweisen auf den Schauplatz der Operationen, wie es zum Beispiel in Deutschland 1848 der Fall war. In Marx' klassischer Ansicht handelte es sich dabei um das mittelalterliche und aristokratisch-militärische Reich, die kapitalistische Bourgeoisie, und das Proletariat, oder anders ausgedrückt, um die Knechtschaft, die Lohnarbeit und den Sozialismus. Die industrielle Entwicklung in Deutschland war damals - was die Quantität und nicht Qualität betrifft - noch beschränkt, aber Marx führte trotzdem die dritte Figur ein, denn die technisch-wirtschaftlichen Bedingungen dafür existierten voll in England, während die politischen in Frankreich anwesend schienen. In Europa hatte die sozialistische Perspektive überall Fuss gefasst, und die Idee eines raschen Falls der absolutistischen Macht Deutschlands zu Gunsten der Bourgeoisie, und des darauffolgenden Angriffs des jungen Proletariats auf sie war an die Möglichkeit eines Siegs der Arbeiter in Frankreich gebunden, wo nach dem Sturz der bürgerlichen Monarchie 1831 das Proletariat von Paris und der Provence den Kampf führen sollte, einen Kampf den es auch mit Grossmut führte, aber verlor.

Die grossen revolutionären Voraussichten sind auch dann fruchtbar, wenn die Geschichte ihre Verwirklichung hinausschiebt. Frankreich hätte die Politik gegeben, indem es in Paris eine diktatorische Arbeitermacht errichtete, wie es 1831 und 1848 versuchte und 1871 verwirklichte, und dabei immer heldenhaft mit den Waffen in der Hand unterlag. England hätte die Wirtschaft gegeben. Deutschland hätte die Theorie dazugegeben, die Trotzki dann mit Vorliebe unter dem Namen permanente Revolution auf Russland übertrug.

Permanent aber ist für Marx und Trotzki die Revolution in internationalem Rahmen, und nicht in einem armseligen nationalen Rahmen. Die Stalinisten haben die permanente Revolution in ihren ideologischen Terrorismus verurteilt: aber sie selbst sind es, die sie in einer leeren Parodie nachgeäfft und mit Patriotismus besudelt haben.

Lenin sah, und hinter ihm wir alle, das revolutionäre Russland 1917 - wirtschaftlich rückständig wie Deutschland 1848 - die Flamme des politischen Siegs bieten und jene grosse, in Europa und der Welt gewachsene Theorie wieder entfachen. Aus dem besiegten Deutschland hätten die Produktivkräfte, das wirtschaftliche Potential, geschöpft werden können. Der Rest des geplagten Mitteleuropa wäre gefolgt. Eine zweite Welle hätte die »Sieger« Frankreich, Italien (wo wir sie seit 1919 vergeblich auszulösen suchten), England, Amerika und Japan überrollt.

Aber im Kern Russland-Zentraleuropa wäre dann die Entwicklung der Produktivkräfte in Richtung der sozialistischen Produktionsweise auf keine Hindernisse mehr gestossen und hätte nur der Diktatur der kommunistischen Parteien bedurft.

13. In diesem kurzen Überblick interessiert uns jedoch mehr die andere Alternative, die des alleingebliebenen Russland, mit seinem leuchtenden politischen Sieg in der Hand: äusserst vorteilhafte Lage im Vergleich zu 1848, als alle kämpfenden Nationen in Händen des Kapitalismus blieben, und Deutschland noch weiter zurück.

Fassen wir knapp Lenins Aussichten fürs Inland zusammen, die in Erwartung der Revolution im Westen: In der Industrie, Kontrolle der Produktion und später staatliche Leitung, was wohl Vernichtung der privaten Bourgeoisie und folglich einen politischen Sieg bedeutete, aber Verwaltung der Wirtschaft auf merkantile und kapitalistische Weise, um dadurch erst nur die »Grundlagen« für den Sozialismus zu entwickeln. In der Landwirtschaft, Vernichtung aller Formen feudaler Knechtschaft und genossenschaftliche Leitung der grossen Landgüter, wobei die kleine merkantile Produktion so wenig wie möglich geduldet werden sollte, die ja 1917 die vorherrschende Form war und unvermeidlich durch die - in diesem Fall so wohl wirtschaftliche wie politische - Zerstörung der feudalen Produktionsweise ermutigt wurde. Die Tagelöhner selbst, die einzigen Lenin wirklich am Herzen liegenden »armen Bauern«, waren der Statistik nach weniger geworden und aufgrund der Bodenenteignung der reichen Bauern in Eigentümer verwandelt.

In der grossen Diskussion von 1926 wurde die Frage der Zeit aufgeworfen, die wir bis auf den Grund geklärt haben. Stalin sagte: wenn hier der volle Sozialismus unmöglich ist, müssen wir folglich die Macht aus den Händen geben. Trotzki rief, an die internationale Revolution zu glauben, aber vielleicht auch 50 Jahre lang auf sie an der Macht warten zu müssen. Ihm wurde geantwortet, dass Lenin von 20 Jahren für das isolierte Russland gesprochen hatte. Wir bewiesen, dass Lenin zwanzig Jahre »guter Verhältnisse mit den Bauern« meinte, nach deren Ablauf auch in einen wirtschaftlich nicht sozialistischen Russland sich der Klassenkampf zwischen Arbeitern und Bauern entfesselt hätte, um die ländliche Kleinstproduktion und das private ländliche Kleinstkapital, diese Schwindsuchtskrankheit der Revolution, zu beseitigen.

Jedoch im Falle des Siegs der europäischen Arbeiterrevolution wäre der Kleinstlandbesitz - der heute unentwurzelbar im »Kolchos« weiterlebt - mit drastischer Schnelle und ohne Aufschub behandelt worden.

14. Die marxistische Wirtschaftswissenschaft erbringt den Beweis, dass der Stalinismus noch weiter zurückgeblieben ist als was Lenin als fernes Resultat voraussah. Es sind nicht 20, sondern 40 Jahre vergangen, und die Verhältnisse mit den Kolchosbauern sind genauso »gut«, wie die mit den Industriearbeitern »schlecht« sind, wobei die Industrie vom Staat mit einem Lohnsystem geleitet wird, das bisher unter noch viel schlimmeren merkantilen Bedingungen steht als in den kapitalistischen Staaten ohne Maske. Der Kolchosbauer wird gut behandelt als Mitwirkender im Kolchosbetrieb, der eine private und nicht eine staatliche Form von Kapitalismus ist, und noch besser als kleiner Verwalter von Boden und Vorräte-Kapital. Es ist überflüssig, an die bürgerlichen Wesenszüge der sowjetischen Wirtschaft zu erinnern, angefangen vom Handel, bis zum Erbrecht und dem Sparen. Und so wie sie keineswegs danach strebt, den auf Geldäquivalenten beruhenden Tausch abzuschaffen, wie sie keineswegs eine nicht pekuniäre Arbeitsentlohnung anstrebt, so gehen ihre Verhältnisse zwischen Arbeitern und Bauern in entgegengesetzter Richtung zur kommunistischen Abschaffung des Unterschieds zwischen Land- und Industriearbeit, manueller und geistiger Arbeit.

In den vierzig Jahren seit 1917 (und ungefähr 30 Jahren, seit Trotzki 50 Jahre an der Macht als tolerierbar bewertet hatte, was ein Abwarten bis ungefähr 1975 ausgemacht hätte) ist die proletarische Revolution in Westen nicht gekommen. Die Mörder Trotzkis und des Bolschewismus haben in Fülle Industriekapitalismus aufgebaut, das heisst also Grundlagen des Sozialismus; aber nur wenig davon haben sie in der Landwirtschaft getan, und so sind sie um noch weitere 20 Jahre zurück im Vergleich zu Lenins Zeitspanne von 20 Jahren, um mit dem kleinkrämerischen Kolchosentum Schluss zu machen, das ja eine Degenerierungserscheinung des klassischen liberalen Kapitalismus selbst ist. Und damit wollen jene Verräter in stillschweigenden Einvernehmen mit den Kapitalisten jenseits der Grenzen die Industrie und das Leben selbst verpesten! Aber noch vor 1975 werden Produktionskrisen kommen, die beide im Wettstreit liegenden Felder überrollen werden, und in denen Strohschober, Hühnerställe, Kleinstkraftwagenschuppen und alle die schäbigen Einrichtungen des dreckigen, modernen häuslichen Ideals der Kolchosen für ein illusorisches Idyll eines volkstümlichen Kapitalismus in Bausch und Bogen weggefegt werden.

15 - In einer Studie über die Dynamik des Austauschs auf der ganzen Welt haben unlängst amerikanische bürgerliche Ökonomen einen kritischen Punkt im heutigen Rennen um die Eroberung der Märkte errechnet - Rennen, das auf dem scheelen Puritanismus des nach den Ende des Zweiten Weltkriegs zu Hilfe eilenden Amerika beruht - und auf das Jahr 1977 festgesetzt. Demnach würden uns noch 20 Jahre vom neuen Entflammen der in einem internationalen Rahmen zu verstehenden permanenten Revolution trennen, und das stimmt überein mit den Schlussfolgerungen jener fernen Debatte vom Jahre 1926, wie mit denen unserer Untersuchungen der letzten Jahre.

Eine neuerliche Niederlage des Proletariats kann nur unter der Bedingung vermieden werden, dass die Wiederherstellung der Theorie nicht, wie es Lenin unter ungeheuren Anstrengungen von 1914 an tun musste, erst vollbracht werden kann, nachdem bereits der Dritte Weltkrieg die Arbeiter unter allen seinen verfluchten Fahnen eingereiht hat, sondern sich viel eher entfalten kann, mit der Organisation einer Weltpartei, die ohne Zaudern ihre eigene Diktatur vorschlägt. Ein solches defätistisches Zaudern liegt in der Schwäche aller derer, die dem dummen Kosten eines Eckchens persönlicher Diktatur nachtrauern, und die zu denen gehören, die Russland mit Staatsstreichen gegen grosse böse Männer, Demagogen oder sonstige Haudegen erklären.

Im Laufe dieser kommenden zwanzig Jahre wird eine grosse Krise der Weltindustrieproduktion und des Handelskreislaufs kommen, mit den Ausmassen der amerikanischen Krise von 1932, die aber diesmal den russischen Kapitalismus nicht verschonen wird; diese Krise wird eine Grundlage sein können für die Wiederkehr entschiedener proletarischer Gruppen auf marxistischen Positionen, die wohl in der Minderheit, aber doch sichtbar sein werden, und die weit davon entfernt sein werden, antirussische Pseudorevolutionen wie die ungarische von 1956 zu unterstützen, wo - auf stalinistische Art - Bauern, Studenten und Arbeiter zusammen kämpfen.

Kann man es wagen, ein Schema der zukünftigen internationalen Revolution aufzustellen? Ihr Mittelpunkt werden die Länder sein, die auf den Ruin des Zweiten Weltkriegs mit einem mächtigen Aufschwung der Produktivkräfte reagiert haben, und zwar vor allem Deutschland, Ostdeutschland inbegriffen, Polen und die Tschechoslowakei. Die Erhebung des Proletariats, die der erbarmungslosen Enteignung aller Besitzer von »Volks»-kapital folgen wird, wird zwischen Berlin und dem Rhein ihren Brennpunkt haben und rasch den Norden Italiens und den Nordosten Frankreichs mit einbeziehen.

Eine solche Perspektive ist nicht zugänglich für alle die Engstirnigen, die keinem der kapitalistischen Staaten auch nur eine Stunde relativen Überlebens gewähren wollen; für sie sind alle kapitalistischen Staaten gleich und der Reihe nach hinzurichten, auch wenn sie dann statt Atomraketen harmlose Spritzen verwenden.

Zum Beweis dafür, dass Stalin und Nachfolger auf revolutionäre Weise Russland industrialisiert haben, während sie auf konterrevolutionäre Weise das Weltproletariat kastrierten, wird Russland für die kommende Revolution die Reserve an Produktivkräften darstellen, und erst später an revolutionären Heeren.

Bei der dritten Kriegswelle wird das kommunistische Mitteleuropa politisch und sozial verwirklicht, - oder der letzte Kommunist wird von der Erde verschwunden sein.

Der englische Kapitalismus hat bereits alle seine Reserven labouristischer Verbürgerlichung des Arbeiters aufgebraucht, die schon Marx und Engels ihm vorgeworfen hatten. In den kommenden Jahren wird auch der zehnmal so blutsaugerische und weltunterdrückende Kapitalismus, der sich in den Vereinigten Staaten einnistet, diese Reserven in offenen Zusammenprall verlieren. Und der dreckige Wetteifer von heute wird durch das gesellschaftliche mors tua vita mea ersetzt werden.

16. Aus diesem Grunde haben wir hier vor allem nicht der vergangenen 40 Jahre gedacht, sondern der 20 Jahre, die noch abzulaufen haben, und wie sie ausgehen werden.

Source: »Internationale Revolution«, Nr.3, S.8-20.

Eine andere, etwas bessere Übersetzung des gleichen Artikels erschien 1976 in der Broschüre »Revolution und Konterrevolution in Russland« unter dem Titel »Der Marxismus und Russland«

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